"Seit heute glaube ich nicht mehr an den Fußballgott", sagte er und wischte sich eine Träne von der Zigarre. Rudi Assauer ist sichtlich ergriffen. Und weiter: "Ich glaube nicht mehr an ihn, weil er nicht gerecht ist." |
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Von Fußballfans' Frömmigkeit und anderen Opiaten |
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Bayern München war gerade in der Nachspielzeit Deutscher Fußballmeister 2001 geworden. Und Schalke zerfloß in einem einzigen Begräbnis-Zeremoniell. Die Sieger des Tages huldigten ihrer Gottheit, dem genau, "bayerischen Fußballgott". "Der Fußballgott muß Bayer sein", Fußballgott hier, Fußballgott dort. Dabei soll es in der neuen Schalke- Arena eine Schalke-Kapelle geben. Dort kann dann, ja wer eigentlich angebetet werden - Schalke oder der Fußballgott? Oder der Schalke-Gott? Eine Saison zu spät, lieber "Meister der Herzen" Keine Kapelle, als es darauf ankam. Und doch: die Stadien der Bundesligen sind längst Stätten tiefster Spiritualität. Nicht nur wegen des frömmelnden Pissoir-Ersatz in blau-weiß. Nein. Das Fan-Accesoire ist das Glaubensbekenntnis, die Berichterstattung über die eigene Glaubensgemeinschaft ersetzt die Bibel, der "Führungsspieler" ist der Messias für die Jünger des Erfolges. Es gibt Gebote der Fangemeinschft, Riten, Kultfeiern und natürlich: Den Fußballgott. Dieses metaphysische Richtergebilde wird immer dann bemüht, wenn Unerwartetes, schwer Erklärbares, Außergewöhnliches oder Ungerechtes passiert. Wenn zum Beispiel der FC Bayern drei Minuten nach der Zeit noch Meister wird. Der Richter über Ball und Beine ist dabei gedacht als eine Art esoterische Registrierkasse, in die sämtliche Fan-Riten eingezahlt werden und die bei entsprechender "Zahlung" den passenden Beleg: "Sieg" ausspuckt. So gesehen braucht niemand mehr ins Stadion zu gehen und sich die Kehle aus dem Hals zu schreien, wenn vor dem Spiel nur bei der richtigen Bude die Bratwurst gegessen oder zwanzig mal das "Schalke Unser" gebetet und der Fußballgott gnädig gestimmt wurde. Er scheint ein ziemlich autoritärer Sack zu sein, dieser traszendente Tortyrann. Und seine Jünger sind ihm komplett hörig. Sie tun alles um ihm zu huldigen, in ihrer Gemeinschaft der Gläubigen, der Fan- tja, was wohl, richtig -Gemeinde! Mit der Kraft dieses Herrscher-Gottes vollbringen die elf Apostel auf dem grünen Feld der Verheißung auch so manches "Wunder". Bemerkenswert: Wenn der Erfolg sich einstellt, so ist der Gott in die eigenen Vereinsfarben eingekleidet und vollzieht gute, richtige und gerechte Entscheidungen. Wenn der Ball aber allzu oft im eigenen Netz landet, ist er verrückt, der Gott der Gegner oder ein notwendiger Ritus wurde gar nicht oder falsch ausgeführt. Es ist ja auch viel tröstlicher, daß ein mysthischer Meistermachermagier Bälle über Linien rollen und in Netze fliegen und an ihnen vorbei fliegen läßt. Viel tröstlicher eben als die schnöde Unfähigkeit der auserwählten Trikotträger oder ein Dioptrien-Problem des Referees. Von der Tribüne werden leider keine Tore geschossen. Bälle ins Tor schreien und einen Sündenbock, zum Beispiel den Schiedsrichter, zu suchen, ist alles. Alles was bleibt. Ohnmacht ist gegenwärtig. Bei jedem Gegentor, bei jeder erneuten Demütgung. Es kratzt an der Seele. Es geht um tiefe Sehnsucht, um Leidenschaft, um Ekstase. Der Schritt zum Untergebenen, zum leidensbereiten Untertan und zur Begründung und Akzeptanz einer Autorität ist sehr kurz. Der Herrscher über alle Menschen lebt, das Opium des alten Marx wird fleißig geraucht. Ist Fußball Religion? Ist Fußball Opium? Und wo bleibt dann die Religion jenseits der postmodernen Kulttempel mit Rasenblick und Bierstandanbindung? Vieles ist der Fußballzirkus - nur sicher nicht befreit, kein Freiraum für Lust und Leidenschaft in einer triebfeindlichen Gesellschaft. Von Marketingstrategen und denen, die am Wettbewerb der Glaubengemeinschaften verdienen wird er gerne so stigmatisiert. Als Auflaufzone der überschäumenden Emotionsflüsse, als Sphäre mit sich selbst identischer Authenzität, als identitätsstiftende Massenveranstaltung. Die herrschende Fußballkultur ist der Spiegel der Berliner Republik. "Chefsache" brüllt der Kanzler in den Abstiegskampf. Energie Cottbus - nur die Eckdaten verdeutlichen das Regierunsprogramm in Kurzfassung: Multi-Kulti-Truppe, ein Ossi als Trainer, auf der Tribüne sitzen Faschos. In der "Kraft-Ost-Kurve" im Bremer Weserstadion macht der Logenbesitzer die Fensterscheibe vor dem Sektkühler auf, um dem Fußballpöbel auf den Stehplätzen auf den Pelz zu schauen. Und die "politische" Forderung der "Massenbewegung" Fußballfans 2001: Aller Orten werden einheitliche Anstoßzeiten für ihre Gottesdienste gefordert. Fronten verschwinden: Der moderne Kapitalismus findet seine Gegner allenfalls noch niedlich und bindet sie gerne und mit Vorliebe in seine Selbsterhaltung mit ein. Der Glaube an die richtigen Bewegungen des runden Leders, der Ballismus oder die postmoderne Fußballkirche. Eine neue Spielart von Spiritualität? Von wegen. Frömmelnd-rückwärtsgewandt, unterdrückerisch, antiaufklärerisch und stinkend autoritär-sexistisch, die "Bewegung". Noch keine zwanzig Auswärtskarten gesammelt? Nicht bei jedem Auswärtsspiel dabei gewesen? - "Modefan, wo warst Du als ich in Stalingrad gekämpft habe?" - Diese "Spiritulität" ist die Wiederholung ewig wahrer Sätze, eine ständige Selbstversicherung der reinen Wahrheit, eine Verständigung der Gemeinde auf einen passiven Glauben, der seine Bilanz vorweg schon kennt. Sie ist nichts weiter als traditionelle Frömmigkeit. Kritische Reflexion, Preisgabe der eigenen Position, die Fähigkeit, sich zu wandeln, kennt sie nicht. Sie ist das Opium des Volkes. Nur die Droge stimmt nicht mehr. Das Bier hier einzusetzen wäre zu geschmäklerisch. Kokain. Der Ballismus ist das Kokain des Volkes. Und nicht für das Volk. Denn die autoritäre Bewegung in Fanschals und mit Trommeln und Fahnen besteht aus rasenden Überzeugungstätern. Für alles Schlechte und Gute ist das Schicksal, die Gottheit zuständig. Die eigene Position und Kraft wird kollektiv und gründlich klein gemacht. Der Jünger in der letzten Bank. Der Untergebende. Der Huldigende. Der Leidensbereite. Der Gläubige, der Passive. Der Gottes-Fürchtige. Dieser Gott hat es nur verdient, getötet zu werden. Seine Autorität muß gebrochen werden. Der Ballismus ist tot, wir haben ihm die Luft 'rausgelassen. Markus | |
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