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Man mag es kaum glauben, aber tatsächlich acht Jahre ist es nun her, da hatten zwei St. Paulianer eine Vision. Man schrieb das Jahr 1993, der FC dümpelte - wie meistens in seiner Geschichte - in der 2. Liga vor sich hin, Heinz Weisener war als Präsident des Vereins noch ebenso unumstritten wie es Helmut Kohl als Bundeskanzler war und Seppo Eichkorn als Trainer ähnlich talentiert wie als Rhetoriker. Unsere zwei St. Paulianer waren noch jung an Jahren und schlank im Umfang. Das hat sich heute geändert. Eines jedoch ist ihnen geblieben: ihr unerschütterlicher, naiver Glaube daran, dass aus dem FC St. Pauli eines Tages noch mal ein Spitzenklub wird. Was waren sie froh, zu Beginn der Saison `93/`94, dass der FC sich von solch Nieten wie Rachid Belarbi, Petri Järvinen und Boller Jeschke getrennt hatte. Die Neuzugänge dagegen, Holger Stanislawski, Andreas Reinke, Carsten Pröpper - mit ihnen versprach alles gut zu werden. Ganz zu schweigen von Rückkehrer Jochim Philipkowski. Der würde bestimmt der ganz große Rückhalt werden... Und so kam es, dass sie beseelt wurden vom Glauben an eine große Zukunft. Und wie das halt so ist mit ganz besonders Gläubigen: manchmal werden ihnen Visionen zuteil. So war es auch bei unseren beiden St. Paulianern. Und um alle Welt teilhaben zu lassen, schrieben sie sie nieder, unter dem Titel "Glory, Glory Days". Doch wie sagt schon das Sprichwort: Der Prophet zählt nichts im eigenen Land. Verlacht wurden die zwei, verspottet, verhöhnt. Dabei ist jede ihrer Vorausagen eingetroffen. So, wie auch jede Weissagung des großen Nostradamus immer eintraf. Man darf halt nicht alles wörtlich nehmen, sondern muss zwischen Zeilen lesen! Daher lest und staunt im folgenden über die Wahrheit der "Glory, glory Days" - denn sie hatten doch recht! Es stand geschrieben: Anfang '94: Lothar Matthäus lässt sich zu dem Statement hinreißen: "Bevor ich hier noch einmal die Stiefel schnüre, geh' ich lieber in die 2. Liga!" In Hamburg verkündet daraufhin Papa Weisener: "Das wär' doch der richtige für uns!" - was hinter vorgehaltener Hand allgemein als Zeichen beginnender Senilität gewertet wird.
Es stand geschrieben: Anfang Februar '94: Als Vorbereitung auf die Rückrunde bestreitet der FC am Millerntor ein Testspiel gegen Real Madrid. Seppo Eichkorn gibt auf der Mannschaftssitzung die Taktik aus: "Wir müssen offensiv spielen, Männer!" Der FC verliert mit 2:9 und Eichkorn wird wieder Co-Trainer.
Es stand geschrieben: Mitte April '94: Bundestrainer Berti Vogts bezeichnet seinen bisherigen Kapitän Matthäus als "Vaterlandsverräter" und schmeißt ihn aus der Nationalelf.
Es stand geschrieben: WM '94 Titelverteidiger BRD verabschiedet sich bereits in der Vorrunde sang- und klanglos aus dem WM-Turnier, was die Entlassung von Berti Vogts zur Folge hat.
Es stand geschrieben: Sommer '94: Auf die vielgestellte Journalistenfrage, wie der FC dieses teure Team finanzieren könne, erklärt Papa Weisener: "Alles meinem genialen Finanzprojekt zu verdanken."
Es stand geschrieben: Mitte Oktober '94: Der FC wird zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte Tabellenführer der Bundesliga. HSV-Präsident Jürgen Hunke wird zu vorgerückter Stunde Opfer der eigenen Hools.
Es stand geschrieben: Mitte Januar '95: Moderator Stefan Aust enthüllt in "Spiegel TV", woher die Millionen des FC stammen: größter Teilhaber an Papa Weiseners Finanz-AG sei niemand anderes als Kalle Schwensen (damals ein in düsterem Ruf stehender Zeitgenosse, seit den Bürgerschaftswahlen 2005 jedoch bekanntlich als Wirtschaftssenator Hamburgs durchaus wohlgelitten). Die Verstrickungen würden soweit reichen, dass von allen Einnahmen sämtlicher Kiez-Prostituierten indirekt 20% an den Verein fließen.
Es stand geschrieben: Juli '95: Aufgrund der riesigen Anfrage entschließt sich die neugegründete MP-Travel-Line gemeinsam mit dem Fanladen eine 7-tägige Pauschalreise anzubieten. Innerhalb von nur 48 Stunden sind sieben (!) Sonderflüge für das Spiel auf Mallorca restlos ausgebucht.
Es stand geschrieben: August '96: Dieter Schlindwein bietet im "Traxx" eine Nase Koks zur Entspannung an. Die Boulevardpresse schlachtet die Geschichte genüsslich aus. Dieter Schlindwein wird vereinsintern gesperrt.
Es stand geschrieben: Ende August '96: Der Koks-Skandal weitet sich aus. Die größte Bombe platzt, als bekannt wird, dass Heinz Weisener derjenige war, der regelmäßige Koks-Lieferungen über Sven Brux veranlasste, die zur Tarnung in Abrechnungen und Lieferscheinen als "Fan-Artikel Grasshoppers Zürich" deklariert wurden.
Es stand geschrieben: Anfang September '96: Ein Übergangs-Vorstand unter Vorsitz von Zeugwart Claus Bubke übernimmt die Geschäftsführung und versichert den besorgten Fans, alles würde gut werden...
Es stand geschrieben: Mai '98: Bei der Übergabe der Meisterschale erliegt DFB-Präsident Mayer-Vorfelder einem Herzinfarkt. Bürgermeisterin Krista Sager erklärt das Datum zu einem Hamburger Feiertag.
Es stand geschrieben: WM '98: Die deutsche Mannschaft stellt im "Aktuellen Sportstudio" ihren gemeinsam mit der Deutschrock-Combo Slime aufgenommenen offiziellen WM-Song vor.
Es stand geschrieben: November '98: Der FC setzt sich in den Vorrundenspielen der Champions League locker gegen den baskischen Titelträger Athletic Bilbao durch. Lediglich der französische Meister 1. FC Saarbrücken stellt die Elf vor einige Probleme.
Es stand geschrieben: Anfang Juli '99: Der verschollen geglaubte ehemalige St. Pauli-Profi Waldemar Steubing wird neuer Trainer.
Es stand geschrieben: Mitte September '99: Sämtliche St. Pauli-Spiele werden via CNN live in alle Länder der Welt übertragen - was sogar zu einem Skandal führt: Weil das Finale der U.S. Open zeitgleich zu einer Bundesligapartie des FC sattfindet, wird das höchstdotierte Tennisturnier der Welt unter fadenscheinigen Begründungen verschoben.
Es stand geschrieben: Jens Scharping ging als größter Torjäger aller Zeiten in die Annalen des Fußballs ein. Beendete seine Karriere mit den Worten: "Ich habe alles erreicht!"
Es stand geschrieben: Martino Gatti wurde in Rimini Besitzer einer Eisdiele und zeugte mit seiner Frau 11 Kinder.
Es stand geschrieben: Seppo Eichkorn wurde ein unrühmliches Los zuteil. Nach der Entlassung beim FC folgte ein sozialer Absturz.
Es stand geschrieben: Heinz Weisener schien nach dem Ausscheiden aus dem Präsidium weg vom Fenster, konnte jedoch seine gesellschaftliche Reputation wiedererlangen. Feierte ein glänzendes Comeback als Gesundheitsminister in der Großen Koalition unter Rudolf Scharping.
Gastartikel von Alex & Pischi |
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