Ausstellung "Tatort Stadion" am 7. November in Berlin eröffnet
Eine Menge kam zurück...Tja, die Reaktionen auf die Ausstellung "Tatort Stadion - Rassismus und Diskriminierung im Fußball" haben wirklich uns überraschende Ausmaße angenommen - in jeglicher Hinsicht. Aber der Reihe nach: Wie in diesem Heft ja schon öfters berichtet wurde, ist das Bündnis Aktiver Fußballfans (BAFF) im Rahmen des europäischen Netzwerkes Football Against Racism in Europe (FARE) und hierfür grundfinanziert von der Europäischen Union damit beauftragt worden, eine Ausstellung zum Thema "Rassismus im deutschen Fußball" auf die Beine zu stellen. In den vergangenen acht Monaten, für vergleichbare Projekte eine lächerlich kurze Zeitspanne, waren also zwei "hauptamtliche" BAFF-Mitglieder und diverse Freiwillige mit der Planung und Zusammenstellung beschäftigt (siehe hierzu ÜS 55, S. 13). Und am 07.11. war es dann endlich soweit, der Tag der Ausstellungseröffnung. Einige Nachtschichten und emsiges Werkeln noch den ganzen Tag über waren nötig, die 21 Stellwände kamen erst zwei Tage zuvor Diese Ausstellung ist halt nur eine erste Bestandsaufnahme, sie soll und wird ständig ergänzt (leider muss sie das wohl auch). Aber für die zur Verfügung stehende Zeit und den geringen Etat, von den Arbeitsumständen ganz zu schweigen, ist hier ein beeindruckendes Stück Fußball- und Sozialgeschichte entstanden. Auch optisch sind die Wände äußerst ansprechend, hier sind ein Teil des ÜS-Layoutteams und etliche schlaflose Nächte für verantwortlich. Thematisch wird das gesamte Spektrum beleuchtet, von rechten Fanzines und Websites, verbalen Ausfällen von Spielern und Funktionären (wobei besonders DFB-Präsident Mayer-Vorfelder so einiges hergibt!), über Antisemitismus, Frauen- und Homosexuellenfeindlichkeit, bis hin zur Gegenbewegung aus Fankreisen. Dazu kommen diverse Schaukästen mit Aufklebern, bei Spielen verteilten Flugblättern rechter Parteien oder einer Fanzine-Galerie, ein Tornetz mit antirassistischen Schals und Aufklebern und als Clou ein Klo nebst selbstgefliesten Wänden, die mit rechten Klosprüchen "verziert" wurden. Auch ein kleiner TV-Raum ist eingerichtet worden, wo dem Thema entsprechende Videos gezeigt werden. Aus Platz- und Finanzierungsgründen konnte nur etwa ein Viertel des zusammengekommenen Materials Verwendung finden, aber in der begleitenden Broschüre und vor allem in dem im nächsten Jahr erscheinenden ergänzenden Buch wird noch einiges Platz finden. Am Vormittag der Eröffnung war zunächst mal eine BAFF-Pressekonferenz angesetzt, die schon recht gut besucht war, wie überhaupt das Medienecho in den Tagen und Wochen danach als sehr zufriedenstellend bezeichnet werden kann. Später war noch ein Kamerateam des SFB da, bis so gegen 15:00 Uhr plötzlich zwei ziemlich schwarz gekleidete Herren im Raum standen und sich mit den Worten "Bundeskriminalamt, wir sind der Personenschutz von Herrn Thierse" vorstellten. Langsam wurde es also ernst, denn um 16:30 Uhr war die offizielle Eröffnung geplant, zu der der etwa 120 qm große Raum aus den Nähten zu platzen drohte, einige waren sicher eher wegen der Promis, als wegen des Themas anwesend. Dann ging aber der Ansprachemarathon los, zunächst ein Grußwort einer Vertreterin von ver.di, den Raum im Haus der Buchdrucker in Berlin-Tempelhof hatte uns die Gewerkschaft nämlich kostenlos zur Verfügung gestellt und uns auch sonst mit Rat und Tat immens unterstützt. Anschließend die drei Schirmherren der Ausstellung: Bundestagspräsident Wolfgang Thierse ("Die Ausstellung `Tatort Stadion' illustriert das erschreckende Gewaltpotenzial rund um unsere Fußballplätze, macht aber auch deutlich, wie man solchen Tendenzen entgegenwirken kann ... Die wirklichen Fans des Fußballs sind die, die sich gegen fremdenfeindliches Denken und Handeln zur Wehr setzen"), Hertha-Profi und Vize der Spielergewerkschaft VdV Michael Preetz ("Die Instrumentalisierung des Fußballs bis hin zur Anwendung von körperlicher Gewalt ist aber nicht alles. Rassismus und Diskriminierung von Minderheiten und nicht zuletzt auch sexistisches Verhalten gehören ebenfalls hierhin. Menschen wegen ihrer Herkunft, wegen ihrer vermeintlichen Außenseiterrolle in der Gesellschaft oder wegen ihres Geschlechts zu entwürdigen, all dies bedeutet für mich, auch in latenter Form, die Zufügung von Verletzung ... Die bemerkenswerte Aktion `Pro1530' war ein eindrucksvolles Beispiel dafür, dass der Fußball seine Basis, und dies sind die Fans, ernst zu nehmen hat ... Ich meine, dass notwendige Forschungsprojekte und auch die sozialpädagogische Praxis in den Fanprojekten finanziert werden muss ... Niemand soll meinen, die Nachwuchsprobleme im deutschen Fußball liessen sich durch ausländerrechtliche Restiktionen verbessern" und der Gewalt- und Fanforscher Prof. Gunter Pilz aus Hannover. Auch Michael von Fairplay aus Wien und Carlo vom Progetto Ultra aus Bologna waren als FARE-Vertreter am Mikro, natürlich Gerd als BAFF-Sprecher und auch Sven Brux als offizieller Vereinsvertreter des FC St. Pauli und "Mann der ersten Stunde", der über die Anfänge von BAFF erzählte ("Damals bei mir in der Küche"), und schließlich durfte ich noch ein Grußwort vom DFB-Schatzmeister Theo Zwanziger verlesen ("Als die Konzeption dieser Ausstellung an den DFB herangetragen wurde, waren wir spontan von der umfassenden und durchdachten Aufbereitung dieses sensiblen Themas beeindruckt. Aus diesem Grund fiel uns die Entscheidung nicht schwer, den Organisatoren unsere Unterstützung zuzusagen ... Der DFB unterstützt ausdrücklich die Initiative der FIFA gegen den Rassismus, die am 07.07. zum Abschluss eines Kongresses eine entsprechende Resolution verfasst hat (siehe hierzu ÜS 54, S.13)"), vom Verband war leider niemand zur Eröffnung erschienen. So, nach dem Redemarathon war es nun Zeit, sich auf die freundlicherweise von Michael Preetz gespendeten Schnittchen und Sekt zu stürzen. Es könnte alles also richtig toll sein ... aber schon am ersten Abend, nachdem die Promis wieder gegangen waren, wurde das erste Mal mit Leuchtspurmunition auf das Ausstellungsgebäude geschossen. Das sollte sich in den folgenden Tagen noch mehrfach wiederholen, wobei ein BAFF-Mitarbeiter in einem Fall nur knapp verfehlt wurde. Da aber mindestens einmal direkt aus dem gegenüberliegenden Haus geschossen wurde, war es für die Polizei kein Problem, dort zwei Personen der rechten Szene festzunehmen, die "rauchenden Colts" lagen sozusagen noch auf dem Tisch. Schlau, schlau... Aber natürlich gibt es auch viele positive Kontakte, die in den vergangenen vier Wochen entstanden sind, so einige Projekte sind "in der pipeline", so z.B., dass die Ausstellung dem Internet zugänglich gemacht wird. Über eine andere Schiene (Das Institut "Jugend Film Pädagogik" in München) wird es möglich sein, diese Website noch ausführlicher zu gestalten, so soll z.B. ein Dokumentationsarchiv über rassistische und diskriminierende Vorfälle im Fußball erstellt werden oder eine Ideenwerkstatt für antirassistische Kampagnen und Projekte eröffnet werden, wo Vorschläge gesammelt und diskutiert werden sollen, wie rechten Umtrieben im Fußball entgegengewirkt werden kann. Als sinnvolle Ergänzung zur gängigen Sozialarbeit im Fußball soll mit kontinuierlicher antirassistischer Bildungsarbeit, Aufklärung, symbolpolitischer Kampagnenarbeit und nicht zuletzt mit jugendpolitischer, kultureller Einmischung geantwortet werden. Jede/r Interessierte ist dazu aufgefordert Ideen zu liefern und sich zu beteiligen. Hierzu wird es Ende Januar ein Arbeitstreffen in Hamburg geben, denn Hamburg wird auch der erste Ort sein, wo die Ausstellung auf ihrer Wanderschaft durch das Land Station macht, vom 10.01. bis 09.02.02 im DGB-Gebäude am Besenbinderhof. Geöffnet wird vermutlich ab 13.00 Uhr sein, für Schulklassen und andere Gruppen können Extratermine vereinbart werden. Das noch nicht ganz feststehende Begleitprogramm (u.a. ist eine Diskussion über Rassismus und Diskriminierung im Jugendfußball mit dem Hamburger Fußballverband geplant, ebenso eine über Antisemitismus, sowie Lesungen von z.B. Wiglaf Droste oder Gerd Dembowski) kann dann auf der o.e. Website www.tatort-stadion.de in Erfahrung gebracht werden. Danach sind u.a. Bochum, Hannover, Frankfurt, Leipzig und Düsseldorf fest eingeplant. Am 22. und 23.11. fand in Berlin dann auch gleich noch eine FARE-Konferenz mit Teilnehmern aus England (Kick it Out, Show Racism the Red Card (SRTRC), Football Unites-Racism Divides (FURD)), Italien (Progetto Ultra, UISP), Österreich (Fairplay) und Deutschland (BAFF) statt. Es wurde Bilanz gezogen nach einem Jahr EU-finanzierter Projekte (wie ja auch unsere Ausstellung). U.a. wurde die Antirassistische Fan-WM in Italien durchgeführt (siehe hierzu ÜS 53, S. 30), die FARE-Website (www.farenet.org) neugestaltet , das SRTRC-Video mit 70 Spielern und Trainern der Premier League, die sich gegen Rassismus aussprechen, ins Deutsche übersetzt, mit allen Vereinen der englischen und schottischen Premier League wurden Mannschaftsposter mit entsprechenden Aussagen produziert und im April gab es eine europaweite Aktionswoche mit 60 Teilnehmern aus acht Ländern. Da FARE zusammen mit etwa 70 weiteren Projekten wieder in der ersten Phase der EU-Unterstützung ist, mit guten Chancen auch weiterhin unterstützt zu werden und ja zusätzlich noch die 1,3 Mio. Mark vom UEFA-Charity-Award (siehe hierzu ÜS 54, S. 14) zur Verfügung stehen, soll die Arbeit nicht nur fortgesetzt, sondern auch erweitert werden. So wird es Mitte Januar in Rom und Anfang Februar in Sheffield Konferenzen geben, wo auch Gruppen aus weiteren europäischen Ländern (u.a. Polen, Tschechien, Norwegen, Irland, Niederlande) zugegen sein werden, um den Mitgliederkreis zu erweitern. Auch eine Aktionswoche wird es wiederum geben, wer also in der Zeit vom 12. bis 21.04.02 im Rahmen eines Punktspieles etwas zum Thema Antirassismuns und -diskriminierung auf die Beine stellen möchte (z.B. Aufkleber, Banner, Fanzines, Veranstaltungen) und dafür finanzielle Unterstützung benötigt, wende sich bitte an BAFF, PF 350854, 10217 Berlin oder an gerd@aktive-fans.de. Und die mondiali antirazzisti wird ebenfalls wieder ausgetragen, im kommenden Jahr vom 04.bis 07.07.02 in der Nähe von Bologna. Wie ihr seht, hat BAFF die Durststrecke überwunden und ist dem Namen entsprechend wieder ziemlich aktiv geworden, was auch an der Zahl der Teilnehmer des Wintertreffens abzulesen ist, welches vom 18. bis 20. Januar in München stattfinden wird, wer hier noch teilnehmen möchte, wende sich bitte an BAFF, PF 1123, 63401 Hanau oder an info@aktive-fans.de. Abschließend möchte ich hier einmal die ehrenamtlichen Helfer hervorheben, die fast täglich für die Erstellung und die Durchführung der Ausstellung geackert haben, einen großen Dank an Markus, Endi, Theo, Andreas, Jenny und Tanja!!! thomas |
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