Tatort Stadion -
Eine Wanderausstellung nicht nur für Fußballfans
Dritte Station: Bochum
In den letzten ÜBERSTEIGER-Ausgaben war ja schon umfassend über die Ausstellung "Tatort Stadion - Rassismus und Diskriminierung im Fußball", die vom Bündnis Aktiver Fußballfans (BAFF) als deutscher Beitrag der Organisation "Football Against Rascism in Europe" (FARE) konzipiert wurde, berichtet worden. Die Exposition wurde aus Mitteln der Europäischen Union finanziert und dokumentiert historisch und aktuell Erscheinungsformen von Rassismus und Diskriminierung im Umfeld des Fußballs.
Die themenbezogenen Ausstellungswände liefern detaillierte Hintergründe zu alltäglichen Facetten eines offen präsentierten oder latenten Rassismus und der Diskriminierung von Minderheiten. Darüber hinaus werden im Rahmen der Ausstellung nationale und internationale Projekte und Initiativen vorgestellt, die mit ihrer antirassistischen und antidiskriminierenden Arbeit einen kreativen Gegenpol darstellen und so die integrative Funktion des Fußball in den Vordergrund stellen.
Das Bochumer Fan Projekt zeigte nun als dritte Station der Wanderausstellung nach Berlin und Hamburg vier Wochen lang (18. Februar - 16. März) die Exponate. Ein kleiner Abschlussbericht:
"Deshalb dieser ganze Ärger?" - das dachte ich, als wir gemeinsam mit den BAFF-Ausstellungsorganisatoren die Exponate der Ausstellung "Tatort Stadion" aus dem Bus auspackten; ich trug die wohl am heißesten diskutierte Tafel mit der Aufschrift "Tatzeugen - Vorbilder" - die sogenannte Mayer Vorfelder-Wand. Sie war nicht größer, schwerer oder bunter gestaltet als die anderen Tafeln und so war ich doch ein wenig enttäuscht, schließlich hatte diese Wand dazu geführt, dass meine Kollegen Jürgen Scheidle, Andre Severin und ich in den Wochen vor der Ausstellungseröffnung eine Berg- und Talfahrt erlebten, im ständigen Zustand von Nicht-Wissen, ob die Ausstellung denn nun in Bochum gezeigt wird oder nicht.
6.073 - diese Zahl gab die Antwort; als am 16. März 2002 um 16:00 Uhr zum letzten Mal die Glasscheiben im 3. Stock des City Point, einem zentralen Geschäftshaus in Bochum, den Zugang in ein Ladenlokal verschlossen, stand diese Zahl auf dem BesucherInnen-Zähler. 6.073 Menschen besuchten in einem Zeitraum von vier Wochen die Ausstellung "Tatort Stadion" und deren Begleitveranstaltungen. Dieses Besucherinteresse übertraf unsere Erwartungen um ein Vielfaches.
Nach der oben beschriebenen Berg- und Talfahrt und vielen Diskussionen um die erwähnte "Mayer-Vorfelder-Wand" wurde unter Blitzlichtgewitter + vor zahlreichen laufenden Kameras die Ausstellung am 18. Februar 2002 durch den stellvertretenden Ministerpräsidenten des Landes Nordrhein-Westfalen, Herrn Dr. Michael Vesper eröffnet. Zumindest was das Medieninteresse angeht, können wir dem DFB für seine Haltung zur Ausstellung sehr dankbar sein.
Vier Wochen lang sollte die Ausstellung nun für Fußballfans und interessierte Bürgerinnen und Bürger zehn Stunden am Tag zu besuchen sein. Hierbei war es uns besonders wichtig, den Blick wieder hin zum Gesamtcharakter der Ausstellung zu lenken und für die alltägliche Diskriminierung und den alltäglichen Rassismus im und um den Fußball zu sensibilisieren. Dabei war uns der Kontakt und der Austausch mit Schülerinnen und Schülern besonders wichtig.
So rührten wir die Werbetrommel und boten Schulklassen Führungen durch die Ausstellung an, die durch einen Fragebogen ergänzt werden konnte. Die Rückmeldung, die wir durch die Schulen bekommen haben, war durchweg positiv (ca. 1.500 Schülerinnen und Schüler aus 57 Klassen besuchten die Ausstellung); viele Lehrkräfte vertieften die Thematik in ihrem Unterricht und Schülerinnen und Schüler erstellten Referate. Hinzu kamen Gruppen aus verschiedenen Institutionen wie etwa der Zivildienstschule Bocholt oder Fanprojekte verschiedener Reviervereine, die mit Fangruppen zur Ausstellung nach Bochum gekommen waren und das Angebot der Führungen nutzten.
Fans, an gesellschaftlichen Problemlagen interessierte Menschen, Männer und Frauen und alle Altersklassen waren als BesucherInnen in der Ausstellung vertreten.
Kritische Rückmeldungen gab es hinsichtlich der Textlastigkeit der Ausstellung ebenso kritisch wurde in den zahlreichen Gesprächen mit den Besucherinnen und Besuchern die Haltung des DFB sowie des VfL Bochum zur Ausstellung gesehen.
Und auch die Begleitveranstaltungen waren sehr gut besucht und beleuchteten Themen rund um den Fußball aus verschiedensten Blickwinkeln. Die Podiumsdiskussion um "Fankultur als Sicherheitsrisiko?" oder die prominente Talkrunde von Manni Breuckmann bis Tom Teunissen, die sich mit der "Rolle der Medien" befasste, fanden ebenso viel Aufmerksamkeit wie eine Lesung mit Fritz Eckenga, der die humoristische Seite des Fußballs in den Vordergrund stellte. Am letzten Ausstellungstag diskutierten engagierte Menschen in einer Podiumsrunde "Welchen Sinn macht das NPD Verbotsverfahren?".
Es gab aber auch Besucher, die sich teilweise sehr ablehnend gegenüber den ausgestellten Exponaten zeigten und so fanden hier und da hitzige Diskussionen in dem Ausstellungsraum statt. Zwei kleinere Besuchergruppen machten dann auch aus ihrer politischen Einstellung keinen Hehl und verabschiedeten sich mit dem Hitlergruß. Darüber hinaus gab es jedoch keine politisch rechtsorientiert anmutenden Zwischenfälle.
Wenn mit der Ausstellung auch in erster Linie BochumerInnen angesprochen waren, war den vielen persönlichen Gesprächen und den Eintragungen aus den Gästebüchern zu entnehmen, dass viele Besucher auch aus anderen Städten Nordrhein Westfalens und aus den Niederlanden angereist waren um die Ausstellung zu sehen. Der nach unseren Informationen weitgereiste Besucher kam aus Zürich.
Die hohe BesucherInnenzahl zeigt für uns, wie wichtig es ist, das Thema Rassismus und Diskriminierung im Fußball (und nicht nur da) zu thematisieren und wir können nur jeden wirklich interessierten Fußballfan dazu aufrufen, die Ausstellung zu besuchen.
Last but not least ein Buchtipp: Ende März erscheint das Buch "Tatort Stadion", Herausgeber: Jürgen Scheidle + Gerd Dembowski, im PapyRossa Verlag. Das Buch steht nicht im direkten Zusammenhang mit der Ausstellung, befasst sich aber natürlich mit Fußball und seinen Begleiterscheinungen.
Simone Ferber/Fan Projekt Bochum
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