ela, ela, ela - silencio en la favela !

   Herzblut, Leidenschaft, Emotionen und technisch-trickreiche Schönspielerei sind die ersten Gedanken wenn man an den Fußball südlich der USA denkt. Die Wahrheit ist eine andere und auch hier eilt der Ruf, die Klischees von Samba-Fußballern an der Copacobana dem tatsächlichen Bild der Ligen in Brasilien, Peru oder Bolivien oder dem Bild am Strand von Rio de Janeiro voraus. Die besten Spieler spielen nicht in den örtlichen Ligen und bei 48 Grad am Tage und sengender Hitze spielt auch keiner Fussball am Strand.

   Doch dazu später. 8 Wochen Urlaub im Winter, die spanische Sprache, das warme Wetter und die Faszination Südamerikas lockten mich nach Südamerika. 8 Wochen mögen sich viel anhören, sind aber für diesen facettenreichen, klimatisch-landschaftlich-kulturell unterschiedlichen Kontinent gar nichts und die Auswahl meiner Reiseroute dementsprechend schwer. Dank Ashton, Greuther Fürth-, Bayern München- und Fluminense-Fan, der jetzt in Rio de Janeiro wohnt und Südamerika bereits komplett bereist hat fiel meine Wahl auf die Durchquerung Südamerikas vom Pazifik (Lima/Peru) über Bolivien nach Brasilien und zum Atlantik (Rio de Janeiro). Die ganzen Eindrücke der verschiedenen Länder, Landschaften, Kulturen der Indios, der Inkas, der bolivianischen Landbevölkerung wieder zu geben würde die Übersteiger-Ausgabe sprengen deshalb nur ein kurzer Einblick und ansonsten die Berichte von der fußballerischen Seite.

   Leider war es mir nicht vergönnt in Peru oder Bolivien ein Spiel zu sehen, da in beiden Ländern von Dezember bis Ende Januar Sommerpause war. Stadien angeschaut und mit den Einheimischen über Fußball gequatscht habe ich allerdings in allen drei Ländern.

   Perus Nationalelf und die Liga haben nicht viel zu melden in Südamerika. Bei der U20-Südamerika-Meisterschaft, die im Januar 2003 in Uruguay stattfand errang Peru den letzten Rang und verlor u.a. gegen Brasilien mit 0:7. In der Copa Libertadores scheiden die Teams aus Peru oder Bolivien regelmäßig in der ersten Gruppenphase aus. In der ersten Liga Perus kommt es eingentlich immer zum Zweikampf der beiden großen Teams Allianza Lima und Sporting Cristal Lima. Weitere Teams spielen in Lima und Umgebung (Universitario, Sport Boys Callao, Club Deportivo Wanka Miraflores), Cusco (Cienciano), Arequipa (F.B.C. Melgar), Ica (Est. Medicina) sowie Tacna (Coronel Francisco Bolognesi FC) wobei nur Cusco (alte Hauptstadt der Inkas auf 3.350m Höhe in den Ausläufern der Anden und Ausgangspunkt für Machupicchu, der versteckten Inka-Stadt, Unesco-Weltkulturerbe und sagenhaft) mit seinem 30.000 Zuschauer fassenden Stadion den Hauptstadt-Klubs gefährlich werden könnte. Die Zuschauerzahlen in der Liga liegen zwischen 1.000 und 10.000 Zuschauern, wobei bei den Derbies in Lima zwischen Allianza und Sporting Cristal und bei den Spielen in Cusco der beiden großen Lima-Klubs auch mal mehr als 20.000 Zuschauer kommen.

   Die Zuschauerzahlen in Peru und auch Bolivien sind wegen der Eintrittspreise und der großen Armut sehr gering (für Touristen oder Europäer ist der Eintritt natürlich billig bei 1 Euro für einen guten Sitzplatz). Die besten peruanischen Spieler spielen in Argentinien oder Europa, wobei Pizarro der Held ist und das Trikot von Werder Bremen und Bayern München mit seinem Namen das meistgetragene ist. Auch in Bolivien war leider Sommerpause, wobei die Stadien noch etwas einfacher waren als die in Peru. Das "Estadio Nacional" in La Paz auf 3.500m Höhe (das höchste Stadion der Welt) ist zwar sehr eindrucksvoll aber auch sehr heruntergekommen und gleichzeitig eine Leichtathletik-Arena. Der Anstieg auf die Stehplätze ist in der Höhe schon mehr als anstrengend und es ist kein Wunder, dass Bolivien zuhause nahezu unschlagbar ist. Schön sind die Namen der Clubs (The Strongest (La Paz), Blooming (La Paz), Wilsterman (Oruro) oder Oriente Petrolero (Cochabamba) und die Farben der Trikots (ein Team spielt komplett in rosa).

   Eindrucksvoll sind die Länder und Menschen dafür um so mehr, wobei Bolivien mir am besten gefiel trotz (oder gerade wegen) der Reiseschwierigkeiten aufgrund von Protesten der Arbeiter und Landbevölkerung gegen die Regierung. Die bolivianische Regierung ist nur eine Marionette der USA bzw. der großen Wirtschaftskonzerne in Nord- und Südamerika. Alles wird privatisiert und zu Geld gemacht aber das erwirtschaftete Geld fließt nicht in die Bevölkerung um Not zu lindern, Infrastruktur oder die Voraussetzungen für weniger Armut, Hunger und Bildungsnotstand zu schaffen sondern in die Taschen der Politiker, der Oberschicht und in das Militär. Selbst das Trinkwasser ist in Bolivien privatisiert und die armen Schichten der Bevölkerung können sich aufgrund steigender Preise kein Wasser mehr leisten. Aus diesem Grunde wird verschmutztes Wasser der Flüsse entnommen, in denen auch gebadet, gewaschen und sein Geschäft erledigt wird. Dazu kommt die Vernichtung von Anbauflächen der Coca-Pflanze, die zur Kultur der Indios gehört und zum Alltag der Arbeiter in Bolivien. Durch das Kauen der Coca-Blätter kann man länger arbeiten, bekommt keinen Durst oder Hunger und hält es in den Silberminen oder auf großen Höhen in den Anden aus. Doch auf Anweisung der USA, die anstelle den Drogenabhängigen im eigenen Land zu helfen, Boliviens Regierung mit hunderter Millionen Dollars ködert, werden alle Anbauflächen von der bolivianischen Regierung zerstört und damit auch die Kultur und Existenz der Landbevölkerung. Deshalb kommt es immer wieder zu Unruhen und Gegenwehr.

   Während meines dreiwöchigen Aufenthaltes in Bolivien stand die Wirtschaft und das Leben still, da alle Straßen rund um der großen Städte La Paz (3 Millionen Einwohner), Santa Cruz (1 Million Einwohner) oder Sucre (300.000 Einwohner, eigentliche Hauptstadt des Landes) blockiert waren. Im Norden Boliviens in den Anden oder im Dschungel protestierten die Coca-Farmer gegen die Zerstörung ihrer Felder, im Süden rund um Sucre und Potosi die Minenarbeiter aus den Silberminen für höhere Mindestlöhne, 10.000 Rentner marschierten auf der größten Straße Richtung La Paz für höhere Pensionen (45 Dollar im Monat) und im Westen und Südwesten die Landarbeiter für höhere Mindestlöhne und eine fairere Aufteilung der Anbauflächen. Keiner kann sich die Fahrt in die Hauptstadt für Demonstrationen leisten und so werden vor Ort die Straßen dichtgemacht mit Steinen, Kakteen, Bäumen oder Büschen. Nicht gerade einschüchternd-große Blockaden doch dafür durchgehend auf 50-80km und die bolivianische Polizei oder Militär verfügen nicht über Räumfahrzeuge und müssen die Strassen mit der Hand räumen.

   Die BlockiererInnen verhindern jeden Wegräumversuch mit dem Werfen von Steinen oder Dynamitstangen oder stehen mit Stöckern (oben auf die Stöcker noch Kakteen zur Abschreckung gesetzt) und Macheten vor einem. Die Polizei und das Militär in Bolivien sind bei den Protesten nicht gerade zimperlich und Gesprächsbereitschaft besteht keine. Es wird sofort mit Tränengas, Gummigeschossen und auch richtiger Munition auf die Protestierer geschossen. In den 3 Wochen meines Aufenthaltes sind über 40 ProtestiererInnen erschossen worden (davon 3 in der Blockade vor Sucre in der ich mich befand) und 3 Polizisten wurden in einen Hinterhalt gelockt und dort erschlagen. Die Regierung ist nicht mehr handlungsfähig und man kann nur hoffen, dass es zu einer Neuwahl kommt und die Allianz der sozialen Kräfte um den Anführer der Landarbeiter, Gonzales, eine treibende Kraft zur Reform des Landes werden.

   Die Menschen in Bolivien sind herzlich und scheu. In Peru hatte ich das Gefühl, das alle nur nett zu dir sind um dich in ihr Hostal, Restaurant oder Tour-Organisation zu bekommen oder um dich über das Ohr zu hauen. Peru ist, besonders natürlich wegen Machupicchu, sehr touristisch und mit den vielen (für die bettelarmen Einheimischen "reichen") Touristen kommt auch der Nepp und die dauernden Versuche dir etwas zu verkaufen oder dich irgendwo hin zu bringen. Bevor Fragen beantwortet werden wird die Hand aufgemacht und der Mensch interessiert nicht, sondern nur sein Portemonnaie. Auch die Kriminalität ist (gerade in Lima) sehr hoch. Ansonsten ist Peru aber sehr faszinierend. Lebendige Großstädte (Lima, Arequipa und Cusco), lange Strände, Wüsten, die Anden mit den Inka-Trail und Inka-Tempeln und Städten. Die Inka-Kultur (600 Jahre alt) war eine sehr intelligente Kultur, hielt allerdings nur 90 Jahre bis die Spanier alles unterdrückten bzw. die Inka-Häuptlinge entthronten und töteten. Es gibt in Peru vieles skurriles (einen Drink aus lebendem Frosch im Mixer mit Milch und Früchten verquirlt für die Potenz, Meerschweinchen und Lama zu essen und ein Kanonenboot auf dem Titicaca-See, das 1862 bei den Briten bestellt wurde, in 2000 Einzelteilen an die Pazifikküste geliefert wurde, von dort per Esel an den Titicaca-See gebracht wurden und dort wieder zusammengesetzt wurden. 7 Jahre später hatten die Peruaner ihr Kanonenboot auf dem höchsten See dieser Größe der Welt).

   Die BolivianerInnen waren nicht so materiell, sondern arrangieren sich mit ihrem Leben, nehmen Reisende herzlich auf und Nepp findet selten statt, da das Land für Touristen bisher noch nicht interessant genug bzw. für "Pauschalreisende" nicht genug erschlossen ist. Dabei hat Bolivien viel mehr zu bieten als andere, viel bereiste Länder in Südamerika (z.b. als Venezuela). Der Dschungel mit seiner Vielfalt in Flora und Fauna, die Pampas mit hunderten verschiedenen Tierarten, die Anden, der Titicaca-See, der größte Salzsee der Welt (Salar de Uyuni), einfach faszinierend. Etwas beklemmend ist die hohe Präsenz von Militär auf den Straßen der Städte, die korrupte Polizei und die waghalsigen Busfahrer mit ausrangierten amerikanischen Schulbussen oder Kleinbussen mit 24 Plätzen, die mit 50 Leuten, 4 Käfigen und Zentnern Gepäck überladen sind.

   Der Einfluß der großen Wirtschaftskonzerne auf die bolivianische Regierung ist frappierend, ein Krieg gegen Paraguay wurde von zwei Ölkonzernen finanziert und angestachelt (ein Konzern auf Seiten Paraguays und einer auf Boliviens Seite), da man von einem Ölfeld im Grenzgebiet ausging. 120.000 Menschen starben und schlussendlich gab es kein Öl im umlämpften Gebiet.

   Doch nun endlich zu Brasilien und Fußball. Von Brasilien als Land bekam ich nur einen Mikrokosmos zu sehen (Urwald im Pantanal-Gebiet (ähnlich Amazonas) mit Piranha-Angeln und Essen und mit Alligatoren schwimmen, die flächenmäßig größten Wasserfälle der Welt "Foz do Iguazo" und die pulsierende und faszinierende Metropole Rio de Janeiro).

   Corinthians Sao Paolo gegen Cruz Azul aus Mexiko im Copa Libertadores. Mein erstes Spiel in Brasilien führte mich nach Sao Paolo. Schon zwei Stunden vor Ankunft mit dem Bus begann Sao Paolo und diese Stadt ist einfach nur riesig in den Ausmaßen und hässlich (16 Millionen Einwohner). Corinthians empfing, in ihrem Estadio Municipal (Fassungsvermögen 40.000 Zuschauer, mitten in der Stadt nahe des Zentrums gelegen, die Derbies gegen FC Sao Paolo oder FC Santos werden im Stadion von FC Sao Paolo etwas außerhalb mit 80.000 Fassungsvermögen gespielt) in der ersten Runde der Champions-League Südamerikas, Cruz Azul aus Mexiko. Corinthians und seine Torcidas (Anhänger, besonders die 75.000 Mitglieder fassende "Ultra"-Gruppierung Gavioes de Fiel - treue Falken) haben eine politisch eindrucksvolle Geschichte und sind die eigentlich einzige politisch ausgerichtete Gruppierung (links) in Brasilien. Der brasilianische Ballzauberer Socrates spielte für Corinthians und politisierte den Club und seine Fans. Als Protest gegen die damals vorherrschende Diktatur in Brasilien trug das Team bei einem Spiel den Aufdruck "Democrazia" auf seinen Trikots und die Fans machten den Protest gegen die Diktatur und den Kampf für Demokratie in Brasilien mit. Schon 3 Stunden vor Spielbeginn ist der Platz vor dem Stadion gut gefüllt mit Autos, die aus ihrem Kofferraum kalte Getränke und Dosenbier verkaufen, in ihrem Kofferraum kleine Grills haben und gegrillte Fleischspieße unter das Volk bringen, große mit offenen Feuer betriebene Grillstände mit Steaks und hunderten von Torcidas, die ihre Trommeln und Stimmbänder warm machen, selber gegen den Ball kicken, die umherreitende Polizei verhöhnen. Auf dem angrenzenden Graswall liegen 100x60m große Blockfahnen der verschiedenen Gruppierungen. Das Stadion ist mit 25.000 Fans (davon 40 aus Mexiko) gefüllt und die Gesänge des 10.000-Torcida-Blockes der Gavioes de Fiel sind durchgehend und eindrucksvoll. Ist schon faszinierend anzuschauen wenn Tausende gleichzeitig hüpfen, ihre Fahnen oder Bengalos schwenken. Das Spiel war grottenschlecht, ging 1:0 für Corinthians aus und die Zuschauer hatten im Trainer, der den Publikumsliebling auswechselte, seinen Buhmann gefunden und Schimpfwörter und Wurfgeschosse fanden ihren Weg zur Bank.

   Botafogo gegen Madureira in der Rio-Meisterschaft in Niteroi/Rio de Janeiro. Die verschiedenen Meisterschaften in Brasilien sind undurchsichtig, chaotisch und werden jedes Jahr verändert. Die Verbandsfunktionäre ändern das immer nach ihrem Gusto oder ihrer Brieftasche. Mal gibt es zwei Hin- und Rückserien, mal Gruppen und dann Ausscheidungsspiele und es gibt für jedes "Bundesland" Brasiliens eine eigene Meisterschaft. In den letzten Jahren sind allerdings Reformkräfte am Werk, da aufgrund der undurchsichtigen Machenschaften und dem Beschiss bei der Vergabe der Meisterschaft der Zuschauerzuspruch stark rückläufig ist. Über Jahrzehnte durften die großen Vereine aus Sao Paolo (FC Santos, FC Sao Paolo oder Corinthians) und Rio de Janeiro (Fluminense, Flamengo, Vasco da Gama und Botafogo) nicht absteigen und sollten den Meistertitel immer unter sich ausmachen. Nach der letzten brasilianischen Meisterschaft wurde das endlich beendet und Botafogo musste den Weg in die zweite Liga antreten, da sie sich mal wieder auf einem Abstiegsplatz standen. Das ändert allerdings nichts an der Zugehörigkeit zur ersten Liga der Rio de Janeiro-Meisterschaft. Dort kam es im letzten Jahr zum Eklat als nach Hin- und Rückrunde ein Außenseiter aus dem Staate Rio de Janeiro und nicht aus der Stadt erster und damit Meister war und es wurde einfach noch eine dritte Runde eingelegt. Am Ende der dritten Runde stand Fluminense FC vorn und wurde zum Meister ernannt. Nicht nur aus diesen Gründen sondern auch aufgrund der wenig klangvollen Namen von Madureira, Friburguense, Cabofriense oder auch Olaria kommen kaum mehr als 1.000 bis 4.000 Zuschauer zu den Spielen. Die Ausnahmen sind die Derbies der großen Teams Vasco da Gama (Anhängerschaft besteht mehr aus der portugiesisch-stämmigen Bevölkerung), Botafogo (aus dem gleichnamigen Stadtteil, sehr gemischte Anhängerschaft), Flamengo (der beliebteste Verein Brasiliens mit der größten Anhängerschaft, eher aus den armen Viertel und Favelas von Rio de Janeiro) und Fluminense (Anhängerschaft kommt aus der Mittelschicht und der reichen, weißen Bevölkerung Rios) zu denen zwischen 30.000 und 75.000 Zuschauern kommen. Alle Derbies dieser 4 werden im Maracana-Stadion (heißt eigentlich Estadio Mario Filho und hat jetzt ein Fassungsvermögen von 120.000). Botafogo spielt die Spiele mit kleineren Zuschauerzahlen in ihrem Heim-Stadion "Caio Martins" in Niteroi, das per Schiff zu erreichen ist und auf der anderen Seite des Hafens von Rio liegt. Eine idyllische Überfahrt mit Blick auf den Zuckerhut und das Männeken mit den gespreizten Armen. Rio de Janeiro liegt wie ein schmaler Streifen am Wasser und ist eine sehr grüne Stadt. Neben Parks und Stränden liegen riesige Favelas und die Bezirke der Reichsten einträchtig nebeneinander. 4.000 Zuschauer fanden den Weg nach Niteroi bei 40 Grad und brennender Hitze. Die Torcidas von Botafogo (Furia Jovem) machten den entschlossensten Eindruck der von mir getroffenen Gruppierungen in Brasilien. Alle Torcida-Gruppen in Brasilien haben viel Einfluss im Verein, dürfen vor dem Spiel mit ihren Block- und Schwenkfahnen auf den Platz und erhalten vom Verein für ihre Mitglieder Frei- oder verbilligte Eintrittskarten (2 statt 3-4 Euro). Doch die Repression durch die Polizei mit Stadionverboten ist auch in Brasilien groß und die Torcidas müssen alle ihre Fahnen und Transparente vor der Polizei ausrollen und auf Waffen oder Bengalos durchsuchen lassen. Die einzigen, die sich nicht so richtig gängeln ließen waren die Furia Jovem, angeführt von einer Gruppe älterer, stiernackig-volltätowierter Anführer, die im Stadion das Sagen hatten und sich der Polizeikontrolle durch entschlossenes Auftreten entzogen. Der Support der 500 Torcidas war recht ansprechend wobei der Schiedsrichter nach kurzer Zeit zum Buhmann und zum Zielobjekt hunderter Dosen und Becher wurde. Im Stadion wurde eiskaltes Bier in Dosen verkauft, das Bier kühlte den Körper von innen und das Werfen der Dose das Gemüt. Das Spiel endete 1:1 und hatte unteres Oberliga-Niveau. Dafür war auf den Rängen um so mehr los.

   Fluminense gegen Flamengo in der Rio-Meisterschaft im Estadio Mario Filho/Maracana. Ein bisschen Glück gehört zu so einem Urlaub auch dazu und auf mich wartete nicht nur der Besuch des Fußball-Tempels Maracana sondern auch noch das Derby "Fla gegen Flu". Flamengo hatte sich Anfang des 20. Jahrhunderts von Fluminense im Streit abgespalten und seitdem haben diese Spiele ihren besonderen Reiz. Aufgrund der gegensätzlichen Herkunft der Anhänger und Klassenzugehörigkeit liegt weitere Brisanz vor. Die größtenteils farbigen Anhänger aus den ärmeren Vierteln und Favelas gegen die weiße Mittel- und Oberschicht. Rund um das Stadion lag bereits zwei Stunden vor dem Anpfiff Derbyfieber in der Luft, wobei auch dort schon zu erkennen war, dass das Gros der Anhänger auf Seiten der Flamengos sein würde. Diese haben auch die bessere Seite des Stadions mit Bars und Kneipen direkt an ihrer Kurve. Die Kurven sind bei jedem Derby anders verteilt, Flamengo bringt die meisten Anhänger mit, dann kommt Vasco da Gama, Fluminense und abschließend Botafogo. Die Straßen rund um das Stadion waren gefüllt mit farbentragenden Fans und wenig Polizei. Die Polizei mit den 2m Holzknüppeln griff immer erst ein, wenn eine Schlägerei bereits etwas länger lief, dann wurde aber auch nicht zwischen Teilnehmern, Touristen oder Unbeteiligten unterschieden sondern alle bekamen ihre Schläge ab. An allen Ecken kam es zu kleineren Scharmützeln bis sich ein größerer Mob von Fluminense sammelte und sich schließlich mit 150 Leuten Richtung Bahnbrücke und Flamengo-Kurve aufmachte als eine neue Gruppe von Flamengo über die Brücke Richtung Block ging. So kam es zu einer kurzen Massenhauerei und die Polizei kriegte erstmal nicht viel mit. Im Stadion waren 72.000 Zuschauer, davon 50.000 auf Flamengos Seiten, 20.000 in der Fluminense-Kurve hinter dem Tor und 2000 Neutrale oder Touristen. Wir (2 Schweden, der Bayern-Fürth-Fluminense-Fan und ich) hatten unsere Karten von der größten Torcida-Gruppierung von Fluminese (Young Flu) bekommen und standen in ihrem Block. Ein farbenfrohes Intro aus vielen Fahnen und minutenlange Gesänge. Wobei die meisten Gesänge laut Übersetzer unter der Gürtellinie und gegen die gegnerischen Fans und Spieler (u.a. wird der Torwart von Flamengo verhöhnt weil er mit der Ex-Freundin von Ronaldo zusammen ist) sind. Nach 15 Minuten stand es 3:0 für Fluminense und die 20.000 Flus waren am Abdrehen. Was für eine Atmosphäre aus Tanzen, Trommeln und Gesängen. Flamengo versuchte noch gegenzuhalten (dabei wurde auch die Überschrift den Flamengos entgegengesungen "Stille in der Favela" da keine Gesänge von dort mehr zu hören waren), doch machten sie sich lieber kurz vor Spielende auf, das Stadion zu umlaufen in Richtung Fluminense. Der Block wurde versucht zu stürmen und die Polizei riet uns nach Abpfiff doch schnell den Ausgang zu finden. Vor dem Stadion wurden noch ein paar Busse mit Fluminense-Anhängern entglast aber es soll sich um ein vergleichbar "ruhiges" Derby gehandelt haben. Schließlich gab es schon mehrere Tote bei diesen Spielen, ein beliebter Treffpunkt war früher der Busbahnhof über den alle Fans mussten, die nicht in der Innenstadt wohnen.

   Mein letztes Spiel am Tag der Abreise sollte Fluminense gegen Madureira, ebenfalls in der Rio-Meisterschaft sein. Dieses Mal allerdings im kleinen Stadtstadion "Laranjeiras", das mit 5.000 Zuschauern bei 10.000 Fassungsvermögen gut gefüllt war. Und es war das schönste Fußball-Stadion Südamerikas, das ich gesehen habe. Steile Ränge, zweistöckig, mitten in einem Wohngebiet. Auch Romario war wieder gesund, spielte für Fluminense und machte sein Tor. Die "Young Flu" versuchten etwas Stimmung in die 16.00 Uhr Nachmittags-Hitze von 48 Grad zu bringen doch außer Fahneschwenken und Mehlbeutel schmeißen war heute nicht viel drin. Trotzdem faszinierend was die da so alles selbstorganisiert auf die Beine stellen. Jede Torcida hat ihren Raum im Stadion wo sie ihre Sachen lassen, haben Zugang zum Innenraum und Macht im Verein. Obwohl sie es bei den schrägen und durchgeknallten Funktionären nicht leicht haben. Der frühere Präsident von Vasco da Gama übertrieb es mehrmals. Neben dem Einfluss auf die Art und Weise der Ligen ließ er sich auch von Schiedsrichtern oder sonst wem erzählen wer zu gewinnen hat. Nach Ausschreitungen bei einem Endspiel um den brasilianischen Pokal und einigen Toten durch den Einsturz einer Tribüne ließ er einen Abbruch des Spieles durch den Schiedsrichter nicht zu. Als der Schiedsrichter sich nicht umstimmen ließ nahm der Präsi von Vasco einfach den Pokal mit nach Hause und erklärte Vasco da Gama zum Sieger.

Hs

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