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Es gibt Hamburger, die nach Berlin ziehen und in Kreuzberg wohnen. Oder im hippen Prenzlauer Berg oder in Mitte. Supi, ich aber wohne in Köpenick. Das ist vom Zentrum noch weiter weg als Bergedorf vom Heiligengeistfeld, aber ungefähr die selbe Richtung, immer gen Osten. Wenn ich vor'm Haus stehe, höre ich, wie beim 1. FC Union die Mannschaftsaufstellung durchgesagt wird und wie Nina Hagen das Vereinslied singt, und jedes Mal werd ich vor Millerntor-Heimweh porös, wenn ein Tor fällt. Irgendwann letztes Jahr bin ich recht widerwillig zum Spiel gegen den VfB Leipzig gegangen, weil ich vor allem wissen wollte, welche Leute zu Union gehen, hatte ich doch viele höchst unterschiedliche Dinge gehört. Es folgten ein paar Regionalliga-Spiele, das Pokalhalbfinale und das Finale.
Hinsichtlich der Geschichte des Vereins empfehle ich, alles entweder unter www.unionfans.de (schöne Seite, besonders der Pressespiegel!) oder auf der offiziellen Seite www.fc-union-berlin.de oder am besten im Buch von Jörn Luther u. Frank Willmann "Und niemals vergessen - Eisern Union!" nachzulesen. Hier nur ganz schnell ein paar Infos:
1906 Vereinsgründung, seit 1920 wird in Köpenick an der Wuhlheide im Stadion "An der Alten Försterei" gespielt. Seit 1966 heißt der Verein endgültig 1. FC Union Berlin. Dazwischen lagen neben diversen Umbenennungen u.a. 1923 die Niederlage im Spiel um die Deutsche Meisterschaft gegen den hsv (0:3); die Nazizeit und der 2. Weltkrieg, in dem auch ein paar Union-Spieler für das Dummreich starben. Welche Rolle der Verein während der Nazizeit gespielt hat, konnte ich nicht in Erfahrung bringen. Nach 1945 wurde alles neu sortiert in DDR-Oberliga und der Liga mit ihren Staffeln. Union galt als Fahrstuhlmannschaft, pendelte ständig zwischen den beiden Ligen. 1948 gewann der FC St. Pauli gegen SC Union 06 das Vorrundenspiel um die Deutsche Meisterschaft vor 70.000 Zuschauern im Berliner Ekelstadion mit lässigen 0:7. Geht doch.
Die Mauer mit weitreichenden Folgen
Durch sie konnten viele Fans Union nicht mehr spielen sehen, aufgrund politischer Reglementierungen der Sportler war ein Großteil der Mannschaft in den Westen gegangen, aber viel schlimmer waren die Machenschaften der Sportfunktionäre der DDR. Jahrzehntelang wurden der Stasi-Mielke-Club Berliner FC Dynamo bevorteilt und der FC Union finster benachteiligt. Regelmäßig wurden dem BFC von Union die besten Spieler zugeteilt, der BFC bekam das bessere Stadion, hatte 1972 DDRweit 38 Trainingszentren zur sog. Talentausbildung (Union 6 in Berlin), die Schiedsrichter waren gekauft, Union-Fans wurden von den Bullen immer ganz besonders bedacht, BFC-Fans ganz besonders geschützt. Es wurde denunziert, diffamiert, manipuliert, bespitzelt. Die Konsequenz war, dass der BFC ab 1979 10 Jahre lang DDR-Meister war und Union vor sich hinkrepelte. Immer wieder unvorstellbar, wie so viel offensichtliche Manipulation über so viele Jahre funktionieren konnte.
Der Union-Fan als Repräsentant
des "kleinen DDR-Bürgers?"
Der BFC Dynamo ist seit Unionergedenken verhasst. Union hatte das Image des Underdogs, des "zivilen" Arbeitervereins, der vom BFC, beim Volk weniger beliebt, unterdrückt wurde. Daher sind besonders in den 70er Jahren viele Menschen, die der DDR kritisch gegenüberstanden, zu Union gegangen, was wiederum die "Sicherheitsorgane" freute, da sie die Staatsfeinde hübsch versammelt vorfand und besonders gut draufhaun bzw. bespitzeln konnte. Das alles kotzte die Unioner natürlich an. Wer zu Union ging, galt als Oppositioneller, ab und an rief man "Stasi raus!" und "Deutschland, Deutschland" vor der Ständigen Vertretung der BRD und "Die Mauer muss weg!". Bis heute gibt es bei Lokalderbys feist was auf die Glocke. Allein wegen dieser Geschichte des 1. FC Union lohnt es sich, das Buch zu lesen.
Zur Zeit nach dem Beitritt: Pagelsdorf war 1993 Trainer bei Union und wechselte sich beim Spiel um die Amateurmeisterschaft gegen Stahl Eisenhüttenstadt selbst ein. Hätte er diese Idee doch in der letzten Saison auch mal gehabt... 1994 stieg Union in die 2. BL auf, kurz darauf wurde dem hoch verschuldeten Verein wegen einer gefälschten Bankbürgschaft die Lizenz entzogen, stattdessen stieg TeBe auf. Wieder fühlten sich die Unioner ungerecht behandelt, und nun erst recht, weil Ostclub. Es folgten Jahre vieler Präsidenten, Sponsoren, Trainern, Spieler und - Schulden. Krautzun war u.a. auch mal Trainer. 1998 übernahm Kölmel den bankrotten Verein und "entschuldete" ihn. Jetzt, nach dem Aufstieg, kann Kölmel seine angeblich leeren Kassen durch TV-Gelder und Vermarktung wieder schön auffüllen, wenn er Union nicht ganz fallen lässt. Und dann gab's ja noch das Pokalfinale gegen Schalke, was für den Verein wohl bislang das Allergrößte war, aber nun folgt ja auch noch die Teilnahme am Uefa-Cup. Wir qualifizieren uns da lieber ganz "normal"...
Ins Stadion "Alte Försterei" passen 23.500 Zuschauer, recht nett. Es liegt mitten im Wald, und man kann sich vorstellen, wie flott man durchs Gehölz laufen darf, wenn's Stress gibt. Die Anfeuerung "Eisern Union!" klingt ziemlich brutal und aggressiv, hat aber einen harmlosen Ursprung: In den zwanziger Jahren spielte Union in blauen Trikots und die Spieler wurden "Schlosserjungen" genannt. In dieser Zeit soll ein "Arbeiter" bei einem Spiel gegen hertha, damals überlegen, Union den Punkt mit seinem Ruf "Eisern Union!" gesichert haben, seitdem steht er als "Schlachtruf", der den Durchhaltewillen der ehem. Schlosserjungs gegen die reichen, etablierten Clubs stärken sollte. Wer's mag... Die Fans: Hegen zumindest Sympathien zu hertha. Ganz subjektiv: 90% "normale" Fussball-Prolls, die jahrzehntelang viele Tiefen und wenig Höhen mit ihrem Verein erlebt, darunter ein leider nur geringer Anteil Leute, die den Schuss wirklich gehört haben (Linse and friends!), die merken, dass die verbleibenden 10 % nicht ins Stadion gehören mit ihrem ganzen Nazi-Gepeste. Wann immer ich die Fraktion der 90 % auf die Faschos im Stadion angesprochen habe, kamen von den meisten schwammige Statements wie "was soll man denn dagegen tun", "die hat es doch schon immer gegeben", "es ist doch toll, dass wir so friedlich bei Union nebeneinander stehen", "die darf man doch nicht ernst nehmen". Es ist das altbekannte Lied von Ignoranz, Toleranz, Akzeptanz, das mir in meinen Jahren Brandenburg nicht minder ins Gesicht geschlagen hat. Sind die Union-Fans nun kritisch und protestfreudig oder nicht? Wieso nicht auch ganz offen gegen den rechten Scheiß im eigenen Stadion?? Nichts gemerkt! Über den Fanbeauftragten will ich mich lieber gar nicht erst äußern. Ich würde mich sehr über einen Verein in Berlin freuen, bei dem man nicht gleich das kalte Kotzen kriegt. Das mit der von der Mehrheit der befragten Union-Fans (offizielle Homepage) befürworteten Fan-Freundschaft zu den Fans vom FC St. Pauli wird in diesem Zustand
sicher nix. Im Gegenteil, hab mir mit St. Pauli-Shirt vor'm Pokalfinale reichlich dumme Texte anhören dürfen. Hab ich es geträumt oder waren da wirklich St. Paulianer, die mit Union sympathisierten und die richtig nett waren? Kann mich an Shirts mit "Eiserne Hamburger" erinnern, aber ich hab wohl doch geträumt...
Ein großes DANKE für die Hilfsbereitschaft und Herzlichkeit an Holger, Daniel, Rolle, dem Programmheftmacher, dem netten Fürstenwalder (Namen vergessen), Andreas (?) und auch Schlenne. Und ganz besonders an Linse und seine Freunde.
Gastartikel von Svenja
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