Maradona
...dribbelt an jeder Ecke

Maradona

Mit Football Against Racism in Europe (FARE) wurde auch BAFF im Juli zum FIFA-Weltkongress gegen Rassismus eingeladen, um was über antirassistische Fanarbeit zu erzählen (siehe irgendwo in diesem ÜS). Das bedeutete natürlich nicht nur Anzug kaufen und Rede runterstottern. Es ging immerhin auf FIFA-Kosten nach Buenos Aires/Argentinien.

   "Bring mir alles von Maradona mit, was du kriegen kannst" machte mein BAFF-Mitstreiter Ronaldo mit unvergleichlichem Eros schon zehn Tage vor Abflug mindestens dreimal am Tag Hektik. Mir wurde dann immer besinnlich zu Mute, weil ich daran denken musste, wie mein Onkel mir als kleiner Junge meine ersten Fußballschuhe schenkte, ich sie überzog, mich wie auf Wolken fühlte und beim 5:0-Stiefeldebüt sogar das 1:0 gegen den SV Vestia Disteln schoss. Es waren Maradona-Schuhe - und von diesem Tag an war mir "Kalle-Rummenigges-Fußballschule" schnurz. (Rummenigge hatte damals so eine daumenkinoartige Fotogeschichte, die man sich in der Apotheke von den Tierposter-Rückseiten abgucken konnte.)

   Zuerst 14-Stunden Flug. Zum ersten Mal weg aus Europa. Umgestiegen in Sao Paulo. Am Flughafen Buenos Aires ein FIFA-Chauffeur, der River Plate-Fan war und mich rauswerfen wollte, weil ich Boca Juniors besser fand. Wie in der verstaubten TV-Serie "Hotel" stand so ein Anzugmann mit Zylinder und Goldwägelchen vor mir und wollte meine Tasche tragen. Erschlagen von der pompösen Empfangshalle fragte ich mich, was ich hier soll und ob das nur gut geht. Hatte ich mich an diesem Punkt schon verkauft? Und ganz BAFF dazu? War ich jetzt ein popliger "Grüner", der als nächstes Angriffskriege befürwortet? Würde mich niemand mehr Agitprop-Schwätzer oder realitätsfremder Postkommunist nennen?

   An der Rezeption wollten die erst mal meine Kreditkarte sehen. Und weil ich keine hatte, schauten die noch mal auf der Liste nach, ob ich tatsächlich Gast von Joseph Blatter bin. Aber sie mussten mir einen Schlüssel geben. Im Zimmer mit einem Bett von der Größe meines "Kinderzimmers" in Berlin fand ich eine sehr komfortable adidas-Tasche. Als ich gerade zur Rezeption wollte, um sie als Fundstück abzugeben, fand ich darin die Kongressunterlagen und sah die spanische Aufschrift auf die Tasche gestickt: "Außerordentlicher FIFA-Kongress blablabla". Das sollte wohl für mich sein.

   So Sachen kamen ständig. Sobald ich wieder aufs Zimmer kam, gab's ein Geschenk. Eine teure, aber potthässliche Uhr von Longines. Dann gab's noch eine Erinnerungsgoldmünze à la Sport-Studio, ein FIFA-Radio, FIFA-Seidenkrawatte etc. In den nächsten Tagen folgten vom argentinischen Verband eine riesige Holzkiste mit den Köstlichkeiten des Landes, ein fünfbändiges Fußballlexikon, und was weiß ich nicht alles. Wollte echt nicht wissen, was Leute bekommen, die über eine WM entscheiden. Und irgendwie musste ich auch an die WM 1978 während Argentiniens Diktatur denken, als der DFB Hitlers Lieblingssoldaten Oberst Rudel mit VIP-Karten hofierte. Der damalig erfolgreichste Stürmer Manni Burgsmüller durfte wegen kritischer Äußerungen nach Argentinien nicht mit.

   Nun, der Kongress fand in einem 500m langen Saal im Hilton Hotel statt, mit so Videoleinwänden, wo mensch die Redenden dann überlebensgroß noch im letzten Winkel sehen konnte. Da musste ich später auch (ganze) acht Minuten reden, die Rede über BAFF und rassistische Tendenzen im deutschen Fußball am Morgen noch in den PC gehackt. Als wir von FARE fertig waren, gab's den stärksten Applaus auf einem fast siebenstündigen Kongress. In den Pausen kamen Verbandsvertreter vieler Länder auf uns zu und bedankten sich dauernd. Papua-Neuguinea bot uns direkt einen Job an; später sollte auch ein Fax aus Peru mit ähnlichem Inhalt eingehen. Beim Mittagessen lernte ich den Verbandsvertreter der Malediven kennen, ein Rumäne. Als ich beiläufig erwähnte, dass mein Opa transsylvanischer Rumäne war, sagte er nur "God bless you" - und von da an war ich für die nächsten drei Tage sein bester Freund. Er lud mich und den FC St. Pauli sogar ein, auf die Malediven zu fliegen, um ein Freundschaftsspiel zu absolvieren: "I say it seriously. Have fun, feel free + come to the Maldives." (Leider sagte OL Brux mir später ab, weil die Malediven laut S. Beutel kein Gegner seien.:-).) - Aber wo war Maradona?

   Am Abend aß ich mit zwei japanischen Vertretern, die mir erzählten, wie schwer es sei, bei der Organisation der WM 2002 die Nachbarkeitsfeindschaft zu Korea zu vergessen. Es ging auch um Rauchverbot in Japans Stadien und das auch tättowierte Menschen gar nicht gern gesehen sind. Der wohl ranghöhere, japanische Tischnachbar erzählte mir von einem Stadion mit rausfahrbarem Rasen - und ich packte die Schalke-Arena aus. Er erzählte von tausend Service-Dingen - und ich nahm ihn auf die Schippe, indem ich von einem lächerlichen Berliner Olympiastadion-Modell erzählte. Da würde der Rasen per Hebebühne hochgehievt und bei Rockkonzerten, Aida und Udo-Jürgens-Konzerten als Dach fungieren. Mein Gesprächspartner sagte seinem Sekretär, dass er das ganz schnell aufschreiben solle. Das müssten sie auch machen. - Aber bis 2002 wird das wohl nichts mehr.

   Gerade als wir essen wollten, wurde es dunkel im dreistöckig offenen Saal eines varieté-artigen Hauses und Pferde ritten rein (wirklich jetzt!). Aus dem Boden erhob sich mit Rauch (FIFA-Ultras?) eine runde Bühne. Käme jetzt Mardadona? Aber es kam nur eine unglaublich kitschige Tango-Show, dass mir (dekadent!) der Kaviar vom Teller flog :-). (Es gab übrigens auch noch die Tango-CD zur Veranstaltung mit Aufdruck "Zur Erinnerung an das FIFA-Dinner").

   Bevor wir in ein Billighotel umsattelten, sahen wir noch das Finale der U20-WM im José-Amalfitani-Stadion, in dem jeder Mensch eine weiß-himmelblaue Fahne oder entsprechendes Trikot dabei hatte. Vielleicht war das so heftig, weil am nächsten Tag Unabhängigkeitstag war und es den Song "Don't cry for me. Argentina" des wirklichkeitsver-zerrenden Schleimbolzens Andrew Lloyd Webber bis zum Abwinken gab.

   Argentinien schlug Ghana überragend mit 3:0, im Vorspiel holte Ägypten mit einem 1:0 über Paraguay den 3. Platz. Das ganze Stadion schien die Paras nicht zu mögen und feuerte frenetisch "Egipto, Egipto" an. Beim Spiel der Argentinier sprach mich der Präsident eines drittklassigen, argentinischen Klubs an, der aus einer antirassistischen Tradition heraus entsprechende Fangruppen zu integrieren versucht - endlich mal eine interessante E-Mail-Adresse. Ich war froh mit ihm im Normalo-Block zu sein - und nicht oben bei Platini, Havelange und... Maradona!!! Verdammt, da stand er. Er war's wirklich. Jetzt wollte ich irgendwie doch da hoch, hoch zu Diego Armando. Aber keine Chance.

   Es war tatsächlich, wie der welterfahrene BAFF-Ronaldo es geschildert hatte. An jeder Ecke gab es in Buenos Aires Maradona-Feuerzeuge, Postkarten, Wandteller, Kartenspiele, Pins, Shirts, Hosenträger und sogar einen Maradona-Zollstock, der genau so lang war wie er kurz. "Er ist eben der Che Guevara des Fußballs", sagte der sympathischere Hotelchef später in unserer zweiten Absteige. Und am nächsten Tag machte ich mich mit Jola und Kurt auf nach Boca, um mir das Boca-Juniors-Stadion anzusehen, in dem Maradona seine "Herzenserfolge" feierte, wie er mal sagte. Dort angekommen, landeten wir wieder in der bitteren Realität. Boca ist das ärmste Viertel Argentiniens und so kam es nicht von ungefähr, dass Kurt von zwei Kids brutal mit Messer am Hals bedroht und ausgeraubt wurde. Zu dem Zeitpunkt schlenderte ich ahnungslos durchs Boca-Juniors-Museum und frönte den Vereinserfolgen des Klubs mit dem dreistöckigen Riesenstadion mitten zwischen den Viertelhäusern. Alles hatte mir Ronaldo längst erzählt: z.B., dass die blau-gelb-blauen Vereinsfarben eben diese sind, weil das erste ankommende Schiff im Hafen Boca nach Vereinsgründung ein schwedisches war. Aber als wir mit dem völlig geschockten Kurt zum Zimmer zurückfuhren, war da wieder dieses Unwohlsein, das ich während des gesamten Aufenthalts nicht ablegen konnte.

   Am nächsten Tag machten wir noch eine Butterfahrt nach Uruguay, ins Land des ersten Fußballweltmeisters, wo sich im Finale ein Einarmiger namens Castro als Torschütze eingetragen hatte. Es waren nur 40 Minuten mit der Fähre und trotz Dauerregen genoss ich den verträumt-bunten Stadtkern im Winter von Colonia. 9 Stunden lang. In Stoffchucks, triefend. Und keine Spur von Maradona. - Aber kann ich so was überhaupt schreiben oder ist das angesichts der verdammten Scheißsituation in Argentinien und überhaupt... Fragen über Fragen. Ich hätte das hier eben nie schreiben sollen. Als ich wieder in Berlin war, las ich vom Generalstreik in Buenos Aires. Und an meiner Wand hängt der Maradona-Teller. Sein Grinsen erinnert mich nun nicht mehr an mein erstes Tor in "seinen" Schuhen, sondern an das miese Gefühl, das ich neben all den vielen Eindrücken in Argentinien hatte.

gerd

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