Der Sport-Dome wird zur Beate-Uhse-Arena

Die Finanzierung des neuen Stadions nützt nur der Bank / Alternative Freiburg

   Der Hamburger Wirtschaftspublizist Hermannus Pfeiffer (Finanztest und Übersteiger) ist schwer beeindruckt vom neuen Stadion-Projekt des St. Pauli-Vorstandes. Der FC St. Pauli bleibt der etwas andere Klub. Wohl erstmals in der globalen Fußballgeschichte soll ein Stadionneubau weitgehend aus den Gewinnen eines Vorplatzes finanziert werden.

   Präsident Koch und die Berlin-Hannoversche Hypothekenbank AG planen, zwei Drittel ihres 120-Millionen-Euro-Projektes in einen Vorplatz an der Budapester Straße zu verbauen. Dafür sollen unter anderem ein Hotel für die Lindtner-Gruppe, ein etwas anderer Büroturm, ein Kindergarten für die Kindertagesstätte Finkenau, ein Fitnessareal für die Universität und ein Schwimmbad für Bäderland entstehen. Für den millionenschweren Bau der Badelandschaft erhält unser Fußballclub im Gegenzug die fehlenden Grundstücke auf dem Vorplatz. Ansonsten sollen offensichtlich die Mieteinnahmen helfen, genügend Geld für das Stadion-Vorplatz-Projekt in die Vereinskasse zu spülen.

   Das Projekt selber überrascht vor allem durch seine bodenlose Kühnheit. Ein "mittelständisches Unternehmen" - so nennt Präsident Koch gerne seinen eingetragenen Verein - mit einem geschätzten Jahresumsatz 2003 von 10 Millionen Euro will Immobilien für 120 Millionen ans Millerntor stellen. Der FC als Bauträger? Wirtschaftlich betrachtet stimmen auch auf den dritten Blick die Relationen einfach nicht, und die daraus erwachsenden Risiken für den FC St. Pauli als Fußballverein sind wahrlich unkalkulierbar. Vereinspolitisch betrachtet erinnert das Koch-Projekt an den Größenwahn von Heinz Weisener und seinem, an massiven Fan-Protesten 1989 gescheiterten "Sport-Dome". Der ehemalige SPD-Finanzminister und Vereinsmitglied Hans Apel sprach damals das zeitlose Wort: "Wir wollen keine Eiger-Nordwand am Millerntor." So viel steht fest, der FC St. Pauli mit der neuen Koch-Arena würde nicht mehr der FC St. Pauli von heute sein. Der "etwas andere" Verein würde endgültig seine Einmaligkeit verlieren und im Einheitsbrei der Kommerzklubs untertauchen. Nicht einmal kommerziell eine gute Idee, Herr Präsident.

   Bedenklich sind ebenso die Auswirkungen auf den Stadtteil St. Pauli. Edel-Hotel, Edel-Büros und Edel-Bäderland - statt der noch einigermaßen erschwinglichen, schlichten Schwimmhalle, die heute den "Vorplatz" ziert - werden die preiswerten Altbauten hinter der Budapester Straße eben so wenig verschonen wie die Menschen auf St. Pauli.

Büromiete statt Eintrittsgeld

   Noch weniger als das Stadionprojekt an sich weckte die von der Berlin-Hypo honorarträchtig angedachte Finanzierung freudige Begeisterung bei Fachleuten. Unberührt von sportlichen Unwägbarkeiten, wie einen Abstieg in die Regionalliga, und einem ausgeschöpften Fernsehmarkt präsentierte Markus Linzmair auf der Mitgliederversammlung im Hamburger Congress-Centrum CCH fünf mögliche Modelle. Bedauerlicherweise will der in dieser Sache federführende Mann von der Berlin-Hypobank weder dem "Übersteiger" noch der "Frankfurter Rundschau" Unterlagen zur Verfügung stellen, bevor ein neuer Aufsichtsrat gewählt ist. Verständlich, aber die bislang von Linzmair vorgestellten Globalzahlen wecken genügend Zweifel. Bislang träumten die Vereinsverantwortlichen nämlich vor allem von Multifunktionen, außersportlichen Veranstaltungen und anderen Miet-Einnahmen aus dem Stadion, nun sollen vor allem die Gewinne aus dem Vorplatz mit Hotel und Kindergarten sprudeln.

Gleich wie der HSV

   Die erste monetäre Krux ist das fehlende Eigenkapital. Jeder Häuslebauer weiß, dass ohne zwanzig oder dreißig Prozent Eigenkapital der Traum vom Eigenheim schnell platzen kann. Linzmair hofft daher unverdrossen auf Hilfe durch die Stadt Hamburg ("Gleichbehandlung mit dem HSV") und möglicherweise durch die EU in Brüssel. Abgesehen von politischen Bedenken, Staatsgelder in ein kommerzielles Stadion-Vorplatz-Projekt zu stecken, wird auf diesen Wegen nicht genügend Eigenkapital zu beschaffen sein. Im Ergebnis heißt dies, ein gewinnorientierter Investor muss gewonnen werden, der (Eigen-) Kapital als sogenanntes Risikokapital bereitstellt und entsprechende Gewinne machen will. Die Folge: Der FC St. Pauli wäre nicht mehr Herr im neu gebauten Haus.

   Voller Stolpersteine ist auch die sonstige Finanzierung. Alle fünf Linzmayer-Modelle basieren auf den jetzigen, historisch niedrigen Zinssätzen. Billigzinsen können zwar für Jahre gesichert werden - aber dies kostet. Der aktuelle Marktzins für Gewerbeimmobilien - und darum handelt es sich in unserem Fall - liegt für kurze Fristen bei 5 Prozent, für Laufzeiten von über 20 Jahre aber schon bei etwa 6 Prozent. Was in Heller und Cent gut zwei Millionen Euro Unterschied macht. Kurzum: Linzmair kalkuliert scharf am unteren Limit.

   Heikel ist auch die Einnahmeseite. Die von Linzmayer angenommenen Mietpreise entsprechen zwar in etwa den Hamburger Verhältnissen, aber nur den aktuellen. Da sich die Finanzierung absehbar auf mindestens zwei Jahrzehnte strecken wird, bleiben große Unsicherheiten. Eine vernünftige Mietgarantie wird es jedenfalls für einen solch langen Zeitraum nicht geben. Zudem setzte die Berlin-Hypo im Kleingedruckten einen erheblichen Betrag jährlich für die Namensrechte am Stadion ein. Aus dem Reenald-Koch-Gedächtnisstadion dürfte also auf keinen Fall etwas werden, dafür könnte uns eine Beate-Uhse-Arena blühen. Fortsetzung Seite 6

Clevere Badenser

   Die Mitgliederversammlung und weitere Gespräche haben noch eine weitere Schwachstelle frei gelegt: Das FC-Präsidium hat Alternativen nicht wirklich geprüft. Dabei hat uns der ebenfalls kleine SC Freiburg vorgemacht, wie es geht: Ein Jahrzehnt lang wurde jede übrige Mark nach und nach in die Teilmodernisierung an der Dreisam gesteckt. Aus den Erdwällen der Gegengerade mit integrierten Wurstbuden wurde eine rentnerkompatible Sitztribüne, Jahre später baute der Sportclub eine neue Haupttribüne für die notorischen Nörgler und irgendwann dazwischen war aus den mickrigen zehn Stehtraversen für ein paar Hardcore-Fans eine stimmungsvolle Stehplatztribüne für die Jugend geworden.

   Warum unsere Vereinsspitze entgegen der sonst "am Markt" üblichen Praxis, alles auf einen Partner und ein Projektmodell setzt, bleibt (noch) rätselhaft. Aber schlimmer ist die Abhängigkeit, die das Stadion-Vorplatz-Projekt selber auslösen würde. Noch unsere Kinder würden in zwanzig, dreißig Jahren für die Steine zahlen müssen, die Koch heute bestellen möchte.

   Möglicherweise würde am Ende doch alles finanziell gut gehen. Aber die Entscheidung muss heute, vor Bekanntwerden des tatsächlichen Ausgangs der Geschichte fallen. Und um verantwortlich "ja" zu sagen, sind die bislang bekannten Risiken zu groß. Für den Verein wäre die Beate-Uhse-Arena sowieso eine moralische Katastrophe, wie real die wirtschaftlichen Risiken solcher Bauprojekte werden können, belegt die Berlin-Hypo selber. Denn riskante Immobiliengeschäfte und das Platzen vieler Bauträgerprojekte habe tiefe Löcher in die Bilanz der Berlin-Hannoverschen Hypothekenbank AG gerissen. Damit trug sie wesentlich zu der milliardenschweren Krise der Bankgesellschaft bei. Die Milliardenlöcher der Großbank müssen nun aus dem Berliner Landeshaushalt gestopft werden, die Löcher in der Hypo-Bilanz stopfen die Beschäftigten der Bank. Jeder Dritte wird seinen Arbeitsplatz verlieren.

Hermannus Pfeiffer

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