"Wir sind eins und das freut Einen"

Andre Trulsen

Zwei Tage vor dem sensationellen Sieg gegen die Bayern aus München sprachen wir mit André Trulsen über den FC St. Pauli, die persönlichen Perspektiven und sonstige aktuelle Geschehnisse...

Übersteiger (ÜS): Beim Astra-Cup wurdest Du zum Hamburger Fußballer des Jahres gewählt. Warst Du sehr überrascht?
André Trulsen (AT): Ja natürlich rechnet man damit nicht, dass man in Hamburg Fußballer des Jahres wird, aber ich hab mich wirklich sehr über diese Auszeichnung gefreut. Das hat mich wirklich ein bisschen mit Stolz erfüllt, gerade weil das die Meinung der Fans ist. Das ist für mich schon etwas Besonderes. Das ist schon eine schöne Sache und ich kann mich auf diesem Wege auch noch mal recht herzlich bei denen bedanken, die mich gewählt haben und bei denen die mich nicht gewählt haben, aber es mir von Herzen gönnen. Ich hab mich, wie gesagt sehr, sehr gefreut.

ÜS: Du bist jetzt 36. Wurde schon über eine eventuelle Vertragsverlängerung gesprochen?
AT: Nein, leider hat noch keiner von der Führung mit mir gesprochen. Es sieht wohl so aus, dass der Zug noch auf dem Bahnhof steht und ich kann noch aufspringen oder er fährt ohne mich ab. Ich kann leider nicht sagen, inwieweit der Verein mit mir plant, ob ich als Fußballer weiter arbeiten kann oder eventuell eine Anbindung im Verein bekomme. Das kann ich zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen, weil wir noch keine Gespräche geführt haben.

ÜS: Bist Du enttäuscht, dass mit Dir noch nicht gesprochen wurde?
AT: Das Geschäft ist eben so, dass man als Spieler Leistung bringen muss, sich im Training und im Spiel zeigen bzw. sich beweisen muss. Mit einigen werden eben schon ein oder zwei Jahre vorher Verträge ausgehandelt, mit den anderen am Anfang der Saison, mit einigen dann ganz spät in der Winterpause oder vielleicht sogar noch später. Natürlich hätte ich mich gefreut, wenn auch ich jetzt schon eine gewisse Klarheit hätte, ob ich jetzt noch einen Vertrag bekomme oder nicht. Aber was heißt enttäuscht? So ist das Geschäft und jeder Spieler muss damit klar kommen.

ÜS: In diesen Dingen hast Du aber ja schon jahrelange Erfahrung, insofern kann man das vielleicht etwas gelassener sehen, oder?
AT: Ja natürlich, mit 36 Jahren sieht man das schon ein bisschen gelassener.

ÜS: Ich würde mich freuen, wenn Du auch mit 39 noch Tore gegen den hsv köpfst.
AT: Ja, da hätte ich auch nichts dagegen. Wenn die sportlich Verantwortlichen es genauso sehen, dass Sie vielleicht nicht so ein Problem mit dem Alter haben, denke ich schon, dass man noch in einem gewissen Alter Leistung bringen kann, und ich fühl mich zur Zeit noch sehr gut, dass ich, ein, zwei Jahre auch weiter hier bei St. Pauli spielen kann. Ich werde sicherlich keine Hauptrolle mehr spielen. Man braucht aber auch gute Nebendarsteller, die auch "arbeiten" können und der Mannschaft die nötige Ruhe und Stille geben und dann aber auch hier und da sportlich den Stempel aufdrücken. Aber wie gesagt, ich kann da als Spieler wenig Einfluss nehmen, was der Trainer oder der Manager denkt. Ich bin gespannt, was dabei rauskommt.

ÜS: Wie sieht Deine weitere Lebensplanung nach der Profikarriere aus?
AT: Wenn der FC sportlich und auch innerhalb des Vereins nicht mit mir plant, dann muss ich natürlich sehen, wie ich meine Brötchen verdiene. Ich fühl mich ja eigentlich noch sehr gut als Fußballer und da muss man abwarten.

ÜS: Wie reagierst Du auf Berichte, in denen steht, dass im Verein nicht ohne weiteres eine Stelle für den André Trulsen geschaffen werden kann?
AT: Es ist natürlich schade, wenn man so was hört. Ich will ja auch keiner Person den Job wegnehmen, sprich dass sie jetzt sagen "OK, Du fängst hier diesen Job an und dann muss der oder die andere halt gehen". Da hätte ich auch ein schlechtes Gewissen oder ein schlechtes Gefühl dabei, jemanden rauszuhauen. Es ist natürlich schön, wenn man eine Anbindung bekommt, wo man ohne Probleme in die Stelle reinkommt und da seine Fähigkeiten, die man hat, vielleicht auch einbringen kann und dazu beiträgt, dass es weiterhin positiv vorwärts geht mit dem Verein. Aber hier sollen sie auch überzeugt sein, dass ich die Aufgabe meistern kann. Ich persönlich fände es gut, wenn gewisse Leute oder Ex-Profis, die sich mit dem Verein identifizieren, auch weiterhin eingebunden werden.

ÜS: Was hältst Du vom FC St. Pauli 2002? Hat sich durch die Arbeit von Koch, Beutel und Demuth etwas verändert im Gegensatz zu früher? Ist der Club auf einem guten Weg?
AT: Ja sicherlich muss man das anerkennen und auch honorieren, was sie in den letzten zwei Jahren geleistet haben. Sicherlich steht und fällt vieles mit dem sportlichen Erfolg, an dem sie natürlich auch ihren Anteil dran haben, dass sie Leute geholt haben und dass der Trainer die richtige Mannschaft aufgestellt hat, die erfolgreich war, und mit mehr Erfolg lässt sich natürlich auch gut arbeiten. Ich will jetzt nicht sagen, dass alles schlecht war, was in der Vergangenheit gelaufen ist, nur haben sie aus den letzten zwei Jahren was vorzuweisen, dem man nicht widersprechen kann. Sie versuchen professionelle Strukturen aufzubauen und das kann nur positiv sein für den FC St. Pauli und für uns. Trotz alledem hat der Verein immer noch ein Ohr für unsere Fans, die auch ein Mitspracherecht haben .

ÜS: Stadionneubau, glaubst Du persönlich noch dran?
AT (schmunzelt): Das ist ja alle Jahre wieder immer das gleiche Thema und ich hatte auch gedacht und gehofft, dass es doch schon sehr fortgeschritten ist oder wäre, aber so wie es aussieht verzögert sich das noch mal, aber ich denke und hoffe trotzdem ja weiterhin, dass das Stadion irgendwann kommen wird, welches ich wohl als Fußballer nicht mehr erleben werde.

ÜS: Vielleicht wird es ja was mit einem Abschiedsspiel im neuen Stadion!?
AT (freut sich): Das wäre noch mal ein richtiges Highlight, ja.

ÜS: Ich freu mich schon auf das erste "YNWA" im neuen Stadion.
AT: Ja sicherlich, der Akustik und der Stimmung tut das keinen Abbruch, wenn es nicht sogar noch gesteigert wird. So ein kleines neues Stadion mit 25 bis 30.000 Zuschauern, da werden wir und werdet ihr sicherlich richtig für Stimmung sorgen.

ÜS: Wenn Du nicht mehr Spieler sein solltest, dann wirst Du sicherlich als Zuschauer dabei sein: Stehplatz, Gegengerade, Dauerkarte...?!?
AT: Schauen wir mal (lacht)

ÜS: Wie war es in La Manga? Gab es wieder "Palmenspiele" oder wurde ernsthaft gearbeitet?
AT: Da wurde wirklich ernsthaft gearbeitet, es ist keiner groß ausgeflippt. Wir hatten auch unseren Abschlussabend, aber der hielt sich in Grenzen. Es ist alles vernünftig abgelaufen. Da hatten wir vom Fußballerischen optimale Bedingungen, auch eine gute Atmosphäre und es hat allen Leuten enorm viel Spaß gemacht. Wir haben konzentriert gearbeitet und man hat es ja gesehen, dass wir auch einigermaßen gut in die Saison reingekommen sind.

ÜS: Warst Du schon in der vom Bündnis Aktiver Fußball Fans (BAFF) organisierten Ausstellung "Tatort Stadion - Rassismus und Diskriminierung im Fußball"?
AT: Da hast Du mich jetzt erwischt. Nein, da war ich leider noch nicht. Ich hab persönlich auch bis jetzt wenig von dem Trubel mitbekommen, da wir ja zum Zeitpunkt der Eröffnung im Trainingslager in Spanien waren.

ÜS: Was hältst Du von solchen Aussagen des dfb-Präsidenten mv wie: "Wenn beim Spiel Bayern gegen Cottbus nur zwei Germanen in der Anfangsformation stehen, kann irgend etwas nicht stimmen"?
AT: Wenn er solche Äußerungen von sich gelassen hat, dann hat er beim dfb eigentlich nichts zu suchen. Aufgrund der Vergangenheit muss man einfach aufpassen, was man sagt. Solche Aussagen haben tiefere Wurzeln. Darüber muss man diskutieren.

ÜS: Wenn Du Deine Karriere mal so Revue passieren lässt, wie sieht Dein persönliches Fazit aus?
AT: Ich hab bisher schöne Jahre als Fußballer erlebt und freu mich, dass ich auch in meinem Alter noch gute Leistungen abliefern kann, dass mein Körper mitmacht und mitspielt. Ich kann eigentlich nur ein positives Fazit ziehen über meine Jahre als Fußballer. Es gibt wenige, die in meinem Alter noch aktiv sind und das erfüllt mich eben auch mit Freude und Stolz, dass man noch dabei ist. Es gibt halt sportliche Ausnahmen, und dass man selber vielleicht mal eine kleine Ausnahme ist im Profibereich, ist schön und ich hoffe, dass es noch ein, zwei Jahre anhält und ich mitmachen kann. Dass ich hier beim FC St. Pauli als Hamburger aktiv bin, ist einfach fantastisch und ein super Gefühl. Ich bekomme heute auch immer noch eine Gänsehaut, wenn ich auflaufe und vor so einem Publikum spielen kann. Erst recht, wenn man dann noch erfolgreich ist, dann ist das einfach das Schönste, was es gibt.

ÜS: Wie siehst Du Deine persönliche Bindung zum Verein? Es kommt schließlich nur selten vor, dass Spieler so lange bei ein und dem selben Verein spielen (mit kleiner Unterbrechung). Vorhin beim Reinkommen ins Clubheim, warst Du schon im Gespräch mit einem älteren Herrn verstrickt.
AT: (lacht) Ja, mit dem alten Stamm hier. Man kennt sich natürlich schon und es ist interessant von den noch älteren Spielern (grinst), eben war es Harry Wunstorf (Torwartlegende beim FC von 1951-1964), zu hören, wie es damals abgelaufen ist, wie sie zum FC St. Pauli gekommen sind. Fußball entwickelt sich ja über die Jahre und Jahrzehnte immer weiter. Ja, ich denke mal, dass ich das auch mitlebe. Ich habe eine verständnisvolle Frau, die das akzeptiert, wenn man sich nach dem Spiel auch die Zeit nimmt, hier im Clubheim den ein oder anderen Schnack zu halten oder mal auf den Kiez geht, was ich auch gerne mache und nicht zu irgendeinem Pflichtprogramm zähle. Ich mag das Umfeld, das Flair und es macht mir Spaß, mich mit den St. Paulianern zu unterhalten. Ja, wir sind "eins" und das freut einen.

ÜS: Und, liest Du auch den Übersteiger?
AT: Wir bekommen ihn meist zu den Spielen. Meist haben wir dann gar keine Zeit, jeden Artikel zu lesen, aber durchblättern tue ich ihn schon. Den Comic finde ich sehr interessant und ist bei vielen Spielern beliebt. Regelmäßig lese ich ihn nicht, aber hin und wieder schaue ich auf jeden Fall hinein.

ÜS: André, vielen Dank für das Gespräch.

pelstinho

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