ÜS: Zuerst einmal vielen Dank, dass Du Dir auch in dieser prekären Situation die Zeit für uns genommen hast, ist ja nicht unbedingt selbstverständlich.
SB: Für mich schon, doch! Der Übersteiger gehört mit zum Verein und da ist es für mich selbstverständlich, zur Verfügung zu stehen.
ÜS: Hast Du Dich geärgert, dass Du in der letzten Ausgabe nicht schon zu Wort gekommen bist?
SB: Nein, ich habe mich darüber nicht geärgert, denn als Interviewpartner wird man gefragt oder nicht gefragt, deswegen kann man sich doch nicht beschweren. Das hätte vielleicht die eine oder andere Sache abgerundet, aber ich denke mal, dass Ihr das ganz bewusst so gewählt habt und auf der anderen Seite wird wohl heute auch noch die eine oder andere Frage kommen, zu der ich mich heute äußern kann.
ÜS: Mit Sicherheit! Gehen wir mal etwas in die Vergangenheit zurück. Wie würdest Du deinen Anteil am Aufstieg 2001 beziffern?
SB: Ich würde ihn gar nicht beziffern, das müssen andere beurteilen. Ich habe hier sehr gerne meinen Job gemacht und wir haben hier eine vernünftige Gemeinschaft gefunden. Das Ergebnis war am Ende eine wunderbare Saison. Das war natürlich am Anfang nicht zu erwarten. Dass wir am Ende aufgestiegen sind, war mit einer guten Portion Glück verbunden, aber viel wichtiger war, dass wir kontinuierlich eine gute Saison gespielt haben und damit auch wirtschaftlich die Grundlage geschaffen haben, dass es hier vernünftig weitergeht. Denn das war unmittelbar nach dem Ausstieg Herrn Weiseners nicht immer gewährleistet.
ÜS: Was waren denn zu dieser Zeit aber auch schon vorher Deine drei besten und Deine drei schlechtesten Einkäufe?
SB: Ach, das ist unheimlich schwierig, Dinge in der Form zu klassifizieren. Ich glaube, es war in der damaligen Phase nicht immer alles richtig, was wir gemacht haben, wie auch im Umkehrschluss danach nicht alles verkehrt gewesen sein kann. Da wir mit wenig Erwartungen in die neue Saison gestartet sind, hat dies das Präsidium, die Mannschaft, den Trainer in irgendeiner Form geeint. Dann haben wir einen sehr guten Saisonstart gehabt mit dem Auswärtsspiel in Ahlen und dem Heimspiel gegen Mannheim. Und dann hat das Ganze eine gewisse Eigendynamik gebracht und so hat dann einfach alles gepasst.
ÜS: Ärgert es Dich, dass man Dich nur mit den negativen Dingen im Verein zusammenbringt?
SB: Ich glaube, dass ist einfach die heutige Zeit, dass einfach alles plakativ, schwarz oder weiß dargestellt wird. Da sollte man nicht allzu viel Zeit drauf geben, sich zu ärgern. Man muss versuchen, ganz schnell wieder Erfolg zu haben, dann wird es von allein wieder ruhiger. Ich wüsste nicht, welche Probleme damals durch den Erfolg überlagert worden sein sollten.
ÜS: Hat es damals schon Probleme innerhalb des Präsidiums gegeben oder war damals schon alles Friede, Freude, Eierkuchen?
SB: Nein, in der Phase war ja alles wunderbar. Da haben sich beide, Herr Koch und Herr Pothe aus dem sportlichem Bereich herausgehalten und haben uns machen lassen. Das war ja auch nicht ganz ohne Risiko bei 6.000.000 DM Etat für den Lizenzspielbereich. Aber im Allgemeinen war damals alles recht harmonisch.
ÜS: War es denn nicht grundsätzlich sehr riskant, mit einem dreiköpfigen Präsidium zu arbeiten, so dass maximal eine 2:1-Abstimmung zustande kommen konnte?
SB: Gut, das haben wir nun mal so gemacht. Da haben wir nie ein Risiko drin gesehen. Im Nachhinein wäre wohl eine andere Konstellation oftmals besser gewesen.
ÜS: Du sagtest, das Präsidium hat sich aus den sportlichen Dingen meistens herausgehalten.
Hätte man nicht reagieren müssen als Didi Demuth sagte, dass mit dem Kader die Klasse nicht zu halten sein, bzw. hätte man gestandene Leute wie Baris, Trulsen, Bajramovic und Bürger nicht halten müssen?
SB: Die Aussage hätte er eigentlich erst mal intern mit uns abstimmen müssen, das ist sicherlich ad hoc in die Öffentlichkeit geraten und hat viele Leute, insbesondere uns, überrascht. Jetzt über einzelne Personalien zu reden können wir gerne tun aber darüber kann man sich kein generelles Urteil bilden. Wenn wir Deniz Baris nehmen, den wir über ein Jahr lang gern behalten hätten, der über ein Jahr lang ein aus unserer Sicht sehr gutes Vertragsangebot vorliegen hatte, dem er nicht zugestimmt hat, und der Verein bedingt durch die Kirchkrise nicht wusste, mit welchem Geld er planen konnte, mussten wir uns am Ende von ihm trennen, was ich persönlich sehr bedaure, weil ich ihn sowohl menschlich, als auch sportlich für einen sehr wertvollen Spieler halte. Bei Marcel Rath war es einfach so, dass der Trainer sportlich nicht mehr mit ihm geplant hat, das muss man einem Trainer, der zu diesem Zeitpunkt ja noch eine Perspektive im Verein hatte, auch zugestehen. Es ist sicherlich nicht ratsam, einen Spieler gegen den Willen des Cheftrainers weiterhin zu verpflichten, denn dann hat man sich den nächsten Konflikt bereits schon hausgemacht. Bei Zlatan war es so: Er wird zwar immer St.Paulianer sein, das hat man gestern wieder gemerkt (der verschuldete Elfer gegen Freiburg ist hier nicht gemeint!). Aber wir lagen einfach vom Gehalt her zu weit auseinander und er hat von Freiburg ein wesentlich besseres Angebot bekommen. Ich glaube, als er bei Freiburg unterschrieben hat, standen sie an siebter oder achter Stelle. Dass Freiburg am Ende mit uns absteigt, damit hat er wohl selber nicht gerechnet. Von daher ist das für mich sicherlich der sportlich schmerzhafteste Verlust. Bei Andre Trulsen hat der Trainer schon im vorherigen Jahr gesagt, dass das die letzte Saison für ihn wird, bei Henning Bürger hat er sich ebenfalls gegen ihn ausgesprochen und von daher muss man die Entscheidung des Trainers akzeptieren.
Aus diesen Situationen haben wir sicherlich auch eine Menge gelernt, wie man überhaupt aus dem letzten Jahr, das ja relativ schwierig war, eine Menge gelernt hat und das eine oder andere mal seine persönliche Überzeugung mehr hätte mit einfließen lassen müssen.
ÜS: Aber hat man da als Vizepräsident, bzw. Manager nicht mehr Einflussmöglichkeiten zu sagen, dass es nicht geht, den Kader so auszudünnen?
SB: Man hat da nur ganz bedingt Möglichkeiten, weil einfach das sportliche Konzept im Wesentlichen vom Trainer geprägt wird und sollte man sich in einem oder gleich mehreren Punkten gegen ihn stellen, macht es gar keinen Sinn mehr, mit ihm weiterzumachen, wenn die Wesentlichen Säulen gegen seinen Willen in die Mannschaft integriert werden, dann passt es einfach von Anfang an nicht.
ÜS: Wenn die sportliche von der wirtschaftlichen Kompetenz so klar abgegrenzt ist, wofür braucht man dann einen sportlichen Direktor?
SB: Die Vereinsführung war der Überzeugung, dass wir mit einem sportlichen Direktor auch mehr sportliche Kompetenz in den Verein bringen, um dadurch einen besseren und kompetenteren Abstimmungsprozess bei Personalentscheidungen zu haben. Das ist halt mehrheitlich so entschieden worden.
ÜS: War die Installation des Sportdirektors "das" negative Ereignis, mit dem das Verhältnis zu Christian Pothe und Reenald Koch zu bröckeln begann?
SB: Grundsätzlich ist ein Verhältnis im Verein angespannt, wenn sportlich überhaupt nichts zusammenläuft. In der Hinrunde der Bundesligasaison ist ja gar nichts zusammengelaufen, von daher existierte da schon eine gereizte Stimmung, was man aber auch niemandem vorwerfen kann. Die Verpflichtung von Franz Gerber ist sicherlich ein einschneidender Moment gewesen, da geht es aber nicht um die Person Franz Gerber und auch nicht um die Installierung eines Sportdirektors, denn das, es überrascht vielleicht einige, begrüße ich sogar sehr, wenn die Verantwortung auf mehrere Schultern verteilt wird. Die Art und Weise, wie diese Verpflichtung vonstatten gegangen ist, hat mir schon sehr missfallen, dass ich als Vizepräsident weder in Vorgesprächen, noch in Verhandlungen noch überhaupt in irgendetwas involviert worden bin, sondern innerhalb einer Woche die komplette Verpflichtung, von der vertraglichen Genehmigung im Präsidium bis über den Aufsichtsrat, abgeschlossen worden ist, ohne dass ich ausgenommen dieser Woche überhaupt in diesen Prozess eingeweiht worden bin. Das hat mich natürlich sehr gestört. Die Person Franz Gerber oder die Funktion des Sportdirektors aber überhaupt nicht. Wir kennen uns ja schon Jahre und er kann ja auch für diese Situation überhaupt nichts.
ÜS: Wie war Deine Zusammenarbeit mit dem alten Aufsichtsrat um Peter Benckendorff und Peter Paulick?
SB: Das war ein sachliches Miteinander!
ÜS: Und wenn wir mal ein wenig mehr ins Detail gehen?
SB: Dann würde ich immer noch dabei bleiben, dass es sehr sachlich war. Es bringt doch überhaupt nichts, da in irgendeiner Weise noch nachzutreten. Diese Ära ist jetzt Gott sei Dank abgeschlossen, wir haben jetzt zu einer sehr konstruktiven Zusammenarbeit gefunden und ich glaube es bringt wirklich niemandem was, wenn man da jetzt noch nachtritt.
ÜS: Kurz nach der Verpflichtung von Franz Gerber hat man in der Presse gelesen, dass Stephan Beutel nach Hannover wechselt, bzw. wechseln soll. Was war an den Gerüchten dran und woher hast Du es zuerst erfahren?
SB: Ich habe es auch aus den Medien erfahren, von Hannover 96 hat mich bis heute noch keiner angesprochen. Natürlich habe ich beruflichen Kontakt zu Hannover 96 sehr oft sogar persönlich mit Ricardo Moar, dessen Posten ich angeblich gekriegt hätte, mit dem ich eine sehr gute Verbindung habe, und auch schon in der Vorzeit mit Franz Gerber und Martin Kind, aber auf eine berufliche Tätigkeit bei Hannover 96 hat mich noch keiner angesprochen.
ÜS: Es heißt, dass Du ein Angebot von Eintracht Frankfurt vorliegen hast?
SB: Da ist die Sachlage etwas anders. Es ist zwar auch von den Medien etwas aufgebauscht worden, obwohl seit der Anfrage schon einige Wochen vergangen sind und ich dort im Moment nichts sehe.
ÜS: Hat sich seit der Umstrukturierung in Deiner Vertragslaufzeit etwas geändert oder hast Du immer noch die vertragliche Bindung bis Juni 2004?
SB: Nein, das ist korrekt. In den Medien hört sich das so an, als wenn mein Vertrag der einzige wäre, der bereits für die Regionalliga verlängert wurde. Es handelt sich hierbei um die Vertragslaufzeit, die schon seit drei Jahren im Vertrag steht und darin ist auch die Regionalliga mit abgebildet, wenn dies wirklich zum Tragen kommen sollte.
ÜS: Würdest Du ohne "Wenn und Aber" mit in die Regionalliga gehen, selbst wenn Frankfurt aufsteigen sollte und Dir monetäre Vorteile bietet?
SB: Das muss man erst mal sehen. In welcher wirtschaftlichen Lage ist der FC St. Pauli, welche personellen Strukturen kann sich der Verein noch leisten, da muss man erst mal ein Gesamtbild sehen. Ich stehe allerdings hundertprozentig hinter dem Verein und habe ihm viel zu verdanken., das ist gar keine Frage! Aber man muss auch nachher sehen, wie sich die wirtschaftlichen Verhältnisse darstellen, wenn es denn tatsächlich zu diesem Fall kommt, was wir ja alle nicht hoffen. Dann wird es auf allen Ebenen deutliche Einschnitte geben. Das haben wir so ja auch bereits immer wieder kommuniziert. Von daher muss man am Ende sehen, was für den Verein das Beste ist. Grundsätzlich kann ich mir den Gang mit in die Regionalliga absolut gut vorstellen.
ÜS: Egal ob das Angebot von Eintracht Frankfurt für Dich lukrativer ist?
SB: Die wirtschaftlichen Dinge sind da erst mal sekundär.
ÜS: Vor einiger Zeit gab es ja die Gerüchte um persönliche Bereicherungen am Marcao-Transfer Wie siehst Du es heute, wo einiges an Gras über die Sache gewachsen ist?
SB: Ich habe auch zwischenzeitlich gehört, dass man mir vorwirft, ich habe mich am Inceman-Transfer bereichert. Also diese ganzen Dinge gehören bei mir in den Bereich einer sehr hart geführten vereinspolitischen Auseinandersetzung, wo einfach unheimlich viele Dinge in die Medien lanciert worden sind. Denen kann man ja eigentlich nicht mal einen Vorwurf machen, die sind ja schließlich "gut" mit Informationen versorgt worden. Aber wenn an diesen ganzen Dingen auch nur irgendetwas dran gewesen wäre, wäre irgendetwas arbeitsrechtlich gegen mich passiert. Ich habe keine Abmahnung, es hat hier nie die Staatsanwaltschaft ermittelt und das war, das muss man einfach so sagen, sehr unklug von diesen Leuten, die das forciert haben, denn wenn ich an einer Stelle bestimmt nicht angreifbar bin, dann in meiner Seriosität. Fehler hat es immer gegeben, aber sicherlich keine unseriösen Handlungen oder Handlungen wider dem Vereinsinteresse. Weder bei Marcao, noch bei Inceman oder der Thomforde-Sache,... mir fällt gar nicht mehr alles ein!
ÜS: Der geplatzte Iyodo-Wechsel hat vor allem die Fans sehr irritiert, denn er ist ja ein sehr talentierter Stürmer, der sogar bei Schalke in der Profi-Mannschaft schon mitgespielt hat. War dieser Transfer überhaupt nicht zu realisieren?
SB: Die Geschichte wäre durchaus gegangen. Sie war damals vom Aufsichtsrat nicht gewollt. Da sind Gründe aufgeführt worden, dass die irgendwelche Vertretungsvollmachten nicht dargelegt haben und, und, und. Letztendlich ist der Spieler nicht gewollt gewesen und nicht genehmigt worden und dementsprechend nicht verpflichtet worden, was für mich im nachhinein immer noch sehr ärgerlich ist, weil ich ihn immer noch für einen guten, schnellen und offensiven Spieler halte.
ÜS: Wie kam Dein Erstkontakt zu Rolf Wegener zustande?
SB: Erstkontakt? Es hat ja nur zwei Kontakte gegeben. Der erste Kontakt war in Sachen Adamu. Da haben wir uns im Ruhrgebiet getroffen. Es waren der Berater von Adamu, Adamu selbst, Herr Wegener, Didi Demuth und ich dabei.
ÜS: Und der Zweitkontakt? Ab wann wusstest Du, dass Du mit einem Waffenhändler an einem Tisch sitzt?
SB: Das weiß ich bis heute nicht. Wenn man ihn fragt, ob er ein Waffenhändler ist, würde er es immer abstreiten.
ÜS: Hast Du ihn denn gefragt?
SB: Ja, ich habe ihn gefragt. Er hat mir gesagt, er hätte noch nie was mit illegalen Waffengeschäften gemacht. Es gab aus der Mannschaft heraus immer sehr viel Flachs über diesen Freund, der ja eigentlich nicht sein Berater war. Er hat ja niemals von uns Spesen oder Provisionszahlungen erhalten. Der hat ja mit dem FC St.. Pauli keinerlei Verbindung und eine private schon mal überhaupt nicht. Genauso, wie die Jungs im Flachs gesagt haben; "Yaku, Du bist nicht 21, sondern 29". Also diese Dinge darf man nie so bewerten. Aktuell wurde die Waffenhändlergeschichte im Rahmen der FDP-Affäre mit Möllemann. Da dachte man: "Oha, wenn sogar die seriösen Medien in dieses Thema einsteigen, dann könnte da was dran sein." Der zweite Kontakt war dann im Gespräch über Iyodo. Da war der Aufsichtsrat dabei, das Präsidium, das war aber auch noch vor der Möllemann-Veröffentlichung.
ÜS: Der alte Aufsichtsrat um Peter Benckendorff und Peter Paulick? Die saßen mit am Tisch und haben Dir daraus später einen Strick gedreht?
SB: Ja klar saßen die mit am Tisch.
ÜS: Ganz anderes Thema: Warum wurde Didi Demuth nach zwei Spieltagen entlassen?
SB: Der Grund, warum er entlassen wurde ist ja sehr einfach. Der Druck nach dem Abstieg aus der 1. Bundesliga und dem schlechten Saisonstart wurde zu groß, so dass wir einheitlich die Beurlaubung von Dietmar Demuth beschlossen haben. Dietmar Demuth spürte bereits während der gesamten Vorbereitung, dass er in der Vereinsführung kaum noch Rückendeckung hatte. Der damalige Präsident hatte damals eine Aussage getätigt, dass Dietmar Demuth alle 34 Spiele verlieren könnte, so dass im Grunde genommen der Trainer gar nicht ohne Gesichtsverlust entlassen werden konnte. Das hat letztendlich dazu geführt, dass sich bereits in der gesamten Rückrunde ein immenser Druck aufgebaut hat. Trotzdem hat man die Entscheidung getroffen, dass man mit ihm in die neue Saison geht. Dieser Druck hat sich dann nach dem Ahlen-Spiel entladen, bereits der Saisonstart in Frankfurt war nicht gut.
ÜS: Warum hat man nicht versucht, den Kader noch zu verstärken, statt den Trainer zu entlassen?
SB: Das habe ich ja eigentlich bereits gerade gesagt. Es war einfach vom Großteil des Präsidiums kein Vertrauen mehr da und dieses nicht mehr vorhandene Vertrauen ist auch der Mannschaft nicht verborgen geblieben. Letztlich war es auch für ihn am Ende wohl eher eine Befreiung.
ÜS: Nachdem Piepel den Trainerposten eigentlich nicht haben wollte, hätte man da nicht bereits intensiver mit Franz Gerber über eine Übergangslösung sprechen müssen?
SB: Franz Gerber hat ja bereits beim Amtsantritt gesagt, dass er nicht hierher gekommen ist, um Trainer zu werden. Und so hätte man ihm unterstellen können, dass er den Posten des Sportdirektors nur angenommen hat, weil die Trainerposition besetzt war. Er hat aber definitiv nicht aktiv an der Trainerentlassung mitgearbeitet und letztlich wollte er auch einfach nicht an diesem Entscheidungsprozeß mitwirken, um nicht im falschen Licht zu stehen.
ÜS: Machen wir mal einen kleinen Sprung und kommen zu den schwarzen Kassen. Wie lief diese Affäre aus Deiner Sicht ab?
SB: Also, ich habe davon auch nur wie alle anderen mitbekommen, dass es diesen Arbeitsgerichtsprozess oder dieses Verfahren im Rahmen der einstweiligen Verfügung gegeben hat und daraus resultierte dann irgendwann, dass es diese sogenannten schwarzen Kassen gegeben haben soll und dies auch alle wissen. Da war ich natürlich erst mal überrascht, weil wir kurz danach eine Lohnsteueraußenprüfung hatten und alle Mitarbeiter befragt haben. Das wurde in einen Topf geworfen, wie Schwarzgeld, fingierte Arbeitsverträge etc. und so. In den fünf Jahren, seitdem ich hier bin, hat noch nie einer im Lizenzspielbereich Schwarzgeld oder ähnliches erhalten.
ÜS: Das ist ja auch eher auf andere Dinge gemünzt worden, wie z.B. dass Arbeitsverträge für eine Person auf mehrere Personen verteilt wurde.
SB: Das kriegt man in dieser Form natürlich nicht mit, weil das ja Dinge sind, die im Jugend- und Amateurbereich stattgefunden haben. Da ist es nicht mal auszuschließen, dass solche Arbeitsverträge, in diesem Fall war es ja zum Glück nicht so, von mir mitunterschrieben wurden.
ÜS: Wer hat denn nun eigentlich Zeichnungsberechtigung für Arbeitsverträge?
SB: Für Arbeitsverträge ist nur das Präsidium zuständig. Es gibt sicherlich eine abgestufte Zeichnungsberechtigung für andere Dinge aber Arbeitsverträge unterschreibt generell nur das Präsidium.
ÜS: Inwieweit hatte Tatjana Groeteke Prokura gehabt?
SB: Sie durfte sehr vieles unterschreiben, Arbeitsverträge halt nicht.
ÜS: Wie konnte überhaupt das Arbeitsverhältnis zwischen Dir und Tatjana so schnell abkühlen?
SB: Das geht ja eigentlich in die Richtung, die ich vorhin schon angesprochen habe, dass es nicht ratsam ist, jetzt in irgendeiner Form nachzukarten. Ich glaube, da ist mittlerweile genug gesagt und geschrieben und genug Schaden angerichtet worden auf allen Seiten. Das Ergebnis ist sicherlich für alle Seiten unbefriedigend, von daher denke ich nicht, dass man dazu noch viel sagen sollte.
ÜS: Wodurch sind denn die Mobbingvorwürfe entstanden?
SB: Das muss man in einem größeren Zusammenhang sehen. Es ist für mich nahezu auszuschließen, dass hier auf der Geschäftsstelle irgendwer gemobbt hat oder gemobbt worden ist. Wir haben hier alle unter sehr hohem Druck zusammen gearbeitet. Und natürlich kann unter Druck auch mal das eine oder andere strengere Wort gefallen sein. Bei diesem Schreiben muss man dann auch mal sehen, zu welchem Zeitpunkt es veröffentlicht wurde und zum Zweiten kannten das Schreiben ganze drei Leute. Trotzdem fand man es am darauffolgenden Tag in der Presse. Das spricht doch für sich.
ÜS: Du hast Dich ja immer bewusst im Hintergrund gehalten. Ärgerst Du Dich nicht im Nachhinein darüber?
SB: Darüber muss ich noch nachdenken, ob es ein Fehler war, keine aktivere Medienpolitik zu betreiben, ich immer versucht habe, mich zurückzuhalten. Ich habe es immer so gesehen, dass wenn man vereinsinterne Dinge über die Medien austrägt, immer der Verein Schaden nimmt So habe ich mich wo immer es ging, zurückgehalten Wenn ich es anders gehandhabt hätte wäre wohl sicherlich einiges für mich einfacher gewesen.
ÜS: Kommen wir mal zu den aktuelleren Themen. Auch wenn wir jetzt 4 Punkte geholt haben muss man ja schon an die Regionalliga denken. Ist ein Etat von 2,3 Mio. Euro nicht sehr knapp bemessen, wenn man sieht, dass man dieses Jahr ebenfalls mit einem sehr niedrigen Etat gestartet ist und stark nachbessern musste?
SB: Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass man die Etatgröße nicht gleichsetzen darf mit dem sportlichen Erfolg, sondern wir müssen zurückfinden zu einer funktionierenden Basis hier im Verein und versuchen Unruhen und öffentliche Auseinandersetzungen zu vermeiden, dann kann man auch Erfolg haben mit einem bedeutend kleineren Etat. Da bin ich mir ganz sicher.
ÜS: Aber es musste ja noch ordentlich nachgerüstet werden, damit überhaupt noch genug Punkte zustande kommen können. Das widerspricht doch Deiner Aussage.
SB: Das ist ja in Gänze nicht so gelaufen, wie wir uns das gewünscht haben. Man wollte ja kontinuierlich mit einem Trainer arbeiten und sich kontinuierlich verstärken. Sicherlich hatte man noch die eine oder andere Ergänzung für die Winterpause eingeplant, aber natürlich nicht in diesem Umfang. Die Verpflichtungen in der Winterpause waren sicherlich eine Reaktion auf die neun Punkte. Der Verein ist ein hohes wirtschaftliches Risiko eingegangen, um überhaupt noch was rauszuholen. Wir hätten auch gern mit einem zum Saisonbeginn zusammengestellten Kader durchgespielt. Aber der Start verlief ja bereits so schlecht mit einem Trainerwechsel, der für ein kontinuierliches Arbeiten nicht förderlich war.
ÜS: Wie sieht denn jetzt Dein neues Aufgabengebiet in der neuen Vereinsstruktur aus?
SB: Das Aufgabengebiet hat sich eigentlich nicht viel verändert. Also ich übernehme jetzt einige repräsentative Aufgaben weniger, weil dies das Präsidium macht. Ich trage das Konzept ja voll inhaltlich mit, habe es ja sogar mitentwickelt. Ansonsten bleiben meine Kernaufgaben die Abwicklung des administrativen Bereiches, vor allem das Vertragswesen.
ÜS: Wie sieht es um den Fortbestand des Jugendleistungszentrums am Brummerskamp aus?
SB: Das ist ja bereits zum größten Teil bezahlt. Also warum sollte es zur Disposition stehen? Der Unterhalt ist ja schließlich nicht so hoch, dass wir ihn in der Regionalliga nicht tragen können.
ÜS: Das Trainingsgelände an der Kollaustraße soll ja komplett gekauft werden. Wie sieht da der letzte Stand aus?
SB: Unsere wirtschaftlichen Möglichkeiten reichen in dieser Situation einfach nicht aus, das Gelände zu kaufen, aber die Trainingsplätze werden dem Verein auch weiterhin erhalten bleiben.
ÜS: Und nun zu unserem Evergreen. Wann kommt das neue Stadion?
SB: Wenn wir den Begriff "irgendwann" ganz weit auslegen, bin ich mir sicher, dass das Stadion kommt, weil der FC St. Pauli ohne ein neues Stadion mittel- oder langfristig nun wirklich nicht mehr leben kann, was die Genehmigung für den Spielbetrieb angeht. Von der Liebe der Fans her könnte das Stadion wohl noch 100 Jahre so bestehen bleiben. Wir sind aber sicherlich nicht so vermessen, zu sagen, wann es kommt, zumal die nationale Nichtnominierung Hamburgs für die olympischen Spiele ein weiterer herber Rückschlag darstellt.
ÜS: Wer kümmert sich denn zur Zeit um das Stadionprojekt?
SB: Das Präsidium in Gänze plus Frank Fechner.
ÜS: Wie sieht Dein Alltag in der jetzigen Situation aus, wo Du für zwei Ligen planen musst? Wo setzt Du Prioritäten?
SB: Die Aufgabenverteilung tendiert mehr Richtung Regionalliga. Das hat allerdings weniger mit der sportlichen Gewichtung zu tun, sondern dass wir bei Klassenerhalt den Kern der Mannschaft halten können, die nur punktuell ergänzt werden muss. Das hat also gar nichts damit zu tun, wie ich die Chancen sportlich bewerte, sondern nur mit den Gegebenheiten.
ÜS: Würde man im Abstiegsfall aus wirtschaftlichen Gründen Prioritäten auf St.Pauli (A) setzen?
SB: Natürlich werden die wichtigen Spieler der Oberligamannschaft in die Regionalligaplanung mit aufgenommen, aber auch wichtige Jugendspieler wie Kacan, Hinzmann, Ansorge, Dogan, etc. und natürlich Boll. Einige Spieler werden wir noch von außen holen, aber wie gesagt, der Kern besteht aus dem Jugend- und Amateur-Kader.
ÜS: Hast Du schon Gespräche geführt, wer aus dem jetzigen Profi-Kader den Verein mit in die Regionalliga begleiten wird?
SB: Wir haben die ersten Gespräche mit einigen Spielern geführt, ob die Regionalliga in deren Karriereplanung mit hineinpasst und haben hauptsächlich positive Resonanzen aufgenommen, dass sie sich das vorstellen können. Die zweite Runde wird dann jedoch interessanter, ob sie auch die Gehaltseinbußen akzeptieren.
ÜS: Wie dicht bist Du eigentlich noch an der Mannschaft dran?
SB: Ich bin nicht mehr sehr nahe an der Mannschaft dran, auch ganz bewusst nicht, obwohl mich Franz Gerber schon öfter darum gebeten hat. Aber ich wollte ganz bewusst nicht die Unruhen, die es um meine Person gegeben hat in die Mannschaft hineintragen. Ich habe natürlich nach wie vor gute Kontakte zu den Spielern und auch zum Trainergespann. Was sie hundertprozentig haben, ist meine vollste Unterstützung im administrativen und planerischen Bereich. Wenn hier wieder etwas mehr Ruhe einkehrt, spricht auch nichts mehr dagegen, wieder dichter an die Mannschaft zu rücken.
ÜS: Wo liegen jetzt im Gegensatz zu Dir die primären Aufgabengebiete von Franz Gerber?
SB: Franz Gerber ist natürlich dafür zuständig, die Mannschaft zu trainieren, aufzustellen, potentielle Neuzugänge zu sichten und soll nach Möglichkeit seine hervorragenden Kontakte im Profifußball mit einbringen. Die Vertragsverhandlungen und die Abschlüsse führe dann wieder ich.
ÜS: Hat sich die Verbreitung von Vereinsinterna in letzter Zeit merklich reduziert?
SB: Die meisten Indiskretionen waren ja meistens im Zusammenhang mit den vereinsinternen Auseinandersetzungen zu sehen. Da es jetzt ja schon wesentlich ruhiger im Verein geworden ist, ist damit auch diese Unsitte zurückgegangen.
ÜS: Wie gehst Du mit Angriffen auf Deine Privatperson um, wie zum Beispiel bei der Autoaffäre?
SB: Das sind natürlich Dinge, die mich unheimlich ärgern. Gerade diese Geschichte ist ja so was von perfide abgelaufen. Da kommt man zu einem Punkt, wo einem eigentlich schon gar nichts mehr wundert. Das ist halt eine Form der Auseinandersetzung, die ich überhaupt nicht mag. Mit der Familie bespricht man so was natürlich auch ausführlich, zum Glück leben wir relativ zurückgezogen, so dass wir damit ganz gut leben können.
ÜS: Wie beurteilst Du, das Fans Deine Entlassung im Forum verlangt haben?
SB: Damit muss man einfach umgehen können. Ich glaube, da wird einiges an Meinung ganz bewusst gesteuert. Wenn sich da nun "Schneewurst", "Jim", oder wie sie auch immer heißen mögen, melden, registriert man das, liest es sich durch aber man muss ja für sich selber beurteilen, ob man den richtigen Weg geht. Aber es gibt ja auch sehr viele positive Dinge, wo man von Fans angerufen und aufgemuntert wird. Das bleibt dann schon eher in Erinnerung, als dass irgend ein Jimmy oder so meine Entlassung fordert.
ÜS: Glaubst Du denn, dass es jetzt im Verein auch ruhig bleibt, wenn es bis zum Saisonende keinen Erfolg mehr geben wird?
SB: Ich hoffe, dass alle Beteiligten daraus gelernt haben. Im jetzigen Präsidium und Aufsichtsrat herrscht schon ein immenses Vertrauen. Und wenn erst mal Vertrauen herrscht, wird es schwierig, eine Lücke zu finden, in der man Unruhe säen kann. Und von daher hoffe ich, dass wir Ruhe und Diskretion auch bewahren, wenn sich der Erfolg nicht einstellt.
ÜS: So, das war es denn auch schon, bis auf die Fotosession!!!
SB: Ach fotografiert lieber diese Herren (unsere Vizepräsidenten), die sind doch viel attraktiver als ich!
ÜS: Vielen Dank noch mal, dass Du Dir die Zeit genommen hast.
SB: Dafür nicht!
MF & Ra.
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