Der Jugend eine Chance

In diesen Tagen wird ja viel vom Niedergang des Vereins gesprochen. Klar, die anhaltenden Negativschlagzeilen zehren an den Nerven, sei es nun Unruhe in der Vereinsführung oder aber die äußerst magere sportliche Bilanz seit dem Aufstieg in die Bundesliga 2001. Dabei wird, jedenfalls im großen Licht der Öffentlichkeit, außer Acht gelassen, dass es sehr wohl auch viel Erfreuliches vom FC St. Pauli zu berichten gibt. Auch und gerade im sportlichen Bereich.

   Dass die Amateurmannschaft eine sehr erfolgreiche Saison spielt ist die eine Sache, die viel Freude bereitet. Auch wenn in letzter Zeit ein wenig geschwächelt wurde und die Spiele gegen die Verfolger verloren gingen, die Oberliga-Meisterschaft wurde souverän errungen und auch im Pokal wurde immerhin mal wieder das Finale erreicht, welches aber leider gegen Bergedorf 85 verloren wurde. Ob die Saison noch mit dem Aufstieg in die Regionalliga getoppt werden kann, liegt nicht nur am Abschneiden im dann nötigen Relegationsspiel gegen den Meister der Niedersachsen/Bremen-Staffel - auch die eigenen Profis haben da leider noch ein gewichtiges Wort mitzureden...

   Obwohl bereits erstklassig spielend, hat die in dieser Saison groß aufspielende A-Jugend des FC St. Pauli ihren Aufstieg dagegen bereits so gut wie in der Tasche. Denn in der kommenden Spielzeit werden die bisherigen fünf Regionalligen in drei Bundesligen verschlankt. In der Regionalliga Nord reicht der siebte Tabellenplatz am Saisonende zur Qualifikation für die neue Liga. Und da der braun-weiße Nachwuchs derzeit den dritten Rang belegt, dürfte da eigentlich nichts mehr schief gehen. Lange Zeit wurde sogar noch auf Platz Zwei und die damit verbundene Teilnahme an der Endrunde zur Deutschen Meisterschaft geschielt.

   Jugendkoordinator Andreas Bergmann ist sich dann auch sicher, dass die Mannschaft in der kommenden Spielzeit mehr gefordert sein wird: "Auf jeden Fall wird das Leistungsniveau und die Anforderungen noch höher geschraubt. In unserer Situation und mit unseren Möglichkeiten ist das schon ein ganz schöner Schritt, der aber für uns auch wichtig ist. Wir wollen ja gerade im Nachwuchsbereich was tun."

   In der Bundesliga Nord werden die bisherigen Regionalligen Nord und Nord-Ost zusammengefasst. Da dort dann die Gegner u.a. Hansa Rostock, Hertha BSC, VfB Leipzig oder Carl Zeiss Jena heißen, wird es längere Auswärtsfahren geben, die entsprechende Mehrkosten (auch durch eventuelle Übernachtungen) mit sich bringen werden, die Finanzierung wird hier aus den ja genau für derartige Fälle vorgesehenen Mitteln der AFM bestritten. Hinzu kommt noch, dass in naher Zukunft voraussichtlich auch im C-Jugend-Bereich eine Regionalliga eingeführt werden soll - auch hier werden demnach bald höhere Kosten anfallen. Aber diese Ausgaben sind im Endeffekt überlebensnotwendig für unseren Verein, in der bestmöglichen Förderung des Nachwuchses liegen die Chancen für die Zukunft.

   Wenn also ab Sommer die drei Bundesligen starten, gibt es, den heutigen Tabellenstand vorausgesetzt, einige Besonderheiten zu bestaunen. In Dresden z.B. sind es nicht die beiden "großen" Vereine Dynamo und DSC, die die sächsische Landeshauptstadt vertreten werden. Der FV Dresden Nord, dessen Herrenteam recht erfolgreich in der Oberliga kickt, spielt schon jetzt als einziges Team der Elbmetropole in der Jugend-Regionalliga und schickt sich an, über den erfolgreichen Jugendbereich den etablierten Clubs der Stadt ernsthafte Konkurrenz zu machen.

   Aber auch in Hamburg sind einige Fakten zu beachten. Der FC St. Pauli wird wie erwähnt erfreulicherweise vertreten sein, auch der Hamburger SV dürfte sich qualifizieren, wenn auch mit weit mehr Mühe, als den Verantwortlichen lieb sein dürfte. Aber neben Berlin (neben Hertha und TeBe zur Zeit noch Tasmania 73) wird Hamburg ebenfalls mit drei Vereinen vertreten sein, denn auch der Niendorfer TSV belegt einen der Qualifikationsränge. Trainieren wird das Bundesliga-Team aus dem Hamburger Norden dann übrigens ein alter Bekannter: Ex-St. Pauli-Abwehrspieler und -Jugendtrainer Torsten Fröhling übernimmt das Amt als einziger bezahlter Übungsleiter beim NTSV, der im Herrenbereich lediglich sechstklassig in der Landesliga kickt.

   Zu einigen weiterführenden Fragen nimmt nun Jugendkoordinator Andreas Bergmann noch etwas ausführlicher Stellung:

Andreas, der Etat im Jugendbereich wird ja dann höher sein in der kommenden Saison. Wird das auch im Verein als hohe Priorität angesehen, hier auch im Abstiegsfall des Profiteams nicht zu sparen?
Das kann ich jetzt definitiv noch nicht sagen, weil das ja alles noch im Gespräch ist. Klar ist aber, das der Verein da Mittel frei machen wird. Ein ganz wichtiger Faktor ist da aber die AFM, die uns bereits signalisiert hat, dass wir uns die Bundesliga auf jeden Fall leisten können. Wichtig ist auch, dass wir im Nachwuchsbereich jetzt keine Fehler begehen. Kaputt machen kann man etwas in ganz kurzer Zeit, aber was wir jetzt hier aufgebaut haben, auch in den einzelnen Jahrgängen, ist beachtlich. Auch wenn wir schon schwierigere Bedingungen haben, als die meisten "großen" Vereine. Wenn man sieht, dass z.B. Werder, HSV oder Hannover bis in die D-Jugend hauptamtliche Trainer und auch viele Scouts haben, da sind wir schon noch ein wenig kleiner, aber auch familiärer. Im Trainingsbereich sind wir aber sicherlich gleich stark. Klar ist, dass auch wir im Abstiegsfall den Gürtel enger schnallen müssen, aber man darf im Nachwuchsbereich substantiell jetzt keine Fehler machen und langfristiger denken.

Welche der jetzigen A-Jugend-Spieler werden uns denn im nächsten Jahr im Herrenbereich des FC St. Pauli erfreuen?
Wir haben in der jetzigen A-Jugend wirklich einige sehr talentierte Jungs. Klar ist, dass Deniz Kacan in die erste Mannschaft kommen wird. Deniz, der auch bereits in der türkischen Jugendauswahl kickte, hatte ja in der Hinrunde bereits einige Auftritte in der Zweiten Liga, wurde in vier Partien eingewechselt. Allerdings kam dies in einer ungünstigen Situation, in der schon gestandene Profis Schwierigkeiten haben, sich zurechtzufinden. Auch Heiko Ansorge und Matthias Hinzmann, die langfristig an den Verein gebunden sind und im U19-Kader des DFB stehen, sind da Kandidaten. Natürlich muss die Entwicklung abgewartet werden, es gäbe ja aber immer die Möglichkeit, im Amateurteam Spielpraxis zu sammeln. Auch Cihan Dogan könnte das noch schaffen, außerdem sind im 84er-Jahrgang noch diverse Spieler, die dann für die Amateurmannschaft interessant werden. Es kommen also aus der jetzigen A-Jugend acht bis zehn Spieler, die im Verein bleiben und uns weiterhelfen werden. Auch aus der B-Jugend werden acht bis zehn Spieler im nächsten Jahr dem A-Jugend-Bundesligakader angehören, das Team wird also zum Großteil aus dem eigenen Verein kommen, das zeigt dann schon die gute Arbeit auch im unteren Jugendbereich.

Welche Spieler aus den jüngeren Jahrgängen siehst du momentan als herausragend an?
Wir haben da mit dem Hakan Saricoban einen ganz interessanten Abwehrspieler. Auch im 86er-Jahrgang, der nun aus der B-Jugend hochkommt, sind mit Marc Albrecht, Martin Abdul oder André Wehlan einige junge Talente dabei. Auch im 87er-Jahrgang ist Torwart Frederic Böse sicher zu beachten, der auch schon, wie Albrecht und Abdul, des öfteren vom DFB eingeladen wurde. Auch Roman Schmer aus der C-Jugend konnte da schon reinschnuppern. Das sind aber alles Spieler, die hier ausgebildet wurden, wir kaufen keine Nationalspieler, wir machen sie. Aber wir haben in den diversen Jugendteams eine Menge Spieler, die keine Auswahlspieler sind, die ich aber genauso hoch einschätze.

Was ist aus dem Probetraining von Marc Albrecht in England bei Charlton Athletic geworden?
Er hat das halt auch als Erlebnis angesehen. Welcher Jugendliche hat schon mal die Chance, bei einem englischen Profiverein zu trainieren. Da hab ich ihm gesagt, "Mach die Erfahrung", besser als wenn man einem jungen Spieler das verbietet. Wenn die Jungs bei uns zufrieden sind, wir gut arbeiten, dann muss man vor solchen Sachen auch keine Angst haben. Wir können zwar keinen Vertrag mit Summe X bieten oder dem Vater noch ne Arbeitsstelle geben, aber wir können sagen: "Du wirst hier gut ausgebildet und du hast bei uns eine Perspektive". Und da reden wir nicht von alten Kamellen, denn Beispiele wie Zlatan Bajramovic sind ja noch sehr präsent und Alex Meier hast du direkt vor der Nase, Heiko Ansorge und Matthias Hinzmann haben schon ihre Verträge.

Es werden ja doch von Zeit zu Zeit einige Spieler von außerhalb geholt, die dann in der von der AFM finanzierten und betreuten Jugendwohnung leben, wie zur Zeit Cihan Dogan, Sercan Kara und Adil Boukantar, der für sein Heimatland Marokko bereits international im Einsatz war. Wie wichtig ist diese Möglichkeit für Dich?
Sehr wichtig! So eine Wohnung ist überschaubar, das kann man verantworten. Da ist ja mit Claus Teister auch ein ebenfalls durch die AFM finanzierter Sozialpädagoge, der sich umfassend um die Jungs kümmert, auch bei persönlichen und schulischen Problemen.
Unser Schwerpunkt liegt aber natürlich ganz klar bei Talenten hier aus der Region, die wir frühzeitig ausbilden wollen. Aber wenn man dann mal überregional, z.B. in Kiel oder Berlin einen Spieler findet, von dem man überzeugt ist, dann ist das eine gute Möglichkeit. Aber auch wenn der Spieler außerhalb Hamburgs lebt, aber einen sehr weiten Anfahrweg hat, ist das sehr praktisch. Dann könnte er unter der Woche in der Wohnung oder später im Jugendhaus, das dann ja auch in unmittelbarer Nähe zum Jugendleistungszentrum und der Julius-Leber-Schule, mit der wir ja sehr gut zusammenarbeiten, liegt, wohnen und am Wochenende dann nach Hause fahren. Auch bei Jugendlichen, die in schwierigen Familienverhältnissen leben, ist das eine Chance, sie da rauszunehmen, damit sie sich auf Schule und Fußball besser konzentrieren können.
Das ist auch etwas, was wir im Gespräch mit den Jungs, den Eltern oder aber den allgegenwärtigen Beratern, die auch im Jugendbereich mittlerweile überall mitreden wollen, einbringen können. Wir haben halt nicht viel Geld oder ein Herrenteam in der ersten Liga, da müssen wir dann andere Dinge in die Waagschale werfen.

Ein etwas anderes Thema: Es ist geplant, die Amateure aus ihrer etwas isolierten Stellung herauszulösen und in den Nachwuchsbereich einzugliedern. Ist das so richtig?
Das ist korrekt. Zunächst mal finde ich es sehr positiv, dass die Amateure hier so einen Status haben, so viele Zuschauer kommen, sie diese Beachtung finden. Aber wichtig ist es, dass die Amateurmannschaft immer noch als Ausbildungsteam angesehen wird. Man muss aufpassen, dass man Spielern, die da schon vier oder fünf Jahre kicken und den Sprung nicht geschafft haben, einen Vereinswechsel nahe legt, um wieder Platz für junge Spieler zu haben.
Wir wollen da eine bessere Verzahnung mit dem Jugendbereich hinbekommen, dann enger und perspektivischer zusammenarbeiten. Die bislang gute Arbeit soll halt optimiert werden. Die Amateure werden als U23-Mannschaft in den Nachwuchsbereich integriert. Es sollen nicht für die Amateure irgendwelche hochkarätigen Leute geholt werden, die dann da für den Erfolg sorgen sollen. Das Geld sollte lieber in den Profibereich gesteckt werden. Die Amateure sind dafür gedacht, unseren Jungs weitere Ausbildungsmöglichkeiten geben. Es bringt nichts, wenn ein Spieler aus der A-Jugend kommt und dann bei den Amateuren auf der Bank sitzt.

Am 14.04. stand im "Abendblatt", dass du dir Hoffnungen auf den Posten des Amateurtrainers machst. Was ist da dran?
Ich habe nie irgendwo gesagt, dass ich den Posten haben will oder muss. In der sich regelmäßig treffenden sportlichen Runde ist die eben erwähnte Umstrukturierung ein Thema gewesen. Dort sind wir überein gekommen, dass ich die U23 trainieren werde und als Leiter der Nachwuchsabteilung für den Trainer- und Betreuerstab im Nachwuchsbereich verantwortlich bleibe.
Für mich sind die U19 und die U23 ebenbürtig, beides sind wichtige Bausteine im gesamten Ausbildungskonzept. Wir wollen dahin kommen, dass man jede Stufe für sehr wichtig erachtet, und die Jungs dann Stück für Stück aufbauen, auf ihrem besten Niveau. Für manche A-Jugend-Spieler wären die Amateure vielleicht sogar ein Schritt zu wenig, die müssen dann wie der Alex Meier direkt zu den Profis. Für viele sind aber die Amateure das richtige Forum, um weiter Erfahrung zu sammeln und im Herrenbereich Fuß zu fassen.

Hattest du denn mittlerweile auch schon Angebote von anderen Clubs bekommen, die dich abwerben wollten, ob der guten Arbeit die hier geleistet wird?
Ja, es gab ein paar, auch gute und interessante. Aber ich persönlich bin auch ein bisschen von dem St. Pauli-Fieber angesteckt worden, ich finde St. Pauli einfach spannend als Verein. Mir macht das unglaublich viel Spaß, auch trotz vieler Widrigkeiten, die teilweise über Jahre hier entstanden sind, wo man dann auch Knüppel zwischen die Beine kriegt, wenn man versucht, etwas umzusetzen. Aber man hat hier vor allem die Chance, mit Jugendlichen zu arbeiten, die auch eine Perspektive haben. Was nützt es mir, wenn ich zu irgendeinem Topverein gehe, aber dann die Jungs, mit denen ich arbeite, doch kaum ne Chance haben. Hier kann ich den Spielern eine realistische Möglichkeit aufzeigen.

Vielen Dank für das Gespräch und weiterhin viel Erfolg mit unserem Nachwuchs.

thomas

Das letzte Heimspiel der A-Jugend, gespielt wird an der Sternschanze:
So., 01.06. 13:00 Uhr FC St. Pauli - VfL Wolfsburg


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