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Wer ihn nur von außen kennt, diesen unseren FC St. Pauli, dem mag das schon absonderlich vorkommen. Mitten im sündigsten Stadtteil der Welt schlägt die moralische Empörung hohe Wellen, fast so, als wäre Adenauer samt seinen fünfziger Jahren aus der Gruft gekrochen.
Und warum? Weil ein Männermagazin namens "Maxim" sich ins (Sponsoren) Herz des FC geschlichen hat und nunmehr im Stadion mit einem Spindluder und dazugehörigem Dummspruch für sich Werbung treibt? Sexismus! Haltet ihn! schäumt der politisch korrekte Fan, interessanterweise überwiegend männlichen Geschlechts, und zieht sofort die Parallele zum bei uns ja offiziell schließlich auch verpönten Rassismus. Aber fragen wir doch erst einmal den geschötzten Herrn Brockhaus: Sexismus ist "ein Anfang der 1970er Jahre in der US-amerikanischen Frauenbewegung geprägter Begriff, der in Analogie zum Begriff Rassismus die Benachteiligung oder Unterdrückung von Menschen aufgrund ihres Geschlechts bezeichnet. ..." (recherchiert im Internet unter www.wissen.de).
Also "Unterdrückung von Menschen aufgrund ihres Geschlechts". Doch wird hier irgend ein Mensch unterdrückt, noch dazu aufgrund seines Geschlechts? Etwa das Model auf dem Foto? Wohl kaum, es sei denn, sie ist mies entlohnt oder beim Shooting mies behandelt worden, aber das kann hier kaum gemeint sein. Wer also wird dann unterdrückt? Ich sehe niemanden. Okay, der Dummspruch weist Frauen beim Fussball ihren Platz als Sexobjekt in der Spindtür zu. Aber die Frau, die sich diesen Schuh anzieht, ist doch wohl eher selbst schuld.
Wieso dann aber die Empörung? Eine einfache Antwort wäre es, unter den politisch korrekten, altlinks-alternativen Stadionspiessern eine latente Prüderie zu konstatieren und damit den Fall abzuheften. Das aber ist dann wiederum auch zu simpel. Denn auch wenn ich den Sexismus-Vorwurf nun überhaupt nicht teilen kann und als bekennender Anhänger kulturell höherwertiger pornografischer Erzeugnisse beileibe auch nicht prüde bin, so beschleicht doch auch mich ein irgendwie unangenehmes Störgefühl, wenn die nicht nur auf dem Kiez allüberall und unentrinnbar vorfindliche Nacktbusenbebilderung nun auch im Stadion Einzug hält. Irgendwie will auch ich das da nicht unbedingt sehen. Ich will es eigentlich überhaupt viel seltener sehen und nicht an jeder Ecke penetrant aufdringlich damit konfrontiert werden. Aber warum, wenn ich doch eigentlich so stehe auf Sex?
Ich denke es liegt daran, dass Sex in seiner wunderbarsten Form etwas Heiliges ist, das sich der Verdinglichung und Vermarktung am Ende entzieht. Natürlich sind Sexpartner füreinander auch Lustobjekte, aber gute Pornographie transzendiert diese Verdinglichung, führt auf eine neue Stufe, ebenso wie es in den intensivsten Momenten unserer Intimität geschieht. Diese Intimität möchte ich schützen. Ebenso wie ich die Tiefe meines Empfindens beim Fussball schützen möchte, einen Rest nicht zur Vermarktung freizugeben bereit bin, meine schönsten und tiefsten Kindheitserinnerungen von Jubel, Trauer und Glückseligkeit nicht zu Markte tragen lassen will. Die platte ewige Wiederholung billiger Klischees auf unterem Niveau, noch dazu zum Zwecke der kommerziellen Ausschlachtung, entweiht das Heilige. Das will ich nicht zulassen, und vielleicht ist das ja auch der tiefere Grund für manches ehrliche Gefühl der Verletzung und Beleidigung, das von St. Pauli Fans, die ich kenne und deren Urteil nicht auf platter Prüderie beruht, in Zusammenhang mit der Maxim- und jetzt auch mit der Astra-Werbung geäußert wurde. Die Übersexualisierung aller Lebensbereiche beraubt uns am Ende des Erotischen.
Dennoch würde ich etwas mehr Gelassenheit empfehlen. Schließlich sind wir nun wirklich der FC St. Pauli und nicht der FC Unterpfaffenhofen (nichts gegen diesen Verein, so es ihn denn gibt). Wir sind Teil des Kiezes, ebenso wie die Sexindustrie, und nicht wenige dort Beschäftigte sind auch unsere Fans. Das heißt, wir sollten unser Verhältnis zur Sexindustrie, zum Rotlicht-Kiez vielleicht einmal grundsätzlich überdenken. Niemand will sich mit Bordelliers gemein machen, die osteuropäische Huren wie Sklavinnen halten. Aber viele kleine und auch größere Sexläden auf St. Pauli haben mit derartigen Auswüchsen nichts zu tun und verurteilen sie. Wollen wir die als Schmuddelkinder ausgrenzen, ähnlich wie es die feine Hansestadt über Jahrhunderte mit dem ganzen Stadtteil getan hat? Wollen wir prüde Spießer sein, und uns an unserer Doppelmoral ergötzen?
Ich will das nicht. Kalle Schwensen hat schon recht: Auch der Totenkopf ist nicht unbedingt ein Symbol für Gewaltfreiheit, in einem Freudenhaus der Liga vermutet man nicht unbedingt Ordensbrüder und -schwestern, und Sex hat, das wissen wir nicht erst seit Wilhelm Reich, durchaus auch etwas Rebellisches. Ich finde wir sollten letzteres pflegen. Auf dem Kiez gibt es neben den Touri-Etablissements auch einen vielfältigen erotisch-kulturellen Underground, hetero, schwul und lesbisch, unangepasst und quer zum Mainstream. Dazu passt der FC St. Pauli nicht schlecht. Nun haben die nicht das Geld von Maxim oder von Astra, kommen als Sponsoren also wohl kaum in Frage. Aber es wäre ein Zeichen, wenn wir uns, und sei es nur durch öffentliche Äußerungen, zum Beispiel zu innovativen Künstlern, Filmemachern, Schriftstellern usw. bekennen würden, die mit erotischen und pornografischen Sujets arbeiten. Auch könnte ich mir vorstellen, eine Hureninitiative zu unterstützen, die sich für vernünftige Arbeitsbedingungen einsetzt.
Kann sein, dass das zur Zeit unter den Fans nicht mehrheitsfähig ist. Kann aber auch sein, dass die öffentliche Meinung eine andere als die veröffentlichte ist. Deshalb planen AFM, AgiM und Fanladen gemeinsam für Ende Oktober / Anfang November eine öffentliche Veranstaltung, auf der unser Verhältnis zum Rotlichtkiez, zur Sexismusproblematik im Allgemeinen und zur Maxim- und Astrawerbung im Besonderen einmal ausführlich beleuchtet und diskutiert werden soll. Fällig ist das allemal.
Gastartikel von Uwe Doll
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