Schalke ist der beste Klub der WeltEin Fan hält seinen Verein generell für den besten, Schalke-Fans jedoch halten ihren für den besteren. Um auf ihre Art bescheiden zu klingen, bleiben sie beim Gesang "Schalke ist der beste Klub der Welt". Wie wenig abwechslungsreich ihr Gebölke ist, zeigt das Büchlein "Die besten Fangesänge für die Knappen" aus dem Belchen Verlag. Es offenbart aus Sicht eines S04-Fans, wie stolz Schalker sind, das debile "Steht auf, wenn ihr Schalker seid" evtl. erfunden zu haben. Kreativ meinten die S04-Fans auch zu sein, als sie die St. Pauli-Fans mit dem Spruchband "Proletarier aller Länder, wehrt euch, geht nicht auf St. Pauli" provozierten. Fans sind dafür bekannt, dass sie mit Übertreibungen daher kommen. Aber ob ein Spruch sein muss, der an das nazigeprägte "Deutsche wehrt euch, kauft nicht bei Juden" erinnert? Es geht auch z. T. satirisch: Die Fans des Vereins in der Nähe von Pöppinghausen folgen ihrem Kaschmir-Hooligan Rudi Assauer, der nicht nur seinen Chauvinismus zum Marketingkonzept professionalisiert, sondern auch die Marke S04 mit verlogenem Abo für Entrechtete und Arbeiter aufbaut. Der Schalke-Fan nimmt Assauers neue Turnhalle hin und findet den Ausdruck Knappenkarte für die künstliche Stadionwährung toll. Denn der Verein stülpt über seinen Kommerz die Tarnkappe aus S04-Mythos und positiv besetzter Tradition. Anderen Vereinen wirft Assauer so etwas vor, denn nur er hat die Authentizität gepachtet: "Wenn es so weiter gemacht wird, merkt der Zuschauer wirklich, dass er verarscht wird." - Möge dieser Saunapavian enden, wie er einst anfing: Als Kegeljunge - im Halbminutentakt traktiert von den Todeswürfen Lüdenscheider Feierabendkegler. Alles in allem sind die S04-Spieler spätestens seit den 50ern die Privilegierten im Ruhrgebiet und kamen nicht an die Pütt-Authentizität des SV Sodingen heran, dessen Spieler tatsächlich noch direkt vonna Arbeit auffer Zeche zum Trainingsplatz kamen. Bei S04 ist das ausverkaufter Mythos. Gelsenkirchen, im Ruhrgebiet das Pseudonym für hochgeklappte Bürgersteige im Dauerzustand, hat eben nur den Verein, was nicht weiter schlimm ist. Am Beispiel Gelsenkirchen kann ganz gut nachvollzogen werden, wie Fußball als Stabilisations- und Kittfaktor einer perspektivlosen Gesellschaft bestens funktioniert. G-Towns Ureinwohner streunen auf die Straße und glotzen wie die Wauzis, die Mamas und Papas verloren haben, wenn ein Fremder ihr Barackengebiet durchschreitet, weil er eben gerade in der Nähe ist. Es ergibt sich ein Gesamtbild einer Schlafstadt, das vermuten lässt, ihr hoher Anteil an Friseusen sind getarnte außerirdische Hirnfresser, die nachhaltig zuschlagen. Man möchte den bettelnden Blicken tröstend entgegnen, dass es doch schlimmere Orte gibt, wenn einem in solch tristem Moment bloß einer einfiele. Gelsenkirchen - hier muss Dieter Bohlen hingegurkt sein, um zu erforschen, welche Musik Bumsköppe hören müssen, um sie zu kaufen und Bumsköppe zu bleiben. In ihrer Arena nur zwei Drehkreuze für Auswärtige, Metalldetektoren versüßen den Gang in das Hochsicherheitshallenbad. Weil die Busse erst verlassen werden durften, als alle anderen angekommen waren, verpassten viele St. Paulianer die ersten zehn Minuten. Für die Rechtzeitigen gab es übersteuert dröhnende Musikbeschallung, die bis zum Anpfiff eine postmoderne Brot-und-Spiele-Stimmung anheizen sollten. Die S04-Fans waren einfach nur diffus laut, so dass man selbst die drei Gesänge nicht verstehen konnte, die der Schalker immerhin dann doch kennt. Das innere Hallenrund verlassen, war vom Spiel nichts mehr zu hören. Was nutzen all die Bildschirme am Bierstand, wenn die Stadionatmosphäre nicht mehr riechbar ist? Anstehen am Knappenkartenautomaten, dann Anstehen am Bierstand, nach dem Spiel wieder Anstehen, um die Karte rückzutauschen. Die Feuchten Biber meinen: "Das Teil mag ja beim Einweihungskonzert durch Pur den 70.000 Fans von Hartmut Englers Schmuse-Combo bestens gefallen haben, auch ne Oper, ein Theaterstück, Hallenhalma, Zwergenweitwurf oder beidhändiges Wettonanieren kann man hier vielleicht ganz großartig zelebrieren (oder besser: ?locaten'?), aber: Das hat mit FUßBALL nichts zu tun! Über Lautsprecher eingespieltes rhythmisches Klatschen - auf den Rängen ein Bodenbelag, der so rutschig ist, das man den Verantwortlichen pauschal wegen Körperverletzung verklagen sollte - völlig blödsinnige Schrägen zwischen den Sitzplätzen, die jene Verletzungen weiter forcieren etc." Ich befand mich 2001 auf der Autobahn nach Hamburg, als die Saubayern doch noch Deutscher Meister wurden und den Schalkern die Phrase "Meister der Herzen" aufs Auge drückten. Als das Tor in der 94. Minute fiel, war ich Mayer-Vorfelder so nah, wie ich ihm nie wieder sein werde: Ich blieb umgehend auf dem Randstreifen stehen, sprang aus dem Sitz und ließ meinen Jubelschrei einen Autobahnstau verursachen. Das Wochenende und mehr waren gerettet. Die wären doch vollkommen durchgetillt: Meisterschaft, Pokalsieg, neues Stadion... Und ich hätte mir dieses naseweise Geplärre mindestens die nächsten drei Jahre lang anhören müssen. gerd |
|
Titelseite dieser Ausgabe |
|