(K)ein Kommentar

   "Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten." (Walter Ulbricht, 1961), "Ich gebe ihnen mein Ehrenwort." (Uwe Barschel, 1987), "Tor!" (Hans-Joachim Osmers, 1994), "Ich bin unschuldig." (O.J. Simpson, 1994) "Ich hatte, habe und ich werde nie etwas mit Drogen zu tun haben." (Christoph Daum, 2000), "Ich wollte nur meine Waffe reinigen." (Bubi Scholz, 1985), "I never had sex with this woman" (Bill Clinton, 1998), "Da muß mir einer was ins Glas getan haben." (Rolf Töpperwien, 2000), "Der Ball war drin." (Geoffrey Hurst, 1966), "Erdöl ist eine nutzlose Absonderung der Erde." (Akademie der Wissenschaften, 1806), "Ich nehme jede Wette an, dass St. Pauli in der 2. Liga bleibt." (Eugen Hach, 17. April 2003)

   32 eingesetzte Feldspieler (!), 4 Torhüter (!), 3 Trainer (!), 2 Torwarttrainer, diverse Co-Trainer, 2 Präsidenten, 4 Vizepräsidenten, ein Duzend Aufsichtsräte, erbärmliche 9 Punkte in der Hinrunde, übersichtliche 19 Zähler in der zweiten Saisonhälfte, 16 Heimspiele, 302.786 überwiegend enttäuschte Fans - Zahlen, Daten und Fakten einer chaotischen Saison, die folgerichtig in der Regionalliga enden wird. Erstmals seit 1985 wird der FC St. Pauli in die 3. Liga absteigen - bitte verschont mich mit Rechenbeispielen, die aufzeigen, wie es mit dem Klassenerhalt doch noch klappen könnte, für mich ist die Sache gelaufen. Warum sollten wir die verbleibenden beiden Spiele gewinnen, wenn wir von den letzten 8 Partien nur 1 siegreich gestalten konnten?

   Das Schlimme dabei ist, dass der Verbleib im Unterhaus trotz der katastrophalen Hinrunde möglich gewesen wäre, wenn der FC St. Pauli in den letzten Wochen und Monaten nicht reihenweise Matchbälle vergeben hätte: In Ahlen (2:3) trifft Sopic mit einem direkten Freistoß in der 89. Minute, gegen Union (2:2) verspielt unsere Mannschaft in den letzten 4 Minuten eine 2:0-Führung, gegen den direkten Konkurrenten Reutlingen (1:2) schafften es tatsächlich 11 St. Paulianer, sich in letzter Minute von 10 ausgepumpten Schwabenpfeilen übertölpeln zu lassen, in Freiburg (1:1) scheiterte Babacar N'Diaye mit einem Strafstoß an Richard Golz, der uns garantiert zum Sieg gereicht hätte und im letzten Heimspiel gegen Burghausen (2:2) traf Ronald Schmidt Sekunden vor dem Abpfiff endlich zum 2:2, nachdem unser Team zuvor mindestens 45 Minuten um einen Gegentreffer gebettelt hatte. In diesen 5 Spielen verschenkte St. Pauli grob fahrlässig 8 Punkte, die nicht nur für Platz 4 in der Rückrundentabelle, sondern auch zum Klassenerhalt gereicht hätten.

   Leider hat sich bei mir die Wut auf eine komplett unfähige Mannschaft, die in der Hinrunde konzept-, plan- und kopflos auf dem Spielfeld umher irrte (absoluter Tiefpunkt in dieser Hinsicht waren das 0:6 in Lübeck und das 1:4 gegen Aachen), in der 2. Saisonhälfte in Trauer und Mitleid gewandelt. Wäre es nicht so, könnte ich die Braun-Weißen an dieser Stelle völlig emotionslos in die Regionalliga verabschieden - geht aber leider nicht: Die Truppe, die Franz Gerber in der Winterpause zusammengestellt hat und in der Rückrunde auf den Platz schickte, habe ich trotz all ihrer Unzulänglichkeiten lieb gewonnen. Schade, dass sie zerfallen wird. An den Nachverpflichtungen Müller, Blank, Nascimento, Chris, Gerber (ein Maximum an Respekt geht raus an dich, Fabian!) und N'Diaye hat es mit Sicherheit nicht gelegen, dass die lange Reise in die Nacht in den Regionalprogrammen enden wird. Erstaunlich ist auch die Entwicklung von Marco "the Horse" Gruszka und Ugur "die Binde beflügelt" Inceman. Ich gebe offen zu, dass auch ich zu den Menschen gehöre, die Gruszka nach seinen ersten Einsätzen despektierlich als "Oberligaspieler" verunglimpft haben. Sorry, Marco - wird definitiv nicht wieder vorkommen! Während wir hoffen dürfen, dass Gruszka auch in der kommenden Saison am Millerntor kickt, werden wir uns von Inceman definitiv verabschieden müssen. Ugur wird über kurz oder lang da landen, wo er hingehört: In der türkischen Nationalmannschaft bei der EM 2004 und hoffentlich bei einem Spitzenclub in seinem Heimatland (oder irgendwo in der Bundesliga). Meinen Segen hat er auf jeden Fall.

   Wenn es jemanden gibt, der mit einem Minietat den direkten Wiederaufstieg schaffen kann, dann ist es mit Sicherheit Trainer Franz Gerber, der einen ähnlichen Husarenritt als Manager von Hannover 96 hinlegte: 1996 nach dem Abstieg in die 3. Liga zauberte er (gemeinsam mit Trainer Reinhold Fanz) Youngster wie Sebastian Kehl, Gerald Asamoah und Otto Addo aus dem Hut und schaffte im 2. Anlauf den Wiederaufstieg in die 2. Bundesliga (1998). Aber allen sollte klar sein, dass es ganz, ganz schwer werden wird.

   In diesen Tagen feiern wir "10 Jahre Übersteiger". 10 Jahre, die von Auf- und Abstiegskampf unseres Teams geprägt waren. 10 Jahre, in denen wir viel zu bejubeln hatten, aber auch etliche Tiefschläge hinnehmen mussten. Diese Kolumne wird auf ewig die letzte sein, die ich für den Übersteiger verfasst habe. Ich glaube es ist an der Zeit, das Staffelholz weiterzureichen. 10 Jahre sind mehr als genug - das talentierte "junge Gemüse" soll mal ruhig vom alten Klugscheisser übernehmen. Ich hatte viel Spaß mit all den fußballverrückten Spinnern, die sich im Laufe der letzten Dekade in die Redaktionsräumlichkeiten verirrten, einige von ihnen sind zu Freunden fürs Leben geworden. Das Ende der Ära Käpt'n Braunbär hat übrigens rein gar nichts mit der sportlichen Situation oder dem Übersteiger 2003 zu tun - es sind einzig persönliche Gründe, die zu diesem Entschluss geführt haben. Ich bleibe auf ewig St. Paulianer (an dieser Stelle einen ganz lieben Gruß an den ehemaligen Chefredakteur der leider viel zu früh verstorbenen "1/4 nach 5"). Meine Topmannschaft der letzten 10 Jahre möchte ich euch natürlich nicht vorenthalten: Thomforde - Hollerbach, Trulsen, Stanislawski, Dammann - Rahn, Meggle, Pröpper, Bajramovic - Klasnic, Scharping. Aus dem aktuellen Kader ist nur unser Kapitän Holger Stanislawski dabei - ich hoffe, dass er auch in der nächsten Saison seine Stiefel für den FC St. Pauli schnüren wird, er wäre so wichtig für die neue Mannschaft und als Identifikationsfigur für die Fanszene.

   Einen letzten Tipp verkneife ich mir, glaube aber dennoch an einen 5:0-Kantersieg gegen den MSV Duisburg. Sollte Eugen Hach mit seinem Nichtabstiegstipp doch recht behalten, habe ich es natürlich vorher schon gewusst, ihr kennt mich!

   Vielen Dank für eure langjährige Treue, ihr wisst, dass ich 10 Jahre lang all die Zeilen nur für euch in die Tastatur gekloppt habe!

   In Hamburg sagt man "Tschüß",

Euer Käpt'n Braunbär

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