Kapital schießt Tore

VON HERMANNUS PFEIFFER

Karl Marx

Der gemeine Fußballanhänger interessiert sich nicht für Ökonomie, sollte er aber. Dies gilt besonders für St.Paulianer.

   Als die Bundesliga im August 1963 loslegte, überschattete sie bereits der erste Finanzskandal. Schalke 04 setzte sich unfein über die Transfergrenze von 50.000 Mark hinweg, indem der protzige Arbeiterklub dem kleinen KSC nicht nur den heiß begehrten Günter Herrmann für diese Summe abkaufte, sondern in einem verbotenen Koppelgeschäft noch einmal 50.000 Mark für eine fußballerische Lusche draufpackte. Seither regiert der schnöde Mammon auch hierzulande die Profiliga, und ohne ökonomische Erfolge sind sportliche Triumphe nicht mehr möglich.

   In den fünfziger und sechziger Jahren hinkte die Bundesrepublik der westeuropäischen Kommerzialisierung des Fußballs hinterher. Bundestrainer Sepp Herberger führte darauf das schlechte Abschneiden der DFB-Auswahl bei der WM in Chile zurück, und den neuen Europacup dominierten die Profiligen. Real Madrid, Benfica Lissabon oder Inter Mailand hießen damals - wie heute - große Namen in der internationalen Fußballwelt. Deutschland mit seinen, dem Geist des Amateurs verpflichteten fünf Oberligen hinkte finanziell und damit sportlich den anderen Kicker-Staaten weit hinterher, meinten damals DFB, Medien und Schlachtenbummler übereinstimmend. Bündelung des Ligabetriebes, international attraktive Spielerhonorare und ökonomisch konkurrenzfähige Vereine sollten Deutschland fußballerisch in Europa nach oben bringen, und es klappte: Drei Jahre nach dem Start der neuen Bundesliga siegte Borussia Dortmund im Europacup gegen Liverpool und folgte das am Millerntor durchaus geschätzte Tor von Wembley.

   Der historische Rückblick zeigt, dass schon früher die Reals, Ajaxe und Inters ihre Ligen dominiert haben - mehr oder weniger klar. Geld regiert die Fußballwelt. "Trotzdem", so ein beliebter Einwand, "gelang es immer wieder einem Nobody, an die Spitze durchzustarten." Selbst noch in den hochkapitalistischen neunziger Jahren schaffte dies der 1. FC Kaiserslautern - auch dank eines genialen Trainers - oder der AC Parma. Aber Lautern war tatsächlich auch nicht ganz arm und hinter Parma stand das fette Kapital der italienischen Käse- und Schinken-Metropole. Im Großen und Ganzen machten in den traditionellen Fußballländern, die alle länger als Deutschland Profiligen kennen, einige wenige Großklubs die Meisterschaft unter sich aus.

Früher war es doch besser

   Aber auch wenn in der jüngeren Vergangenheit schon Kapital Tore schoss, ließ sich dieses Zusammenspiel durchaus noch steigern. Erinnert sei an den hierzulande eher unpopulären Pokalwettbewerb, in dem St. Pauli notorisch erfolglos mittut, und den dazugehörigen, längst verblichenen Europacup der Pokalsieger, der bis 1999 den Mittelmächten der Fußballökonomie und ganz selten den Kleinen eine eigene Spielwiese bot, die auf dem Altar des Super-Kommerzes der G-14-Klubs immer weiter verkleinert wurde. Schade.

   Angetrieben von den üppigen Millionen der neuen Privatfernsehsender - die um den Preis des Überlebens Fußball und Sport brauchen, um ihre öden TV-Kanäle zuschauerträchtig damit zu füllen - teilte sich in den neunziger Jahren der Fußball endgültig in einige wenige Oligopole, einen ziemlich soliden, überschaubaren Mittelstand und viele kleine Firmen, die mehr oder weniger nur eine (regionale) Nische bedienen. Die Folgen der Zentralisierung auf eine Handvoll Klubs mit Meisterschaftspotential liegen eigentlich auf der Hand: die große Langeweile, sinkende Zuschauerzahlen, Abnahme der fußballorientierten Fanatiker. Die bisherige Basis des Fußballs bricht teilweise weg, und genau diesen Trend können wir in Deutschland, Holland oder England beobachten.

   Der Fußball gewann jedoch in der Privatfernseh-Ära eine neue Basis hinzu. In die sich oft unbemerkt entwickelnden Lücken sprangen die neu entstehenden privaten Medien und Abonnementsfernsehen wie "Premiere", denn auf der Ebene des TV-Konsums funktionierte Fußball damals noch. Zugleich wurde der Spitzenfußball der Liga zum Event umgemodelt und neue Zielgruppen wie Teenies, Frauen, Familien und höhere Einkommensgruppen ins Stadion gelockt. Der fahneschwenkende Stehplatzbesucher wurde zum Teil der Inszenierung für Upper-Class-Stadionbesucher und die Marketingstrategen in den TV- und Sponsorenzentralen.

   Das ging am Fußball nicht spurlos vorüber. Wie ehedem bei Tennis wird ein Boom von Fernsehanstalten, sogenannten Sponsoren und Politikern (Stichwort "WM 2006") gnadenlos ausgeschlachtet, bis das Opfer scheintot daniederliegt. Dass Kommerzialisierung und Kapitalisierung auch dem Fußball dieses Los bescheren, steht zu erwarten.

Anzeichen des Verfalls

   Heute mehren sich die Anzeichen des Verfalls, dubiose Autorennen toppen fast alle Fußball-Events in der medialen Zuschauergunst und traditionelle Spezialsportarten wie Skispringen - vor drei Jahren konnten wir beim Sommerspringen in Hinterzarten die anderen Zuschauer noch per Handschlag begrüßen - schauen rund 15 Millionen Menschen, während die führende Bundesligashow "ran" froh über 5 Millionen wäre, und das trotz grausamer Leistungen unbeirrte Interesse an der "Nationalmannschaft" zeigt vor allem eins, die Menschen suchen eine sportliche Identifikation, wo es nicht hauptsächlich um Kohle und Kommerz geht. Die Bundesliga dagegen hat längst den Kommerzhahn überdreht.

   Die kommende WM 2006 wird den bundesdeutschen Fußball noch eine Zeitlang über Wasser halten, anders sieht es jedoch schon in der Peripherie aus. In traditionellen Kicker-Hochburgen wie Holland oder Belgien bleiben immer mehr Zuschauer weg, wer mag schon auf Dauer ein Meisterschaftsrennen zwischen nur drei Windhunden sehen, nämlich Ajax, Feyenoord und PSV, der Tochter des Philipps-Konzerns? Und welcher Rumäne, Däne oder Algerier, der noch ganz bei Trost ist, wird sich übermäßig für den Ligabetrieb vor der eigenen Haustür interessieren, wo doch alle Landeskinder, die einigermaßen geradeaus laufen können, in den international zweitklassigen kapitalstarken Ligen Deutschlands oder Frankreichs kicken oder gar in den noch finanzkräftigeren Spaniens, Englands oder Italiens? P>Spuren am Millerntor

   Auf unserer kleinen Insel der Seligen am Millerntor hinterlässt dieses Szenario auch seine Spuren. Wie es ganzen Fußballnationen ergeht, nämlich, dass sie von der großen Bildfläche verschwinden, wenn sie ökonomisch nicht mehr mithalten können, kann es erst recht einem einzelnen Verein ergehen. So zeigt ein Blick auf die erste Bundesligasaison 1963/64, dass ein Drittel der damaligen Vereine heute im großen Fußball keine Rolle mehr spielen (allerdings ist auch keiner tiefer als bis in die Regionalliga abgesunken).

   Bemerkenswerter ist jedoch, dass zwei Drittel der "alten" Vereine auch heute in der Ersten Liga bolzt, allesamt Klubs, die aus großen Städten oder Ballungsräumen kommen und daher entsprechend kapitalstark sind. Wenn unserer FC finanziell nicht mithalten kann, wird er über kurz oder lang in der sportlichen Versenkung verschwinden - und das finden selbst in unserem skurrilen Club nur wenige lustig. Selbst für eine Dauerpräsenz in der Zweiten Liga muss der Rubel rollen - und nur dies macht einen Stadionbau sinnvoll, aber eben auch notwendig. Allerdings wäre das Freiburger Modell, peu á peu Teile des Stadions zu renovieren und auszubauen, zweckmäßiger und finanziell machbarer. Aber seit dem glorreichen Bayern-Sieg wird wohl sowieso niemand mehr sich trauen, unseren heiligen Rasen abzutragen.

   Die Lage des Fußballs erfordert heute eine Vereinsführung mit einer erfolgreichen wirtschaftlichen Strategie. Eine patriarchalische Leitung wie unter dem zeitweise durchaus erfolgreichen Heinz Weisener wäre heute nicht mehr sinnvoll. Freilich überdreht unsere moderne geschäftliche Leitung manchmal den Motor. So lobte Präsident Koch auf dem 15. Sportforum den HSV für die geldgeile Umbenennung des Volksparkstadions in AOL-Arena mit den Worten: "Ich hätte das AOL-Angebot auch angenommen. Man muss alle möglichen Finanzquellen ausschöpfen." Muss man eben nicht.

   Diese extreme Koch-Strategie - die sich auch in teuren "Fehleinkäufen" von Spielern niederschlug - ist sogar ökonomisch falsch. Die Identität des FC St. Pauli zu wahren, und dazu gehört der traditionsreiche, informelle Stadionname Millerntor, muss der eigentliche Unternehmenszweck (frei nach Koch) bleiben, denn Sinn macht die ganze Chose nur, wenn nicht nur die finanzielle Basis stimmt, sondern der "etwas andere Club" auch etwas anders bleibt - und das ist mehr, als nur ein Totenkopf auf Merchandisingartikeln.

   Zudem ist ökonomisch eine gebremste Kommerzialisierung dringend geboten. Um es in der Sprache der Marktforscher zu formulieren: In die bundesweiten bürgerlichen und postmodernen Milieus (Zielgruppen) der HSV, Bayern oder Dortmunder wird St. Pauli nie eindringen können, statt dessen können wir neben dem regionalen Markt lediglich eine nationale Nische bedienen, nämlich traditionelle und moderne linke Milieus. Wenn wir der Marktforschung trauen wollen, machen diese Menschen, je nach Definition, immerhin 15 bis 25 Prozent der Bevölkerung aus, diese können wir aber nur für uns gewinnen, wenn wir echt St. Pauli bleiben.


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