Doppelter Schädelbasisbruch 1951
Wichtige Erkenntnisse von der JHV 2002, Teil 1

   Versammlungsleiter Karsten Marschner vom Hamburger Fußball Verband vermeldete ausverkauftes Haus (rund 1.200 Mitglieder), bevor er, eine Dreiviertelstunde später als angekündigt, das Theaterstück "Jahreshauptversammlung des FC St. Pauli", ein Stück in zwei Akten, eröffnete.
Nach Auflösung des Spektakels so gegen Mitternacht schlich so manch einer verständnislos bis ungläubig nach Hause. Aber der Reihe nach:

Vorspiel

   Nach den üblichen Ehrungen, während derer einem Mitglieds- Urgestein mit vereinten Kräften auf die Bühne geholfen wurde (er wurde für stolze 70 Jahre (!) Vereinsmitgliedschaft geehrt), begann der Show Down mit einigen Anträgen zu Tagesordnungspunkten. Die wichtigsten Anträge, nämlich die Abwahlanträge von Reenald Koch und Vize Pothe (mal einzeln, mal gemeinsam), sowie der Antrag zum Vereinsausschluß von Holger Scharf sollten vor der Aufsichtsratswahl und nach der Entlastung des Präsidiums behandelt werden. So weit, so gut. Nur die Begründung des Antragstellers FC St. Pauli durch Geschäftsführerin Tatjana Groeteke hinterließ bei mir ein großes Fragezeichen: Der Verein hatte wohl Angst, dass frisch gewählte Aufsichtsräte aufgrund der Beschlußlage der Anträge von ihrem Amt zurücktreten und der Verein möglicherweise dann führungslos wäre. Gewissermaßen doch auch einmal eine amüsante Variante. Jedoch sollte sich jeder Aufsichtsratskandidat meiner Meinung nach darüber im Klaren sein, dass er vorzugsweise eine Sachaufgabe zu erledigen hat, nämlich das Präsidium und Vereinsbelange zu kontrollieren, unabhängig davon, welche Personen sich dahinter verbergen. Das riecht gewaltig nach Personenkult, von dem wir uns eigentlich verabschieden wollten. Auch wenn das ganze Leben ein Quiz ist, liebe Kandidaten, dann lieber erst gar nicht antreten, bitte.

Aufwärmen

   Der Antrag wurde angenommen und Reenalds Rechtfertigungsbericht des Präsidiums begann. Sichtlich nervös und schwer angeschlagen versuchte er, die Mitglieder auf seine Seite zu ziehen. Er hob die wirtschaftlichen Erfolge, die Fertigstellung des Jugendleistungszentrums sowie die Trainingsanlage an der Kollaustraße hervor und begründete seine Entscheidungen um die Personalien Demuth und Gerber. So weit, so gut und nachvollziehbar. Wenn da nur dieser verflixte Stadionneubau nicht wäre. Professionelle Unterstützung, ganz nach marktwirtschaftlicher Unternehmenskultur (und doch sind wir immer noch ein Verein, nämlich der FC St. Pauli), erhoffte er sich von den Stadionvorantreibern Laabs und Linzmair, ein Hamburger Projektplaner und ein Bayrischer Bankier, die den neuesten Stand der Stadionplanung mittels Beamervorführung darlegen sollten. Das Vorhaben allerdings zog nicht unbedingt das erhoffte Resultat nach sich. Es blieben Fragen über Fragen. Kann das Stadion auch ohne Mantelbebauung verwirklicht werden? Wohl kaum. Würde eine Stadionfinanzierung eine adäquate Rendite abwerfen, stünde bereits eines am Millerntor. Wollen wir überhaupt ein Stadion, welches von der Finanzierung her gesehen zwingend mit einer Mantelbebauung verbunden ist? Wohl kaum! Warum wohl zeigen Banken überhaupt Interesse an Investitionen in Höhe von ca. 125 Mio. Euro? Weil sie damit reichlich Geld verdienen, verbunden mit einer möglichen Rendite der Mantelbebauung! Halten wir die Hotel-, Büro- und Wellnesskomplexe vor lauter Arenablindheit für stadtteilverträglich? Nur weil St. Pauli ein neues Schwimmbad bekommt? Wohl kaum! Tatsächlich erinnerte der Vortrag eher an eine BWL- Vorlesung an der Uni ohne Praxisbezug, dafür mit theoretischen Finanzierungsvarianten ohne ernsthafte Interessenten an Investoren vorweisen zu können. Ohne abschließende Gespräche mit den zuständigen Behörden, ohne abgeschlossene Baugenehmigung (es werden reichlich Änderungsanträge eingereicht werden müssen) und ohne die Sicherung von erforderlichen Veranstaltungen. Die finden in Zukunft eher in der ColorLine- Arena statt. Hat denn die Projektgruppe niemals an einen schrittweisen Ausbau gedacht, wie von einem Mitglied aus der Branche hinterfragt wurde? Wir müssen uns eben nicht mit WM-Stadien, sondern eher mit Stadien, wie wir sie in Fürth, Mainz und Freiburg finden, vergleichen!

Einlauf

   Eigentlich hat es Reenald Koch gar nicht nötig gehabt, die Mitglieder mit einer derartig mißratenen Vorstellung zu maltretieren. Das können nur taktische Überlegungen im Bezug auf die Abwahlanträge gewesen sein. Immerhin arbeitet ein Projektteam mittlerweile tatsächlich an der Umsetzung, sind durch Kostenermittlungen Planungssicherheiten entstanden, hielt man erste Gespräche mit Behörden und Interessenten, auf denen man aufbauen kann. Das hätte genügt. So wurde uns nur ein großes, anstelle eines kleinen Luftschlosses präsentiert.

   Fakt ist, dass wir nun fünf einzigartig mischfinanzierte verschiedene Stadien und zwei unterschiedlich teure Mantelbebauungen auf ein und dem selben Fleckchen Erde am Millerntor bekommen. Oder hab ich da was falsch verstanden? Hinter der Mantelbebauung versteckt sich in Wahrheit eine interessante New-Economy-After-Work-Idee: Tagsüber arbeite ich in einem der geplanten Bürohäuser, treffe mich anschließend mit Kollegen beim abendlichen Fußball Event in der Astra-Arena, reagiere meinen Frust nach dem Spiel im Fitnesstudio der Uni Hamburg ab, erhole mich vom Sport im Hallenbad der Hamburger Bäderland GmbH, bevor ich Nachts in mein Hotelbett falle, weil ich die lästigen Hausarbeiten in der eigenen Wohnung verabscheue. Stadtteilfördernd? Wohl kaum. Ich für meinen Teil sehe die EU-Fördergelder (die auch von meinen kleinen Steuerbeiträgen herrühren), lieber woanders im Stadtteil, nämlich da, wo sie Sinn bringend angelegt werden. Übrigens: Für energetisch wirtschaftliche und umweltfreundliche Konzepte einer Wärme- und Kältegewinnung erhält man unter bestimmten Bedingungen von der EU tatsächlich Fördergelder.

Seitenwahl

   Viele der Mitglieder machten anschließend einen verständnislosen Eindruck. Und bitte, laßt uns durch einfache Parolen und einer Arena vor Augen nicht so blauäugig werden, sondern lieber, am besten auf einer gesonderten Veranstaltung, eine sachliche Diskussion führen.

   Zu diesem Zeitpunkt war eigentlich schon klar, dass es an diesem Abend nicht mehr zu irgendwelchen Abstimmungen kommen wird. Trotzdem beeilten sich der Ehrenrat und der Amateurvorstand bei der Verlesung ihrer am heutigen Abend zweitrangigen Berichten, während derer ich im Foyer noch die hundertachtunddreißig Finanzierungsmodelle verarbeitete.

Anstoß

   Ein echtes Schmankerl war allerdings die Verabschiedung Harald Stenders als Ehrenratsvorsitzender. Nach der mit Akkordion unterlegten Gesangseinlage der Supersenioren, während der ich auch erfuhr, dass Harald 1951 einen doppelten Schädelbasisbruch erlitt, gaben die Mitglieder ihm ein herzliches "You`ll never walk alone" mit auf den Weg. Er schien doch ein wenig ergriffen. Harald, Du bist ein Großer!

   Und nun nahm das Unheil seinen Lauf: Anstatt den Bericht des AFM- Vorstandes vorzutragen, verstrickte sich Holger Scharf in Vorwürfen gegen das Präsidium und in Diskussionen aus dem Mitgliederkreis, was darin gipfelte, dass Versammlungsleiter Marschner ihm das Mikrofon abstellte. Von allen Beteiligten wahrlich keine souveräne Vorstellung. Karsten Marschner, der auch schon mal einen neutraleren Eindruck hinterließ, stellte sich sogar beleidigt selbst zur Diskussion und der Ordnerdienst formierte sich dezent im Hintergrund. Eine nur ansatzweise sachliche und zweckmäßige Ebene wurde verlassen. Irgendwie fehlte nur noch der Wurstfabrikant, der den Mitgliedern 1000 Würstchen für seine Wahl verspricht, um das Gefühl früherer Mitgliederversammlungen eines bekannten Ruhrpottvereins zu vermitteln. Andreas Kahrs, Jugendwart der AFM, konnte die Situation durch seine Wortergreifung ein wenig retten, stellte aber noch einmal klar, dass Holger für den gesamten AFM-Vorstand spricht. Ob die Mehrheit der AFM-Mitgliedschaft hinter den Ausführungen ihres Vorstandes steht (was im Grunde genommen auf der AFM-Versammlung hätte hinterfragt werden müssen), ließ sich nicht ganz eindeutig ermitteln.

Spielabruch

   Unter dem Damoklesschwert der Abwahl und der Vereinsausschlußanträge verrannten sich offensichtlich beide Parteien in ihrer Taktik derart, dass an eine vernünftige Fortführung der Versammlung nicht mehr zu denken war. Die Zeit bis kurz vor dem schon vorher angekündigten Schluß des Abends um 24:00 Uhr verplänkelte man mit eher komischen Wortbeiträgen eines anscheinend verwirrten Ex-Präsidenten Paulick und einer Lobeshymne an Stephan Beutel von Thomas Gottfried. Jener übrigens hielt sich den ganzen Abend derart geschickt zurück, dass man den Eindruck bekam, er durfte oder wollte nicht. Auch von ihm hätte der ein oder andere gerne ein Statement gehört. Aber wir können ihn ja während des zweiten Aktes der Versammlung, die mit dem Tagesordnungspunkt "Bericht des AFM-Vorstandes" wieder beginnt, befragen.

   Vielleicht wird der ein oder andere Antrag aufgrund der aktuellen Situation zurückgezogen, vielleicht werden rettende Anträge zur Geschäftsordnung gestellt oder schlicht sachliche Diskussionen geführt und vor allen Dingen mal gewählt! Es darf spekuliert werden!

CF

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