Der Herr der Jugend

   Klasnic, Bajramovic, Rahn, wer kennt sie nicht, die Talente, die den Sprung in den Profi-Kader schafften (und leider auch gehen/gingen). Damit in der Zukunft weitere Talente beim FC St. Pauli auch diesen Sprung schaffen und möglichst auch bleiben, ist Andreas Bergmann seit Juli 2001 verantwortlicher Jugend-Koordinator beim FC. Über die Ziele, Probleme, Hoffnungen der Jugendarbeit bei unserem Verein führten wir mit ihm folgendes Interview:

Übersteiger: Wie kam Dein Wechsel zum FC St.Pauli zustande?
Andreas Bergmann: Ich war Jugendkoordinator beim KSC, hatte (und habe) aber meine Freundin hier in Hamburg wohnen, sie ist Journalistin beim NDR. Nach 5 Jahren war dann der Zeitpunkt gekommen, wo man diese lange Strecke nicht mehr auf sich nehmen wollte. Daher passte es, dass der FC St.Pauli jemanden suchte, ich habe mich beworben und sitze nun hier.
Es gab zwar auch andere Möglichkeiten, aber für mich war es wichtig, dass die Jugendarbeit auch einen hohen Stellenwert im Verein hat, und da war für mich der FC St.Pauli die richtige Wahl.

ÜS: Jürgen Gronau war ja bis vor kurzem Trainer der A-Jugend und ebenfalls als Jugendkoordinator im Gespräch. Hättest Du ihn gerne behalten, oder war das gar nicht möglich?
AB: Ich bin ja ein halbes Jahr vor Antritt meiner Stelle hier verpflichtet worden. In dieser Übergangszeit haben Jürgen und ich sehr gut zusammen gearbeitet, und ich habe ihm auch immer signalisiert, dass er gerne als hauptamtlicher Trainer bei mir arbeiten kann. Dann ist aber etwas zwischen ihm und dem Verein vorgefallen, das ich nicht beurteilen kann, und dadurch ist er nun leider nicht mehr hier. Wir haben aber auch weiterhin noch einen guten Kontakt.

ÜS: Gab es, nachdem es fest stand, dass Du hier Jugendkoordinator wirst, noch die Möglichkeit, ein Konzept zu erstellen? Hinsichtlich der Trainer und des Ablaufs?
AB: Ich habe vieles zunächst beim Alten belassen, da ich mir ja auch aus der Entfernung mir nicht anmaßen konnte, die Abläufe und Trainer zu beurteilen, auch wenn ich natürlich schon häufiger die einzelnen Jugendmannschaften beobachtet habe. Ich wollte erst einmal ein Jahr lang auch jedem einzelnen die Chance geben, ein Jugendkonzept mit zu entwickeln.

ÜS: Gibt es denn demnächst Veränderungen in diesem Konzept?
AB: Mit Sicherheit wird es weitere Veränderungen geben. Dirk Zander wird in Zukunft der Jugendkoordinator für den unteren Altersbereich. Er soll beispielsweise im D- und E-Jugendbereich mittrainieren, damit wir gerade dort gezielter arbeiten können, denn dies ist das motorisch beste Lernalter. Man kann pro Mannschaft auch mal in kleineren Gruppen arbeiten, das erhöht dann den Stellenwert des unteren Bereichs, und wir schaffen dadurch eine bessere Kommunikation zwischen den einzelnen Trainern, Mannschaften und Jahrgängen.
Für die Zukunft ist es mir sehr wichtig, langfristig einen kontinuierlichen, fachlich kompetenten und engagierten Trainerstab aufzubauen, in dem die Trainer sich als Ausbilder verstehen. Man wird viel zu sehr am Tabellenstand gemessen, dabei sollte man viel mehr Wert auf die individuelle Ausbildung an sich legen. Für so etwas braucht man natürlich auch Erfahrung, und daher ist es schade, wenn wir die Trainer, die nach 2-3 Jahren Erfahrung im Jugendbereich gerade richtig gut werden, an den Herrenbereich verlieren, weil da vielleicht das große Geld lockt. Dadurch verliert der Jugendbereich sehr gute Leute, denn als Jugendtrainer braucht man neben den fußballerischen und ausbilderischen auch die sozialen und pädagogischen Kompetenzen.

ÜS: Was sind die Voraussetzungen für eine gute Jugendarbeit?
AB: Zunächst natürlich die strukturellen Möglichkeiten und ein geeignetes Trainingsgelände. Dieses schaffen wir jetzt am Brummerskamp. Bisher fielen enorm viele Trainingseinheiten aus, wo man nur laufen gehen konnte. Daher ist auch der Kunstrasenplatz so wichtig.
Zum zweiten natürlich der fachlich gute Trainerstab, mit Leuten, die da auch Lust zu haben.
Zum dritten brauchst du natürlich erstmal überhaupt ein Ausbildungskonzept. Du brauchst Leitlinien und Ziele, nach denen du arbeiten kannst. Das muss langfristig und individuell geplant werden. Wenn zum Beispiel jemand schon so stark ist, dass er auch locker im höheren Jahrgang mitspielen kann, muss man das auch verwirklichen, damit er den Reiz nicht verliert, sich selber zu entwickeln.
Und du musst natürlich einen Verein haben, der die Jugendlichen dann auch in der Mannschaft integriert. Diese Durchlässigkeit von der A-Jugend zu den Amateuren und von dort zu den Profis sehe ich hier durchaus gegeben, und das kann man den Jugendlichen auch vermitteln.
Außerdem muss man natürlich ein Sichtungssystem, welches wir ja noch nicht wirklich haben, aufbauen und verbessern, gerade um die Jungs aus der Region Hamburg an uns zu binden.

ÜS: Ist es geplant, von der D- bis zur A-Jugend ein gleiches Spielsystem zu spielen?
AB: Das System an sich ist nicht entscheidend, sondern eine moderne Spielphilosophie, mit Schwerpunkten wie ballorientiertes Verschieben und Pressing. Wir bevorzugen im Leistungsbereich ein 4-4-2 System mit einer Raute (ähäm?! Anm. d. Korr.) im Mittelfeld. Es ermöglicht eine optimale taktische Ausbildung der Jugendspieler, um in unterschiedlichen Spielsystemen zurecht zu kommen. Das Spielsystem ist aber nur ein Baustein der gesamten Ausbildung. Zentraler Schwerpunkt bleibt die Schulung des individualtechnischen und -taktischen Verhalten der Spieler. Der Zweikampf ist die Keimzelle des Spiels.
In der A-, B- und C-Jugend müssen wir unser Spielsystem schon annähern, aber wir müssen da trotzdem immer unsere Freiheit haben. Wenn ich zwei sehr gute offensive Mittelfeldspieler habe, wie jetzt in der A-Jugend, muss ich die auch einsetzen können, da spiel ich dann halt mit einem Stürmer weniger. Es muss halt eine gewisse Flexibilität vorhanden sein.

ÜS: In den letzten Jahren sind ja viele talentierte Jugendspieler zu Bayern München oder auch Bayer Leverkusen gegangen. Wie willst Du das in der Zukunft versuchen zu verhindern?
AB: Das geht nur über eine enge Zusammenarbeit mit Lizenz- und Amateurabteilung. Es wäre utopisch zu sagen, das wird nicht wieder passieren, denn auch im Jugendbereich haben sich die Dinge dramatisch verändert, in dem Sinne, dass es auch hier immer mehr Spielervermittler gibt. Ich habe letztens mit einem C-Jugendlichen (12-14) gesprochen, der meinte, dass er seine Termine gar nicht koordiniert, da sollte ich mich doch an seinen Spielervermittler wenden! Und wenn die großen Vereine da mit dem vielen Geld winken, dann muss man unser Konzept mit Perspektive entgegenhalten, und wenn das nicht reicht, musst du die Jungs auch gehen lassen.
Ganz wichtig ist halt, dass man denen auch das Gefühl gibt, dass sie hier eine Chance haben. Und nicht zu unterschätzen, ist auch die familiäre Atmosphäre beim FC St.Pauli. Die Wege sind noch kürzer, da ist noch alles etwas wärmer. Für junge Leute ist das wichtig, in so einem "Bett" zu sein.

ÜS: Was sind die konkreten Ziele Deiner Arbeit? Es hieß, dass 2-3 Spieler pro Jahr Profis werden sollen. Ist dieser Anspruch nicht zu hoch?
AB: Natürlich sollte es das Ziel sein. Dies war aber eher eine plakative Aussage um unsere Philosophie nach außen zu demonstrieren, das kann man natürlich nicht so wörtlich nehmen. Wir wollen damit zeigen, das es bei uns die Durchlässigkeit in den Profibereich gibt.

ÜS: Wie beurteilst du momentan die Bedingungen beim FC St.Pauli, und bist Du neidisch auf andere Vereine und deren finanzielle Voraussetzungen?
AB: Neidisch bin ich natürlich schon, wenn ich hier z. B. auf die beiden Plätze an der Feldstraße gucke, wo die Jungs mal wieder wegen Unbespielbarkeit nicht trainieren können und nur Planten und Blomen rauf- und runterlaufen. Das wäre auch gelogen, wenn man da sagt, dass schon alles hervorragend wäre.
Wir haben uns zum Beispiel bei Werder Bremen die Plätze angeschaut, und dann kommt dir da so'n kleiner Knirps entgegen und fragt, "Wo ist denn hier Platz 8?"!
Aber das verbessert sich hier ja momentan alles und ich hätte auch nie gedacht, dass mich ein Verein so schnell so emotional packt, das muss ich auch mal sagen.

ÜS: In der Leitlinie zur Jugendarbeit heißt es, dass die Spieler durch freundliches und sportliches Auftreten zum guten Image des FC St.Pauli beitragen sollen. Gab es schon Fehlverhalten oder gar Strafen diesbezüglich?
AB: Zu meiner Zeit gab es das noch nicht. Es kommt natürlich immer mal vor, dass da jemand über die Strenge schlägt, aber wir versuchen, gerade bei so einem Multi-Kulti-Verein, schon, Fairness und Toleranz auch vorzuleben. Auch Dinge wie Leistungsbereitschaft und Kritikfähigkeit.

ÜS: Glaubst Du, dass der Verein den Ausgleich zu mangelnder Erziehung der Schule oder der Eltern schaffen kann?
AB: In manchen Fällen ist das möglich. Wenn der Trainer oder der Jugendkoordinator was sagt, ist das ja für die Jungs oftmals wichtiger, als wenn der Vater was sagt. Daher müssen wir auch mit den Eltern und der Schule eng zusammenarbeiten, um die Probleme der Jugendliche zu lösen.
Mit der A*F*M versuchen wir auch dieser sozialen Verpflichtung mit den Jugendwohnungen, Hausaufgabenhilfe oder ähnlichem nachzukommen. Das ist alles noch im Entstehen, aber wir sind da auf einem guten Weg.

ÜS: Zum Förderprogramm "Young Rebels". Kannst Du das noch etwas weiter ausführen?
AB: Also ich muss hier ja auch erstmal mit den ganzen Abteilungen klarkommen und die A*F*M ist mir natürlich extrem sympathisch. Wir haben in enger Zusammenarbeit ein Konzept entwickelt und bekommen hierdurch Dinge verwirklicht, die uns der Verein vielleicht nicht finanzieren könnte, da bin ich natürlich unendlich dankbar für.
Mir wurde ja auch vorgeworfen, dass ich hier den Leistungssport gnadenlos reinpeitschen will und da versuchen wir zusammen schon etwas entgegenzuwirken. Andererseits muss man halt, um konkurrenzfähig zu bleiben, ab einem gewissen Alter auch leistungsorientiert arbeiten.

ÜS: Trotzdem gibt es ja die Kritik, dass es ab der D-Jugend nur noch zwei Mannschaften gibt und sich die St.Pauli Kiddies andere Vereine suchen müssen. Gibt es da Ansätze, die vielleicht bei anderen Vereinen unterzubringen?
AB: Grundsätzlich wäre das natürlich wünschenswert. Wir haben ja aber über die strukturellen Probleme schon gesprochen, und hier an der Feldstraße stoßen wir halt vom Trainingsaufkommen an unsere Grenzen. Außerdem braucht man ja auch noch die Trainer, die topmotiviert und fachlich kompetent sind. Die müssen ja auch die Spieler kindgerecht betreuen.
Wir versuchen ja auch, im G-, F- und E-Jugend Bereich, alle unterzubringen. Aber schon in der E-Jugend müssen wir gucken, wer sind die talentierten, damit wir denen noch die Reize bieten können. Es sind ja auch in Zusammenarbeit mit der A*F*M schon Bolztage angedacht, um den Spaß am Fußball zu vermitteln. Das muss halt alles nur auch realisierbar sein.

ÜS: Stichwort Ausland. Was meinst Du, kann man da für uns übernehmen?
AB: Generell: die Jugendarbeit an sich ist in Deutschland nicht schlechter als anderswo. Das Problem ist eher die Integration der Jugendlichen in den Profibereich. Da wird ja momentan einiges angedacht, zum Beispiel die A-Jugendbundesliga. Ich hoffe auf eine 4-gleisige, es sieht aber nach der 3-gleisigen aus. Mayer-Vorfelder wollte ja die eingleisige, das wäre natürlich eine Katastrophe gewesen.
Im Westen ist das natürlich durch die Dichte der Vereine alles einfacher, auch in den jüngeren Altersstufen.
Im Norden gibt es diesen Vergleich erst in der B- und A-Jugend durch die Regionalligen. Aber im D- und C-Jugend Bereich haben wir uns abgesprochen, die größeren Vereine organisieren jetzt zwischendurch Freundschaftsturniere und -spiele.
Aus dem Ausland kann man natürlich einige Trainingsschwerpunkte übernehmen, zum Beispiel wie in Italien im mannschaftstaktischen Bereich gearbeitet wird. Lernen kann man natürlich auch vom Mut der anderen Nationen, wie England oder auch Spanien, wo halt auch mal ein 17jähriger in der ersten Liga eingesetzt wird.

ÜS: Wie ist das Verhältnis zum hsv?. Wie beurteilst Du deren Jugendarbeit, und was für Argumente hast du bei jemandem, der sich zwischen beiden Vereinen entscheiden muss?
AB: Die Jugendarbeit kann ich da nicht beurteilen, dazu bin ich nicht nah genug dran. Man hört zwar von Irritationen, aber genaures weiß ich da nicht. Wir haben da auch ein eher kollegiales Verhältnis. Die sind nicht meine "Feinde" aber mein klarer Konkurrent. Sie haben aber natürlich auch ganz andere finanzielle Voraussetzungen als wir.
Jugendlichen kann ich nur empfehlen, zu uns zu kommen, da wir sehr gut ausbilden und einfach auch eine angenehme Atmosphäre bieten. Außerdem bieten wir die Möglichkeit, den "Traum Fußballprofi" zu verwirklichen, vielleicht eher als andere.
Wir stärken unseren Leuten auch den Rücken. Bei anderen Vereinen, die sich Jugendnationalspieler zusammenkaufen, da hat man auf einer Position halt mal 2-3 Topspieler, und wenn da einer mal einen schlechten Tag hat, ist er weg. Wir bauen in diesem Fall denjenigen wieder auf.

ÜS: Es wurde früher gerade im Vergleich zum Ausland bemängelt, dass die Trainer schlecht ausgebildet waren, und die Jugendlichen nur laufen ließen, statt an technischen Dingen zu feilen. Wie willst Du das in Zukunft ändern?
AB: Es wurde der Fehler gemacht, zu Erwachsenenorientiert zu arbeiten. Im unteren Jugendbereich waren ja meistens Väter die Trainer, die nur ihre Erfahrungen aus dem Erwachsenenbereich aufweisen konnten. Der Fußball bei Erwachsenen hat aber mit dem Jugendfußball in den unterschiedlichen Altersstufen nichts zu tun. Das muss man sich immer wieder verdeutlichen. Das Techniktraining ist ein wichtiger Bestandteil unserer Ausbildung. Wir waren aber im Vergleich zu den Südeuropäern oder Südamerikanern nie die besseren Techniker und werden es wohl auch nie werden. Wir haben andere Tugenden, und die müssen wir weiterhin einbringen, aber auch beim FC St.Pauli gibt es keinen, der nur noch Runden laufen lässt.

ÜS: Vielen Dank für das Gespräch.

Zum Schluss noch ein Aufruf:

Wenn sich unter den Lesern motivierte Mitglieder oder Fans befinden, die Lust und Zeit für den Posten eines Betreuers haben, können diese sich gerne bei Andreas Bergmann melden (040 - 317874 - 41).

Persönliches: Andreas Bergmann, 42 Jahre, Diplomsport- und Fußball- Lehrer, 82-89 Balltreter in der höchsten Amateurklasse (1. FC Köln, Wuppertaler SV, Bonner SC, VfB Remscheid), 89-94 Sportlehrer beim SV Falke Steinfeld, 94-97 Sportlehrer beim Niedersächsischen Fußballverband, 97-2001 Jugendkoordinator- und Cheftrainer beim Karlsruher SC und 98 Co- Trainer 1. Liga KSC.

Ra.

Copyright by Übersteiger

zurück Titelseite dieser Ausgabe weiter