Der Kommissar gibt sich die Ehre
Ein Interview mit Fabian Boll
Talentierte Mittelfeldspieler sind bei unserem FC wahrlich keine Mangelware. So haben in relativ kurzer Zeit Alexander Meier und neuerdings auch Daniel Sager den Sprung in den Profikader geschafft und manch gestandenen Profi verdrängt. Ein weiteres Talent, das vielleicht den gleichen Weg gehen kann, ist Fabian Boll. Mit dem 23jährigen traf ich mich, um ihn über seinen Werdegang, Ziele u. Wünsche zu befragen.
Übersteiger: Hast Du außer Fußball mal eine andere Sportart betrieben und wie fing das mit Fußball an?
Fabian Boll: Es fing mit Kumpels auf dem Bolzplatz an, während mein Bruder bereits im Verein spielte. Als meine Eltern mich dann auch in den Verein stecken wollten, hatte ich eigentlich gar keine Lust dazu. Da bin ich nur unter Tränen zum Treffpunkt geschleppt worden. Parallel hab ich Faustball gespielt, günstiger Weise im selben Verein (Bramstedter TS) und mit den gleichen Leuten wie beim Fußball. Da hab ich es sogar als 14jähriger in die Jugendnationalmannschaft und auch als 16jähriger in die 2. Bundesliga geschafft. Da ich aber zu jung war, durfte ich nicht spielen. Fußball hatte aber immer ganz klar Vorrang.
ÜS: Wie siehst Du Deine fußballerische Ausbildung in der Jugend?
FB: Ich hatte das Glück bis einschließlich zur C-Jugend nur fähige Trainer zu haben, z.B. Mathias Neumann, der ist inzwischen Co-Trainer bei Altona 93. Von ihm hab ich so ziemlich alles, was ich über Fußball weiß, gelernt. Das fing schon sehr früh mit taktischen Sachen, wie als Stürmer zu kreuzen und ähnlichem, an. In der Zeit habe ich auch in der Kreis- und Landesauswahl gespielt, u.a. auch mal mit Peter Staczek.
ÜS: Warum bist Du in der B-Jugend zum Itzehoer SV gewechselt?
FB: Der B-Jugend Trainer bei BT war zuerst der Grund, unter dem haben wir alle so ein bisschen die Lust am Fußball verloren. Zur Rückserie kam ein neuer guter Trainer, aber wir haben keine Mannschaft mehr voll bekommen und hatten somit keine Perspektive. Wir sind zu viert nach Itzehoe gewechselt (von denen ich dann als einziger übrig blieb), hatten für die 30 Kilometer auch einen eigenen Fahrer. Das war schon alles ne Nummer größer als in Bramstedt.
In der B-Jugend -Verbandsliga sind wir, vielleicht auch wegen des unfähigen Trainers in der Hinrunde, leider abgestiegen, aber mal in das Training der Oberligamannschaft des Itzehoer SV 'reinzuschauen, war schon ganz nett.
ÜS: Waren denn die Unterschiede zwischen den Trainern schon so eklatant?
FB: Ich hatte mit Mathias Neumann einen hohen Standard, sowohl fachlich als auch menschlich, wenn dann einer ganz ohne Ahnung kommt, ist das schon schwer. Ich habe als B-Jugendlicher zum Teil auch schon in der A-Jugend-Verbandsliga mitgespielt. Für die nächste Saison hatte ich bereits zugesagt, aber dann kam der Anruf vom hsv mit dem Angebot der A-Jugend Sonderklasse, und die Chance habe ich ergriffen.
ÜS: Welche Unterschiede hast Du bemerkt?
FB: Das war natürlich eine Stufe größer, mit einheitlichen Trainingspullis, drei Trainingsanzügen etc., da wurde man ja erstmal mit Klamotten zugeschmissen. Auch das Trainingsgelände in Ochsenzoll, wo man die Profis trainieren sieht, die ganzen Rasenplätze, dass ist natürlich schon eine ganz andere Klasse.
ÜS: Wie sah es denn neben dieser Professionalität aus? Gab es weniger Zusammenhalt in der Mannschaft?
FB: Nein, ganz im Gegenteil. Vorurteile wie "arrogant" oder "zusammengekaufte Truppe" kann ich überhaupt nicht bestätigen. Die Stimmung in der Truppe war wirklich hervorragend.
ÜS: Und dann wieder zurück nach Itzehoe. Warum dieser Schritt?
FB: Das wurde mir alles zu stressig. Ich bin damals um 17.15 Uhr mit der AKN nach Hamburg zum Training aufgebrochen und um 22.20 Uhr durften mich meine Eltern in Kaltenkirchen wieder abholen. Auch wenn die A-Jugend-Regionalliga natürlich verlockend war, ließ sich das leider mit dem Gymnasium nicht mehr vereinbaren. Und beim Itzehoer SV fühlte ich mich wohl. Einerseits lag es an der Zusammensetzung der Truppe, von denen ich einige auch noch von früher kannte, als auch am kurzen Fahrtweg. Im ersten Jahr wurde ich stets abgeholt, im zweiten Jahr in der A-Jugend-Regionalliga stellte man mir sogar ein kleines Auto.
ÜS: Und der Übergang in den Herrenbereich?
FB: Das war für mich schon ein großer Schritt. Itzehoe spielte in der Oberliga, aber im Vergleich zur A-Jugend war das ein himmelweiter Unterschied, das hätte ich vom Tempo und der Kraft her so nicht erwartet. Im ersten Spiel bei Cordi kam ich in der 70.Minute rein und fünf Minuten später hätte man mich wieder rausnehmen können, so fertig war ich. Aber man gewöhnt sich an alles.
ÜS: Dann bist Du nach Lägerdorf gewechselt. Wie kommt man denn auf so einen Verein?
FB: Die hatten einen neuen großen Sponsor, das war auch finanziell schon eine Spur größer, wenn auch nicht von der Tradition her. Außerdem brauche ich ein gewohntes Umfeld, und bei nur fünf Kilometer Entfernung, dem nahezu identischen Publikum und drei Spielern die mit mir gewechselt sind war das auch gegeben.
ÜS: Danach kam der Wechsel nach Norderstedt.
FB: Ja, dank Kurt Hesse! Nach meinen 14 Toren hatte die halbe Oberliga angeklopft, auch St. Pauli und der hsv, aber Kurt hatte bei mir sofort einen Stein im Brett. Der hat sich gekümmert, drei Mal die Woche angerufen, mich zum Essen eingeladen und so weiter. Bei St. Pauli hingegen hatte ich eher das Gefühl, dass man mich gar nicht wirklich will. Da hat Hermann Klauck ein paar Mal angerufen, und Pipel hat auch im Probetraining mit mir gesprochen, aber so den letzten Kick habe ich schon vermisst.
Dann wird Kurt nach zwei Spieltagen ohne Grund entlassen, dass war für viele von uns schon ein Schock. Denn Michael Hempen, Peter Staczek, Frank Dröge und ich sind ja in erster Linie nur wegen Kurt da hingewechselt.
ÜS: Wie ist das ganze Chaos beim SCN denn rückblickend für Dich abgelaufen? Hast Du noch offene Forderungen?
FB: Also finanzielle Ansprüche im höheren Euro-Bereich gibt es immer noch. Das fing an mit nicht mehr gezahlten Prämien, Fahrgeld etc., die wurden erst bei Androhung von rechtlichen Schritten plötzlich überwiesen, da ich aus dem Vertrag wollte. So etwas schlug sich leider auch auf die sportliche Leistung nieder, in der Kabine wurde nur noch über "Wie viel bekommst Du denn noch?" gesprochen, und man ließ sich auch bewusst oder unbewusst hängen.Trotzdem war die Zeit bei Norderstedt geil, vor allem von den Typen her, mit denen ich noch Kontakt habe. Ich hatte zwar noch ein Jahr Vertrag beim SCN, aber ich wollte nur noch weg. Und da blieben für mich nur noch St. Pauli und der hsv über. St. Pauli hatte für mich aber da schon immer Vorrang, so als 13jähriger hatte ich schließlich eine Dauerkarte am Millerntor. Das fing in der Nordkurve an, später Gegengerade und dann Singing Area. Und endete auch schon mal im "Letzten Pfennig". Mein erstes Spiel war übrigens gegen Hansa Rostock, da habe ich mich leider Richtung Gästekurve verlaufen und musste doch recht schnell wieder umkehren. Auch sportlich ist die Perspektive für junge Spieler natürlich bei St. Pauli besser, wenn auch beim hsv finanziell mehr drin gewesen wäre. Ich wollte vor dieser Saison wegen der Ansprüche an mich selbst aus dem Vertrag raus, da man absehen konnte, dass mit dieser Mannschaft oberer Oberligastandard nicht erreichbar sein würde, aber da pochte der Verein noch auf den 2-Jahres Vertrag. Was insofern witzig ist, da man sich inzwischen an diesen Vertrag gar nicht mehr erinnern will und im Rechtsstreit behauptet, dass der Vereinsstempel auf meinem Vertrag wohl von jemandem geklaut worden wäre und das ganze eine Fälschung sei. Dann rief mich mittags plötzlich Marc Fascher von Cordi an, und fragte mich, wo ich den hingehe. Ich versuchte es zwar noch mit "Heute abend zum Training!", aber er sagte mir dann halt, dass Norderstedt zurückgezogen hätte. Ist natürlich schön, so was von einem Offiziellen eines anderen Vereins zu erfahren,
und nicht vom eigenen. Hermann Klauck war der Zweite, der anrief und wir vertagten uns. Abends beim Training standen wir zusammen, haben eine Kiste Bier vernichtet und gingen wieder nach Hause, die Sache beim SCN war also durch. Wobei das wohl nicht der Vermarktungs-Agentur anzulasten ist, sondern eine Entscheidung des Gesamtvereins war. Im Vorstand sitzen halt Kegler, Leichtathleten und Herz-Rhythmus-Turner, da hat der Fußball wohl eh immer gestört.
ÜS: Wie sieht Deine Zukunftsplanung aus? Bis wann willst Du den Sprung in den Profibereich geschafft haben?
FB: Ich habe mir da kein Ultimatum gesetzt, bis zu dem ich es unbedingt geschafft haben muss, aber ich will mich hier natürlich bei Pipel empfehlen. Momentan sind das immer noch die Spätfolgen der missratenen Vorbereitung bei Norderstedt. Aber es wird besser, wie man an meiner Leistung gegen Neumünster gesehen hat. Der Vertrag läuft aber erstmal nur ein Jahr. Momentan bin ich durch Full-Time Job und dem Fußball auf diesem höchsten Amateur-Niveau auch sehr gestresst. Regionalliga würde nebenher sicher nicht mehr gehen.
ÜS: Apropos Beruf. Wie kommt man in der heutigen Zeit auf die Idee, Polizist zu werden?
FB: Ja, gerade in der heutigen Zeit. Das war "genetisch" vorbedingt. Mein Opa war bei der Kripo, mein Vater, Onkel und meine Cousine sind beim BGS. Von daher kam für mich schon als Kind immer nur die Polizei in Frage. Nach dem Abi habe ich dann gleich die Kommissariatslaufbahn eingeschlagen, das hat dann bei der Bewerbung in Hamburg auch ganz reibungslos geklappt. Die Polizei wird immer schlechter gemacht als sie tatsächlich ist.
ÜS: Wie beurteilst Du Emotionen und Gewalt beim Fußball? Vielleicht auch in Bezug auf rechte Gewalt?
FB: Das ist ein heikles Thema. Emotionen gehören für mich natürlich dazu, auch Rauchbomben und Bengalos halt ich für was Herrliches, auch wenn ich weiß, dass es nicht erlaubt ist. Da kommt Stimmung auf. Sonst hätte ich auch Tennis oder Golf spielen können. Atmosphäre ist wichtig. Da bin ich bei St. Pauli ja genau richtig. Thema Nazis: Ich würde so etwas immer den Grün-weißen überlassen. Auch wenn vielleicht der ein oder andere da mal weggucken mag, so gibt es doch auch sehr viele Kollegen, die da sehr wohl beherzt eingreifen. Trotzdem verachte ich solche Menschen auf's Schärfste.
ÜS: Besteht denn die Möglichkeit, für den Profijob die Polizeilaufbahn ruhen zu lassen?
FB: Die besteht sehr wohl, für den Fall des Regionalligaaufstiegs würde ich das wohl auf jeden Fall auch wahrnehmen. Zumindest auf halbtags würde ich verkürzen.
ÜS: Wenn Du noch ein Schlusswort an die Amateur-Fans richten möchtest, nur zu.
FB: Macht weiter so, die Unterstützung ist genial. Mehr geht eigentlich nicht. Forza St. Pauli!
Ra.
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