Endlich wieder EIN Verein?
Wichtige Erkenntnisse von der JHV 2002, Teil 2

   Ja, noch ein Artikel über die JHV. Und nach der "objektiven" Berichterstattung in den Hamburger Boulevardgazetten soll nun ausgerechnet der Übersteiger die einzige Wahrheit über diesen Abend schreiben? Nun ja, zumindest versuchen wollen wir das mal, schlimmer als bei den anderen kann es gar nicht werden. Beginnen wir mal mit einer neutralen Schilderung des Ablaufs und der Fakten.

   Der Abend begann mit einer Erklärung von Reenald Koch, in der er darlegte, warum er sein Amt zum 31.12. niederlegen wird. Anschließend legte der Ehrenrat die Grundlage für den sachlichen und ruhigen Ablauf des Abends, mit einem Appell an alle Anwesenden, sich wieder auf das Wesentliche, nämlich das Wohl des FC St.Pauli zu besinnen. Dazu gehört auch ein normaler Umgang miteinander, die Meinung des anderen anzuhören und auch zu respektieren.

   Der neue Versammlungsleiter, da Karsten Marschner ja nicht mehr zur Verfügung stand, stellte sich dann mit einem ähnlichen Appell an die Diskussionskultur vor. Reinhard Wolf, seines Zeichens Syndikus der Hamburger Handelskammer, u.a. zuständig für Hamburgs Olympiabewerbung und Nicht-Mitglied des FC St.Pauli.

   Insgesamt 868 Mitglieder waren anwesend, davon 842 stimmberechtigt. Und alle lauschten nun gespannt dem Bericht von Kassenprüfer Sörensen:

   Trotz dieses freudschen Versprechers war sein Bericht sehr überzeugend, alle Vorwürfe konnten auf Nachfrage zumindest rein rechtlich entkräftet werden. Auch unser alter Freund Hans Apel meldete sich zu Wort und äußerte deutliche Kritik am Aufsichtsratmitglied Peter Paulick und dessen finanziellen Verstrickungen mit dem Verein. Wenn vielleicht auch alles formal richtig zugegangen sei, so sollte doch jedes Mitglied des Aufsichtsrates in Zukunft die "moralische Meßlatte" in Zukunft etwas höher anlegen. Gilt sicher auch für Reisekosten, die man als Professor Doktor von Frankfurt nach Hamburg hat.

   Peter Paulick verlas den (von allen AR-Mitgliedern unterzeichneten) Bericht des Aufsichtsrats. Am Ende dieses Berichtes steht in der Regel der Vorschlag der Entlastung des Präsidiums. Diese sollte auch vorgeschlagen werden, allerdings exklusive des Transfers Adamu, da man erst noch die Vorwürfe der jüngsten Tage prüfen müsse.

   Eben dies führte dann zu einer Frage aus der Versammlung an Stephan Beutel, zu den gesammelten Vorwürfen, insbesondere Bezug nehmend auf den Adamu-Transfer, doch bitte mal aus seiner Sicht Stellung zu nehmen.

   Was nun folgte war sicher einer der wichtigsten Punkte für den weiteren Verlauf der Versammlung, denn Stephan Beutel, der ja im letzten halben Jahr keinerlei Stellungnahmen in der Öffentlichkeit getätigt hatte, schaffte es mit einer sehr eindrucksvollen Rede, die Versammlung zu einen. Alle Vorwürfe gegen ihn, einschließlich der völlig aus der Luft gegriffenen "Waffenschieber"-Geschichte, konnte er entkräften, letztere mit Faxen der Anwaltskanzlei und der DFL.

   Tosender Applaus am Ende der Rede waren der Dank, und die Frage an den Aufsichtsrat durch den Versammlungsleiter, ob denn nun die Entlastung des Präsidiums nicht uneingeschränkt empfohlen werden könne, die Konsequenz.

   Nach kurzer Beratung empfahl der Aufsichtsrat diese Entlastung und die Versammlung folgte dieser Empfehlung bereitwillig.

   Auch alle anderen Entlastungen wurden mit keiner oder nur wenigen Gegenstimmen bewilligt, nur bei der Entlastung des Ehrenrates gab es noch etwas zu berichten. Während der Versammlungsleiter diese Entlastung mit "ohne Gegenstimmen" ins Protokoll einfließen ließ, reckten sich doch unbemerkt oben in der Ecke zwei rosa Stimmkarten in den CCH-Himmel. Eine davon gehörte unserm alten Freund Tonny Burggraaf. Nanu? Verbitterung darüber, dass der Ehrenrat Holger Scharf noch nicht sofort aus dem Verein ausgeschlossen hat? Nein, ganz sicher gab es hierfür gute und sachliche Gründe, die Mitglieder um Harald Stender nicht zu entlasten, wir würden uns freuen, Tonny, wenn Du uns diese bei Gelegenheit mal zukommen lassen würdest.

   Alle Abwahlanträge gegen die Präsidiumsmitglieder wurden zurückgezogen, inklusive des erst kurz vor der Versammlung als Dringlichkeitsantrag eingegangenen Antrags auf Abwahl von Stephan Beutel. Ein weiterer Schritt zurück zu einem konstruktiven Miteinander im Verein.

   Auch die etwas merkwürdig formulierten Anträge gegen Holger Scharf (sei es nun Vereinsausschluss oder Abwahl als AFM-Vorstand, dass eine Aufgabe des Ehrenrates, dass andere Aufgabe der AFM-Mitgliederversammlung) wurden nicht zur Abstimmung gebracht, da Herr Wolf hier sehr deutlich sagte, dass er diese eigentlich hier nicht behandeln wolle.

   Unter den "diversen" Anträgen war auch der von Andreas Kahrs, der die Möglichkeit einer einjährigen Mitgliedschaft erreichen wollte, um die Mitgliedschaft eben jetzt zu Weihnachten auch "Geschenkkompatibel" zu machen. Der Antrag ging mit großer Mehrheit durch (ratet mal, wer u.a. dagegen gestimmt hat?), also beschenket Eure Freunde, Freundinnen, Frauen, Männer, Mamas und Papas, Omas, Opas und Cousinen fröhlich am 24.12. diesen Jahres mit einer Mitgliedschaft in diesem ruhmreichen Klub, der ab sofort wieder für großes Happening steht!


   Nun kam sie also, die mit Spannung erwartete Aufsichtsratswahl - Alle Kandidaten hatten drei Minuten Redezeit, und bis auf Werner Pokropp, der nach 2:45 Minuten mit "Nun zu meinem Hauptanliegen!" für allerlei Erheiterung sorgte, kamen auch alle bestens damit aus.

   Bis auf Herrn Paulick bestätigen alle den Trend des Abends, nämlich künftig intern und zusammen alle Probleme beheben zu wollen, warum Peter Paulick in seiner Vorstellung unbedingt drauf bestand, auch in Zukunft gerne an die Öffentlichkeit zu treten, bleibt wohl sein Geheimnis.

   So verwunderte es auch nicht mehr wirklich, dass er nicht unter den gewählten sieben war. Die sieben, die nun in Zukunft den Aufsichtsrat des FC St.Pauli ausfüllen, sind: Tay Eich, (406 Stimmen von 791 gültigen), Michael Burmester (372), Jost Münster (368) Prof. Dr. Hans-Jürgen Kion (309), Wolfgang Helbing (268), Werner Pokropp (263) und Dr. Christoph Kröger (249).

   Nicht im neuen AR sitzen: Peter Paulick, (210) Jörg Philipp Köhncke (192), Guntram Uhlig (102), Heinz Lührs (86). Josef Wutz (80), Stefan Trocha (69), Rüdiger Hamann (32).


   Während der Auszählung der Stimmen gab es übrigens noch einen Antrag, der für ein wenig Unruhe sorgte: Der völlig überzogene Polizeieinsatz auf der Anti-Schill / Pro-Bambule Demo nach dem Köln Spiel, soll per Presseerklärung des Vereins missbilligt werden. Nach kurzem Hin und Her wurde der Antrag dann mit eindeutiger Mehrheit gebilligt.


   So weit die Fakten, was zieht man zu den einzelnen Punkten nun für ein Fazit? Fangen wir mal hinten an: Die Presseerklärung zur Bambule Demo. Schön, dass wir doch immer noch etwas anders sind, und die JHV (das höchste Gremium des Vereins) so etwas verabschiedet.

   Schade, dass einzelne Mitglieder hier wohl doch lieber in einem "normalen" Verein wären und Ihre Kinder angeblich laut Vereinssatzung zu "freien, aber nicht politischen!" Menschen erziehen wollen. Niemand will den freundlichen Herrn aus der Bowling-Abteilung zum Einzug in einen Bauwagen zwingen, aber darum geht es wohl den wenigsten der Demonstranten. Es geht darum, dass hier durch den Schwarz/Schill-Senat ein wichtiges Stück Lebensgefühl von St. Pauli bzw. Altona vertrieben werden soll.

   Aber selbst dies will man ja mit der Presseerklärung gar nicht ausdrücken, es geht lediglich um den unnötigen und unberechtigten Wasserwerfer- und Schlagstockeinsatz der Polizei, der auch St. Pauli Fans und -Mitglieder traf. Also keine satzungsverstoßende Äußerung in weltanschaulichen oder politischen Dingen, wie der Versammlungsleiter auf Hinweis unserer Geschäftsführerin zunächst andeuten wollte.

   Und von einem Verein, der immer gerne mit dem Charme des Viertels und dem positiven Image der Fans kokettiert, wenn es sich werbewirksam verkaufen lässt, darf man auch in kritischen Situationen wie dieser, wo eben dieser Stadtteil oder die Fans diese Unterstützung einmal dringend nötig haben, eben diese erwarten.


   Die neue Zusammensetzung des Aufsichtsrates und deren Folgen - Schwer zu sagen, was dies für Folgen hat. Die neue Zusammensetzung scheint zumindest beste Voraussetzung für ein Ende des "Lager-Kampfes" zu sein. Die Schreckensszenarien der Boulevardpresse am Samstag scheinen dann doch etwas übertrieben.

   Franz Gerber wird nicht um seinen Job zittern müssen, das Stadion wird sicher auch nicht am neuen Aufsichtsrat scheitern, sondern dann schon eher an den ohnehin doch sehr vagen Finanzierungsplänen des Herrn Linzmair. Dass dieser nun die Fortführung seiner Arbeit an den Verbleib von Paulick im Aufsichtsrat geknüpft hat, spricht nicht unbedingt für sein Demokratieverständnis und seinen unbedingten Glauben an seine eigenen Modelle, aber vielleicht besinnt er sich ja noch eines besseren und überrascht uns alle.


   Wer nun neuer Präsident wird? - Das wird die Zukunft zeigen. Der Nachname Paulick darf wohl ausgeschlossen werden. Auch Tatjana Groeteke dürfte nicht unbedingt zum engsten Kreis gehören. Ob es hilft, sich im Abendblatt selbst ins Gespräch zu bringen, wie es Thomas Gottfried getan hat, darf ebenfalls bezweifelt werden.

   Idealer Kandidat wäre sicherlich jemand, der die beneidenswerte Gabe hat, von "beiden Lagern" (die es sicher immer noch gibt) akzeptiert zu werden, der sowohl im Präsidium als auch bei der AFM Ansehen genießt. Wer dafür in Frage kommt? Keine Ahnung, aber dafür haben wir ja nun endlich einen neuen Aufsichtsrat.

Sind wir wieder ein Verein?

   Nein, sicher noch lange nicht. Aber ein Anfang ist getan. Man sieht sich spätestens im April, zur nächsten JHV!

Frodo

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