St Pauli, du bist mir so egal,
wie meine Band

   Herr Demuth, das haben sie gut gemacht. Ja? Wissen Sie das? Wenn nicht, dann sage ich ihnen das jetzt. Ich bin kein Anhänger dieses Geld- und Erfolgsprinzips. Es macht mich mürbe. Aber sie müssen das sein, denn das ist ihr Job. Allerdings wissen wir beide ja auch, dass da höhere Sachen sind. Sie hielten uns in Atem. Sie haben es geschafft, diese kleine, heiße, geile, billige Mannschaft in die erste Liga zu bringen und somit waren sie in der Lage die Emotion von 20.000 Menschen in einem leicht baufälligen Stadion zu binden. Liebe (immer), Trauer (häufig) und Gottesbeweise (Bayern) durch Sie und ihre Mannschaft! Ist das manchmal nicht mehr wert, als alles andere? Die involvierte Geisteszerstreuung, die sie uns gegeben haben, ist unermesslich. Deshalb möchte ich ihnen danken, stellvertretend für so viele sprachlose Menschen. Es waren nicht die Erfolge, warum wir geschrieen und sie im Stadion begrüßt haben. Nein, es war der Dank dafür, das sie uns für 90 Minuten die Möglichkeit gaben uns zu vergessen ohne uns zu verleugnen. Zwischen Trennungsschmerz und Kündigung, nach der Nacht auf dem Kiez am Freitag und dem Anpfiff. Die eigenen Sorgen für 90 Minuten und ein paar Zerquetschte zermalmen. "Ein bisschen weniger Schmerz auf dieser Welt", heißt es bei Aspirin. Wenn es einen St. Pauli Nobelpreis geben würde, der dann wahrscheinlich "Störtebeker Gedächtnis Medaille" heißen würde, dann wären Sie Träger dieser. Wir haben zwar manchmal alle ein wenig gedacht, "dass es diesmal für immer wär" (Element of Crime), aber das ist im Grunde auch egal. So kommen wir auch wieder zu der hervorragenden Überschrift.

   Dieser Verein ist mir so egal wie knutschen, wie Bier oder wie das Telefonat mit Knobi vor dem Derby. Es ist da. Das ist das wichtigste. Ich bemühe ( wie viel zu häufig in der letzten Zeit) einen religiösen Vergleich. Wahre Christen sind ja die, die immer noch, nachdem sie innerhalb eines Tages bankrott gehen, vom Liebespartner verlassen werden, und vom Arzt mitgeteilt bekommen, dass sie eine ungefährliche, aber sehr unschön anzusehende, nässende Gesichtsexzemerie für den Rest ihres Lebens haben werden, dann abends in die Kirche gehen und sagen (oder "beten" wie man "reden" bei Christen nennt) " Okay Gott, du hattest vielleicht keinen guten Tag und eine scheiß Laune, aber ich mag dich immer noch, denn du rulst den Shit ja hier auf Erden." So verhält es sich für mich mit meiner Band. Wenn irgendwelche zu hoch dotierten Menschen von großen Plattenfirmen mir erzählen wollen, dass unsere Band "okay" ist und das sie das alles weiter beobachten wollen, wie wir uns entwickeln, dann ist mir das doch egal. Es ist nicht das beste, was man hören kann, aber ich weiß doch immer, dass wir das aufgebaut haben, dass wir dazu geboren sind, dieses Land zu knechten, dass wir es sind, die den Leuten in dunklen Stunden helfen durch die Artikulierung ihrer Sorgen. Das sind Sachen für die man leben (und sterben) kann. Genauso Fußball, es spielt im Endeffekt für uns keine Rolle, was da los ist. Aufstieg, Abstieg, nicht gegebene Elfmeter. Die richtige Liebe wird durch einen Streit doch nicht zerstört. Dass ich das sage, ist dann doch schon fast wieder komisch. Es ist mir egal, ob ich diesen Verein gegen Greuther Fürth oder Bayer Leverkusen liebe. Man könnte dieses Bild dann fast schon überstrapazieren und sagen: " Den Versöhnungssex gibt es dann eben im DFB Pokal". Aber es wird wohl langsam klar, was hier gemeint wird. Die Schattierungen der Liebe sind vielseitig und häufig nicht bekannt, aber man weiß sofort, das es eine ist.

Fußball-Fan is a hard Life

   Was ging einem noch so durch die Köpfe. Wir waren mit der Berliner Supergroup "Element of Crime" auf Tour und konnten mal wieder nur Fußball im Radio hören. Wir hatten eigentlich abgemacht, dass wir solange auf Tour gehen, bis St. Pauli wieder gewinnt, aber das war dann aus bekannten Gründen nicht zu verwirklichen. Vor allen Dingen hätten wir dann wahrscheinlich die ganze Sommerpause durchspielen müssen. Wie hieß noch ein damals für Furore sorgender Sampler: "Rock `n Roll is a hard life". Dem ist wohl nichts mehr hinzuzufügen.

Immer wieder Bodo

   Viel Spaß bei der WM! Mich interessiert es ja nicht so, bin ich doch eher ein Fan von Spielen wie Braunschweig gegen Hannover in der dritten Liga. Meine schönste WM-Geschichte ist immer noch, wie Bodo und ich die letzte WM im Fanladen guckten. Ich war beim Tippspiel der Vorrunde noch Dritter oder so, bin dann leider in der Finalrunde mit meinen Leistungen sehr eingebrochen. Nach dem letzen Spiel gab es dann im Fanladen eine Tombola bei der jeder etwas gewann, was ja nun auch wirklich nicht gerade ein Paradebeispiel für gelebte früh - kapitalistische Zustände ist. Ich gewann eine wirklich miese, miese Chumbawamba Maxi-CD und Bodo einen extrem hässlichen Jack Daniels Eiskühler, den er dann draußen sofort in eine Mülltonne schmiss. Aber es zählte ja die Geste. Also das Gewinnen, nicht das weg schmeißen.

   Na ja, noch besser war wohl die WM die ich mit 8 Jahren im Jahresurlaub mit meinen Eltern in Norwegen mitbekam. Das Halbfinale Deutschland - Frankreich live über Deutsche Welle im Radio. Nach dem Sieg malten mein Bruder und ich mit Filzstiften Deutschland-Fahnen auf Papier und rannten damit durch diese kleine Holzhütte, von der meine Eltern dachten, dass es eine geile Idee ist, in so etwas einen Urlaub zu verbringen. Ich weiß nicht, aber es könnte sogar sein, dass wir in die Deutschland-Fahnen " Hakenkreuze" malten, weil ich und mein Bruder immer die Wochenschau geguckt haben und in unserem Steppke-Alter, schon voll auf Ikonisierung reingefallen sind. Dass wir nicht verprügelt wurden, erscheint mir immer noch wie ein Wunder.

For he was a jolly good fellow

   Man muss wohl dann noch mal posthum farewell zum "Jolly Roger" sagen. Auch ein mieser Name für eine Spitzenkneipe. Mein Bruder wohnt genau gegenüber und konnte mit einer Mischung aus Respekt und Spectatortum die allwöchentlichen Schlachten beobachten. Das wird er vermissen. Nicht vermissen wird er, weil sie nämlich noch da ist, die eingedrückte Motorhaube seines Autos durch die Penetration eines wahrscheinlich ziemlich dicken Männerhinterns. Ich gehe sogar noch weiter und gehe davon aus, dass er stark behaart war. Aber Schluss jetzt mit den Mutmaßungen. Das ist auch okay mit der Beule, denn man muss ja immer irgendwie bezahlen.

Mehmet Scholl Latour

   Ich interviewte für das Global Player Fanzine, das genau so geil ist wie der ÜS - namentlich - INTRO, den allseits beliebten Superstar Mehmet Scholl. Ich kann euch aufregen - im Gegensatz zu beruhigen-, er ist ein ganz freundlicher interessierter junger Mann, der Überblick, Humor und Menschenverstand hat. So meine Bank und er will, werde ich noch mal nach München fahren um ihn "one on one" zu interviewen. Dann auch mehr zum Thema Fußball und nicht so sehr zu seinem Sampler, den er via "Blickpunkt Pop" raus gebracht hat, der aufgehängt ist an dem Thema " Songs, die ich auf dem Weg zum Training höre". Kann nur sagen, dass er sehr angeregt ist vom Übersteiger und jetzt Aboneur ist, oder wie das heißt, wenn man Zeitungen regelmäßig bekommt. Außerdem hat er mir quasi schon versprochen, dass er seine Karriere beim Millerntor beenden will und dass er eine Mörder-Gänsehaut hatte, als er zu "Hells Bells" zur Niederlage einlaufen durfte.

   O-Ton Scholl: "Noch nie hat mir eine Niederlage so wenig leid getan, wie die gegen St. Pauli." Und hier noch ein Witz von Ihm: Auf meine Frage, was sein größtes fußballerisches Erlebnis war, antwortete er: "Ein gelungener Einwurf von Michael Tarnat." Lustig? Lustig!

   Mein Dank geht an die "HSV - Fan"- und "offizieller Sponsor des HSV Eishockey Teams"-Band Superpunk, die mich, bei unserem gemeinsamen Konzert am Derby-Tag, nach der Niederlage immer noch mit Respekt und Würde und ohne Aufziehen behandelt haben. Jungs, das hätte ich nicht gekonnt. Spricht gegen mich und für Euch. Ich bin ein Redakteur, ich habe es schwer, ich bin ein Fußballfan, und ich werde nicht weinen.

There is a light that never goes out!

   Man, das war was, oder? St. Pauli in der ersten Liga. Was für ein Halli Galli. All der Krach, all der Schmutz, das ganze Bier, die Rauchstöße die man sehen kann, wenn man die Gegengerade beobachtet, die kleinen Kinder, die schon im Trikot rumtoben, der Respekt vor der Mannschaft nach einer Niederlage, der unglaubwürdige Torjubel, das Erfinden von Riten im Stadion um für das Ergebnis mit verantwortlich zu sein, die Choreos, die Anspannung bei jeder geschlagenen Ecke, die beste Stelltaktik beim Bierholen am Stand, das abchecken der Gästefans, die Leute in den Bäumen hinter der Nordkurve, das sms raus hauen aus dem Stadion, das Sehen von Menschen vor und nach dem Spiel, die man lange nicht traf, und gegen Kaiserslautern verkaufte ich das erste mal den Übersteiger. Ich fühlte mich wie ein König und bekam Haltungsschäden von dem ganzen Kleingeld in meinen Taschen. Ihr seit die geilsten, ÜSler. Ihr müsst das weiter durchziehen, schon alleine damit ich wenigstens einmal in zwei Monaten, mich ein wenig in Selbstreflexion übe. Das soll gut ankommen bei Leuten da draußen, habe ich neulich im Chat gelogen.

   Mein Hund geht gerade auf den Balkon. Zeit, Menschen Geld zu bringen, das ich ihnen schulde. Ich bin mir sicher, nirgends ist Fußball so schön, wie hier bei euch in St. Pauli, Hamburg.

Thees

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