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Wenn ich heute eine Entscheidung bedaure, dann ist es die Einsetzung von Aufsichtsräten", klagt DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder in einem Interview. Diese Leute in den Räten der Fußballvereine würden ihre Macht missbrauchen und sich in die Geschäfte der Vorstände einmischen. Der DFB-Boss könnte bei seiner bissigen Kritik auch an den Aufsichtsrat des FC St. Pauli gedacht haben. Dabei begann alles voller Optimismus. Die Herrscher des Fußballs hatten es im ganzen Land satt, sich vom Volk schurigeln zu lassen. Trunkene Mitgliederversammlungen auf Schalke und die Faustschlag-Affäre im November 1988 bei der selbsternannten Eintracht in Frankfurt brachten selbst den schwerfälligen DFB in Bewegung. Der unberechenbaren Basis, die bis dahin ihre Vereinsvorstände direkt wählen konnte, sollte ein honoriger Aufsichtsrat vorgeschoben werden. Teile und Herrsche. In der Realität entpuppten sich viele Räte dann jedoch als ebenso wilde Choleriker und eitle Selbstdarsteller, wie es der Masse der Vereinsmitglieder von ihren Oberen gerne nachgesagt wird. Kürzlich konnte das typische Niveau beim 1. FC Kaiserslautern eindrucksvoll studiert werden, dessen Aufsichtsratsvorsitzenden Robert Wieschemann die Fachzeitschrift Kicker "Ahnungslosigkeit von Spiel und Führungsstil" vorwarf. Tatsächlich ziehen viele der medienwirksamen Aufsichtsgremien nicht gerade sportliche, ökonomische oder juristische Fachkompetenz an, die hat nämlich oft Besseres zu tun. Dies ist eigentlich nur dort anders, wo ein Konzern das Sagen hat, etwa in der Fußball-GmbH von Leverkusen oder Wolfsburg. So dürfen wir Mayer-Vorfelder glauben, wenn er von dem größten Fehler seiner Laufbahn spricht - und der Mann hat einiges auf dem Kerbholz. Der zweite SchrittDem ersten Schritt folgte ein Jahrzehnt später der zweite. Im Oktober 1998 macht der DFB den Weg frei für Vereine, die sich in Kapitalgesellschaften umwandeln wollen. Die 203 Delegierten auf dem DFB-Bundestag stimmten überraschenderweise einstimmig zu. Damit sollte eigentlich der Weg an die Börse freigemacht werden. Schließlich boomten damals die Aktienkurse noch, der "Neue Markt" erlebte gerade seinen Höhenflug und viele Fußballfunktionäre hofften auf Millionenfluten durch den Gang an die Börse. Diese naiven Träume sind inzwischen geplatzt. Nicht nur, weil die Kurse taumeln, sondern vor allem, weil sich bald zeigte, dass es mit der wirtschaftlichen Substanz der Vereine nicht weit her ist: - auf etwa 450 Millionen Euro beziffert der DFB die Schuldenlast der Bundesliga, - wenige Klubs besitzen mehr als eine Mannschaft - nur einige Ausnahmen, wie der auch in dieser Hinsicht vorbildliche Sportclub Freiburg haben die goldenen neunziger Jahre für Investitionen "in Steine" genutzt, - zudem ist die Abhängigkeit von einer einzigen Einnahmequelle, dem Fernsehen, viel zu hoch um an der Börse Chancen zu haben: Viele Fußballunternehmen hängen mit 50 bis 60 Prozent ihrer Einnahmen am TV-Tropf. So blieb es bei dem einzigen Börsengang in Deutschland, dem von Borussia Dortmund. Dem BVB schwemmte dies ein paar Hundert Millionen in die Tasche, aber die Aktie wurde für Anleger ein Flop, genauso wie alle der über dreißig kickenden Aktiengesellschaften in Europa, die sich zwischen England und Türkei, Dänemark und Italien an den Börsen kaum beachtet herumtreiben. Die einzige einigermaßen erfolgreiche Aktiengeschichte schrieb bis zum allgemeinen Börsen-Crash Manchester United. Inzwischen ist auch hierzulande, wie in England, Frankreich, Italien und Spanien, der Markt des Abo-Fernsehens á la "Premiere" zusammengebrochen, der bislang die Expansion der Verein finanziert hatte. Die Zeiten rasanter Umsatzsteigerungen für Alle und allein durchs TV sind damit vorbei, und die Kluft zwischen Arm und Reich wird weiter aufreißen. Bei St. Pauli kaum GegenstimmenSeit dem DFB-Beschluss vor vier Jahren krempelten die meisten Erstliga-Vereine ihre Strukturen um und gründeten eigene Gesellschaften für ihre Profiabteilungen oder sie sind zur Zeit dabei. Ein Weg, der auch für den FC St. Pauli vorgezeichnet scheint, seit die Mitgliederversammlung im Oktober 2001 mit nur 15 Gegenstimmen einer Satzungsänderung zustimmte, die eine Ausgliederung der Lizenzspielerabteilung zulässt, aber nicht vorschreibt. Bei unserem FC dürfte an das gleiche Modell gedacht werden, wie es wohl die meisten Klubs favorisieren, einer "Kommanditgesellschaft auf Aktien" (KGaA), wie sie auch Borussia Dortmund als Vehikel für seinen Börsengang benutzte. Faktisch werden die Mitglieder durch eine KGaA weiter entmachtet und der Fußballbereich zu einem eigenständigen Wirtschaftsunternehmen. Damit ergibt sich allerdings die Chance, neues Kapital aufzunehmen und neue Geschäftsfelder zu erschließen. So wird beispielsweise die Kapitalbeteiligung durch einen "befreundeten" Konzern möglich, wie sie etwa Bayern München mit dem Einstieg von Adidas plant. Immerhin behält der Verein weiterhin die Mehrheit, dies hat der DFB ehedem festgeschrieben, um die vollständige Übernahme eines Fußballvereins durch einen Berlusconi oder Robert Murdoch, der eine Premierminister Italiens und beide milliardenschwere Medienbosse, zu verhindern. Damit eine Ausgründung sich lohnt, sollte allerdings erst einmal eine bestimmte wirtschaftliche Größe von etwa 50 Millionen Euro Jahresumsatz erreicht werden. Unser bescheidenes Geschäft am Millerntor von ein paar Mille wird dagegen von jeder besseren Handwerksklitsche erreicht, und ließe sich in Vereinsform prima managen, vorausgesetzt, man empfindet die Mitglieder nicht als lästigen Hemmschuh. Hertha macht esBei Hertha BSC - Umatz aktuelle rund 50 Millionen Euro, geplant 130 Millionen - hatte die im Jahr 2001 vollzogene Strukturreform folgendes Ergebnis. Die Mitgliederversammlung wählt den sechsköpfigen Aufsichtsrat und beruft ihn ab, ebenso bestimmt sie die fünf einfachen Mitglieder für den sogenannten Beteiligungsausschuss, der die Interessen des Vereins in der KGaA vertreten soll. Der Aufsichtsrat bestellt wiederum - wie gehabt - das vierköpfigen Präsidium des Vereins Hertha. Die Gewählten "einfachen" Mitglieder des Beteiligungsausschuss, der komplette Aufsichtsrat und das ganze Präsidium des Vereins bilden zusammen den Beteiligungsausschuss, der die Geschäftsführung der Kommanditgesellschaft auf Aktien kontrolliert. In der KGaA sind die Lizenzspielerabteilung, die erste Amateurmannschaft sowie die erste A-Jugend-Mannschaft vereint. So könnte auch die zukünftige Struktur des St. Pauli-Fußballs aussehen. Innerhalb einer solchen komplexen Struktur sind freilich die Macher in der KGaA ziemlich unabhängig, auch wenn die alten Vereinsgremien über den Beteiligungsausschuss noch kontrollieren können. Allerdings kann der Verein - solange nicht externes Kapital in die KGaA eingebunden wird, wie bei Hertha oder dem HSV (Ufa) - die grundsätzliche Richtung vorgeben und die Strategie bestimmen. Vorsicht: Pleite!Die Begründung für eine Ausgliederung der Profiabteilung des FC St. Pauli klingt heute nach dem Börsenkrach nicht mehr so offensiv nach Shareholder Value wie früher. Vielmehr soll der Verein nur vor unbezahlbarem Schaden bewahrt werden - heißt es aus der Vorstandsetage des FC St. Pauli und man verweist auf den kostspieligen Stadion-Neubau. Wer die Gefahr eines Konkurses heraufbeschwört, den unsere heißgeliebten Fußballprofis erleiden könnten, argumentiert gefährlich. Er nimmt offensichtlich billigend in Kauf, das eine solche Finanzpleite tatsächlich im Bereich des real Möglichen liegt. Eigentlich ist eine solcher Crash aber nur denkbar, wenn zuvor jemand Hasardeur spielt, denn kaum ein Geschäft ist leichter zu kalkulieren als der Fußball. Die beiden wichtigsten Einnahmeposten - TV-Gelder und Werbung an Mann und Bande - stehen bereits vor dem ersten Anpfiff für ein Jahr fest, und selbst die Zuschauereinnahmen liegen in einem bestimmten, vorab kalkulierbaren Band. Angesichts dieser idyllischen ökonomischen Zustände gehört eine Menge Pech oder Dilettantismus dazu, um einen Fußballklub in die Pleite zu führen. Dass trotzdem die Bundesliga einen unüberschaubaren Schuldenberg aufbauen konnte, widerspricht dieser These keineswegs, die roten Zahlen zeigen tatsächlich nur, wie hoch der wirtschaftliche und fachliche Sachverstand einzuschätzen ist, der sich in Vorständen und Aufsichtsräten herumtreibt. Eine Ausgründung ist heute beim FC St. Pauli wirtschaftlich unnötig und schwächt die Demokratie im Verein. Schlimmer noch, soll der FC wirklich zu einem Geschäftsbetrieb mit Fußballanhang verkommen? Wirtschaftlicher Erfolg ist zwar eine Voraussetzung für dauerhaften sportlichen Erfolg, wirtschaftlicher Erfolg stellt sich jedoch nur dort ein, wo personelle Kontinuität herrscht, die ideellen Wurzeln des Vereins und seiner Menschen geachtet werden und nicht jede Mode von Gestern noch heute mitgemacht wird. Übrigens, der "Neue Markt" wird von der Deutschen Börse geschlossen. Warnung aus Berlin"Die Goldgräberzeiten sind vorbei", sagt Dieter Hoeneß. Zusammen mit der Unternehmensberatung Roland Berger entwarf der Hertha-Macher einen Wirtschaftsplan für die kommenden Jahre. Die Eckpunkte: Trotz der geringeren Fernseheinnahmen bleibt das Fußballgeschäft ein Wachstumsmarkt. Der Umsatz werde in der Summe wachsen - aber nicht bei allen Vereinen. "Die Schere wird weiter auseinandergehen." Grundsätzlich spiele die strategische Ausrichtung eine große Rolle, bei einer europaweiten Analyse schnitten die Klubs am besten ab, die sich auf den Fußball konzentrieren. Firmen wie Borussia Dortmund, die auch im Sportartikel- und Internetgeschäft aktiv seien und Stadien betreiben oder Chelsea London, die auch Versicherungen und Reisen verkaufen, hätten nur schwache Renditen vorzuweisen. Dagegen arbeiten gerade auf den Fußball konzentrierte Klubs überaus profitabel: "Je diversifizierter der Klub, um so weniger profitabel." Unterm Strich gebe es eine enge Beziehung zwischen ökonomischer Solidität und sportlichem Erfolg - ohne Moos ist halt auch im Fußball nichts los. Übersteiger |
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