Der Kampf Kommerz gegen Kult geht in die nächste Runde

Rot-blaues Furzkissen
oder Grünwalder Strasse

   Viel Wasser ist die Isar hinuntergeflossen, seit der Uhrmacher Hilber 1911 den Platz an der Grünwalder Strasse pachtete und eine erste Tribüne aufbauen ließ. 1926 fand hier das erste Länderspiel gegen die Schweiz vor 35.000 Zuschauern statt. Bis 1972 trugen sowohl die Bayern als auch die Löwen hier ihre Bundesliga- und Europapokalspiele aus. Doch jetzt scheint der Entschluß, dem jetzigen "60'er"-Stadion den Gar auszumachen, bereits beschlossene Sache. Die Arena, in der einst mehr als 58.000 Zuschauer Pflichtspiele der Löwen bejubeln konnten, muß städtischen und wirtschaftlichen Interessen weichen, weil man zum einen1937 den Fehler gemacht hat, das Stadion der Stadt München zu verkaufen und zum anderen der Präsident der 60'er Karl-Heinz Wildmoser das Thema "Heimat an der Grünwalder Strasse" eher stiefmütterlich behandelt. Herr Wildmoser ignoriert schlichtweg, dass er es in erster Linie der fantastischen Stimmung in der Löwenarena zu verdanken hat, dass es überhaupt Bundesligaspiele für den TSV 1860 gibt. Selbst In den schweren 60'er Zeiten von 1980 bis 1993, als die Löwen im Fussball nur zweit-, bzw. drittklassig waren, kamen die Zuschauer in Strömen nach Giesing, oftmals sogar in der Bayernliga im fünfstelligen Bereich. Spätestens seit der Entscheidung für ein gemeinsames Stadion mit den eigentlich verhaßten Bayern in Fröttmaning, haben die meißten Löwen eingesehen, dass es aus dem Präsidum keine Unterstützung mehr zum Erhalt des Stadions in der Giesinger Heimat gibt. Was will man auch von einem Präsidenten erwarten, der eingetragenes Mitglied beim FC Bayern ist. Noch Anfang letzten Jahres schien ein Aus-, bzw. Umbau der Arena möglich zu sein. Mit tatkräftiger Unterstützung von Manni Schwabl wurden Investoren gesucht und ein umgebautes Stadion präsentiert, was dem Weisener-Modell verblüffend ähnlich sah. Die Basisvariante sollte Platz für 38.000 Zuschauer bieten und ca. 75.000.000 EUR kosten.

   Da der Umbau mit der Entscheidung für ein gemeinsames Stadion in Fröttmaning ad acta gelegt wurde, geht es jetzt nur noch um die Frage, ob das Grünwalder Stadion für die Amateure der Bayern und 60'er erhalten bleiben soll oder ob man den Amateur-Fussball in das Dante-Stadion verlegt. Die Stadt rechnet mit jährlichen Betriebs- und Renovierungskosten von ca. 300.000 EUR für das Grünwalder Stadion (da kann das Präsidium unseres FCs nur drüber lachen!). Gegen eine Verlegung des Amateur-Spielbetriebs spricht allerdings, dass das Dante-Stadion bereits mit diversen Sportveranstaltungen (Leichtathletik, American Football,...) vollkommen ausgelastet ist. Wie man die Verlegung des Amateursprots realisieren kann, steht allerdings in den Sternen, da im Grünwalder Stadion immerhin jährlich um die 80 Fussballspiele stattfinden. Das Dante-Stadion müßte für etliche Millionen erweitert werden, damit hier Regionalliga-Fussball ausgetragen werden kann. Es gibt allerdings Überlegungen, den Jugend- und Amateur-Fussball in den nahegelegenen Unterhachinger Sportpark zu verlegen. Das Kapazitätsproblem wäre dann gelöst, der Verlust der Heimat für die Löwen wäre damit allerdings bittere Realität. Man müßte für die Profis nach Fröttmaning (ganz im Norden) und für die Amateure nach Unterhaching (ganz im Süden) reisen. Könnten wir uns vorstellen, unsere Profis in St. Ellingen und unsere Amateure in Reinbek zu supporten? Was für ein Glück, dass unser Präsident kein eingetragenes Mitglied beim h$v ist. Deswegen ist es nachvollziehbar, dass diverse Organisationen (z.B. "Freunde des 60'er Stadions") bis zum bitteren Ende einen "Krieg um das Grünwalder Stadion" ausrufen. Zur Zeit versucht man, ein Bürgerbegehren auf die Beine zu stellen und hofft, dass mindestens 27.000 Stimmen für den Erhalt des Stadions votieren. Mein letzter Stand war, dass es bereits 2.500 Stimmen pro Grünwalder Stadion gibt.

   Ob man noch weitere 25.000 Leute zur Überzeugung bringt, sich für den Erhalt des Stadions zu entscheiden, wage ich zu bezweifeln, da es sehr viele Löwen-Fans gibt, denen der Amateurfussball und die Tradition am Allerwertesten vorbeigeht und man darüberhinaus mindestens 10 % aller Bürger dazu bewegen muß, zu votieren, damit die Abstimmung rechtskräftig wird. Es gibt also noch viel zu tun für die "Freunde des 60'er Stadions", damit sich die Bevölkerung am Ende des Begehrens pro Tradition und contra, was auch immer, entscheidet. Was hat die SPD-regierte Stadt München überhaupt mit dem Areal in Giesing vor? Bis heute weiß man nur, dass sich München keine drei Stadien leisten kann, die alle öffentlich subventioniert werden müssen (die Allianz-Arena soll zwar von den Fußballvereinen betrieben werden, verschlingt aber für die Errichtung der Infrastruktur immense Summen). Die SPD-Ratsfraktion beantragte also einen städtebaulichen Ideenwettbewerb für das Gebiet rund um die Volckmer- und Grünwalder Strasse. Eine dieser Ideen kommt von der Bau-OHG der Gebrüder Rossius, die das Areal für 30 Millionen kaufen wollen und dort sowohl ein Kongresszentrum mit Mehrzweckhalle für 3.000 Menschen als auch ein großes Hotel der Kategorie 4-5 Sterne errichten wollen. Doch was will man mit einer weiteren Halle, wenn der Stadtrat schon Probleme hat, öffentliche Mittel zur Finanzierung der bereits bestehenden Olympia- und Rudi-Seldmayer-Halle aufzubringen. Deshalb favorisiert die SPD-Stadträtin Brigitte Meier eine Mischung aus Gewerbe und Grünflächen, gespickt mit ein paar (Alibi-)Sozialwohnungen. Ein weiteres Argument für die SPD-Stadträtin, das Stadion abzureißen sei der hohe Lärmpegel, der bei Fußballveranstaltungen entsteht, was ich bei duchschnittlich 500 Zuschauern pro Spiel zu bezweifeln wage. Außerdem wird die Lebensqualität rund um das Areal sowohl durch ein höheres Verkehrsaufkommen von Kunden des neuen Einkaufszentrums und den Anlieferern als auch durch das Sterben von kleinen, traditionellen Einzelhandelsläden sinken. Einzig und allein die PDS stellt sich voll hinter den Erhalt des Löwenkäfigs. Schade nur, daß die nicht im Stadtrat sitzen und mitbestimmen können.

   Am 18.07.2002 wurde diesbezüglich eine sehr hitzige Podiumsdiskussion zwischen Stadionbefürwortern und Vertretern der Stadt geführt (von einem Pfarrer als neutralem Schlichter geleitet!!!), die verbal teilweise unter die Gürtellinie ging und die Löwen in der Entscheidung bestärkte, es auf ein Bürgerbegehren hinauslaufen zu lassen. Vielleicht ist es für beide Seiten doch das Beste, die Bevölkerung demokratisch abstimmen zu lassen, was für den Stadtteil Giesing am sinnvollsten ist. Aus Sicht der Löwen, kann man sich nur für den Erhalt des Stadions entscheiden, die Frage muß aber erlaubt sein, warum nur roundabout 500 Zuschauer ins Grünwalder Stadion gehen, wenn man der Stadt zeigen will, dass es hierbei um mehr geht als nur eine alte, marode Sportstätte. Wo ist denn nun der Kult???

OhneArme
(Auslandskorrespondent München)

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