Es war doch so schön ruhig...

Eine Bilanz des Sommertheaters
auf St. Pauli

Wie schön war es doch in der letzten Saison. Dass wir sportlich in der ersten Liga nicht mithalten würden, war ja eigentlich schon abzusehen. Ob es deswegen aber wirklich glücklich vom Präsidenten war, dem Coach einen Freifahrtschein auszustellen, auch bei 34 Niederlagen im Amt bleiben zu können? Wie auch immer, auch mit einem anderen Trainer hätte die Klasse vermutlich nicht gehalten werden können. Und diese Ruhe, die im Verein herrschte, hat uns ja auch viel Ansehen eingebracht im Lande. Hier galten eben mal nicht die berühmten Regularien des Geschäfts.

   Und dann? Dann kam Peter Paulick. Das Mitglied des Aufsichtsrates machte sich am 29.04. im Abendblatt mal richtig Luft und sprach Coach Demuth und Manager Beutel die sportliche Kompetenz ab. Das ist grundsätzlich sicher sein gutes Recht, wenn er dies denn im internen Kreis tut und am besten noch den Beteiligten ins Gesicht sagt. Da er dies aber, in eben seiner Funktion, öffentlich tat, war der Wirbel groß und völlig ohne Not bekam die schöne heile Welt Risse.

   Dass diese Risse bald zu Gräben führten, die eigentlich in diesem Verein längst zugeschüttet schienen, ahnte da wohl noch niemand, aber nun ging es Schlag auf Schlag.

   Was die Äußerung von Paulick "wir müssen beraten, ob wir nicht die sportliche Kompetenz durch

"wir müssen beraten, ob wir nicht die sportliche Kompetenz durch zusätzliches Personal erhöhen"

zusätzliches Personal erhöhen" bedeuten sollte, wurde kurze Zeit später klar. Franz Gerber wurde plötzlich aus dem Hut gezaubert, als neuer Sportdirektor. Bereits am 02.05. wurde dies dem Aufsichtsrat zur Entscheidung vorgelegt, wie dieser am 05.05. mitteilte. Eine sportliche Analyse, die, wie vom Präsidenten öffentlich angekündigt, NACH der Saison stattfinden sollte, war scheinbar nicht mehr gewünscht.

   Auch wenn Paulick sowohl vom Präsidium als auch von seinen Aufsichtsratskollegen öffentlich gerügt wurde, der Schluss liegt nahe, dass er vorgeschickt wurde, um Stimmung zu machen und den Boden zu bereiten, um dann Franz Gerber als den großen Retter für die (hausgemachte!) Krise zu präsentieren. Eins aber kann man Peter Paulick zu Gute halten, er hat jedenfalls die Kritik unter seinem Namen geäußert, andere taten und tun dies anonym.

   Bereits am Wochenende des letzten Saisonspiels gegen den 1.FC Nürnberg musste der Aufsichtsrat über die Verpflichtung von Gerber beraten. Zuvor hatte das Präsidium dies schon abgesegnet, verständlicherweise ohne die Zustimmung des völlig überrumpelten und nun in seinen Zuständigkeiten beschnittenen Stephan Beutel. Wenn mit ihm vorher über die geplante Neustrukturierung der Aufgaben gesprochen worden wäre, er hätte sicher mit sich reden lassen, denn dass im Bereich Scouting einiges im Argen liegt in diesem Verein ist klar, dafür fehlt Beutel eher nicht die Kompetenz, sondern vor allem die Zeit. Aber so wurde hier auf ziemlich unwürdige Weise agiert.

   Und auch der Aufsichtsrat (jedenfalls Teile davon) sah wohl einen gewissen Konfliktstoff, wurde die entsprechende Sitzung doch vertagt, dann aber doch mit 5:2 Stimmen, wie man dem Abendblatt am 06.05.

"Die Sache war einfach zu heikel, Iyodo hatte nicht mal eine Aufenthaltsgenehmigung"

entnehmen konnte (fraglich jedoch, woher diese Information nun wieder stammt, auch fraglich, wie solche eine Entscheidung überhaupt zustande kommt, war doch einer der Aufsichtsräte im Urlaub und wurde lediglich telefonisch über die Vorkommnisse unterrichtet...) pro Gerber abgestimmt.

   In den Tagen zuvor hatten sowohl AFM, AgiM als auch Amateurvertretung in internen Schreiben an Präsidium und Aufsichtsrat ihr Missfallen über das Vorgehen zum Ausdruck gebracht.

   Und dann, dann war eigentlich erst mal Ruhe, Franz Gerber traf sich mit Stephan Beutel und Dietmar Demuth, um die gemeinsame Arbeit vorzubereiten und aus allen Äußerungen klang ein, soweit es die Vorfälle zulassen, Zurückkehren zur Normalität. Der Präsident jedenfalls war mit der neuen Aufgabenverteilung zufrieden. In der 1/4nach5 sagte er Anfang Juni: "Wir haben jetzt zwei Topleute im Sportmanagement-Bereich: Neben Gerber Stephan Beutel mit seinen Qualitäten im Kaufmännischen und seinem Verhandlungsgeschick."

   Aber nach einem Monat, die WM war grade vorbei und die Zeitungen brauchten wieder andere Themen, ging es wieder los. Eine Kampagne wurde gestartet mit dem klaren Ziel, Unruhe in den Verein zu bringen und Stephan Beutel nun endgültig aus seinem Job und seinem Amt zu treiben.

   Die Frage bleibt allerdings wieder, woher gewisse Informationen stammen, die dann so in der Presse auftauchen. Z.B. die Entscheidung des Aufsichtsrates, dem Transfer von Abdul Iyodo nicht zuzustimmen. Über

"Didi Demuth und Stephan Beutel sind Ehrenmänner, als solche habe ich sie kennen und auch schätzen gelernt. Wir geben einen Fliegendreck auf anonyme Gerüchte."

das Pro und Contra dieser Entscheidung will und kann ich hier gar nicht urteilen, da es um vertragliche Einzelheiten und Transferbedingungen geht. Der normale Weg wäre nun gewesen, eine entsprechende Presseerklärung herauszugeben, aber schon in der Abendausgabe der MoPo am Tag der AR-Entscheidung konnte davon gelesen werden. War die MoPo bei diesem Termin anwesend? Wohl kaum...

   Noch schlimmer ist es aber, wenn der AR-Vorsitzende Peter Benckendorff am 11.07. in der MoPo zitiert wird: Der einfachere Weg wäre, den Spieler gleich den Behörden zu übergeben...

   In diesem Zusammenhang ist es natürlich interessant gewesen, am 22.07. aus dem "kicker" zu erfahren, dass Franz Gerber an Weiterverkäufen der von ihm verpflichteten Spieler finanziell partizipiert. Immerhin ist durch den geplatzten Transfer von Abdul Iyodo, den Stephan Beutel noch eingeleitet hatte, eine Verpflichtung mehr durch Gerber möglich. Aber im abendblatt vom 26.07. sagt der neue Sportdirektor, das er nicht an der Klausel ("Das war ein Vorschlag des Präsidiums") hänge, sollte sie jemandem Probleme bereiten, wäre er bereit, den Kontrakt zu ändern. Ich habe damit Probleme, also bitte.

   Eine ähnliche Klausel, dies kam auch in jenen Tagen ans Licht der Öffentlichkeit, hat übrigens (Ex-)Torwarttrainer Volker Ippig in seinem Vertrag, weswegen nicht nur die Tipps an Simon Henzler, nach dem Abstieg doch zu versuchen, in der Bundesliga zu bleiben, eine andere Bedeutung bekommen, sondern auch der Zuspruch, den seinerzeit Carsten Wehlmann bei seinem Wechsel zum HSV erhalten hatte. Dass der eigentlich rein arbeitsrechtliche Streit um die Weiterbeschäftigung von Ippig auch noch über die Medien ausgetragen wurde, passte ins Bild dieser Sommerpause.

   Das unrühmlich Highlight der Schlammschlacht waren dann aber die Vorwürfe, Stephan Beutel und Dietmar Demuth hätten sich am Marcao-Transfer bereichert. Natürlich stand das nicht wörtlich im abendblatt vom 15.07., sondern: "Gerüchte besagen, dass beim Transfer des Stürmers Marcao im vergangenen Jahr Verantwortliche des FC St. Pauli mitverdient haben sollen."

   Die Aufregung war groß, Stephan Beutel besorgte sich vom abgebenden Verein FC Mirassol in Brasilien und vom Spielerberater eidesstattliche Versicherungen, dass an den Gerüchten nicht dran sei. Eigentlich eine klare Sache, bleibt wieder die Frage, aus welcher Ecke solche Geschichten kommen und mit welchen Hintergedanken sie in die Welt gesetzt werden.

   Der einzig vernünftige Kommentar dazu kam von Stephan Beutel im abendblatt vom 16.07.: "Die ganze Sache ist für den FC St. Pauli ein völlig unwürdiges Szenario und in der Außenwirkung absolut verheerend." Immerhin gibt auch Benckendorff folgendes Statement ab (MoPo 16.07.): "Didi Demuth und Stephan Beutel sind Ehrenmänner, als solche habe ich sie kennen und auch schätzen gelernt. Wir geben einen Fliegendreck auf anonyme Gerüchte." Den Trainer hat diese Geschichte allerdings mitgenommen, in der welt am 17.07. sagt er: "Ich bin innerlich angefressen. Nur leider kann ich mich gegen einen Unsichtbaren nicht zur Wehr setzen.", weiß aber, wie der sicherlich weitaus überwiegende Teil der Fans die Sache sieht: "Aus der Stellung der Anhänger ziehe ich meine Hoffnung und meine Kraft".

   Und dann war auf einmal der Präsident wieder da, kam früher als geplant aus dem Urlaub zurück. In der MoPo vom 17.07. wird er so zitiert: "Wir haben in unseren Gremien besprochen, wie die Zusammenarbeit

"Da werde ich zwischenhauen, das schwöre ich."

zwischen Trainer Demuth, Manager Gerber und dem Wirtschaftsfachmann Beutel zu laufen hat. Wer sich daran nicht hält, der hat ein riesiges Problem. Ich muss meinen Urlaub abbrechen, weil irgendwelche Leute mit ihren Aufgabengebieten nicht solide umgehen können. Da werde ich zwischenhauen, das schwöre ich." Starker Tobak, und der MoPo-Sportchef, in diesen Tagen auffallend und unangenehm oft selber an der Feder, baut zwischen die Zitate munter Spekulationen ein: "Vermutlich wird Koch Beutels Entlassung fordern ... Die Vorwürfe, in den Vereinsgremien ausführlich diskutiert, sind umfangreich. Und gewaltig. Mangelnde sportliche Kompetenz, rüder Umgangston mit Untergebenen, null Standing bei den Spielern, intrigantes Verhalten. Koch mag nicht länger zusehen."

   Welche Vereinsgremien dies ausführlich diskutieren, steht da natürlich nicht...

   Zunächst noch erklärte AR-Boss Benckendorff in der MoPo vom 18.07., angesprochen auf Beutels angesammelte 130 Tage Urlaub: "Vielleicht muss sich der Mann ja wirklich erholen.", nachdem er einige Zeilen zuvor eigenes intrigantes Verhalten mit "Jeder, der mich kennt, weiß, dass das nicht meine Art ist" zurückweist.

   Dann war urplötzlich wieder Ruhe, eine Presseerklärung wurde veröffentlicht, mit dem Tenor, nun sei alles wieder gut und in Zukunft herrsche Ruhe im Verein. Dazu der Präsident im abendblatt am 19.07.: "Das Gespräch diente dazu, die Verantwortlichen darauf einzuschwören, dass alle an einem Strang ziehen müssen, wenn wir unsere Ziele erreichen wollen ... Und falls die Versprechen nicht eingehalten werden, schrecke ich auch vor den nötigen Konsequenzen nicht zurück."

   Der einzig würdigen Abschluss dieses fast tragisch geendeten Stücks aus dem Sommertheater kam am 23.07. von Fanseite. In einer gemeinsamen Erklärung zeigten sich AFM, AgiM, Fanladen und Fanclub-Sprecherrat solidarisch mit allen Vereinsangestellten, wurden die öffentlichen Auseinandersetzungen verurteilt und alle Verantwortlichen angemahnt, sich wieder auf die Arbeit für den Verein zu konzentrieren.

   Diese kleine und sicherlich unvollständige Chronik der Ereignisse soll eines sicher nicht: Nachkarten. Zunächst ist der ÜS auch den vielen Leserinnen und Lesern verpflichtet, die außerhalb Hamburgs nicht jede Einzelheit mitbekommen, außerdem kann aus diesen Dingen nur gelernt werden.

   Nämlich dass es unerlässlich ist, öffentliche Aussagen nur mit allergrößter Vorsicht zu tätigen. Besser, sie ganz zu unterlassen. Die hiesigen Medien (die einen mehr, die anderen weniger) schreiben eh, was sie wollen. Daher sind alle oben zitierten Passagen auch mit größter Vorsicht zu genießen, wer weiß, ob sie so stimmen.

   Trotzdem ist es traurig zu sehen, wie innerhalb unseres Vereins teilweise mit Menschen umgegangen wird. Das ist des FC St. Pauli nicht würdig.

   Auf der Jahreshauptversammlung am 25.10. werden sicherlich einige Dinge noch einmal zur Sprache kommen, der einzig richtige Rahmen dafür. Und auch eine Wahl steht an, die sieben Mitglieder des Aufsichtsrates werden gewählt. Bei dem, was diesem Verein in Zukunft bevorsteht, sind Menschen mit juristischen oder finanziellen Kenntnissen sicher nicht von Nachteil. Noch wichtiger sind aber klarer Verstand und das braun-weiße Herz am richtigen Fleck und von dieser Mischung sollte es doch auch in der Fanszene unseres Vereins einige Kandidatinnen und Kandidaten geben, oder?

thomas

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