BAFF mal berühmt für 10 TageEigentlich nur ein Routinevorgang: Das Bündnis Aktiver Fußballfans positioniert sich per Presseerklärung zum aktuellen Geschehen im Fußballbereich. Diesmal bildeten die Verlegung der Show- und Fußballsendung "ran" auf samstags um 20.15 Uhr und die Einschränkung der ARD-Kurzberichterstattung den berühmten Tropfen, der das Kommerzialisierungsfass mal wieder zum Überlaufen brachte. Der Medien-Hooligan Leo Kirch und die geldkranken Vereine am vermeintlichen TV-Tropf wollten so den Kauf von Premiere-Decodern attraktiver machen. Da BAFF es durch kontinuierliche Öffentlichkeitsarbeit in den letzten fünf Jahren geschafft hat, bundesweit einige Journalisten für Fanthemen zu sensibilisieren, rufen mal mehr, mal weniger interessierte Redaktionen zurück. Das ist ja auch legitim, denn schließlich umfasst BAFF nicht nur ca. 40 Gruppen und 100 Einzelmitglieder, sondern erreicht über alle Fanzines und Homepages der einzelnen Mitglieder seit Jahren regelmäßig viele tausende Fußballfans. Außerdem wäre es schade, wenn wir in einem Land leben würden, in dem nur noch die Leute mit dem meisten Geld oder juristisch bescheinigte Mehrheiten sich zu fanpolitischen Themen äußern dürften. ![]() Diesmal haben sich erheblich mehr Journalisten zurückgemeldet als sonst, genau gesagt 103 in einer Woche. Dabei hatte BAFF nur das ausgesprochen und forciert, was seit Erfindung des Decoders real existiert: den Decoder-Boykott. Schließlich rangelt Kirch nicht umsonst um neue Abonnenten. Aber es passte halt gerade alles zueinander und so geriet BAFF und "die deutschen Fußballfans" zum Zünglein an der Waage. Dabei ging es einerseits darum, nicht zum Erfüllungsgehilfen der Öffentlich-Rechtlichen zu mutieren, andererseits aber auch nicht zu dem der rein sesselpupsenden Couchball-Fraktion. Da dies zuvor eingeplant war, gelang da größtenteils sogar die Abgrenzung. Denn schließlich änderte sich durch den Nackenschlag für die ARD für den Stadionfan erst mal gar nichts und die selig-schnarchenden Sportschau-Zeiten wollte BAFF ja auch nicht wieder. Von vornherein war geplant, dem ersten Köder eine zweite Presseerklärung nachfolgen zu lassen, um auch die tiefgreifenderen Auswirkungen der Kommerzspirale unterzukriegen. Erstmals wurde den Medien kommunikationsguerillamäßig also ein Schrieb aufgetischt, der mit markigen Begriffen wie ein reißerischer Werbetext geschrieben war, um eben den Köder - zugegeben einigermaßen populistisch - zu legen. Die Medien reagieren scheinbar auf markige Phrasen á la "Medien-Hooligan" mit "Kirch-Steuer" und "Decoder-Boykott". Vor allem reagieren sie scheuklappenbestückt auf die monopolistische Macht der Agenturen, die bestimmen, was überhaupt als Nachricht taugt. Eine Hürde, die es BAFF als nicht etabliertes Label immer sehr erschwerte, Fanthemen regelmäßig einer breiteren Masse bekannt zu machen. Medien ziehen Geschichten auch an Personen auf, so dass sie mein Gesicht in die Kamera von ARD und RTL zerrten oder mein Foto von der "Woche" bis zum "Spiegel" druckten. Besser wäre gewesen, sie hätten für jedes Interview 100 DM an BAFF gespendet - dann wäre das noch zu deckende Defizit von ca. 10000 DM bei der Organisation der Ausstellung gelöst worden. Aber auch so funktionieren leider die Medien. Viel erfreulicher ist, dass viele Fußballfans - beflügelt durch die pro15.30-Bewegung - wohl eine Art neues Selbstbewusstsein entwickeln. Viele Fans, die den Kommerz ebenfalls mittlerweile für völlig überzogen halten, meldeten sich brieflich, per Mail oder Telefon. Am süßesten war noch der Mensch, der am Telefon gleich anfing naiv-fröhlich einen eigens gedichteten Anti-Decoder-Song zu trällern. Das Mediengewitter verstummte jedoch nach der zweiten Presseerklärung zusehends. Vielleicht war sie ihnen "zu kritisch" oder "zu weltverschwörerisch" oder so. Dabei beinhaltete sie nur, dass die Aufwertung des TV-Fußballs eine Abwertung der Stadionfans bedeutet. Längst bestreiten Rechteeinheimser einen hohen Anteil der Vereinsetats - die Eintrittsgelder der Stadionfans hingegen nehmen immer geringere Prozentsätze an. Und genau so werden sie dann behandelt. Frei nach einem Bonmot von Uli Hoeneß hinterlassen sie in erster Linie ihren Müll und könnten deshalb gleich zu Hause bleiben. Damit Fußball als TV-Spektakel funktioniert, muss er fernsehgerecht zugerichtet werden. Für Stadionfans bedeutet das Stadien als Hochsicherheitskäfige mit totaler Überwachung und erhöhter Repression. Zunehmend erweckt diese Entwicklung das Gefühl, als gebe der Fan mit dem Lösen des Tickets seine Grundrechte ab. Durch die TV-Gelder wird auch der Bau von fanunfreundlichen Stadien angeschoben, mit denen sich nach der WM 2006 die Ligafans leider weiter plagen müssen - besonders mit dem Abbau der Stehplätze. Vielen Stadionfans geht es deshalb nicht mehr um teure Stars um jeden Preis, die ohnehin nur bei den sechs großen Vereinen landen. Die überdrehte Kommerzspirale bewirkt eine Zentrierung auf die großen Vereine und erhöht die Kluft zu den kleineren. Über 60 andere Profiklubs gehen dabei verhältnismäßig immer leerer aus. Der Markt regelt eben doch nicht alles. Und als die Journalisten wieder anriefen, weil "ran" zurückverlegt und zeitgeraffter, Pay.TV etwas günstiger würde, waren sie verblüfft, dass nicht die Sektkorken knallten. Der geldkranke Patient Fußball hatte lediglich ein Beruhigungsmittel erhalten, das die Fans bei der Stange halten soll. Sinkende Einschaltquoten hatte "ran" auch um 18.30 Uhr seit langem. 20.15 Uhr betonierte nur die lang verdiente Niederlage eines rein eventhaften, monoton showlastigen und zu starfixierten Börsenmagazins mit Fußballtarnkappe. Der aufgesetzt vorkauende Kommentator des Grauens Wonti hatte nichts verstanden, als er "ran" noch mal mit langweiligen Allgemeinplätzen von Effenberg und Asamoah aufzuwerten versuchte. Das zukünftige "ran"-Konzept wird zeigen, inwiefern der Kompromiss 19.00 Uhr nur Systemkosmetik bedeutet. Die größten Fanproblematiken bleiben die gleichen. Auch der Decoder-Boykott, als Symbol für ein mögliches Ende der Fahnenstange der Kommerzialiserung bleibt deshalb ebenso. gerd |
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