Corny Littmann über
Schwarze Kassen und
Braun-Weisse Demoblöcke

"Es ist keine Sekunde erträglich"

   Er war 1980 Bundestagskandidat für die Grünen, in seiner Sturm- und Drang-Zeit zertrümmerte er schon mal Spiegel und ließ so den Hamburger Staatsschutz, der gerade die Gay-Szene überwachte, ziemlich dumm aussehen. Mittlerweile kann sich Littmann mit zweifelhafteren Titeln wie "Hamburger Unternehmer des Jahres" schmücken, er gilt als kluger Taktiker, Macher, analytischer Geschäftsmann. Littmann betreibt die beiden Kieztheater "Schmidts Tivoli" und "Schmidts", seine Ensemble spielen regelmäßig vor ausverkauftem Haus. "Corny" wohnt nur einen Steinwurf von Reeperbahn und Millerntor enfernt, man sieht ihn des öfteren, auch bei offiziellen Anlässen, mit Totenkopf-Basecap auftreten, er äußert sich mitunter deutlich zu lokal- und allgemein-politischen Themen. Also eigentlich genau der richtige Präsident für den FC? Sein Einstand war auf jeden Fall eines: Aufsehen erregend. Er hat rasch gehandelt, gab den Aufklärer und -räumer, schreckte auch nicht vor der Entlassung von Geschäftsführerin Tatjana Groeteke zurück, betonte aber immer mit Augenmaß zu handeln. Trotzdem sind die Meinungen über den Neuen an der Spitze des Vereines nicht ungeteilt. Geistige Tiefflüge wie einen Kommentar in der Bild-"Zeitung", in dem zu lesen war, dass der FC St. Pauli "keinen Tuntenpräsidenten" brauche, kann der geneigte und denkende Fan zwar getrost ignorieren, nach-fragwürdig bleibt trotz allem so manches, Herr Littmann...

Übersteiger: Welchen Anteil haben Sie an der "Aufklärung"? Wer kontrolliert Sie, wer hilft Ihnen?
Corny Littmann: Welche Aufklärung?

Seitdem Sie Präsident sind, wurde wohl solche geleistet; Stichwort: Schwarze Kassen.
Immer der Reihe nach. "Schwarze Kassen" sind die öffentliche Behauptung der ehemaligen Mitarbeiterin des FC St. Pauli Tatjana Groeteke. Diese hat sie vor dem Arbeitsgericht geäußert und ist damit ausführlich in der Presse zitiert worden. Da versteht es sich wohl von selbst, dass ich -gezwungenermaßen- die Initiative ergriffen habe, um diese Anschuldigungen möglichst schnell aufzuklären. "Schwarze Kassen" wären sehr vereinsschädigend gewesen, hätte sich diese Behauptung bewahrheitet.

Aber sie hat sich nicht "bewahrheitet"?
Glücklicherweise, nicht überraschender Weise, hat sich heraus gestellt, dass an den Vorwürfen praktisch nichts dran ist.

Ist denn un-"praktisch" etwas dran an den Vorwürfen?
Es gab kleinere Unregelmäßigkeiten. Diese sind jedoch, man mag es bedauern oder nicht, in vielen Unternehmen zu finden. Beispielsweise die Beschäftigung von Studenten über das gesetzlich erlaubte Maß eines Monats hinaus, bei der die Entlohnung über mehrere Monate gestreckt wird. Eine weitere, kleine Unregelmäßigkeit ist die Verbuchung der Einnahmen aus einem Flohmarktverkauf von Fanartikeln. Für die erwirtschafteten 700 Euro ist von einem Handwerker ein Wellblechdach hergestellt worden, das ist nicht ordentlich verbucht. Dies sind die Unregelmäßigkeiten.

Waren Frau Groetekes Vorwürfe denn weiter gehend?
Die Schlagzeilen der Presse hat ja wohl jeder gelesen. Da stand ganz groß und ohne Fragezeichen: "Schwarze Kassen beim FC St. Pauli". Da musste und sollte wohl der Eindruck entstehen, dass hier am Millerntor Ähnliches passiert ist, wie bei einigen Bundesliga-Vereinen; wo Millionen verschwunden sind und an der offiziellen Kasse vorbei gewirtschaftet wurde. Dieser Vergleich ist völlig absurd.

Warum wurde Tatjana Groeteke wirklich entlassen? Ging es um "Geheimnisverrat" oder um 700 Mark, wie andere Medien berichteten?
Es geht darum, dass die Leiterin der Geschäftsstelle [Tatjana Groeteke, d. Red] der Buchhaltung eine Abrechnung über 700 Mark schuldig geblieben ist. Es geht nicht um den vergleichsweise lächerlichen Betrag für den fehlenden Beleg, sondern es geht darum, dass sie einen Mitarbeiter angestiftet hat, eine falsche Reisekostenabrechnung zu erstellen. Diese hat sie dann persönlich bei der Buchhaltung eingereicht, den Differenzbetrag in Euro hat sie entgegen genommen. All das erfüllt, zusammen genommen, den Tatbestand des Betrugs und der Untreue. All das zusammen genommen ist auch in ihrer Funktion als Leiterin der Geschäftsstelle nicht erträglich gewesen - keine Sekunde. Sie ist ja nicht eine Mitarbeiterin ohne große Befugnisse und Verantwortung gewesen, sondern ganz im Gegenteil: sie hat die Verantwortung für die Buchhaltung und für die Leitung der Geschäftstelle inne gehabt. In dieser Position darf man solche Sachen nicht machen. Punkt.

Wann und wie wurden Frau Groeteke die Vorwürfe gegen sie mitgeteilt?
Wir haben ihr und ihrem Anwalt, nachdem sie bei vollen Bezügen beurlaubt worden war, ein Gespräch angeboten. Dieses Angebot hat sie abgelehnt.

Frau Groeteke behauptet, dass sie keine Schuld trifft. Hat sie zu den Vorwürfen Stellung bezogen?
Zu den Vorwürfen hat sie bisher konkret weder im Arbeitsgerichtsverfahren noch in irgendeinem Interview Stellung bezogen. Und das wohl aus gutem Grunde. Denn wir haben den ganzen Vorgang schriftlich dokumentiert, schwarz auf weiß. Ich sehe deshalb einem Arbeitsgerichtsverfahren sehr gelassen entgegen.

Aber der Betriebsrat des FC St. Pauli hält doch zu ihr - und es gibt schließlich auch einen Kündigungsschutz?
Ein bisschen anders ist es schon. Der FC St. Pauli hat einen Betriebsrat, und dieser Betriebsrat muss bei Kündigungen angehört werden. So lange ich Betriebsräte, zum Beispiel den in meinem eigenen Theater, kenne, kann ich sagen: Ich habe keine einzige Kündigung erlebt, der unser Betriebsrat zugestimmt hat. Darum hat es mich auch nicht gewundert, dass der Betriebsrat des FC St. Pauli dieser fristlosen Kündigung nicht zugestimmt hat. Für das Arbeitsgerichtsverfahren, dass ja noch ansteht, ist das eher relativ zweitrangig.

Nach Ihrer Pressekonferenz zu den "Schwarzen Kassen" war die Stimmung in der Belegschaft des Vereins eher schlecht und von gegenseitigem Mißtrauen geprägt - hat sich das geändert? Manche fühlen sich übergangen.
Die Stimmungslage im Verein und bei seinen Angestellten war meines Wissens schon in den vorherigen Monaten nicht besonders gut. Das kann keinen verwundern, wenn man sich anschaut, was in der Presse an Gerüchten gehandelt wurde. Die Spitze war am Tag des Aachen-Spiels erreicht: "Didi Demuth kehrt als Trainer zurück". Diese Gerüchte haben für große Irritationen gesorgt. Im Verein, unter den Angestellten und in der Öffentlichkeit. Da haben ja viele mehrere Monate lang gedacht, hier würde das Chaos regieren. Als ich die Verantwortung übernahm, stellte ich fest, dass sich im Verein mehrere Personen das Recht heraus genommen hatten, zu jeder Tages- und Nachtzeit mit einem Journalisten ihrer Wahl zu reden. Dass diese Vorgänge, z.B. Einbrüche in die Geschäftsstelle, Hacker oder Wanzen, zu einer Stimmung geführt haben, in der ein jeder seinem Nächsten nicht mehr getraut hat, ist Fakt. Aber eben eine Stimmung, die ich vorgefunden habe. Als es dann um "Schwarze Kassen" und illegale Beschäftigungsverhältnisse ging, bekamen manche zusätzlich noch Angst, für Verfehlungen, die sie vielleicht in kleinem Umfang zu verantworten hatten, bestraft zu werden. Das Präsidium und die Verantwortlichen haben inzwischen den Angestellten sehr deutlich gemacht, dass sie deswegen keine Konsequenzen zu befürchten haben.
Heute, also vier Wochen später, ist die Stimmung nach meinem Eindruck schon wieder erheblich besser.

Ist für die Stimmung auch die öffentliche Art der Auseinandersetzung via Medien, so geschehen zwischen Tatjana Groeteke und Stephan Beutel mitverantwortlich?
Ich finde es ekelhaft, wenn Liebesgeschichten in der Öffentlichkeit gehandelt werden. Ich fände es als offen Schwuler auch lächerlich, wenn die hundert Liebhaber meiner letzten Jahre vorgeführt würden. Eine völlige Absurdität. Aber das Wichtigste ist: Ich interessiere mich nicht für das Sexualleben der Angestellten. Das ist reine Privatsache. Und das Ekelhafte an den öffentlichen Vorwürfen gegenüber Stephan Beutel ist, dass sein Privatleben dadurch berührt wurde. Er ist verheiratet und Familienvater. Eine heterosexuelle Ehe lassen solche Vorwürfe erst recht nicht unberührt, habe ich mir sagen lassen. Eine öffentliche Auseinandersetzung auf dieser Ebene finde ich schamlos und absolut unwürdig.

Sie sind mittlerweile von Anwälten umstellt. Wie geht es weiter mit der Klage des Vereinsangestellten Michael Lappen, vertreten durch den potentiellen Mitbewerber um das Präsidentenamt, Andreas Held? Ist es richtig, dass er die Klage gegen die Aufsichtsratwahl und alle vom aktuellen Rat vollzogenen Entscheidungen zurück gezogen hat?
Es ist eine Absurdität, dass ein prozessbevollmächtigter Rechtsanwalt Held den Verein verklagt, dass eine Aufsichtsratswahl ungültig sein soll, er sich aber gleichzeitig von diesem Gremium, das er für unrechtmäßig gewählt hält, zum Präsidentschaftskandidaten nominieren lassen will. Das ist schizophren. Ergebnis ist nun, dass Rechtsanwalt Held sein Mandat einem anderen übertragen hat. Ein weiteres Ergebnis ist, dass der Aufsichtsrat mehrheitlich, allerdings nach ausführlichem Gespräch mit Herrn Held, entschieden hat, ihn nicht zum Präsidentschaftskandidaten zu nominieren. Das dritte Ergebnis, man könnte auch sagen, die dritte Merkwürdigkeit an all dem, fast noch merkwürdiger als der prozessbevollmächtigte Rechtsanwalt Held, ist die Person des Klägers. Denn Michael Lappen ist Vereinsangestellter und war Mitglied der Zählkommission auf der JHV am 21.11.02. Die Klage des Angestellten gegen seinen eigenen Verein wurde allerdings nicht am Abend der Wahl, sondern einen Monat später erhoben. Auf Nachfrage meinerseits erklärte er mir, sein Gewissen habe ihn wochenlang geplagt. An die zuständigen Vereinsgremien, beispielsweise den Wahlausschuss, hat er sich nicht gewandt. Er erklärte mir, er kenne sich damit nicht so gut aus. Darauf möge sich jeder seinen Reim machen.

Die Klage gegen die Wahl des Aufsichtsrats ist also noch anhängig?
Ich bin doch von Rechtsanwälten umzingelt, falls das noch keinem aufgefallen ist. Wer weiß, wem und wann da noch einem was einfällt.

Was passiert denn, wenn die Wahl des Aufsichtsrates tatsächlich annulliert wird? Es gibt dann keinen Präsidenten und keinen Aufsichtsrat mehr - wer leitet den Verein?
Am 25. Februar findet eine Mitgliederversammlung statt, auf der die Wahl eines Präsidenten und zweier Vizepräsidenten auf der Tagesordnung steht. Gehen wir mal davon aus, dass diese Wahl ordnungsgemäß und mit den notwendigen Mehrheiten für die Kandidaten über die Bühne geht. Dann hat der Verein zumindest für die Zukunft nach meinem laienhaften Verständnis ein ordentlich gewähltes Präsidium. Im Übrigen bin ich mir nach Informationen vom Wahlausschuss-Vorsitzenden und nach Rücksprache mit Rechtsanwälten ziemlich sicher, dass dieses Verfahren wegen der Aufsichtsratswahl nicht gegen den Verein entschieden wird. Alle, die an den Vorgängen beteiligt waren, haben gesagt, dass die Sache scheinbar recht einfach zu erklären ist: Eine Gruppe von Vereinsmitgliedern hat, vielleicht in alter sozialistischer Tradition, in einer Ecke des Saales die Stimmzettel zusammen gesammelt und dann kollektiv in die Urne geworfen. Das haben erstens sehr viele mitgekriegt, zweitens hat sich unmittelbar niemand darüber beklagt, drittens gibt es von den Beteiligten dazu entsprechende Aussagen, warum und wie dies geschehen ist.

War nicht Hauptinhalt dieser Klage, dass jemand Wahlunterlagen bekommen hatte, der nicht wahlberechtigt war?
Es mag ja sein, dass einer nicht wahlberechtigt war. Die Differenz, die ausschlaggebend gewesen wäre, beläuft sich meines Wissens auf 39 Stimmen. Da müsste schon jemand nachweisen, dass 39 Mitglieder unrechtmäßig gewählt haben, damit es überhaupt für das Wahlergebnis irgendeine Aussagekraft hat. Ich bin zwar zum Glück kein Jurist, aber mein Kenntnisstand ist ein anderer. Selbst wenn ein Mitglied nicht wahlberechtigt war, ist die Wahl trotzdem gültig.

Christian Pothe ist gegangen, es wird ein neues Präsidium gewählt. Wie geht es in puncto Struktur und Tochtergesellschaften des Vereins nach der Wahl weiter? Was ist mit dem Stadionprojekt?
Das ist die eigentlich interessante Frage. Die Struktur muss sich dringend ändern. Sie ist weder nach außen transparent, noch ist sie demokratisch; sie ist im übrigen noch nicht einmal effektiv gewesen. Eine solche Verschachtelung von Tochter- und auch Enkelunternehmen, inklusive die Bestellung von zig Geschäftsführern, ist abenteuerlich.

Wie geht es nach der Neuwahl weiter?
Mein Vorschlag ist, dass der Verein von drei Ehrenamtlichen im Präsidium und drei hauptamtlichen Geschäftsführern geführt wird. Das gilt allerdings nur für die Zweite Liga. In der Regionalliga müsste das anders aussehen. Ich finde es wichtig, dass die bezahlte Funktion vom gewählten Mandat getrennt wird. In einem Team von sechs Leuten kann dieser Verein sinnvoll geführt werden. Die Verquickung von Mandat und Funktion, wie wir sie in der Vergangenheit mit zwei hauptamtlichen Vizepräsidenten und einem ehrenamtlichen Präsident hatten, halte ich für eine abenteuerliche Konstruktion.

Gibt es auch konkrete Pläne für ein neues Stadion?
Das eigentlich interessante und Konflikte auslösende Thema im Verein war und ist der Neubau eines Stadions nebst der Bebauung des Stadionvorplatzes. Wir sind da eigentlich schon recht weit. Für das Stadion gibt es eine Baugenehmigung und für den Vorplatz einen Bauvorbescheid. Im Bauvolumen von 70 - 100 Millionen Euro steckt nicht nur viel Geld, sondern es gibt ebenso viele Kanäle, in die dieses Geld fließt. Die Euphorie vor der ersten Mitgliederversammlung, nach dem Motto: ‚Jetzt geht es tatsächlich los' hat einige Menschen wohl glauben lassen, es brächen nunmehr die Goldgräberzeiten an. Die Diskussion um die Finanzierung und die möglichen Baupläne ist in einem unverantwortlichen Maße öffentlich breit getreten worden. Es ist an der Zeit, ohne ‚Tamtam' zu prüfen, was sich in welchem Zeitraum finanzieren und realisieren lässt.

Also doch ein langsamer, schrittweiser Neu- und Umbau?
Das prüfen wir verstärkt. Und auch wenn ich in dieser Frage noch dabei bin mir ein Bild zu machen, weiß ich eines genau: Ein neues Stadion muss das Gesicht des FC St. Pauli tragen. Es kann und darf in Deutschland kein anderes Stadion geben, das so aussieht, wie das des FC St. Pauli. Es muss ausreichend Stehplätze geben und die Atmosphäre darf sich nicht großartig ändern. Es besteht eine gute Chance, bis 2005 oder 2006 so etwas schrittweise zu realisieren. Die Bereitschaft der politisch Verantwortlichen in Hamburg dieses Projekt zu unterstützen, ist jedenfalls außerordentlich groß.

Wäre ihnen, auch in diesem Zusammenhang, ein unpolitischer Verein manchmal lieber? Ist es nicht auch lästig, dass St. Pauli-Fans auch noch - manchmal - eine eigene Meinung haben?
Ich kann mir nicht vorstellen, beim HSV Präsident zu sein. Im Ernst: Menschen mit eigener Meinung sind mir in jeder Beziehung lieber.

Hat jemand vom Hamburger Sport Verein gesprochen?
(Schweigen)

Wie soll die Rolle der aktiven Fans im Verein zukünftig aussehen?
Es gibt zwei ganz große Aufgaben für die Zukunft. Zum einen müssen die Vereinsmitglieder, die neben der Bundesligamannschaft aktiv Sport treiben, mehr und enger ins Vereinsleben einbezogen werden. Das geht von der Bowling-Jugend bis zu unseren Rugby-Frauen. Zum Zweiten muss den aktiven Fans, so weit sie es eben möchten, die Möglichkeit gegeben werden, aktiv am Vereinsleben teil zu nehmen. Bei beiden Punkten gibt es einen deutlichen Nachholbedarf. Der Verein ist zur Zeit zu sehr an einer Profi-Fußballmannschaft ausgerichtet. Es ist eine große Herausforderung, diesen Bereich neu und kreativ zu beleben. Ein positives Beispiel war sicherlich die Lesung von literarischen Fußball-Texten am 29. Januar mit Peter Lohmeyer und Volker Ippig. Da haben sich die treuesten Fußballfans mit Menschen getroffen, die noch nie im Stadion waren. Für mich ein überaus angenehmer wie unterhaltsamer Abend. Mehr davon.

St. Pauli Fans sind nicht nur musisch, manchmal auch politisch interessiert. Wieso nutzt eigentlich ein politisch agierender Vereinspräsident seine Position aus, während ein genauso agierender Theaterbesitzer dies nicht tut?
Das ist eine komplizierte Angelegenheit. Als Theaterchef habe ich mich des öfteren zu lokalpolitischen Themen geäußert. Wer diesbezüglich an meiner Gesinnung zweifelt, dem empfehle ich zu studieren, was ich die letzten Jahre politisch erklärt habe. Ein Präsident eines Sportvereins sollte jedoch alle Mitglieder, immerhin an die 6000 im FC St. Pauli, repräsentieren. Die Konsequenz daraus ist, dass sich ein Präsident politischer Kommentare enthält, und wenn er sich äußert, dann nur in einem Sinne, der Konsens unter allen Mitgliedern ist. Konsens heißt hier: Gewaltfreiheit, Toleranz gegenüber Minderheiten und Andersdenkenden; Konsens ist zudem der Antirassismus und das Eintreten für ein friedliches Zusammenleben mit Ausländern. Zu einzelnen Senatoren oder politischen Ereignissen im Stadtteil kann und sollte ich mich als Präsident aber nicht äußern.

Es ist aber doch umgekehrt geschehen. Sie haben in einem Interview mit der 1/4NACH5 (Ausgabe Nr.01/ Januar 2003) gesagt, dass Fans, die mit Fan-Utensilien auf einer Demonstration mitlaufen, nicht zwischen Fußball und Politik trennen können und eigentlich keine Fans des FC St. Pauli sind.
Das habe ich nicht nur missverständlich formuliert, ich würde es heute als falsch bezeichnen. Trotzdem bleibt die Frage, ob es auf einer Demonstration gegen Sozialabbau und einen Innensenator, dem ich übrigens noch niemals die Hand gegeben habe, einen erkennbaren Block von St. Pauli-Fans geben soll.

Und soll es?
Das hat mit Vereinsleben nach meinem Verständnis zumindest nicht automatisch zu tun.

Ist es denn nicht ein Teil des "Konsens", z.B. des Antirassismus', der auch die Fans hier auf die Straße treibt? Ist Ihre Haltung nicht ein bißchen schizophren? Muss sich auch der demonstrierende Fan die Position des Vereinspräsidenten, der für alle stehen will, zu eigen machen?
Die Frage ist doch sehr konkret: Findet der Präsident es eigentlich begrüßenswert, wenn ein Teil der Fans, sagen wir circa 500, nach jedem Heimspiel gegen Schill und Sozialabbau demonstriert? Erstmal geht mich das als Präsident nichts an. Es gibt eine Demonstrationsfreiheit, die der Präsident, da sie zu den Grundwerten der Demokratie gehört, energisch verteidigt. Der Verein engagiert sich an den sozialen Brennpunkten des Stadtteils außerordentlich. Im Bereich der Jugendarbeit ist der Verein zum Beispiel ausgesprochen aktiv. Persönlich finde ich, dass er mehr gegen Sozialabbau im Stadtteil tun könnte, dafür möchte ich gerne alle Vereinsmitglieder gewinnen. Ich habe eine ähnliche Sicht der Probleme, aber eine andere Problemlösungsstrategie, das ist der Unterschied.

Politik vor dem Stadion ist also o.k. - gibt es keine Politik im Stadion?
Wir Theaterleute sagen ja, dass Theater schon deshalb politisch ist, weil es stattfindet. Und genauso kann ich sagen, dass Fußball schon politisch ist, weil er stattfindet. Ich bin kein großer Freund von Resolutionen, kein großer Freund von Erklärungen, aber ich bin ein großer Freund von guten Tonanlagen, die es im Stadion leider nicht gibt.

Etwas genauer vielleicht?
Ist das Stadion der Ort für Politik? Gegenfrage: Sollen wir im Stadion zum Beispiel erklären - und ich denke, da sind wir uns alle einig - dass wir einen Krieg im Irak verabscheuen?

Das ist nicht die Frage.
Warum nicht? Für mich ist das eine Frage.

Weil der deutsche Fußball eher von rechts politisiert ist.
Das Besondere an den Fans des FC St. Pauli ist doch, dass sie antirassistisch, antinazistisch und antifaschistisch sind. All das, was rechte Hooligans eben auch politisch in diversen Stadien in Deutschland propagieren, hat hier definitiv weder eine Heimat noch eine Chance. Eben das ist auch die Voraussetzung für mich gewesen, überhaupt Präsident dieses Fußballvereins zu werden. Ich wäre nicht im Traum auf diese Idee gekommen, wenn es hier in einem erheblichen Maße rechts gesinnte Fans gäbe.

Also ist hier doch Politik im Stadion?
Es gibt eine Grundhaltung der Fans, die ich aus vollem Herzen teile.

Ist die Fanszene hier auch antisexistisch?
Ich war mit zu wenigen im Bett, um das beurteilen zu können.

Ist Sexismus nicht etwas anderes als Sex?
Natürlich. Also: Ich interessiere mich nicht dafür, mit wem meine Angestellten ins Bett gehen, für die Fans gilt das Gleiche. Wenn ich spüren würde, dass unter den Fans eine sexistische Stimmung herrschen würde, dann wäre mir das sehr zuwider. Es gibt zum Beispiel auch Kabarett-Künstler, die Witze auf Kosten von Frauen machen, die haben auf meiner Bühne keinen Platz. Ob das nun Frauen- oder Schwulenfeindlichkeit ist, dafür ist bei mir im Theater und ich denke auch im Stadion kein Platz.

Sie haben noch nie so etwas, zum Beispiel in der Gegengerade mitbekommen?
"Schauspieler" habe ich schon öfter als Beschimpfung gehört. Das tut mir immer in der Seele weh.

Ist der "deutsche" Fußball im Allgemeinen ein homophober Bereich?
Der aktive Fußball ist aus gutem Grunde homophob. Wenn ich aktiver Fußballprofi wäre und schwul, würde ich schön meine Klappe halten. Es wäre wünschenswert, wenn Fußballspieler die Frage des gleichgeschlechtlichen Verkehrs ein bisschen gelassener betrachten würden.

Letzte Frage: Warum tun sie sich diesen Stress an? Schon mal bereut, Präsident des FC geworden zu sein?
"Non, je ne règrette rien", sang Edith Piaf einmal. Auf deutsch: Nein, ich bereue nichts.

Vielen Dank für das Gespräch

RDS, OhneArme und markus

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