Aufsichtsratswahl

Worum geht's hier eigentlich ?

   Das mögen sich viele Mitglieder und Fans vor der JHV fragen. Denn eigentlich wollen doch alle dasselbe: Sportlichen Erfolg, ein neues Stadion und Ruhe im Verein. Liegt es nur am Misserfolg der Mannschaft, dass wieder einmal Hauen und Stechen angesagt ist? Das wäre wohl eine zu einfache Erklärung. Denn neben dem sportlichen Personal scheinen auch wesentliche Funktionsträger mit ihrer Aufgabe schlicht überfordert. Ein klares Konzept, Professionalität, Transparenz und Effizienz sind nicht erkennbar.

   Da gibt ein stellvertretender Vorsitzender des Aufsichtsrats ein Interview in der Welt und eröffnet damit eine wochen- und monatelange öffentliche Diffamierungskampagne gegen den Trainer Demuth und den Manager Beutel. Unfähigkeit wird unterstellt. Vergessen wird dabei, dass beide zwei Jahre zuvor eine radikale Kürzung des Lizenzspieletats akzeptiert und damit erst die Möglichkeit geschaffen hatten, jene infrastrukturellen Verbesserungen (Trainingsgelände Kollaustraße, Jugendleistungszentrum Brummerskamp) anzugehen, mit denen sich das Präsidium jetzt so gern schmückt. Nebenbei haben sie-dann mit der Low Budget Mannschaft noch den Aufstieg geschafft.

   Da wird der Trainer gemaßregelt, weil er vor einem Absturz in die Regionalliga warnt und qualitative Verbesserungen im Kader fordert. Nachdem er sturmreif geschossen und schließlich gefeuert war, werden plötzlich vier neue Spieler aus dem Hut gezaubert. Dafür haben wir jetzt einen Trainer, der Fans gegenüber sagt, dass er nicht sicher sei, ob das der richtige Job für ihn ist. Der Aufsichtsrat? Beobachtet alles ganz genau. Vor allem wohl die Gegentore, die nach wie vor reichlich fallen.

   Da wird der Spieler Yakubu Adamu 2001 ohne jeden Einspruch des Aufsichtsrats verpflichtet. Ein Jahr später wird die Verpflichtung des Spielers Abdul Iyodo von eben diesem Aufsichtsrat abgelehnt, obwohl die beteiligten Personen (Anwälte, Vermittler) und die Rahmenbedingungen (Vollmachten, Vertragsgrundlagen) exakt dieselben sind. Iyodo wird 3 Wochen später ohne Probleme von Schalke 04 verpflichtet. Dafür hat unser neuer Sportdirektor jetzt noch die Möglichkeit, sich einen Spieler auszusuchen.

   Da spricht der Präsident am 23. April auf einem AFM-Themenabend vor Journalisten davon, dass dem Verein durch die Kirchkrise möglicherweise die Insolvenz drohe. Wenige Tage später wird, ohne jegliche Kenntnis des finanziellen Rahmens für die neue Saison, ein neuer Sportdirektor mit einem opulenten Vertrag ausgestattet. Was macht der Aufsichtsrat? Er stimmt mit 5 zu 2 Stimmen zu, ohne die Gegenargumente auch nur anzuhören.

   Da wird zunächst ein Stadionkoordinator eingestellt und ob seiner glänzenden politischen Kontakte über den grünen Klee gelobt, dann wird er wieder gefeuert, weil man angeblich den Supermann gefunden hat. Der kommt dummerweise von der Berliner Bank, die mit ihren Immobiliengeschäften vor Monaten den Berliner Senat zu Fall brachte. Und um diesem Ruf gerecht zu werden, legt er ein Finanzierungskonzept für das neue Stadion vor, das nicht nur auf tönernen Füßen steht, sondern ein Luftschloss ist. 32 Mio. Euro öffentlicher Fördergelder sind jedenfalls nach Auskunft maßgeblicher Hamburger Politiker und Behördenvertreter eine blanke Illusion. Mag sein, dass jetzt, wo die Sache öffentlich geworden ist, für die Mitgliederversammlung noch schnell eine Alternative aus dem Boden gestampft wird. Doch Zeit und Geld sind durch Naivität und Dilettantismus die Elbe hinunter gegangen. Der Aufsichtsrat? Der sieht, in seiner Mehrheit, (jedenfalls bis zum Redaktionsschluss dieser Ausgabe) dem Treiben zu, anstatt schnellstens die Notbremse zu ziehen.

   Nun wird am 25. Oktober neu gewählt. Der amtierende AR kam 1999 in seiner Mehrheit als Organ von Weiseners Gnaden zustande. Eine komplette Wiederwahl wird es auf keinen Fall geben, da Peter Benckendorff bereits seinen Verzicht erklärt und Günther Schlichting die Altersgrenze überschritten hat. Auch "Pressesprecher" Peter Paulick und die häufig abwesenden Prof. Kion und Dietrich Ellger könnten es schwer haben. Das weiß auch das Präsidium, und so ist damit zu rechnen, dass von dieser Seite neue Kandidaten präsentiert werden, die bereit sind, der operativen Führung ohne allzu intensive Kontrolle den Rücken freizuhalten. Ob die Mitglieder dieses Spiel noch einmal mitspielen werden, bleibt abzuwarten.

   Die AFM-Führung, die AGiM und auch Teile der Amateurabteilungen werden jedenfalls versuchen, einen Aufsichtsrat durchzusetzen, der seine Aufgabe bei aller Kooperationsbereitschaft wirklich ernst nimmt. Den im letzten Jahr nachgewählten Jost Münster und Michael Burmester ist in dieser Hinsicht kein Vorwurf zu machen. Jost Münster, der aus der Rugby-Abteilung kommt, wird sicherlich großen Rückhalt bei den Amateuren finden. Wie zu hören ist, wird von dieser Seite wahrscheinlich auch der ehemalige Aufsichtsrat und Vizepräsident Wolfgang Helbing ins Rennen geschickt. Sicherlich ebenfalls keine schlechte Wahl, wobei aber zu bedenken ist, dass jedes Mitglied nur vier Stimmen hat. Deshalb werden AFM und AGiM-Sympathisanten sowie die organisierten Fans sich vermutlich eher auf die Kandidaten aus den eigenen Reihen konzentrieren.

   Das sind außer Michael Burmester noch der Vorsitzende des Wahlausschusses und ehemalige Kassenprüfer Guntram Uhlig, das bisherige Mitglied des Fanclub-Sprecherrats Dr. Christoph Kröger sowie Bernd Schlankardt, der sich u.a. sehr aktiv in den AFM-Ausschüssen betätigt. Wem auch immer ihr eure Stimmen gebt, wer auch immer am Ende gewählt sein mag: Zu hoffen ist, dass die nötige Kooperationsbereitschaft mit den operativ Verantwortlichen künftig in einem ausgewogenen Verhältnis zur sachgerechten Kontrolle stehen wird und es dem zweithöchsten Vereinsorgan damit gelingt, die erneut auseinander strebenden Teile dieses Vereins im Sinne der gemeinsamen Ziele wieder zu integrieren.

Gastartikel

   "Dem neuen AR muss endlich der Balanceakt zwischen Kontrolle und Kooperation mit dem Vorstand gelingen, um die anstehenden Projekte im Sinne des gesamten FC St. Pauli (Fans, Aktive, Amateurabteilung, AGiM, AFM, Alter Stamm) zu realisieren. Eine anspruchsvolle, aber notwendige Aufgabe, deren Bew?ltigung dem alten AR leider nicht gelungen ist.

   Der neue AR muss es schaffen, den sich erneut spaltenden Verein schnellstm?glich wieder zu einen. Wir brauchen diese Einigkeit um die gro?en Aufgaben die vor uns stehen bew?ltigen zu k?nnen, und uns das zu erhalten was einige den "Mythos St. Pauli" nennen. Ich m?chte dieses "unbeschreibare Etwas", das auch mich so viele Jahre in seinen Bann gezogen hat und an das ich trotz allem immer noch glaube, f?r die Zukunft und f?r neue Fangenerationen erhalten. Das ist mein Beweggrund, deshalb kandidiere ich f?r den AR. (Ich bin dabei aber kein nostalgischer Tr?umer.)"

Christoph Kröger

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