Finale Fußballdemonstration
statt Fankultur
Alle Jahre wieder fahr' n die Schalker nach Berlin, könnte man meinen. Waren es doch im vergangenen Jahrzehnt eher die Bremer, die ihre Unterkünfte in Berlin zum Pokalfinale weit im Voraus buchen konnten, mutieren nun die Schalker aus Gelsenkirchen zum Dauergast in Berlin.
So versammelten sich auch dieses Jahr die Blau- Weißen wieder zahlreich in der Hauptstadt unserer Republik (man schätzte die Reiselustigen auf ca. 40.000 Schalker; wo bekommen die bloß immer die vielen Eintrittskarten her?). Schade nur, dass auch dieses wie vergabgenes Jahr die Schalker rund im die Gedächtniskirche alleine ihre Vorfreude auf das Finale genießen mußten. Im vergangenen Jahr bereiteten sich die Unioner in ihrem Ostteil am Alex, aber dennoch spektakulär, auf das große Ereignis in ihrer Vereinsgeschichte vor. Dieses Jahr mangelte es schlicht und ergreifend an Anhängern des Pillenclubs aus Leverkusen. Da half auch das vom Verein gestellte "Fanzelt" auf dem Platz an der Gedächtniskirche wenig, das als Begegnungsstätte für einsame Leverkusener herhalten sollte und in dem an die "Massen" der Schwarz- Roten fleißig billige und überflüssige Fanutensilien verteilt wurden. "Ihr kriegt kein Taxi voll" skandierten die Schalker und damit auch noch zu Recht, denn man war schon froh überhaupt am Vorabend einen gegnerischen Fan zu Gesicht zu bekommen. Somit wurde quasi über eine Videowerbetafel an der Ecke jeder Leverkusener einzeln in Berlin vom Verein willkommen geheißen. Geld haben Sie ja und ein Taxi kriegen Sie doch voll: Mit Rainer Calmund alleine!
Im Stadion selbst ließ die Stimmung zu wünschen übrig. Waren doch die Leverkusener mit ihrem kleinen aber echten Fanblock anfangs sogar lauter als die ca. 40.000 Schalker im Ground, eine Olympiastadion. Arena Atmosphäre halt. Sitzen und ?berwiegend bedudeln lassen. Der zweite Leverkusener "Fanblock" bestand lediglich aus auf Vereinskosten nach Berlin kutschierten und mit rot- schwarzen Leibern ausgestatteten "weiß man nicht so genau", so ein Augenzeuge. Lediglich die Schalke- Ultras ließen sich etwas einfallen, standen in ihrem Block und sorgten für Bewegung in ihrer Ecke. Ich schreibe Bewegung deshalb, weil diese, obwohl ich diese für normal hielt, gleich eine Horde Ordner auf den Plan rief, um den bewegungsartigen und lauten Support zu unterbinden. Ruhe bitte schön. Erhalt der Fankultur?
Dafür wurde am Finaltag am Alexanderplatz von Fußballfans, o.k., mehr den Ultras, aus dem ganzen Lande demonstriert. Die Organisatoren waren zwar mit der Anzahl der Demonstranten zufrieden, von rund 2.000 Teilnehmern war die Rede. Anläßlich der wegen des Pokalendspieles in Berlin weilenden Schalker und Vizekusener und der eigentlichen Wichtigkeit dieser Veranstaltung meiner Meinung nach enttäuschend. Die Fans der beiden Finalteilnehmer erkennen die Problematik ohnehin kaum. In Leverkusen scheint es gar keine Ultras zu geben und findet Fankultur seit jeher nicht statt. In Schalke stünden die Ultras mit ihren Aktionen und Meinungen auch so ziemlich alleine da, sagte ein Mitglied der Schalke Ultras. Seine Erzählungen spiegelten im wesentlichen die gleichen Probleme unserer Ultras von Carpe Diem wieder. So wird es wahrscheinlich in allen Stadien sein (vielleicht mit Ausnahme von Frankfurt). Der normale Fan registriert das Anliegen der Ultras (ob wahre Fans oder nicht) nicht wirklich. Die Unterstützung erreicht nicht die erforderliche Größenordnung. Denn so lange nur 2.000 (von der Polizei und anderen Fans verschmähte) Ultras auf die Straße gehen, die Medien und der DFB daher keinen großen Anlass sehen davon Notiz zu nehmen, wird sich an der momentanen Situation in und außerhalb der Stadien kaum etwas ändern. Für Erhalt der Fankultur, sprich gegen übermäßige Repression durch Polizei und Ordner, gegen Verbot von Tragen oder Schwenken von Bannern und Fahnen sowie der Pyrotechnik, wendeten sich die Organisatoren von pro 15:30. Dem überwiegenden Teil des Publikums stellen sich diese Fragen schon gar nicht mehr, setzt sich doch mehr die "da-kann-man-doch-nichts-gegen-machen- Mentalität" oder "sollen-die-doch-ihre-Fahnen-zu-Hause-lassen-Mentalität" durch. Dazu paßt auch die Stellungnahme der Gewerkschaft der Polizei: "friedliche Fans können sich so sicher fühlen wie in Abrahams Schoß". Also sind alle Ultras nicht friedlich. "Zudem habe der Sitzplatzanteil für einen Rückgang der Gewalt in den Stadien gesorgt". Na Klasse, wie Leverkusen beispielsweise, Plastikwelt. Und außerhalb des Stadions? Ich will nicht sitzen und fühle mich als "friedlicher Fan" in Polizeikesseln nicht sicher wie in Abrahams Schoß: Ich finde sie zum Kotzen! Es ist also noch viel Aufklärungsarbeit innerhalb der Fangemeinschaft und gegenüber den Bundesligamachern notwendig. Da helfen nur noch große Aktionen ähnlich der Anfängen von pro 15:30.
Ein Respmee? Die Demo an sich hatte für mich keine allzu große Durchschlagkraft, gab es doch zu wenige Teilnehmer und Zuschauer, war die Gruppe doch von vorne herein in eine Ecke gedrängt, von der keiner Notiz nehmen sollte. Immerhin war es trotz des skurilen Personenkreises friedlich, hätte man auch sonst die Demo ad absurdum geführt. Mehr darüber findet ihr unter www.pro 15:30.de!
Das der DFB schlußendlich nicht anwesend war, ohnehin kaum an den Forderungen und Sorgen interessiert ist, zeigte sich wieder einmal nach dem Schlußpfiff des Finales. Die Schalker, zum ersten Mal in der Geschichte des Berliner DFB- Pokalfinales zweimal hintereinander Sieger dieses Wettbewerbes, durften wieder einmal weniger ihre eigene Kreativität, soweit es sie noch gibt, unter Beweis stellen. Kaum ertönte der Schlußpfiff sorgte der DFB - DJ für eine gigantische 1-stündige deutschsprachige Unterhaltungsshow. Nachdem zunächst noch alle Schalker ihr blau und weiß liebten, sie dann mit griechischem Wein und Hossa (warum eigentlich, ist doch Kult?) zermürbt wurden, verrosteten und verkalkten die Schalker beim 4. Opa Pritschikowski auch nicht mehr. "Bloß weg hier" stand den meisten auf den Gesichtern geschrieben. Lichter aus und in die Stadt, um weinende Rheinländer zu trösten. "Dafür holt ihr die Schämpienslieg" (o.k., war nicht wirklich ernst gemeint, hä,hä!).
So gingen ein paar Finaltage in Berlin ohne besondere Highlights, aber mit ein paar kleinen Anekdoten zu Ende:
Um Ärger und Aggression am U- Bahn Eingang Olympiastadion nach dem Spiel zu vermeiden, legte ein DJ auf dem Vorplatz für die wartende Meute Platten auf. Party vor dem vom Sicherheitsdienst gesperrten Bahnsteigen. Auch nicht schlecht. Hat funktioniert!
Meine Freunde aus Ense in Westfalen überstanden auch diese Fahrt nicht ohne Bekanntschaft mit dem Berliner Sicherheitsdienst zu machen. Diesmal war es aber nur die U-Bahn Wache (und nicht die exekutive Härte der Davidswache), die unserem Traumtänzer etwas deutlicher klar machte, daß das Überqueren von U-Bahngleisen von Bahnsteig zu Bahnsteig nicht nur verboten, sondern ob der 37.000 Volt Schiene nicht ganz ungefährlich sei. Er stand wohl ordentlich unter Strom...
Da wir aufgrund der späten Organisation des Events nur eine Unterkunft für 80 Euro pro Nacht am Arsch der Welt in Pankow erhielten, in der wir dann ohnehin nur mehr oder weniger mit Kopfschmerzen zum Frühstücksbufett anwesend waren, sahen wir uns gezwungen zumindestens an den Fahrtkosten Stadteinwärts mit der Tram und U-Bahn zu sparen: Reisten wir halt als Fahrrad, Kurzstrecke oder Ermäßigte durch Berlin.
CF
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