Sheffield attacks!

   Gegen Bayern gewonnen, aber auskosten war nicht drin. Übermüdet ging es danach Richtung Sheffield, wohin Football unites - Racism divides (FURD) mit Football against Racism in Europe (FARE) über 70 Leute aus 14 Ländern eingeladen hatte. Alle arbeiten als Fans oder in sog. Grassroot-Organisationen gegen Rassismus und Diskriminierung im Fußball. Und in Sheffield sollte das Netzwerk enger geknüpft werden.

   In der Bahn nach Berlin hing ein abgekämpfter Verbündeter im ÜS-Pulli und schlief den gerechten Schlaf der Weltpokalsiegerbesieger, aufgestützt auf ein Plastiktischchen, das just in diesem Moment wegbrach. Er knallte in den Gang und das Bier floss aus der Dose, die noch zuvor in seiner Hand schunkelnd mitgefeiert hatte. Ich entschloss mich zu dösen, um ihn im Schlaf zu treffen und freudig abzuklatschen. Aber mein betoniertes Dauergrinsen ließ mich während der gesamten Fahrt nicht einnicken.

   Am Flughafen Tegel traf ich Erdal von Kanak Attak, Ulrike vom Roten Stern Leipzig, Jan und Ole von der Rostocker Barmy Army, Stuart von der Schalker Fan-Ini, Marcin vom S04-Fanclub Eurofighter und Endi vom TeBe-Fanzine Lila Laune; später kamen Niko von den Löwen gegen Rechts und Dariusz vom Mannheimer Doppelpass dazu.

   Die Konferenz war im VIP-Raum an der Bramall Lane mit Blick ins Stadion. Sheffield United hatte ihn zur Verfügung gestellt - hier zu lande nahezu undenkbar. Der Rahmen für eine kontaktfördernde Tagung war also bereitet.

   Beschlossen wurde die längst überfällige Arbeit zu Homophobie und Frauenfeindlichkeit im Fußball zu verstärken und dies auch den Vereinen, etc. anzuraten. Als Reaktion des Treffens hat FARE nun die European Gay & Lesbian Sports Federation (EGLSF) in ihr neu bei der EU beantragtes Programm aufgenommen. Die EGLSF wollen die 2003 in Kopenhagen und 2004 in München stattfindenden EuroGames weiter etablieren. Was viele nicht wissen: Auch Hetero- Teams sind zugelassen. BAFF will im Rahmen der EuroGames die Ausstellung "Tatort Stadion" zeigen, spätestens in München 2004 ein eigenes Team stellen und die EGLSF zu einem Workshop beim diesjährigen Fankongress vom 28. bis 30. Juni in Oer-Erkenschwick einladen.

   Erstmalig aufgenommen in die "Empfehlungen" von FARE wurden auch Diskriminierungen, die als Folge der übermäßigen Kommerzialisierung entstehen - was spannend werden dürfte, wenn es um weitere Förderungen durch z. B. die UEFA geht. Denn dazu zählen nicht nur der versuchte Ausgrenzungsmechanismus durch erhöhte Preise, sondern auch erhöhte Repression, die den Fußball fernseh- und salongerecht zurichten und z. B. Verunglimpfungen des sog. "nationalen Ansehens im Ausland" vorbeugen soll.

   Die Anwesenden haben beschlossen, dass FARE sich in Zukunft verstärkter den schwierigen Lagen in Osteuropa widmen soll, weshalb als erste Reaktion nun die polnische Organisation "Never again" in den kontinuierlichen Antragszirkel aufgenommen wurde. In Ostdeutschland werden Diskriminierungen - speziell Antisemitismus - meistens von den zuständigen Institutionen verschwiegen. Dies bewies im letzten Juli FAREder polnische Fußballpräsident, als er Jola von "Never again" in den Medien als "klugscheißende Schlampe" bezeichnet hatte, nachdem sie beim FIFA-Kongress in Buenos Aires für FARE über Rassismus und Diskriminierung in polnischen Fanszenen referiert hatte.

   In Sheffield ging es auch darum, Strategien zu entwickeln, um zusammen mit Migrantengruppen Stadionbesuche für Migranten schmackhafter zu machen. Hier zulande interessieren sich wenige für den hiesigen Fußball im Stadion - oder die Vereine interessieren sich nicht für Migranten als Zielgruppe. Auch die verschiedenen, sog. "Ausländerregelungen" der europäischen Verbände sollen in Zukunft gesammelt und ausgewertet werden, um eine Kampagne gegen Debatten zu starten, die im ärgsten Fall im Tenor "Deutsche Arbeitsplätze zuerst für Deutsche" enden können - und den "deutschen" Nachwuchs keinesfalls besser machen.

   Danach endlich Fußball. Aber ich ging nicht mit den anderen zu Sheffield United vs. FC Portsmouth (4:3), wo Endi den hervorragenden Pin "5:1 - We beat the Krauts" eingebettet in die Landesfahne ergatterte. Noch am Vorabend bei einem heimeligen Konzert von St. Pauli-Fan Attila the Stockbroker gewesen, holte dieser mich aus der Teppichetage der Bramall Lane ab und es ging zum höchsten Punkt Englands, nach Oldham, wo die dortigen Athletics Brighton Hove and Albion FC erwarteten. Auf dem Weg dorthin gab's St. Pauli-Updates mit Bayern-Bonus für Attila - und für mich einige seiner kämpferischen Anekdoten zum aktuellen Kampf um den Stadionneubau in Brigthon, den möglichen Aufstieg in die 1. Division, den zukünftigen Brightoner Nationalstürmer Bobby Zamora und Konzertplanungen. Letztendlich endete alles leider in einem farblosen 0:2 gegen die Seagulls. Aber zu all dem vielleicht mehr im nächsten Heft.

gerd

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