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Da sich der bisherige Autor dieser Kolumne, der geschätzte Herr T.A.C.S., redaktionsintern hochgeschlafen hat, ist es ab sofort an mir, Euch mit den neuesten Geschehnissen in der gesellschaftlichen Gesamtsituation rund um einen Hamburger Stadtteilverein zu erfreuen.
Und mal ehrlich: Hätte es einen schöneren Zeitpunkt für diese Übernahme geben können, als eben die zurückliegenden Wochen und Monate, die in der Zukunft sicher als "Epoche der RETTERzeit" eingehen wird? Ich denke nicht, und ich werde Euch jetzt hier erzählen, warum.
Man stelle ich das mal vor.
Ein Musik-Festival im Sommer 2004. Das Gelände beinhaltet einen Baggersee, die Stimmung ist im wahrsten Sinne des Wortes feuchtfröhlich, und der Alkoholkonsum tut sein übriges, soll auf solchen Veranstaltungen ja schon mal vorgekommen sein.
Eine junge attraktive Dame planscht fröhlich umher, bis sie in beiden Beinen plötzlich einen starken Eisen- und Magnesiummangel verspürt, landläufig auch als "Krampf" bezeichnet. Wild um sich schlagend schreit sie um Hilfe, und sofort reißen sich Hunderte junger Männer die Klamotten vom Leib, um ihr zu Hilfe zu eilen. Doch dann, ihr entscheidender Fehler: "Oh ja, bitte, seid meine RETTER!"
Entsetzte Aufschreie, wüstes Gepöbel, und hunderte junger Männer stampfen grummelnd wieder aus den Fluten und überlassen die junge Dame ihrem Schicksal. Sie hatte das böse R-Wort benutzt. Das war doch noch vor kurzem als "Unwort des Jahres" prämiert worden, wie konnte sie nur?
Nach ihrem Tod warten die Eltern vergeblich auf Kondolenzkarten, lediglich das Präsidium des FC St.Pauli schickt eine, allerdings gelangt diese (remember Westerwelle) mit dem Aufdruck "Annahme verweigert" wieder zurück ans Heiligengeistfeld.
Ich übertreibe schamlos? Ja, mag sein... trotzdem spiegelt diese makabre Story doch ganz gut wieder, was momentan diese Fanszene bewegt.
Die Retterkampagne
Doch: Beginnen wir am Anfang.
Der Verein war bekanntlich in diesem Sommer in der bescheidensten Situation seit 1910, nach dem sportlichen Abstieg in die Regionalliga schwang das Damoklesschwert des finanziellen Abstiegs in die Oberliga bereits munter über dem schönen schwarzen Totenkopf-Cappy des Herrn Littmann.
Und es begann etwas, was sicher keiner seiner Vorgänger so erfolgreich hätte begehen können, die Phase der Rettung des FC St.Pauli durch eine unglaubliche Vielzahl an Aktionen und Maßnahmen. Eine zwei Millionen Euro Liquiditätslücke wurde geschlossen. Spätestens am 30.08. mit dem "Finale", dem großen Konzert am Millerntor (übrigens ohne Baggersee), dürfte die notwendige Bürgschaft dann auch abgetragen sein.
Großartige Sache, bewundernswert, was das Präsidium, und natürlich auch die Mitarbeiter des Vereins, sowie die unglaubliche Vielzahl an ehrenamtlichen Helfern und die Massen an Fans und Sympathisanten in diesen Wochen auf die Beine gestellt haben, während Vereine wie Reutlingen und Waldhof Mannheim wegen vergleichsweise geringen Summen den bitteren Weg in die Oberliga antreten mussten. Gar keine Frage.
Niemand hat etwas gegen 80.000 verkaufte RETTER Shirts. Wenn sich laut einer Sportfive-Studie zehn Millionen Bundesbürger als "Sympathisanten" unseres Vereins bezeichnen, und diverse Damen die Verkaufsstände mit einem T-Shirt verlassen, und dem Satz "Mein Mann ist hsv-Fan, wenn der das nächste Mal frech wird, ziehe ich das T-Shirt an!", dann kann uns das nur recht sein, und 10,- Euro Gewinn sind eben 10,- Euro Gewinn, ob der Käufer nun ein Fan unseres Vereins ist, oder nur beim Besuch des Fischmarktes zu besoffen war, zu begreifen, was er da eben käuflich erwarb. Den Luxus, uns das auszusuchen, hatten wir sicher in dieser Sommerpause nicht, unbestritten.
Und das dieser schmutzige kleine Stadtteilverein, binnen zwei Monaten 800.000 Euro Gewinn durch den simplen Verkauf von T-Shirts erwirtschaftet und die Hamburger Medienlandschaft quasi alleine gepachtet hat, dürfte wohl nicht nur die Führungsetage eines Vereins aus der Hamburger Vorstadt erbleichen lassen, während diese verzweifelt versucht, für ihren immerhin wieder in Europa vertretenen Traditionsverein, einen Trikotsponsor zu bekommen.
Auch wurden viele Aktionen und Vorschläge aus Richtung der Fans gerne angenommen, als Beispiel seien hier nur das von Fans organisierte Spendenkonto "Rettet St.Pauli", das hoffentlich gut besuchte Konzert, oder der Fahrradhandel B.O.C. erwähnt, der von jedem verkauften Rad 20,- Euro an den Verein spendete, was dann immerhin zu der großzügigen Summe von über 14.000,- Euro führte.
Was aber durchaus gefragt werden muss:
War der Preis, den wir dafür zahlen mussten, nicht zu hoch?
Doch diese und ähnliche Dinge hätten gereicht, und man hätte mit breiter Brust die neue Saison angehen können, wäre ebenfalls gerettet gewesen, und die Fanszene wäre glücklicher denn je gewesen. Und nun?
Aus meiner sozialen Bezugsgruppe, die ich größtenteils dem "harten Kern" der St.Pauli-Fans zurechnen würde, hat vielleicht grad mal jeder zweite so ein Retter-Shirt. Und von denen, haben es 90% auch schon vor Scham so weit im Schrank verstaut, dass es wohl in diesem Leben nicht mehr getragen wird, wenn überhaupt, dann nur unter ca. 5 anderen Shirts und Pullis im tiefsten Winter.
Auch ein großer Teil der ehrenamtlichen Helfer hat sich nach einiger Zeit von den zahlreichen Aktionen abgewandt und schüttelt inzwischen nur noch resignierend den Kopf, wenn einer in so einem Shirt vorbeiläuft.
Warum das alles? Weil man lieber Oberliga spielt? Weil man Geld doof findet?
Nein, weil der Verein inzwischen an zu vielen Stellen die Grenze des Erlaubten einfach überschritten hat.
Jahrelang haben Fans dieses Vereins den Ortsrivalen mit den drei Buchstaben mit einem Dollarzeichen in der Mitte geschrieben. Darf man das heute noch? Natürlich, nur müsste dann das "S" in Sankt sicher auch in dieser Art und Weise ausfallen.
"Der andere Verein"? "Familiär"? "Geld ist nicht alles"?
Blödsinn, in diesem Sommer hat der Verein sich selbst verkauft, hat gierig nach jedem Cent gelechzt, für den man sich irgendwie prostituieren konnte, ohne Rücksicht auf das, wofür dieser Verein und erst recht diese Fanszene bisher stand. Und wenn es irgendwo in diesem Verein noch Großmütter gab, so wurden auch diese auf billigste Art und Weise verramscht, um mal im Bild zu bleiben.
RETTER-Shirts bei McDonalds… Hallo? MC DONALDS! Das ist der Inbegriff des Bösen, Kommerz in Reinkultur. "Geiler Vertriebsweg!"? Ja sicher… und eine Schlagzeile mit Schill im Rettershirt wäre auch 'ne "Geile Publicity!", oder was?
RETTER-Shirts bei Budnikowsky… Hallo? BUDNI! Ein Unternehmen, welches in erster Linie für einen ganz bescheidenen Umgang mit seinen Angestellten steht.
Ole von Beust beim Dauerkartenverkauf… Ole von Beust als Schirmherr am Millerntor… Hallo? OLE VON BEUST!!! Klingelt's? Der Mann, der als erster Bürgermeister für die wahrscheinlich asozialste Politik in der freien Hansestadt Hamburg seit deren Bestehen verantwortlich ist. Der Mann, der Ronald Barnabas Schill zum Innensenator gemacht hat. Der, der dafür verantwortlich ist, dass es rund um Bambule zu übelsten Ausschreitungen auch und gerade von der Polizei kam, auch gegen viele Fans und Mitglieder des FC St.Pauli. Der, unter dessen Regierung der Alkoholausschank am Millerntor beim Reutlingen - Spiel verboten wurde, weil man den bösen St.Pauli-Fans den Umgang mit Alkohol nicht zugetraut hat, und diese für gemeingefährlich hielt? Was übrigens auch das Präsidium damals per Pressemitteilung als "unverständlich" bezeichnete.
Ein Benefiz-Spiel gegen den hsv. Hallo? hsv! Man muss den Vorstädtern ja fast dankbar sein, dass sie mal wieder den Schwanz eingezogen haben, und das großzügige Angebot des Benefizspiels zunächst in eine 50/50-Museumsfinanzierungspartie umwandelten, um danach ganz davon Abstand zu nehmen, weil zum einen der Rasen kaputt gegangen wäre, und zum anderen die erwartete Zuschauerzahl im maximal gerade mal so eben fünfstelligen Bereich kaum die Betriebskosten des Stadions gedeckt hätten. Wäre es zu der zunächst angedachten (und auch bereits von Littmann, dem "Präsidenten der Fans", im TV bestätigten) Version des Spiels in der AOLA gekommen, wäre diesem Kapitel wohl noch weit mehr als nur dieser Absatz gewidmet worden, dann wäre aber endgültig zappenduster gewesen.
Eine CD für diesen Verein erscheint, der gerade im Musikbereich eine Unterstützung prominenter Bands erfährt, wie kaum ein anderer Deutscher Fußballclub… und von wem? Klaus & Klaus! Hallo? KLAUS & KLAUS! Sind wir uns wirklich für gar nichts mehr zu schade? Eine neue Gehirntransplantation ist wie ein neues Leben? Wer verantwortet so was?
Ein Abgefeier der Bayern am Millerntor, teilweise sicher auch zu recht… aber mit der Aussage des selbsternannten Fanpräsidenten, das sich hier eine wundervolle Freundschaft anbahne. Hallo? PRÄSIDENT DER FANS? Nee, so sicher nicht, Herr Littmann.
"Surfen für St.Pauli"? "Saufen für St.Pauli"? "0190 Nummer für St.Pauli"? "Retter-Shirts" "Retterin-Shirts" "Retterchen-Shirts"… warum gab es eigentlich keine Retterinchen?
"Total doof sein für St.Pauli!" hat irgendwie auch noch gefehlt, damit hätte man sicher diesen Sommer über am meisten Geld scheffeln können.
Die Erteilung der Lizenz war gut und wichtig, aber es wurde leider verpasst, rechtzeitig den rasenden Zug anzuhalten, bevor man sämtliche Ideale, die diesen Verein und besonders seine Fanszene bisher ausgezeichnet haben, aus dem Abteil geschmissen hat.
Ich habe bereits von vielen langjährigen Fans des FC St.Pauli gehört, die sich diese Saison keine Dauerkarte geholt haben, und wahrscheinlich auch nur zu wenigen Spielen gehen werden, wenn überhaupt, denn dies ist nicht mehr "ihr" Verein, dies ist nur noch ein x-beliebiger Fußballverein in Deutschland, der auch nur noch in der dritten Liga kickt, und ihn zeichnet nichts "besonderes" mehr aus, außer ein längst verstorbener Mythos, den die Boulevardpresse künstlich am Leben hält.
Es ist sicher weit mehr kaputtgegangen, als man momentan in der Führungsetage denkt, und es dürfte Jahre dauern, dieses Vertrauen wieder herzustellen, wenn es überhaupt funktioniert.
Die Lage der Nation? Sie ist beschissen, hoffen wir, dass das sportliche Abschneiden besser sein wird, als die Stimmung in großen Teilen der aktiveren Fanszene.
Frodo
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