Eine Frage
von Sachlichkeit
und Höflichkeit

Das Interview mit Tatjana Groeteke

Erstmals äußert sich St. Paulis ehemalige Geschäftsführerin ausführlich zu den Vorwürfen gegen sie und zu internen Vorgängen im Verein

Tatjana, wie ist dein momentaner Gemütszustand?
Halbwegs in Ordnung. Das alles hat mich ziemlich wütend gestimmt, und es ist persönlich ziemlich unangenehm.

Nimmst du noch am Vereinsgeschehen teil?
Selbstverständlich, dem Verein grolle ich nicht, nur einzelnen Personen. Ich habe über die Jahre viele Freunde im Verein gewonnen und treffe mich auch mit Kollegen oder war auch letzte Woche zu einem Gespräch beim Ehrenrat. Dort sieht man die Dinge durchaus differenziert.

Wie waren ansonsten nach deiner Beurlaubung/Entlassung die Reaktionen von Leuten aus dem Umfeld des Vereins?
Die Leute, mit denen ich auch persönlich Kontakt habe, waren ziemlich schockiert. Viele Kollegen auch.

War es für dich denn auch eine Überraschung?
Eine große, vor allem da weder Herr Littmann noch Stephan Beutel zuvor das Gespräch mit mir gesucht haben. Mit Herrn Littmann hat es kein einziges Gespräch gegeben. Den einzigen Hinweis gab es von Jost Münster einige Wochen vor diesen Ereignissen, der in der Geschäftsstelle kundgetan hat, dass der Verein dringend einen neuen Geschäftsführer bräuchte.

Hattet ihr Probleme miteinander?
Wenn, hatte er Probleme mit mir, weil der Verein nicht mehr mit der Schwester seines Geschäftspartners als Buchhalterin zusammenarbeiten wollte, die auf seine Empfehlung damit beauftragt worden war - aus fachlichen Gründen, nicht wie er meinte aus persönlichen.
Kannst du dir selbst auch eine Mitschuld an der Vereinssituation anlasten? Stichworte: schwarze Kassen, Scheinverträge.
Wenn man da überhaupt von Schuld sprechen will, dann würde diese Schuld alle Verantwortlichen treffen und nicht alleine mich. Selbstverständlich ist das alte Präsidium über alle Vorgänge im Verein informiert gewesen. Alles andere wäre auch nicht vorstellbar. Als Geschäftsführerin war ich gar nicht berechtigt, Arbeitsverträge oder überhaupt Verträge abzuschließen. Das darf nur das Präsidium.

Was wird Dir eigentlich vorgeworfen?
In der Pressekonferenz und dem ersten Kündigungsschreiben war die Rede von Betrug und Untreue. In der zweiten fristlosen Kündigung war es dann der Umstand, dass in der Buchhaltung ein Umschlag mit 710 Euro lag und der Vertrag mit dem Schwiegervater von Dirk Zander. Auf der Präsidiumssitzung am 19.12. wurde allerdings meine sowie Christian Pothes fristlose Kündigung, unsere sofortige Beurlaubung sowie das Hausverbot mit dem wir belegt wurden, von Herrn Littmann mit Verletzung der Geheimhaltungspflicht begründet. Das war dann später nicht mehr der Fall. Näher begründet hat Herr Littmann das allerdings nicht, weil er die Meinung vertrat, dass es genügt, wenn der Präsident diese Gründe kenne. Ich glaube, hier wurden nur Vorwände gesucht. Ziel war es, mich loszuwerden, auf welche Weise auch immer.

Worauf beruhte denn dieser Vorwurf des Geheimnisverrats?
Der ist nie begründet worden.

Fühlst Du dich für diese Dinge nicht verantwortlich?
Wie schon gesagt, sind für diese Vorgänge dann alle, also auch das Präsidium, verantwortlich. Mir wurde ja keine persönliche Bereicherung vorgeworfen. Das haben Herr Littmann und Stephan Beutel dem Betriebsrat auch mitgeteilt. Bezüglich der Arbeitsverträge kann ich noch hinzufügen, dass wie folgt verfahren wurde: Ich habe mit den meisten Angestellten die Gespräche geführt und die Ergebnisse dann ans Präsidium weitergegeben. So war das auch im Fall Dirk Zander: Auf seinen Wunsch habe ich für das Präsidium eine Vorlage erarbeitet, das sein Gehalt über zwei Steuerkarten laufen soll. Das hing mit Unterhaltszahlungen an seine Frau zusammen. Deswegen wollte er möglichst wenig Geld verdienen.

Von diesen Dingen wussten also auch Koch, Pothe und Beutel? Reenald Koch zumindest dementiert lt. Presse eine Mitwisserschaft.
Da ich bei allen Präsidiumssitzungen anwesend war, weiß ich, dass sie von diesen Dingen wussten. Außerdem hat Reenald Koch dies meines Wissens nicht dementiert. In Kochs Stellungnahme an das Präsidium hat er darum gebeten, zunächst einmal die Präsidiumsunterlagen einsehen zu dürfen, damit er einen Überblick bekommt, bevor er sich dazu äußert. Da die Präsidiumsunterlagen ja jetzt alle verschwunden sind.

...Es soll ja einen Einbruch in der Geschäftstelle gegeben haben, bei dem die Protokolle abhanden gekommen sein sollen.
Das kann gar nicht bei diesem Einbruch passiert sein, weil die Unterlagen gar nicht in meinem Büro waren. Die waren in einem anderen Büro im anderen Teil der Geschäftsstelle, wo gar nicht eingebrochen wurde.

Aber so wurde es nach Außen verkauft!
Das ist dann wohl gelogen! Allerdings sind die Protokolle inzwischen auch aus diesem Büro verschwunden. Aber aus dem Büro von Stephan Beutel sind ja offenbar auch vier Ordner mit Protokollen abhanden gekommen.

Einbruch ist die eine Sache. Aber dann gibt es da noch die Geschichte mit dem Abhören via Wanzen und illegalem Zugriff auf Rechner in der Geschäftsstelle. Ist das jetzt eine ernsthafte Option?
Die Vermutung hat natürlich nur zum einen damit zu tun, dass sehr viele Informationen nach draußen gegangen sind. Außerdem gab es konkrete Hinweise. Mit ein bisschen Fachwissen konnte man von außen alle internen Daten und Dokumente auf den Rechnern der Geschäftsstelle per Internet einsehen und abrufen. Beweise hierfür gab es nicht, sonst wäre ja auch Anzeige erstattet worden. Was mögliche Wanzen angeht, wurden beide Teile der Geschäftsstelle gecheckt und man hat im Brux/Groeteke/Mrsoko-Trakt UKW-Frequenzen gemessen (im Rest der Geschäftsstelle nicht), die man feststellen kann, wenn irgendwo Abhörgeräte von hoher Qualität installiert sind. Um die zu suchen, hätte man allerdings den Bürocontainer für 5.000,- Euro auseinander bauen müssen. Das schien uns die Angelegenheit allerdings nicht wert. Aber dass diese Möglichkeit überhaupt besteht, hat mich schon sehr erschrocken.

Dein Ziel ist Wiedereinstellung? Wie soll das in der täglichen Arbeit mit Leuten zusammen funktionieren, die dich jetzt raus haben wollen?
Die Vorraussetzungen dafür müssten ja die schaffen, die diese Situation zu verantworten haben. Das ist eine Frage von Sachlichkeit und Höflichkeit.

Glaubst du, dass Corny Littmann irgendwie instrumentalisiert wird? Oder ist er da schon länger in ein Szenario eingebunden?
Es scheint mir zumindest nicht unwahrscheinlich, dass er seit geraumer Zeit eingebunden ist. Dafür sprächen auch seine länger währenden Kontakte zu Frank Fechner (Anm. d. Red.: Ex-Stadionkoordinator) und dem Architektenbüro Czerner (waren mit der Planung des Stadionvorplatzes betraut).

Du hast Frank Fechner erwähnt. Warum ist der damals entlassen worden?
Fechner sollte die Termine und Sitzungen koordinieren, hat dann aber bei einer Sitzung mit dem Präsidium, dem Aufsichtsrat, den Kassenprüfern, Herrn Linzmair und meiner Person, Christian Pothe und Markus Linzmair aufs schärfste angegriffen, ihnen Unseriösität vorgeworfen. So etwas sollte man als Angestellter selbstverständlich nur intern mit den Geschäftsführern (Anm. d. Red.: Christian Pothe und Stephan Beutel) diskutieren. Wenn man einen seiner Vorgesetzten so angreift, ist eine Zusammenarbeit eigentlich nicht mehr möglich. Hier ging es vor allem um die Art der Stadionfinanzierung.

Ist eine Kritik an solchen Finanzplänen nicht völlig legitim?
Kritik konnte man das schon nicht mehr nennen. Er hat die beiden schon fast in eine kriminelle Ecke gerückt - wie gesagt, wenn man Kritik üben will, dann persönlich und nicht vor Dritten. Weil ich sein Verhalten ungewöhnlich fand, habe ich ihn hinterher darauf angesprochen. Er hat mir dann erzählt, dass er dazu aufgefordert worden sei - und zwar von Stephan Beutel. Ich würde schon sehen, dass er damit richtig liegt. Dass man ihm allerdings meinen Job versprochen hat, hätte er mir da auch ruhig schon verraten können.

Welche Interessen werden nach deinem Ermessen denn verfolgt?
Das ist sehr schwer zu durchschauen. Sicherlich spielen wirtschaftliche Machtinteressen und Profilneurosen eine große Rolle.

Mit welchem Ereignis, denkst du, begann das ganz große Vereins-Desaster? War Gerbers Einstellung so eine Art Initialzündung, dass es im Club drunter und drüber ging? Stichwort auch: Kompetenzbeschneidung Beutel.
Das hat sicherlich die Stimmung innerhalb des Präsidiums, die aber auch schon vorher gelitten hatte, deutlich verschlechtert. Aber die Einstellung Gerbers war mit Sicherheit nicht die Ursache.
Was waren denn die Querelen, die es vorher auch schon gab? Und wie sind diese entstanden?
Nach den Präsidiumswahlen im Herbst 2000 hat sich Stephan Beutel zunächst gesträubt, mit Christian Pothe zusammenzuarbeiten, weil er im Präsidium nichts zu suchen hätte. Im Frühjahr 2001 hat Beutel mir dann mitgeteilt, dass alle relevanten Präsidiumssitzungen ohne mich stattfinden würden. Ich habe daraufhin mit Reenald Koch gesprochen, der sich über dieses Verhalten von Beutel sehr geärgert hat. Danach kam es zu einem ersten ernsthaften Gespräch zwischen Koch und Beutel, weil Stephan Beutel versucht hatte, uns auseinander zu dividieren. In der Folge ist es aufgrund ähnlicher Vorkommnisse dann auch zu weiteren Gesprächen zwischen dem Präsidenten und Stephan Beutel gekommen.

Welche Rolle spielte bei der ganzen Geschichte die Hamburger Presse? Und wer füttert die ständig mit exklusiven Infos? Und warum hat sich BILD auf Stephan Beutel eingeschossen und die taz auf seine "Kontrahenten"?
Erstaunlich ist in diesem Zusammenhang, dass sich taz und BILD in gewissen Dingen kaum noch unterscheiden. Da wird stilistisch und was die Recherche angeht mit ähnlichen Mitteln gearbeitet. Welche Beweggründe einzelne Journalisten haben, sich auf die eine oder andere Seite zu stellen, sollte man sie selbst fragen. Dass fast täglich aus der einen oder anderen Richtung Informationen an die Presse gelangen, hat meiner Ansicht nach in erster Linie mit dem Zustand des Vereins zu tun. Die Presse zum Buhmann zu stempeln, bringt überhaupt nichts. Ich hatte schon direkt nach der letzten Mitgliederversammlung gesagt, dass es jetzt darauf ankommt, dass der neue AR einen Präsidentschaftskandidaten benennt, der den Verein wieder eint und nicht weiter spaltet. Das ist dem AR leider nicht gelungen.

Meinst du die Qualitäten der Mitglieder des AR jetzt schon beurteilen zu können? Da sind ja auch einige neue Leute drin.
Sicherlich nur zum Teil. Erstaunlicherweise sind da allerdings auch neu Gewählte drin, die sich über Vor-gänge äußern, die sich abgespielt haben, als sie noch gar nicht gewählt waren.

Wen meinst du speziell?
Zum Beispiel Tay Eich (Anm. d. Red.: stellv. AR-Vorsitzender), gegen den ich eine Unterlassungsklage angestrengt habe (wie übrigens auch gegen den AR-Vorsitzenden Jost Münster), aufgrund von Vorwürfen, die er über mich geäußert hat. Eich und Münster haben in einem Schriftstück behauptet, dass ich die Bilanz des Vereins und eine Aktennotiz aus der Buchhaltung an die Presse weitergegeben hätte, ohne das belegen zu können. Schon erstaunlich.

Warum wurden aus ehemaligen AGIM-Mitstreitern deine schärfsten Kritiker und warum aus ehemaligen "Gegnern" Unterstützer?
Mit Christian Pothe bspw. habe ich ja schon zu alten AR-Zeiten gut zusammen gearbeitet, was z.B. Uwe Doll und Holger Scharf schon damals nicht gepasst hat. Bis heute habe ich keine negativen Erfahrungen mit ihm gemacht - sehen wir mal von seinem überraschenden Rücktritt aus dem alten AR ab. Das heißt nicht, dass ich mit Christian Pothe immer einer Meinung bin - das ist beileibe nicht so. Was gewisse Differenzen mit Uwe und Holger anbelangt, so sind diese nicht ganz neu. Beide haben seit jeher den Anspruch, dass sie umfänglich über alle Vorgänge aus dem AR und später aus dem Präsidium informiert werden müssen. Ich vertrete allerdings die Ansicht, dass man als AR-Mitglied wie auch als Geschäftsführerin auch der AGIM gegenüber einer Geheimhaltungspflicht unterliegt.

Bereust du den Schritt, beim FC als Geschäftsführerin angefangen zu haben? Hättest du etwas anders gemacht? Was hast du nach eigenem Ermessen positiv bewegen können?
Nein! Diesen Schritt bereue ich nicht, und ich hätte auch nichts anders gemacht. Das heißt: Ich hätte mir möglicherweise einige Dinge schriftlich zusichern lassen. Meines Erachtens habe ich vieles positiv bewegen können - insbesondere, was die Finanzen angeht. Z.B. den Sparetat, den Koch und ich gemeinsam aufgestellt haben, nachdem der Etatentwurf ein Minus von 1,7 Millionen Mark aufgewiesen hat. Ich habe federführend die Renovierungsarbeiten an der Kollaustraße vorgenommen, das Millerntorstadion nach dem Aufstieg in einen halbwegs bundesligatauglichen Zustand bringen lassen und nicht zuletzt eigenverantwortlich die Planung, Finanzierung und Erbauung des Nachwuchs-Leistungszentrums am Brummerskamp vorgenommen. Ich denke das kann sich unterm Strich mehr als sehen lassen.

Kritiker sagen ja, dass die finanzielle Konsolidierung in erster Linie mit dem Aufstieg in die 1. Liga zusammenhängt und sich dies darum niemand ans Revers heften dürfe.
Das hat sicher eine große Rolle gespielt, aber den Anfang haben wir ja gemacht, als wir mit dem Spar-Etat erstmals nicht mehr Geld ausgegebaen haben, als wir hatten. Das ist das Entscheidende.

Hat dich dein Job verändert? Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang an die Diskussion im CCH, als ein Übersteiger-Redakteur eine Resolution gegen die Übergriffe der Polizei gegenüber St.Pauli-Fans von der Versammlung verabschieden lassen wollte. Du hast vehement dagegen gesprochen. Ich behaupte: Das hättest du vor vielleicht drei Jahren noch nicht getan.
Das hat einfach etwas mit Erfahrungswerten zu tun. Als Geschäftsführerin des Vereins arbeitet man natürlich auch sehr viel mit der Polizei zusammen und weiß, dass so ein Beschluss Folgen für die Zusammenarbeit hat. Das hat auch nichts mit meiner persönlichen Meinung zu tun. Die muss man bei so einem Job zurückstellen.

Hat der AR, unabhängig von den Personen, die dort agieren, eine zu große Macht im Verein? Du hast ja damals mit dafür gesorgt, dass es den AR überhaupt gibt.
Grundsätzlich ist es richtig, dass ein AR das Präsidium kontrollieren muss. Wobei im ersten AR unter Apel bei St. Pauli die Kontrolle ja noch nicht so groß geschrieben wurde. Das hängt in erster Linie damit zusammen, aus was für Leuten der AR sich zusammensetzt und wie groß die Anzahl der Profilneurotiker ist, die ein solches Gremium verkraften kann. Eines muss man feststellen - egal ob unter Hans Apel, Tatjana Groeteke, Peter Benckendorff oder wem auch immer, beim FC St. Pauli war der AR immer sehr geräuschvoll.

Wie ist deine Erinnerung: Hat sich Hauptsponsor Securvita über die Maßen in das Tagesgeschäft eingemischt? Wenn ja, vielleicht ein paar Beispiele.
Ins Tagesgeschäft kann man nicht sagen. Er hat sich meines Erachtens erheblich in den Wahlkampf vor der Mitgliederversammlung eingemischt, indem er unter Anwesenheit auch anderer Personen mitteilte, dass der Präsident (Anm. d. Red.: Gemeint ist Koch; man verliert ja glatt den Überblick) weg müsse. Das darf sich ein Hauptsponsor eigentlich nicht anmaßen. Wo von Seiten des Hauptsponsors massiv versucht wurde einzugreifen, war die Stadion- und Vorplatzbebauung. Dagegen hat sich der Verein allerdings verwahrt.

Das Firmengeflecht zumindest ist für Außenstehende schwer durchschaubar. Und auch, wer die finanziellen Vorteile hat. Kannst du ein wenig Licht ins Dunkel der Verflechtungen zwischen Vermarktungs KG, Upsolut, FC St. Pauli und Stadionbetriebsgesellschaft geben?
Ich persönlich finde es gar nicht so unübersichtlich. Wenn man das genau erklärt, ist das für jeden gut nachvollziehbar. Ich glaube es herrscht hier einfach ein tiefes Misstrauen, dass sich jemand Vorteile verschaffen könnte. Das "Geflecht" FC St. Pauli ist konzipiert wie eine ganz gewöhnliche Holding, bei der der FC St. Pauli über allen Gesellschaften steht. Auch bei der Vermarktung ist es einfach: Der Verein und die Upsolut haben am 20. 10. 2000 gemeinsam die FC St. Pauli Vermarktungs GmbH & Co. KG gegründet, die Heinz Weisener die Lizenz- und Nutzungsrechte abgekauft und in das gemeinsame Unternehmen eingebracht hat. Der FC St. Pauli und die Vermarktung sind beide zu exakt 50 Prozent an dieser Gesellschaft beteiligt, die eigentlich genauso arbeitet wie die Marketing GmbH, indem sie die Werberechte vermarktet, Sponsoringverträge abschließt und, und, und... Der Verein bekommt, wie auch zu Heinz Weiseners Zeiten, 25 Prozent der Umsatzerlöse. Aus dem Gewinn werden zur Zeit noch die Darlehen (je 2,6 Mio. DM) beglichen, die der Verein und die Upsolut zum Aufkauf der Marketingrechte geleistet haben - immer fifty fifty. Wenn jeder seine 2,6 Millionen zurück hat, tritt ein neuer Vertrag in Kraft.
Der neue Vertrag, der ab 2006 gültig ist, soll den Club ja sogar noch schlechter stellen als jetzt. Stimmt das?
Nein, das ist Quatsch! Die dann gültige 70/30-Regelung (70 % für den Verein) stellt den Verein besser. Er muss bei dieser Regelung auch nicht, wie gelegentlich behauptet, die Personal- und anderen Kosten der Vermarktung tragen. Die Lizenzerlöse errechnen sich nur anders: Jetzt bekommt der Verein 25 Prozent der Umsatzerlöse, d.h. vor Abzug der Kosten. Wenn der neue Vertrag in Kraft tritt, bekommt der Verein 70 Prozent der Umsatzerlöse, aber nach Abrechnung der zurechenbaren Kosten. Der Gewinn wird wie gehabt geteilt.

Zum Sportlichen: Ein paar Worte zur jetzigen Situation.
Dass man als Absteiger so dasteht, wie wir jetzt, das darf eigentlich nicht passieren. Wir dürfen uns meines Erachtens auch nicht mit Ulm oder Unterhaching vergleichen. Die sind aus der Regionalliga gekommen, haben einen Durchmarsch gemacht und sind dann dort wieder gelandet, wo sie hergekommen sind. Aber St. Pauli ist ein klassischer Zweitligaverein, der in der Regionalliga nichts zu suchen hat. Das ist meiner Meinung nach auch nicht nur Pech, sondern es sind eklatante Fehler von der sportlichen Leitung gemacht worden. Letztlich ist aber das Präsidium dafür verantwortlich, weil es sich zu lange auf die sportlich Verantwortlichen verlassen hat ohne einzugreifen.

War dies mit ein Grund, warum Reenald Koch seinen Hut genommen hat?
Ich glaube, das waren sowohl berufliche, wie auch private Gründe. Das ganze Theater um seine Person hat sicher auch erhebliche Auswirkungen auf sein Privatleben gehabt. Dass diese Entscheidung bei mir nicht auf Begeisterung gestoßen ist, kann man sich denken. Aber man muss das akzeptieren.

Wie erklärst du dir, dass auch Stephan Beutel kürzlich für die Verlängerung deines Vertrages als Geschäftsführerin gestimmt hat - trotz der "angespannten Situation" zwischen euch?
Ja, die Entscheidung war tatsächlich einstimmig. Seine Worte zur Zustimmung waren sinngemäß, dass man für mich ja wohl gleich zwei Leute neu einstellen müsste und selbst dann hätte er noch Zweifel, dass die das schaffen würden. Aber was den Sinneswandel angeht, solltet ihr besser ihn befragen.

Thema Mobbing: Es gibt ein Schreiben von dir an das Präsidium, in dem du dich über das Verhalten von Stephan Beutel dir gegenüber massiv beschwerst. Das ist dann an die BILD gelangt.
Das Schreiben datiert von vor der 1. Mitgliederversammlung. Es gab in den letzten zwei Jahren einige Vorgänge und Vorfälle mit Stephan Beutel, die aus meiner Sicht nicht akzeptabel waren. Ich bin da lange sehr sportlich mit umgegangen. Das klärt man dann mal unter vier Augen. Nachdem er mir dann explizit gedroht hatte, habe ich die anderen Präsidiumsmitglieder eingeschaltet. Da war eindeutig eine Grenze überschritten.

Inwiefern bedroht?
Stephan Beutel hat mir mitgeteilt, dass das, was er in den letzten Monaten selbst erlebt habe, nicht mit dem zu vergleichen sei, was in den kommenden Monaten auf mich zukommen würde.

Und wer kann die Notiz an die Presse weitergegeben haben?
Keine Ahnung. Aber insgesamt hatten nur vier Personen dieses Schreiben: Das Präsidium und natürlich ich. Ich kann lediglich versichern, dass ich es nicht an die Presse gegeben habe.

Es gab in den Auseinandersetzungen immer wieder unbewiesene oder zumindest zweifelhafte Behauptungen über Protagonisten des Streits, bei denen man den Eindruck gewann, da soll nur jeweils jemand diskreditiert werden. Beispiele: Demuth und Beutel hätten am Marcao-Transfer finanziell partizipiert, Beutel hätte davon gewusst, mit einem Waffenhändler zu verhandeln oder der Vorwurf an Paulick, er hätte gegenüber dem Verein Dinge abgerechnet, die er nicht hätte abrechnen dürfen. War das nicht immer nur ein Vehikel?
Der Reihe nach. Der Vorwurf, dass Demuth und Beutel bei dem Marcao-Transfer mitkassiert haben, stammt laut Medienvertretern von einem Berater. Entgegen den Beschuldigungen von Stephan Beutel auf der MV, führende Funktionsträger des FC St. Pauli hätten dieses Gerücht aufgebracht, um ihn und den Trainer zu diskreditieren. Eindeutig belogen hat er die Mitgliederversammlung in Bezug auf Herrn Wegener. Es war ihm durchaus bekannt, dass der in Waffengeschäfte verstrickt sein soll. Davon wussten auch ich, 2-3 Mitglieder des AR, der Trainer und das Präsidium. Ich selbst war bei zwei Telefonaten zwischen Wegener und Beutel, die auf Lautsprecher gestellt waren, dabei, wie auch Demuth. Die Paulick-Sache war eine groß angelegte Kampagne. Dass er sich bereichert haben soll, ist meines Erachtens überhaupt nicht der Fall. Man kann sicher hinterfragen, ob es richtig ist, dass Peter Paulick so viele Funktionen bekleidet hat. Aber bevor man irgendetwas behauptet, sollte man erst einmal Beweise auf den Tisch legen. Das gilt natürlich gleichermaßen für die Behauptungen über Dietmar Demuth, Stephan Beutel und alle anderen.

Hat die Liebe zum Club in den letzten Wochen und Monaten arg gelitten?
Da möchte ich sinngemäß mit Nick Hornby antworten: Man kann zwar seinen Partner wechseln, aber seinen Fußballverein nicht. Das gilt auch für mich und den FC St. Pauli.

Tatjana, vielen Dank für das Gespräch

ro.

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