Potsdam - Babelsberg kurz nach der WendeDas Karli (Karl-Liebknecht-Stadion, d.Red.) ist verwaist. Der einstige Zuschauermagnet Motor Babelsberg fast am Ende. Der Trägerbetrieb hatte die Zahlungen eingestellt und über 40 (!) Spieler hatten den Verein gen Westen verlassen. Der Rest versuchte in der Bezirksliga die Klasse zu halten. Zur Halbserie hatte man ganze drei Punkte erkämpft. Es schien aussichtslos. Ein neuangesiedelter Ladenbesitzer wollte den Absturz des Vereins verhindern. Mit seinem Geld wurden Spieler zurück nach Babelsberg geholt und unter der Babelsberger Trainerlegende Josef Pellert in der Winterpause 90/91 eine neue Mannschaft formiert. Im Stadionheft sahen wir dazu keine Chance, bestand es doch nur aus kopierten Zeitungsartikeln und Werbung. Wir waren also selbst gefordert und im Dezember 91 erschien das 1.Babelsberger Fanzine, das ABSEITS. Kurz zuvor hatte sich die Fußballabteilung vom Verein gelöst und als SV Babelsberg 03 (Bezug zur Vorkriegstradition war ja im Osten nicht möglich) neugegründet. Fortan ging es mit dem Fußball in Babelsberg stetig berauf. Die Landesliga wurde mit nur 2 Minuspunkten in Richtung Verbandsliga verlassen. Auch diese Liga wollte man schnell durchqueren. Die Zahl der Fans wuchs und die Nordkurve wurde zum samstäglichen Treffpunkt der "Linken Szene". Dann kam der Hammer. Mit Baustadtrat Detlef Kaminski wurde einer zum Präsidenten des Vereins gemacht, der bis dato nur allzu gerne Häuserräumungen und dergleichen veranlasste. Es schien als wollte man uns die freude an unserem Club nehmen. Es hagelte massive Proteste aus Richtung Nordkurve und es sollte Jahre dauern bis er die Akzeptanz der meisten Fans erlangte. Einzig seinem Enthusiasmus in Sachen "Nulldrei" zu verdanken. Zur selbigen Zeit schickte sich ein Dorfverein namens SG Bornim an, Babelsberg die Vorherrschaft in Potsdam streitig zu machen. Ein größenwahnsinniger Präsident versuchte mit ner Menge Geld Nulldrei vier Jahre lang Paroli zu bieten. Zum Teil sogar mit Erfolg. Stieg doch der verhasste Ortsnachbar 95 mit einem Punkt vor Nulldrei in die Oberliga auf. Schon zuvor forderten die Dörfler (in Potsdam eingemeindet) ein gleiches Recht darauf in unserem Karli spielen zu dürfen. Die Stadt, noch heute (leider) Verwalter des Stadions, willigte zu, da Bornim als gleichklassiges Team das gleiche recht hätte dort zu spielen. Ein Eklat war unvermeidbar. Bei Saisonstart stand mit weißer Farbe in großen Lettern: "Bornim Go Home" auf dem Rasen. Es dauerte jedoch bis Ende 95 (fast zwei Jahre) ehe sie auf ihren Acker zurückkehrten. Heute trennen beide Verein 7 Klassen!! Von Liga zu Liga eilte uns natürlich der Ruf als Verein mit bunter Fankultur voraus, so kam es unvermeidbar zu Problemen mit Fascho's. Besonders in Osten kam es zu Übergriffen (Fürstenwalde, Frankfurt/O.), selbst Spieler und Trainer Nulldreis wurden in Prügeleien verwickelt. Gastgebende Vereine und Polizei taten natürlich nichts außer Verharmlosung dieses Themas. Glücklicherweise verließ Babelsberg nach drei langen Jahren (2x Zweiter) endlich diese Liga. Mit der Oberliga wuchs auch die Fangemeinde erneut, diesmal allerdings in Vielfalt und Breite. Familien mit Kindern, Jugendliche und Prolls kamen ins Karli, aber auch Faschos. Wir hatten jetzt also unsere eigenen. Ein Jahr später fanden wir uns bereits in der Regionalliga wieder. Die Zuschauerzahlen wuchsen auf 2000 im Schnitt und unsere Faschos hatten nun Gegner zum Prügeln. Im Karli herrschte so etwas wie Waffenstillstand untereinander. Eine andere neue Erfahrung wurde das Erleben von Niederlagen. Die paar, die es die Jahre zuvor gab konnte man an einer Hand abzählen. Jetzt musste sich zeigen inwieweit Fans und Spieler gereift waren. Erstes Opfer wurde Erfolgscoach Wolfgang Metzler, der die Mannschaft von der VL in die RL geführt hatte. Für ihn wurde das Gespann Heine/Vogel (zuvor Hertha BSC und Union Berlin) nach Babelsberg geholt. Ihre Defensivstrategie und ständige Neuverpflichtungen (Abzocker ohne Bindung zum Verein Neben dem neuen sportlichen Aufschwung erlebte auch die Fanszene eine Erneuerung. Fanclubs sprossen wie Pilze aus dem Boden. In der Nordkurve entwickelte sich neben der bestehenden bunten nun auch eine Ultraszene. Es war wieder etwas Besonderes Nulldreier zu sein. Die Nordkurve immer Ausgangspunkt für Aktionen, Choreos u.ä. Diesen Raum wollte man den Fans nehmen. Die Kurve sollte als Pufferzone zwischen Heim und Gästeblock dienen so Wunsch der Polizei und Befehl des Vereins. Fan fand sich plötzlich vor gesperrter Nordkurve wieder. Protestaktionen wie Spielboykott, Besetzung der Sitzplatztribüne u.a. waren die folge. Der Verein musste sich also mit den Fans auseinandersetzen. Lösungen (Blocktrenner) wurden gefunden und mit Hilfe der Fans umgesetzt. Die Fans kehrten in die Nordkurve zurück. In der 3.Liga spielten die Babelsberger weiter ihren Fußball - ohne Respekt vor großen Namen. Lübeck, Braunschweig, Essen, Köln, Wattenscheid.... wurden bezwungen, man spielte oben mit - ein Aufstieg aber kein Thema. Mit Union Berlin wurde dann eine frühere Lokalrivalität (aus DDR-Liga-Zeiten) zu neuem Leben erweckt. Die Fans beider Vereine verbindet so eine Art Hassliebe. Kurioserweise folgte Babelsberg am letzten Spieltag der RL den Unionern in die 2.bundesliga. Als neue Zielstellung wurde der Klassenerhalt bei gleichzeitiger finanzieller Genesung ausgerufen. In der Öffentlichkeit spricht man von Babelszwergen (würg) und man nennt sich einen Familienverein. Die Realität sieht leider etwas anders aus. Die Eintrittspreise wurden angezogen, für Arbeitslose und Rentner fielen Ermäßigungen völlig weg. Ermäßigungskarten nur noch Freitags vor dem Spiel am Stadion. Alles sehr familiär? Die Fans bleiben jedoch außen vor. Sie werden nur noch als "Bargeld" gesehen. Das neue Fanprojekt, das von den bestehenden Fanclubs selbst initiiert wurde, wird derweil auch gern als vereinseigene Errungenschaft präsentiert. In Wahrheit interessiert es kaum einen in der Vereinsführung. Hauptsache "die" machen keinen Ärger. So auch nach den Geschehnissen im August bei den Spielen gegen Union und Hertha Berlin, als die Fanclubs in einem offenen Brief den Verein um Stellungnahme zu den Vorfällen bat. So konnten Berliner Hooligans während des Spiels gegen Union ungehindert die Absperrrungen überwinden und anschließend im Babelsberg-Block Streß machen. Nach dem Pokalspiel gegen Hertha stürmten knapp 100 Faschos den Platz und stellten sich mit Hitlergruß vor die Nordkurve. Die Polizei griff viel zu spät ein. Festgenommen wurde niemand. Stattdessen wurde ein legal besetztes Haus geräumt, welches die Herthaner auf dem Weg zur S-Bahn angegriffen hatten. Manager Kosche dazu nur lapidar: "Unsere Fans sind friedlich. Bei Problemen bitte ans Fanprojekt wenden!" Na dankeschön! So sind wir Fans wieder mal auf uns selbst gestellt. Es gilt die Probleme im Stadion in Zukunft selbst zu lösen. Das Nulldrei- Fanzine ABSEITS feiert im Dezember übrigens seinen 10. Geburtstag. Aus der einstigen Alternative zum Programmheft ist mittlerweile das Sprachrohr der Fans geworden. Denn die Zeiten in denen man noch friedlich im Karli sein selbst mitgebrachtes Bier trinken konnte sind (leider) längst vorbei. Gastartikel von Falko |
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