"Papa, alle bauen ein neues Stadion, warum wir nicht?"

   Das fragte der kleine Fan woraufhin Papa mit eher besorgtem Blick antwortete: "Im Winter kommen bestimmt die Bagger ans Millerntor" um nach einer kurzen Denkpause und seinem Blick in das besorgte Gesicht des kleinen Fan hinzuzufügen: "Ganz bestimmt".

   Der andere Hamburger Verein stellt sich eine moderne *.*- Arena an die ehrwürdige Stelle des Volksparkstadions, Schalke 04 setzt sich mit einem Stadion der Superlative ein Denkmal, Hansa Rostock erhält ein schmuckes Kästchen, der 1. FC Köln und selbst die Pleitiers von Eintracht Frankfurt haben die Grundlagen für ein neues Stadion gelegt, nur wann, fragt sich der gemeine Fan unseres FC's, entsteht hier mal irgend etwas Neues?

   Die Vorgeschichte ist lang, ziemlich genau 10 Jahre, wenn man den Sport-Dome mal außer acht läßt. Der ÜS, ihr werdet euch erinnern, zählte bis zur Ausgabe 48 "2540 Tage, seit dem Stadionbau". Die Idee eines Stadionneubaus entstand durch unseren Ex- Präsidenten Heinz Weisener, als wieder einmal dringenst finanzielle Mittel für den FC gesucht wurden. Der Gedanke war, mehr Einnahmen für den Verein aufgrund der dann gestiegenen Attraktivität des Grounds an sich und möglicher Durchführung von Fußball fremden Veranstaltungen zu erzielen. Der Verein sollte auf eigene Füße gestellt werden, auf Weiseners privaten finanziellen Unterstützungen hätte dann in Zukunft verzichtet werden können (so seine Version) und so nebenbei wäre für die Investoren des Stadion eine Einnahmequelle entstanden. Was nun innerhalb der Weisener- Ära dabei heraus gekommen ist, ist bekannt: Nämlich nichts. Eifrig wurde in der Hansastraße jahrelang an den Entwurfsplänen gefeilt, dessen architektonisches Ergebnis sich sogar sehen lassen konnte. Die Forderung der Fans nach ausreichend Stehplätzen sowie Anforderungen der einzelnen Abteilungen, Gremien und sonstigen Tangierten wie Fanladen und Brigitte`s Clubheim wurden, so weit möglich, in die Planungen integriert. Die Entwürfe des Stadions hatten eine große Akzeptanz unter der Mitglieds- und Fangemeinde. Lediglich die Finanzierung des Grounds, leider aber auch der elementarste Teil eines Projektes, bereitete überdimensionale Schwierigkeiten. Das Projekt erwies sich nach unzähligen Anfragen an potentielle Investoren und Prüfungen durch Banken etc. als schlicht und ergreifend nicht refinanzierbar. Die Stadt Hamburg erwartete mit dem Bau der jetzigen *.*- Arena und mit den Hallenplänen der Herren Harkimo und Jebens bereits ein umfassendes Angebot an Sportstätten, die ebenfalls nur durch eine breite Palette von Veranstaltungen refinanzierbar war, so daß an ein zusätzliches Projekt dieser Art nicht zu denken war. Zumal der FC nach seinem Bundesligaabstieg mit seinem Gekicke keinen einzigen zusätzlichen Zuschauer ans Millerntor gelockt hätte. Oder waren die von Weisener erarbeiteten (finanziellen) Anforderungen an die Investoren oder Bedingungen einfach zu miserabel? Zum Ende der Weisener Ära nahm der vakante Bau des Stadions schon groteske Formen an. Weisener klammerte sich an den letzten Strohhalm, sein Projekt realisieren zu dürfen und damit sein an den FC verlorenes Geld, zumindestens zum Teil, zurück zu erhalten. Er präsentierte immer wieder neue Zahlen: Zwischen 120 und 65 Millionen DM bewegten sich die veröffentlichten Gesamtkosten des Projektes, mal mit mal ohne Dach, mit und ohne Ausbau von Tribünenteilen, mal als halbfertig und ausbaufähig, mit und ohne Logen, aber irgendwie nie ganz fertig. Zumal die angegebenen Kosten zu den entsprechenden Planungsständen schon Fragen offenließen, wenn nur auf einen kleinen Teil des Neu- oder Umbaus verzichtet wurde, trotzdem die Kosten exorbitant geringer eingestuft wurden. Es ist natürlich so, daß der spezifische Kostenverlauf bei Projekten dieser Größenordnung bei gleichzeitig hohem Anteil an gleichen Bauleistungen und deren Mengen degressiv verläuft, aber eine Kostenreduzierung um gleich fast 100 % müßte eigentlich eine erhebliche Senkung der Qualität oder ganzen Teilen an Bauleistungen mit sich bringen. Aber ein halbfertiges, dafür kostengünstiges Stadion, mit provisorischem Dach oder alten Tribünenteilen ist halt eben doch nichts Ganzes, sondern Halbes! Das konnte selbst die im Dezember veröffentliche Diplom- Arbeit einer Berliner Architekturstudentin übertreffen, allerdings ohne die Arbeit mit Kosten zu belegen.(Sah auf jeden Fall unspektakulär und nicht so teuer aus).

   Nachdem vor der letzten Jahreshauptversammlung mit Hilfe eines Letter of Intent, in dem Herrn Weisener innerhalb der nächsten drei Jahre der Bau des Stadions zugebilligt wurde (was auch immer das heißen mag, ob als Projektmanager, Mitinvestor oder nur als Architekt), unserem Präsidenten der Abschied etwas leichter gemacht werden sollte, keimte im Dezember vergangenen Jahres Hoffnung auf, als der FC das Unternehmen IBM als Projektmanager für das neue Millerntor präsentierte. Professionelle Partner und Experten sollten es sein, doch es kam mal wieder anders. Da Herr Weisener bereits Kontakte zu IBM im Rahmen seiner Ausschreibungs- und Finanzierungsversuche aufnahm, läßt darauf schließen, daß aus Richtung Hansastraße ein erneuter Versuch unter dem Deckmantel der Partnerschaft FC St. Pauli/ IBM zur Entwicklung des Stadions unternommen wurde. Aber auch IBM, die ihre ersten Bemühungen kostenlos für den Verein durchführten (sie waren an der Beauftragung der Haustechnik interessiert), stellte sich nicht als der Retter der Stadionpläne heraus. Mehr als eine kleine Kurzmeldung über den Präsentationstermin ihrer Ergebnisse in den örtliche Gazetten und informellen Aussagen aus dem Vereinsumfeld über die Enttäuschung der Präsentation, kam dabei nicht heraus. Dennoch kann, weil nun Weisener mit seinen Strategen (mit Zech und Butzkies alleine ist eher nichts zu realisieren) sein Pulver endgültig verschossen haben dürfte, der Weg frei sein, für neue, unabhängige Gedankenspiele.

   Der Club entschloß sich, bisher nicht involvierte, weitere Partner für die Planspiele "Neues Millerntor" zu akquirieren, um das Projekt überhaupt wieder zu beleben. Eine wichtige Rolle dabei spielt nun die holländische Firma HBM, die bereits mit dem Bau der Arena auf Schalke ihr Können unter Beweis gestellt hat, sowie, so war zu hören, die Hamburger Architekten Gerkan, Marg und Partner, die den Architektenwettbewerb um das Müngersdorfer Stadion in Köln für sich entscheiden konnten. Gerkan, Marg und Partner traten dort in Kooperation mit dem Bauunternehmer Max Bögel GmbH auf, welche sich auch bei Bewerbung um das Frankfurter Waldstadion als positiv erwiesen hatten. Zur Zeit werden die Wettbewerbsunterlagen durch eine Vorplanung einschl. der erforderlichen Kostenberechnung fundamentiert. Die Kosten für das Kölner Stadion sollen ca. 180 Millionen DM bei einer Kapazität von ca. 50.000 Zuschauern (mit Stehplätzen) nicht überschreiten. Das entsprächen also 3.600 DM je Zuschauer und würde auch mit den spezifischen Kosten von ca. 3.800 DM pro Zuschauer für das Frankfurter Stadion konform gehen. Das Modell schaut, bis auf die vier Eckpilonen, auch relativ schlicht aus. Die spezifischen Kosten der Arena auf Schalke in Höhe von ca. 6.800 DM je Zuschauer bei einer Projektsumme von 358 Millionen, können als Vergleich aufgrund der hypermodernen Ausstattung mit beweglichem Dach und ausfahrbarem Rasen und der notwendigen Infrastruktur etc., nicht zum Vergleich herhalten, wohl aber das Realisierungs- und Finanzierungskonzept. Während in Köln und in Rostock das Finanzierungskonzept überwiegend von öffentlichen Institutionen (Stadt Köln in Kooperation mit dem FC Köln und der Kölner Sportstätten GmbH, Stadt Rostock mit dem Land Mecklenburg Vorpommern und dem Hansa Rostock) getragen wird, handelt es sich auf Schalke um ein überwiegend privates Investorenmodell, welches ungefähr folgender Maßen aussieht und sich zur Nachahmung eignet:

   Als Bauherr fungiert die gegründete Besitzgesellschaft der Arena auf Schalke, eine Stadionbeteiligungsgesellschaft mbH & Co Immobilienverwaltungs- KG bestehend aus einer GmbH mit den Gesellschaftern HBM für Werbeleistungen, Ruhrkohle AG für Bergschäden, Fans und Stadt Gelsenkirchen als stille Beteiligten und einer KG mit ihren Kommanditisten Schalke 04, Stadtwerke Gelsenkirchen als Gegenzug zur Stromlieferung, Deutsche Städte Reklame für die Vermarktung von Werbeflächen und diverse Privatpersonen und Privatfirmen. Die Geschäftsführung und persönliche Haftung für die KG übernimmt die GmbH, die Aufsicht führt die KG. Insgesamt stehen dadurch rund 66 Millionen DM als Eigenkapital in der KG und rund 42 Millionen DM in der GmbH zur Verfügung. Der Rest wird als Fremdkapital von den Konsortionalbanken beigesteuert. Eine Ausfallbürgschaft über 80 % der Gesamtkosten wird vom Land Nordrhein- Westfalen übernommen. Die Besitzgesellschaft tritt nun als Bauherr auf und vergab das gesamte Projekt an die HBM als Generalübernehmer, der, wie Andreas C. Wankum beim Nachbarn, die kompletten Leistungen des Projektes "übernimmt" und dafür haftet, aber selbst keine Leistungen (weder Planungs- noch Bauleistungen) erbringt, sondern sämtliche Leistungen an von ihm auserwählte Auftragnehmer vergibt und damit sein Geld verdient. In diesem Falle aber steht und stünde für den FC St. Pauli mit der HBM Bau GmbH ein großes finanzkräftiges Unternehmen hinter dem Generalübernehmer, womit Pleiten auf dieser Ebene und der daraus resultierende, öffentliche Streit unwahrscheinlich ist. Die HBM Bau GmbH Essen präsentiert sich am deutschen Markt als Tochter der Holländischen Beton Groep=HBG im Ingenieurbau, Schlüsselfertigbau, Projektmanagement und mit dem Bauunternehmen Wayss & Freytag (die logischerweise die Rohbauarbeiten auf Schalke ausführen). Als Referenzen der HBG lassen sich bisher neben der Arena auf Schalke auch die Stadionneu- und umbauten in Arnheim, Eindhoven, Rotterdam und Rostock aufzählen. Interessant ist, daß für die Architektenleistungen an der Arena das Architekturbüro Hentrich- Petschnigg & Partner beteiligt ist, das auch in Hamburg eine Niederlassung vorweisen kann.

   Somit formiert sich ein Kreis von drei Kandidaten, nämlich HBM mit seinen Partnern, Architekten Gerkan, Marg und Partner mit Max Bögel und Heinz Weisener mit Zech & Butzkies/ event. IBM, die um die Beauftragung des Stadionbaues konkurrieren. Die Gruppen HBM und Weisener haben dabei bereits Stadionpläne in der Tasche, GMP hingegen muß zunächst überhaupt Modelle entwickeln, insbesondere im Hinblick der Baukosten, die allerdings bei deren Projekten weit über dem finanziellen Rahmen des FC St. Pauli liegen (über 3.000 DM/ Zuschauer). Mehr als 70 Millionen sollen es nicht sein, so daß sich bei einer Zuschauerkapazität von ca. 32.000 Plätzen spezifische Kosten von ca. 2.200 DM je Zuschauer ergeben. Wahrlich, im Vergleich eine Sparversion, der nur das Ostseestadion in Rostock von der HBM mit 1.800 DM/ Zuschauer spezifischer Baukosten standhalten kann.

   Damit wären aber noch lange nicht alle Hürden überwunden, denn zwei "Kleinigkeiten" erschweren den Aktionismus der Beteiligten:

   1. Die Globalvereinbarung des Vereins mit Heinz Weisener, die ihm für drei Jahre die Planung des Stadions garantiert und

   2. die bestehende Baugenehmigung einschl. Umweltverträglichkeitsprüfung, die zwar der Verein inne hat, jedoch sich auf die Planungen von Weisener bezieht.

   Somit ist eins gewiß, ohne Weisener geht hier nichts. Um die Zeitvorstellungen (die Vereinsführung gibt offiziell keine Wasserstandsmeldungen mehr ab, aber man munkelt von einem Baustart im Winter diesen Jahres oder auch Ende dieser Saison) jedoch einigermaßen einhalten zu können, müßte erst einmal eine Einigung über die Beteiligung Weiseners erzielt werden. Das könnte ganz einfach eine Abfindungszahlung sein, die bei rund 3-4 Millionen liegen dürfte (Kosten für die Baugenehmigung und Umwelt- Gutachten zzgl. bisherige Planungskosten, errechenbar nach der Honorarordnung für Architekten und Ingenieure) oder aber eine Beteiligung als Architekt in dem Konsortium (was sinnvoller erscheint). Schließlich liegen sämtliche Planungsunterlagen im Büro Weisener vor, kennen sich die Planer mittlerweile im Umgang mit allen Projektbeteiligten aus und ,das wichtigste, die Baugenehmigung hätte für das Modell grundsätzlich bestand. Und eine Kopie des Ostseestadions aus dem Hause HBM will hoffentlich auch keiner. Somit hätte Weisener die Vorgabe sein Stadionmodell in eine Sparversion für ca. 70 Millionen um zu planen, ohne das die notwendigen Bestandteile wie Logen (würg!), Dächer usw. fehlen, aber trotzdem "sein" Modell erkennbar und damit das Stadion eine gewisse Individualität erhält. Klar scheint nur eines zu sein, von unserem Traum nach mehr Stehplätzen, die in den früheren Plänen Weiseners enthalten waren, können wir uns wohl verabschieden. Lediglich eine Zahl von 15.000 Zuschauern geistert z. Zt. durch den Verein, welche in etwa dem jetzigen Stand entspricht. In der Presse war sogar einmal von einer Aufteilung von 1/3 Stehplätzen und 2/3 Sitzplätzen zu lesen. Dann müßte das Stadion aber 45.000 Zuschauer fassen, wenn es bei den 15.000 Zuschauern bleiben soll. Holzauge sei wachsam! Dabei kann ohnehin davon ausgegangen werden, daß nur eine Gerade für Stehplätze ausgewiesen wird, somit mit Sicherheit mit zusätzlichem Stimmungsverlust gerechnet werden muß und die Preisgestaltung für Sitzplätze über Fanfreundlichkeit entscheidet oder nicht. Auch hier könnte Schalke 04 als gutes Beispiel dienen, die Plätze in der Fankurve kosten als Dauerkarte verträgliche 340 bzw. 476 DM. Ohnehin müßten die Eintrittspreise (mitunter die teuersten in der ganzen Liga) im neuen Stadion fallen, da die aktuellen Preiserhöhungen für die kommende Saison mit der geringen Kapazität des Millerntors begründet wurden. Wir sind gespannt!

   Erschreckend im Zusammenhang mit dem Stadionneubau und der Vermarktung kamen die Aussagen unserer Vereinsoberhäupter Koch und Beutel am 01.07. in Sport 3 daher. Koch: " Die Namensgebung finde ich in Ordnung... Hackmann hat zurecht gehandelt... (und mal wieder:) ...Clubs sind Wirtschaftsunternehmen" meinte er zum Seelenverkauf an *.* bei unserem Nachbarn. Beutel schob noch hinterher, daß es sich bei einem Verkauf des Stadionnamens um eine ganz normale Marketingfrage handelt, so etwas auch beim FC für machbar hält und jeder Fan das Stadion nennen kann, wie er will. Geht's noch meine Herren? Schließlich sind wir hier beim FC St. Pauli, oder bald nicht mehr?

   Zum Schluß noch ein Zitat aus dem Internetauftritt auf der offiziellen Seite des 1. FC Köln zum Stadionneubau: " ...und auch die Promis können sich freuen: 50 Logen mit 500 Sitzplätzen sind eingeplant, dazu 1.500 komfortable Business- Sitze auf der Westtribüne. Damit sich die VIPs nicht mit den normalen Fans um die Parkplätze streiten müssen, wird es 600 Promi- Parkplätze geben." Peinlich!

   Wir bleiben dran!

CF

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