Antirassistischer BananentanzWas bewegt knapp 50 Menschen aus Norddeutschland dazu, eine Busfahrt von 24 Stunden auf sich zu nehmen, sich ihr Bett mit Ameisen zu teilen, sich mit mehr als gewöhnungsbedürftigen sanitären Anlagen auseinander zu setzen und in brütender Mittagshitze Fußball zu spielen, sich dabei Sonnenbrände, gar Sonnenstiche einzufangen ? Der Kampf gegen den Rassismus, für den es insgesamt über 4000 Leute in den Parco Enza in Montecchio Emilia zur Antirassistischen Weltmeisterschaft 2003 getrieben hat um dort für eine knappe Woche zu demonstrieren, dass Menschen aus aller Welt problemlos zusammen leben können. Als ein Mittel der Kommunikation diente der Fußball, zum Einen das Spiel, als auch das Interesse am Sport, sowie der gemeinsame Wille, den Rassismus zu bekämpfen, bildeten die Basis, einander näher zu kommen. Sieger des Turniers wurde das Team 'Assoziazione Araba Novellara', unsere Zeltnachbarn, die den Platz jeden Abend mit Trommeln, Gesang und einer unglaublich heiteren Stimmung erfreuten. Zweiter wurde 'Banana Republic', einer Mannschaft aus Montecchio gefolgt von 'Dem Ball ist egal wer ihn tritt', eine Schalke-Fangruppierung. Anders als im Vorjahr wurden die Endspiele im 7-Meter-Schießen ausgetragen, da es leider im vergangenen Turnier einige Reibereien gab. In diesem Jahr verlief das Turnier ruhig und sehr fair, was mir persönlich bewusst wurde, als wir bei dem letzten Spiel der Ultra' St.Pauli mit einem fußballerisch doch recht schwachen (beinahe) Frauenteam auftraten. Unsere Gegner in dem letzten Spiel waren Anolf CISL, eine wirklich gute Mannschaft aus Reggio Emilia, die mehr als fair waren und uns dadurch viel Spaß am Spiel ermöglichten. Auch in diesem Jahr wurden neben dem Pokal für den Sieg des Turniers zahlreiche Sonderpokale vergeben. Den Sonderpokal der Mondiali Antirazzisti erhielt 'Roter Stern Leipzig' für ihre erfolgreiche Arbeit zum Thema 'Antirassismus in Stadien', sowie für ihre stätige Hilfe während der Verantaltungstage. Die 'Antifaschistische Aktion Berlin' erhielt den Fairplaypokal und 'Wiara Lecha' aus Polen erhielt den Kilometerpokal für die weiteste Anreise. Zur besten weiblichen Mannschaft wurden 'Paulchen's Panther' gekürt, der Ultràpokal für den lautstärksten Support während des Turniers ging an die 'Brigate Nere Azzurre Atalanta'. Die Mannschaft 'FURD' aus Großbrittanien erhielt einen Treuepokal, da sie seit Beginn der Mondiali Antirazzisti im Jahre 1997 immer zahlreich vertreten waren. Die 'Brigate Gialloblu Modena' veranstaltete jeden Abend Grillfeste für die Teilnehmer, für die sie mit dem Freundschaftspokal geehrt wurden. Während der gesamten Tage hatten die angereisten Teams die Möglichkeit, auf der Piazza Antirazzista Informationen über ihren Kampf gegen den Rassismus auszustellen. Hier fanden auch Zeitzeugengespräche mit PartisanInnen, sowie das erste Festival der Poesie Ultrà statt. Unglaublich beeindruckend war der gut organisierte Umzug aller Teilnehmer in das Zentrum von Montecchio. Das Ganze wurde von Feuerwerk und Theaterschauspielern begleitet, welche später noch eine tolle Darstellung auf dem Marktplatz boten. Die Ultràs Bologna zeigten ihren selbstgedrehten Film 'Quanti siamo quelli che siamo'. Sehr traurig war, dass Mannschaften aus Nigeria, Ghana, Mazedonien und Bosnien Herzegowina nicht an der Veranstaltung teilnehmen konnten, da sie von der italienischen Regierung durch nicht erteilte Visen daran gehindert wurden. Auch die Fans des FC St.Pauli waren in diesem Jahr wieder reichlich vertreten - knapp 150 an der Zahl waren angereist. Wirklich bewusst wurde einem diese hohe Anzahl von Teilnehmern sicher erst am Samstag Abend bei dem großen von USP und Helfern organisierten Grillen für St.Pauli Fans und Freunde. Geschlemmt wurde von über 150 Leuten, darunter etliche Celtic Fans. Auf Grund der Lage der Veranstaltung, war unter den Teilnehmern verständlicherweise eine sehr hohe Anzahl von Italienern. Ich würde mich sehr darüber freuen, wenn im nächsten Jahr zusätzlich noch wesentlich mehr Leute aus allen anderen Ländern teilnehmen würden. Insbesondere würde es mich freuen, die Mannschaften, denen es in diesem Jahr nicht möglich war teilzunehmen, im nächsten Jahr auf der Mondiali anzutreffen. Leider waren meines Erachtens in diesem Jahr einige wenige unter den Teilnehmer, für die der Sinn der Veranstaltung nur noch zweitrangig war und die permanent durch unangemessenen Aktionen glänzten. Doch egal wie lange die Fahrt nach Montecchio auch dauern mag, wie arg die Strapazen sind - es lohnt sich wirklich. Die Mondiali hat mir ein unglaubliches Gefühl von Gemeinschaft aufgezeigt. Eine wunderbare Veranstaltung, an der ich immer wieder teilnehmen werde. SINMondiali Antirazzisti 2003, Parco Enza, Montecchio, Emilia Romagna, Italia, Terra - Chancen und HemmnisseEines vorweg. Die diesjährige antirassistische Fußball-WM hat Dimensionen erreicht, welche auch die Organisatoren vor sechs Jahren für kaum möglich gehalten hätten. Was damals mit 8 Teams und ca. 80 TeilnehmerInnen begann, erfreut sich heute eines "kleinen" Superlativs, ohne avantgardistischen Anspruch zu fordern. Für einen kurzen Zeitraum öffnen sich die Türen einer Kleinstadt Nähe Reggio Emilia und die Bevölkerungszahl nimmt um ca. 4000 Menschen zu. Es scheint fast so, dass die immigrierenden Menschen das Bedürfnis leitet, miteinander eine gute Zeit zu verleben. Und so ist es auch! Während sich der "andere" Fußball alle vier Jahre trifft und in seinen Kommerztempeln neue Wege der Machterhaltung ausbaldowert und zelebriert, und die Massen auf den Tribünen dem Spektakel um die teuersten Investitionen lauthals begeisternd zujubeln, holpern "eines morgens in aller Frühe" die Bälle des fair trade. 196 Erdenbürger teilen sich auf 14 Feldern jeweils 800 Quadratmeter und hoffen in einem Meer von Transparenten, dass die Niederlage zum Sieg wird und umgekehrt, dass die Bedeutung um Sieg oder Niederlage hier an Gewicht verliert, dass aus diesem Hoffnungsschimmer ein lodernder Beweis für die Wirklichwerdung unserer Träume wird. Und wer braucht hier auch schon einen aufgeplusterten Schiri, der millionenschweren Ball- und Beintretern im "anderen" Fußball das Regelwerk aufzuzwingen versucht, wenn es auch einen Spielleiter geben kann, der, wie Matthew, in sengender Hitze seinen Platz auf dem Stuhl einnimmt und kurz verkündet, dass wir das gefälligst unter uns regeln sollen. Vielleicht steckt gerade in dieser Aussage eine Forderung, unsere eigene Glaubwürdigkeit. zu erkennen und zu testen. Auf irgendeine Art und Weise liegt es hier an jedem selbst, mit der vorgefundenen Freiheit umzugehen und diese mit den Freiheiten der anderen in Einklang zu bringen. Scheinbar eine große Chance... Aber Fußball wäre nicht mehr Fußball, wenn diese Clubzugehörigkeit nicht auch hier und da zum tragen käme. Dann meistens nach ordentlich Kaltschalen, etwas Adrenalinfeuerung und Sangeslust verschwimmen in dem Rausch die Wahrnehmungen. Die einen provozieren durch Suff, rudelhaftes Auftreten und Nudisten-Klamauk. Andere wiederum singen aus lauter Eigennutz noch etwas mit, nach dem Motto "Singen geht noch...". Noch andere werden jetzt erst richtig wach oder kommen gerade an und wollen inszenierend Anteil nehmen. In jenem kurzweiligen Trubel der Mensa im Parco Enza erscheinen die Chancen und Hemmnisse so dicht beieinander. Hier trennen keine Zäune vor agonistischen Schnellschüssen. Nachdenkliche Gesichter bleiben zurück, als am nächsten Tag die Gerüchte kursieren. Die angebliche Schlägerei war nun doch keine, aber einige Fragen bleiben offen und erinnern uns dabei auch an das letztjährige Finale, wo der Wettbewerb zur Hemmnis wurde. Gedanken zu Montecchio 2003Zunächst einmal Respekt an die OrganisatorInnen der Antira WM. Carlo und alle anderen MitarbeiterInnen aus dem Fanprojekt Bolongna haben uns wieder eine großartige Zeit ermöglicht. Dieses Jahr wurde aufgrund der hohen Anzahl der angemeldeten TeilnehmerInnen ein Tag drangehängt. Die Anreise erfolgte für die meisten schon am Mittwoch. Die Zelte wurden aufgebaut und langsam das Terrain sowie die anderen Leute beäugt. Die Sonne brannte und alle waren sehr froh, ein Plätzchen im Schatten gefunden zu haben. Für unseren FC St. Pauli waren 8 Teams, davon ein Frauenteam, angetreten. Ab Donnerstag Nachmittag rollte dann der Ball und das Turnier war im Gange. Außer "Abfahrt Bambule" und "Südzecken" waren alle Teams nach der Vorrunde draußen. Aber auch für die letzten beiden Teams war in der nächsten Runde Schluss. Fast wie immer eigentlich. :-) Da die meisten ItalienerInnen am Freitag bzw. Samstag anreisten, waren die Tage zuvor für meinen Geschmack etwas zu "deutschlastig"! Die Gänsehaut, die ich letztes Jahr ständig durch die gemeinschaftlichen Gesänge (z.b Bella Ciao) bekam, blieb dieses Jahr leider aus. Vielmehr wurde die Geräuschkulisse vermehrt von "Anti-Gesängen" und Vereinsliedern geprägt. Beispielsweise enterten die Frankfurter Ultras geschlossen das "Bierzelt" mit "hurra hurra die Frankfurter sind da". Am folgenden Abend zogen die St. PaulianerInnen nach und von den Italienerinnen und Franzosen wurde die Frage gestellt: "Warum müssen die Deutschen bloß immer marschieren?" Schade, schade, aber so ist das wohl... Ansonsten war die gesamte WM von Respekt und etlichen neuen Kontakten geprägt. Die Abende wurden unter anderem durch Konzerte und Zeitzeugengespräche mit Partisanen verbracht. Der Piazza Antirazzisti mit all seinen Projektvorstellungen war auch ein interessanter und wichtiger Anlaufpunkt. Gentleman war durch seine Starallüren etwas unangenehm, aber die Menge tobte und die Musik war sogar gut. Es war eine sehr schöne aber auch schlaflose Zeit und ich freue mich schon auf nächstes Jahr! (cathrin)ps. das wichtigste hätten wir beinahe unterschlagen, denn wo eine Geschichte ist, kann die Moral nicht fern sein. Erst mal ein spaßiger Vorschlag vorne weg, das nächste mal fallen wir st.retter-fuzzis auf allen Vieren als Raupe ein. Dann ernten wir vielleicht den ersten Lacher und fröhliche Ausgelassenheit. Aber eigentlich sollte man die Mondiali so nehmen, wie sie kommt und der Gruppenzugehörigkeit eine untergeordnete Rolle beimessen. Diese WM hat Perspektiven und Türen geöffnet und verschafft niemandem einen wirklichen monetären Nutzen. Ist das nicht wundervoll? Also, hier gewinnt man eigentlich nicht, wenn man nach Vorne prescht. Floskelalarm. Aus Spaß wird Ernst aus Ernst wird Spaß. Auf jeden fall sollten sich so alle zukünftigen antirazzistis damit vertraut machen, dass weniger mehr ist und mehr weniger. Es scheint alles nur eine Frage zu sein, wie man diese Gegensätzlichkeiten sieht und lebt... http://lola.d-a-s-h.org/~antira/ |
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