Hinter den Toren
steht (k)dein Kapital!
Lieber Ballsport-Begeisterter in braun-weiß! Willst Du eine Marke sein? Hat Dein Gegröhle einen Mehrwert? Schon mal darüber nachgedacht, Gage zu nehmen, anstatt Eintritt zu zahlen?
Oder bist Du etwa kein Teil der hübschen Schwenkmasse für Sat.1 und Premiere-Kameras? Kein stimmgewaltiges Verkaufsargument, keine Geräuschfolklore?
Deine Argumente liegen auf der Hand. Durch eine vertragliche Bindung eines sicheren Zuschauerpotentials verschafft sich der FC St. Pauli Planungssicherheit. Zu empfehlen wären statt Dauerkartenverkäufen 15.000 Kurzzeitarbeitsverträge auf 325 Euro- Basis. Bei einer Laufzeit von einer Saison ergäbe das eine Mehrausgabe von ca. 48 750 000 Euro plus ausfallenden Eintrittseinnahmen. Meine Frau hat das mal durchgerechnet.
Aber das Projekt, 15 000 Menschen aus den "traditionellen und modernen linken Millieus" (Hermannus Pfeiffer, ÜS 57) in Lohn und Brot zu bringen, ließe sich der Bundesregierung prima als Sofortmaßnahme gegen "die hohe Arbeitslosigkeit" verkaufen. Und damit zu mindestens fünfzig Prozent aus Bundesmitteln refinanzieren. Wir werden nicht alles anders, aber vieles besser machen.
Des weiteren wäre darüber nachzudenken, Co- Financing und Sponsoringagreements im Bereich der Choreographie- Accessoires auszuhandeln. Ideale Ansprechpartner wären große Firmen und Bürohäuser, denen Fan sich als Aktenvernichtungsfirma vorstellen könnte - sowie die Abfallwirtschaft, die ihre Restbestände an Müllbeuteln und -tüten auf legalem und kostengünstigem Wege recycelt bekäme. St. Paulim, ich pfleg Dich.
Mit der Gastronomiewirtschaft des Stadtteils wäre eine doppelte Kooperation möglich und auszuhandeln: Alte Bierdeckel werden an die Blockfüllmasse verteilt und mit Werbung bedruckt, gegen Bezahlung, versteht sich, und der Verein lässt sich die Kaufkraftbindungszentrale "Millerntor" durch vierzehntägig zu entrichtende Schutzgeldzahlungen vergolden. Wer nicht zahlt, bekommt die Gästefans vor die Theke.
Die allgemeine Fan-Kleidung wird in die Verhandlungen mit den Ausrüstern mit einbezogen, denn da die Seitenaussängerknaben und -mädchen nun Angestellte des Vereins sind, gilt natürlich eine Dienstkleidung mit großzügiger Sponsorenwerbung als allgemeiner Dresscode. Das schafft Zusammenhalt und Identifikation. Eine Nettosingzeit müsste außerdem, wie bereits von Carpe Diem vorgeschlagen und praktiziert, errechnet und spielstand- wetter- sowie gegnerunabhängig eingehalten werden. Bei der Auswahl des Liedgutes ist darauf zu achten, dass aktuelle Werbemelodien und Markennamen leicht einflecht- oder ergänzbar sind. Ein individuelles Gruppen- oder Blocksingtraining sponsort sicher gerne das Orchester des NDR. Das Beste kommt Morgen.
Bei der Fahnen,- Schwenk- sowie Jubelutensilienauswahl heißt die Losung: Millieubewußtsein beweisen! Mit der PDS wird ein garantiertes Auftreten von mindestens zehn Kuba- Che Guevara- RoterSternplusirgendetwasfahnen oder sonstigem Material aus der Aservatenkammer der Weltrevolution vereinbart. Sinn Fein und die IRA zahlen für den farblich eh deplazierten irischen Befreiungsschrott doppelt und die Hamburger Innenbehörde lässt ein paar Euro für die lokalpatriotischen rot-weißen Putzlappen springen.
Es wird schnell klar: Die Budgetierung der garantierten Blockfüllmassen lässt sich mit geschicktem Marketing prima refinanzieren. Aber Spaß macht die Sache ja erst, wenn Gewinn dabei herausspringt.
Und wie erwirtschaften wir den? Expansion! Erster Schritt: Richtig, Namen verkaufen. Nicht bloß St. Pauli Fans, nein, das ist von gestern. Neuer Name: Jaggy D's St. Pauli Astraten. Oder: Die Nullen vom Kiez, demnächst auf Sat.1.
Nicht gut? Anderer Weg - joint ventures. Die Relikte aus den Zeiten der Stammesfehden - auch Fanfreundschaften genannt - haben in dieser Hinsicht Vorbildfunktion. Meist zeichnen sie sich ja eh dadurch aus, dass Fan zwar keine Freunde, aber bestimmt gemeinsame Feinde hat. Vor allem in fremden Stadien ließe sich also über Verstärkung - die Einstellung firmenfremder Aushilfskräfte auf Zeit - nachdenken. Mit Bremern gegen Stellingen oder besser: 10 000 Leverkusener brüllen St. Pauli in Köln in den UI-Cup. Outsourcing, sonnt man das. Nicht zuletzt ist mit der Ordnungsmacht über eine prozentuelle Beteilung an den Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen für ihr Fußvolk - bekannt unter Codenamen wie "Sicherheitsstufe 1" oder "Großeinsatz" zu diskutieren.
Natürlich bringen diese - durchaus genialen - Vorschläge zur Umstrukturierung des Gehältergefüges am Millerntor auch neue Schwierigkeiten mit sich. Schließlich bedarf ein Markenprodukt wie das des kurvengeprüften St. Pauli-Fans eines besonderen Markenschutzes. Zu empfehlen ist ein Fan-TÜV, bestehend aus einer mündlichen Prüfung in Gesang und Kommentar sowie einer Gesichtsprobe und der schriftlichen Prüfung in Vereinsgeschichte, politischem Bewußtsein sowie Sportstatistik.
Beschwert sich da jemand? Ausverkauf? Seelenhandel? Was? Wie bitte? Ein Etat, mit dem der FC St. Pauli im bezahlten Fußball konkurrenzfähig ist, lässt sich doch anders nicht darstellen, so heißt das auf Buchhalterdeutsch. Also drehen wir den Spies doch einfach um. Gewinnrückbindung an das schreiende Publikum. Wir lassen uns den Wochenenddienst im Stadion bezahlen. Dann macht die Aktion erst richtig Spaß.
Markus
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