It's time to take the power back

   Im Fußball bleibt alles selten beim Alten. Spieler kommen und gehen, Trainer werden entlassen, die Manager suchen immer lukrativere Anlagemöglichkeiten. Aber wenn sie weiterziehen, werden immer wieder neue kommen, um sie zu ersetzen, und diese werden ein noch größeren Stück vom Kuchen verlangen. Und während die Preise für TV-Rechte immer wieder neue unglaubliche Höhen erreichen, und über jede neue Spielerfrisur in der Boulevardpresse gleich Seitenweise berichtet wird, bleiben die Fans zurück, mit Plastikbechern im Plastikstadion. Langsam aber sicher driftet die Leidenschaft weg.

   Und wo hin soll das Ganze hier führen? Eine Sache ist sicher: es wird eine holprige Fahrt. Als ehemaliger Fan von Wimbledon FC kann ich euch sagen, dass es auch für einen Fußballfan eine Grenze des erträglichen gibt. Wir waren so weit unten wie man nur sein kann und sind zurückgekehrt, stärker und entschlossener als je zuvor. Es ist eine Geschichte die zeitweise erschreckend, aber auch ermutigend ist, und die Tatsache, dass sich das ganze bei Wimbledon abgespielt hat, einst der Märchenklub Englands, macht es noch passender, dass diese Geschichte eine Botschaft hat.

   Wimbledon FC war das Fußballmärchen überhaupt. Ein Beweis dafür, dass im Fußball alles möglich ist. Wer ist schon Chievo Verona? (Zugegeben, die spielen auch in blau-gelb, wie der AFC Wimbledon.) Wir waren ein Amateurklub mit einem Amateurstadion bis vor 25 Jahren, stolze Gewinner des Englischen Amateurpokals 1963. 1975 hatte der Verein als Pokalschreck auf sich aufmerksam gemacht, mit einem Sieg gegen den Erstligisten (höchste Spielklasse vor Einführung der Premier League) Burnley, und einem 0-0 beim übermächtigen Leeds United. Aber nicht einmal die optimistischsten Fans hätten daran geglaubt, was danach passierte. Nur 13 Jahre später besiegten die Dons Liverpool im Endspiel um den FA Cup von 1988.

   Diese Mannschaft und ihre Vorgänger wurden überall bekannt als "Crazy Gang", "die Verrückten", eine Mischung aus liebenswürdigen Spaßvögeln, Kneipenschlägern und anderswo gescheiterten Fußballern, die Jahr für Jahr die Prognosen der Experten auf den Kopf stellte. Der kleine Verein kämpfte sich weiter durch, verkaufte Spieler, um sich finanziell über Wasser zu halten, und konnte sich trotzdem in der englischen Fußballelite festsetzen. Ihre Spielweise gefiel den Experten nicht, aber die Serie der spektakulären Ergebnisse setzte sich fort.

   Also was ging schief? Der erste Schritt auf dem Weg in den Abgrund war die Entscheidung, das heruntergekommene aber sehr beliebte Stadion an der Plough Lane zu verlassen. Der exzentrische Vereinspräsident Sam Hammam (wie oft kommt es im Fußball vor dass aus "exzentrisch" "unzuverlässig" wird?) behauptete, das Stadion könne nicht mehr modernisiert werden, um die neuen Sicherheitskriterien zu erfüllen, die nach der Katastrophe von Hillsborough aufgestellt wurden, bei dem 96 Liverpool-Fans aufgrund von schlechter Polizeiarbeit und Unterfinanzierung des Stadions ihr Leben verloren. Selhurst Park, das eine Stunde von Plough Lane entfernte Stadion von Crystal Palace, wurde zum "vorübergehenden Zuhause" des Vereins. Anstatt sich auf die Suche nach einem neuen Zuhause für den Verein zu machen, verkaufte Hammam Plough Lane und steckte das Geld in die eigene Tasche. Er war so zufrieden mit seiner Profitmacherei auf Kosten des Vereins, dass er den Verein selber dann für die unglaubliche Summe von 30 Millionen Pfund verkaufte.

   Hammam überredete zwei Norwegische Milliardäre, Kjell Inge Røkke und Bjørn Rune Gjelsten dazu, den inzwischen heimatlosen Verein aufzukaufen. Sie kamen an mit ehrgeizigen Versprechungen für ein neues Stadion in Wimbledon. Es stellte sich allerdings heraus, dass die Anliegen der Fans für sie die geringste Priorität hatten. Sie heuerten einen norwegischen Trainer, Egil Olsen, der, trotz seiner charmant-ausgefallenen Persönlichkeit, es schaffte, mit dem besten Kader, den wir jemals hatten, aus der Premier League abzusteigen.

   Das war die Stelle, an dem die ernsthaften Probleme begannen. Ohne die Fernsehgelder von Sky und den Zuschauerandrang durch attraktive Gegner, mussten Spieler verkauft werden. Das war keine große Überraschung, und wir hatten eine gute Gruppe von jungen Nachwuchsspielern und waren somit zuversichtlich mit Blick auf den möglichen Wiederaufstieg. Die erste Saison brachte allerdings einen enttäuschenden 9. Platz. Aber das war gar nichts im Vergleich zu der Enttäuschung und dem Unglauben, als eines Morgens die Dauerkartenbesitzer einen Brief bekamen, in dem der Verein ankündigte, nach Milton Keynes umzuziehen, eine neue Stadt 115 km nördlich von Wimbledon - abhängig von der Zustimmung der relevanten Fußballbehörden.

   Ihr könnt Euch vorstellen, wie wir reagiert haben. Diese Entwicklung wurde mit Bestürzung und Wut aufgenommen. Und mit gut organisierten und öffentlichkeitswirksamen Protestaktionen. Eine Stiftung mit dem Namen "The Dons Trust" wurde ins Leben gerufen, um mit dem Unabhängigen Fanverband WISA (Wimbledon Independent Supporters Association) zusammenzuarbeiten, und um eine finanzielle Unterstützung für die Aktionen der Fans zu ermöglichen. Und tatsächlich - die Entscheidung fiel in unserem Sinne aus - 8-0 lautete das Abstimmungsergebnis. Aber unser Jubel dauerte nur kurz - der Verein mit seinem Marionettenpräsidenten Charles Koppel, von der Zeitung "Observer" als "Dr. Evil" bezeichnet - legte Berufung ein. Die Entscheidung lag nun beim Gericht des Fußballverbands. Dieses wiederum gab die Entscheidung weiter an die Fußballliga (einer der Männer, die die Entscheidung trafen, war der Präsident des Drittligisten York City, der angedroht hatte, seinen Verein dichtzumachen und das Stadion mit einem Gewinn von 4 Millionen Pfund zu verkaufen - die englischen Behörden stufen solche Taten der mutwilligen Zerstörung offenbar als Unternehmergeist ein).

   Wir rissen uns die Haare aus und fragten uns, warum es eigentlich so lange dauerte, nein zu sagen. Die Liga entschied, sie könne keine Entscheidung treffen und leiteten es weiter an einen 3-köpfigen Ausschuss des Fußballverbandes, der eine endgültige Entscheidung treffen sollte. Es war eine lange und kräfteraubende Saison. Der Fußball spielte ganz klar eine Nebenrolle. Und dann, nur zwei Wochen vor dem Anfang der WM, nachdem Dons-Fans eine wochenlange Mahnwache vor dem Sitz des Verbandes gehalten hatten, fiel die endgültige Entscheidung. Unglaublicherweise bekam der Umzug nach Milton Keynes grünes Licht.

   Ich konnte es nicht fassen. Man hatte mir meinen Verein gestohlen. Und ich konnte nicht in London sein um an den Protesten teilzunehmen und um mit meinen Freunden und meiner Familie zu trauern. Irgendwie war ich froh, am nächsten Tag durch einen Beinbruch abgelenkt zu werden - wer weiß wie lange die Depression angehalten hätte. (Das macht wahrscheinlich keinen Sinn für jemand, den man nie den Verein weggestohlen hat!)

   Natürlich weigert sich fast jeder echter Dons Fans, Milton Keynes zu betreten (das übrigens auch so ein ziemlich schrecklicher Ort ist). Fast sofort machten, Kris Stewart, Vorsitzender von WISA und Ivor Heller, 2. Vorsitzender des Dons Trust, Pläne für die Gründung eines neuen Vereins. Nur 6 Wochen später sicherte man sich einen Platz in der "Combined Counties League" (vergleichbar mit der Landesliga in Deutschland), ein ehemaliger Spieler wurde als Trainer verpflichtet und ein Kader aus enthusiastischen Namenlosen zusammengestellt. Ach ja, außerdem mehrere tausende Pfund aufgetrieben, unter anderem ein Sponsorvertrag im Wert von über £100,000 (EUR 160,000) mit der örtlichen Softwarefirma "Sports Interactive" (aus deren Haus das Kultspiel "Meistertrainer" stammt). Es war Zeit, den Spielbetrieb aufzunehmen.

   Das erste Spiel des AFC Wimbledon fand bei Sutton United statt, Lokalrivalen zu Zeiten vor Aufstieg und Fall des "alten" Vereins, den man im oben erwähnten Amateurpokalfinale besiegte. Keiner wusste, was man von der Begegnung erwarten sollte - schließlich war es ein Freundschaftsspiel unter Amateurteams. Außerdem kannten sich die Spieler von Wimbledon kaum. Der Anlass wurde für alle Anwesenden zu einer fast schon religiösen Erfahrung, besser als unsere kühnsten Träume - mehr als 4,600 Menschen erlebten eine 0-4 Niederlage des AFC Wimbledon. Aber das Ergebnis ist völlig egal - es war ein großer Triumph für alle Fußballfans - eine Demonstration des Trotzes gegen den Gier, der uns das Spiel wegnimmt.

   Es scheint unwahrscheinlich, dass irgendjemand hingehen wird, um den Frankenstein-Klub in der nächsten Saison zu sehen, egal wo sie spielen. Vor kurzem hatten sie nur 157 Fans bei einem Freundschaftsspiel während wenige Tage später das 5. Spiel des AFC Wimbledon 1,000 Zuschauer anlockte. Und um ehrlich zu sein, hat man uns so oft angelogen, dass uns das egal ist. AFC Wimbledon ist das Wahre, ein Klub im Besitz der Fans, geleitet von den Fans, mit tiefen Wurzeln in der örtlichen Bevölkerung und im Stadtteil.Und in der Combined Counties League, gibt es nur einen Weg - den nach oben.

Mehr Infos unter diesen Adressen:
www.afcwimbledon.co.uk
www.wisa.org.uk
www.weirdandwonderfulworld.com

Vielen Dank für die Übersetzung an Sean vom "Green Pages" (www.celticfc.de)

Gastartikel von Adrian

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