KICKEN FÜR FLUGLÄRM, TEENS UND HARTE DOLLARS
FRAUENFUßBALL AM SCHEIDEWEG

   Rudi Gutendorf war begeistert: "Die haben mir hervorragend gefallen. Eigentlich hätten sie Gold holen müssen, sie waren die Besten." Was den Trainer-Globetrotter so schwärmen ließ, war die Leistung des deutschen Frauen-Nationalteams bei der Olympiade in Sydney (Australien) im letzten Jahr. Ob sie wirklich die Besten waren, sei mal dahin gestellt - aber mit ein bisschen mehr Glück hätte es tatsächlich zum obersten Treppchen langen können, und statt undankbarem Bronze das goldene Edelmetall werden können. Insofern habe ich mich mit meiner Einschätzung im ÜS # 48 ("Quo Vadis Frauenfußball?"), die Mannschaft von Trainerin Tina Theune-Meyer (TTM) könnte in DownUnder ihr Waterloo erleben, natürlich gänzlich getäuscht und statt dessen tatsächlich ansehnlichen Fußball erleben dürfen. "Wir haben eine Menge des verspielten Kredits zurück gewonnen", ließ TTM dann auch später verlauten. Wohl wahr.

   Der 3. Platz beim olympischen Turnier sollte so schließlich auch der Aufbruch in die Zukunft des hiesigen Frauenfußballs werden. Ein paar bessere Strukturen hatten sich bis dato ohnehin zwei bis drei Vereine der 1. Liga gegeben. Und mit dem Aufstieg der kickenden Frauen des FC Bayern München gelangte mit Beginn der Saison 2000/2001 (Oktober 2000) ein Team in die Eliteliga, das beweisen konnte, wie wichtig ein professionelles Umfeld mit bestehender Infrastruktur für die Förderung des weiblichen Tretsports sein kann. Immerhin hatte Bayern-Präsi Beckenbauer sich persönlich für die Unterstützung stark gemacht: zunächst Aufstieg, dann zum Spitzenteam werden. Ein Vorteil ist natürlich auch, dass der komplette Saison-Etat (ca. 300.000 Mark) der Damen-Elf von der Profiabteilung der Männer bestritten wird. Rang 5 (Stand 23.4.) als Aufsteiger kann sich durchaus sehen lassen, zumal die Süddeutschen kaum schlechter als die Teams auf den Plätzen 2 bis 4 sind. Kein Wunder also, dass sich führende Funktionäre weitere Herren-Proficlubs wünschen, die, ähnlich den Münchnern, ihre Frauenmannschaften ideell, finanziell und strukturell unterstützen (können). Explizit genannt werden dabei der 1. FC Nürnberg, der HSV und der SC Freiburg, die auch alle schon einmal in der 1. Frauenliga waren oder noch sind.

JA ZUM FLUGHAFENAUSBAU!

   Der fußballerische Alltag sieht derweil immer noch eher trostlos, weil ziemlich einseitig aus. War es in der vergangenen Serie der FCR Duisburg, der mit 15 Punkten Vorsprung die Meisterschaft erringen konnte, so zieht derzeit DFB-Pokalsieger 1. FFC Frankfurt (übrigens am 26.5. wieder im Finale - Gegner: FFC Flaesheim-Hillen) fast einsam seine Runden. Sechs Spieltage vor Ende der Spielzeit (Stand: 23.4.) beträgt der Abstand zum Zweiten (Duisburg) schon wieder 13 Punkte, und den Hessen ist nur noch theoretisch die Meisterschaft zu entreißen.

   Begonnen hatte die Saison allerdings mit einem kleinen Skandal. Ihr erinnert euch vielleicht (ÜS # 49 v. 29.10.): Der FSV Frankfurt wollte zum ersten Match der neuen Serie mit dem Trikot-Aufdruck "Ja zum Flughafenausbau!" auflaufen. Weil der DFB der Auffasung war, diese Aussage sei politisch, verbot er dies. Dann passierte folgendes: Als am 15. Oktober das Gastteam aus Potsdam erschien, musste die Schiedsrichterin fest stellen, dass die Trikots der beiden Teams optisch kaum zu unterscheiden waren. Weil die Mannschaft aus Brandenburg aber kein Ersatzhemd dabei hatte und die Unparteiische das Spiel auf jeden Fall anpfeifen wollte, tauchten plötzlich wie aus dem Nichts die Ersatzlaibchen der Frankfurterinnen auf. Es waren die Trikots mit dem Pro-Fluglärm-Spruch. FSV-Trainerin Anouschka Bernhard damals: "...die durch einen Zufall noch aufzutreiben waren". Warum allerdings keine gelben Trainingswesten benutzt werden konnten, bleibt ein Rätsel.

   Rätselhaft auch die urplötzliche Ankündigung des Rekordmeisters (6 Meistertitel, 5 Pokalsiege) Sportfreunde Siegen, für den Spielbetrieb 2001/2002 aus wirtschaftlichen Gründen keine Lizenz mehr zu beantragen und das Team somit aus Liga Eins zurück zu ziehen. Rätselhaft deshalb, weil die vom Vereinschef Rolf Steilmann an die Medien verbreitete Mitteilung sowohl die Spielerinnen, als auch Trainerin und Managerin völlig überraschte. "Das ist ein Schlag ins Gesicht", ließ Managerin Karina Sefron ihrem Frust freien Lauf. Unabhängig von den Umständen ist der Rückzug inhaltlich allerdings nachvollziehbar. Wer im Schnitt 50-100 Zuschauer hat, wo Sponsoren abspringen und wer wider Erwarten frühzeitig im DFB-Pokal scheitert, kann plötzlich in einer prekären finanziellen Situation stehen. Und wenn zusätzlich dann auch noch die Unterstützung durch den Gesamtverein fehlt (die Männer kicken in der Regionalliga Süd und verschlingen naturgemäß das meiste Geld) und sich das Präsidium von der Fußballfrauen-Abteilung trennen will, bleibt nicht einmal mehr die Hoffnung.

   Für den 1. FC Saarbrücken keimt diese nun allerdings wieder ein wenig auf. Lag man als Tabellenletzter bislang beinahe abgeschlagen sieben Punkte hinter einem Nichtabstiegsplatz (zwei Mannschaften müssen in die Regionalliga), wird es jetzt wohl nur noch einen sportlichen Absteiger geben. Und da die Saarländer nur 3 Punkte hinter dem Vorletzten FFC Heike Rheine (Aufsteiger) liegen, geht es nun darum, die rote Laterne an den FFC zu übergeben.

WANN KOMMT DIE 2. LIGA?

   Wer die beiden Aufsteiger für die kommende Saison sein werden, kann natürlich jetzt noch nicht gesagt werden, aber immerhin stehen die Termine, der Modus und auch ein paar Teilnehmer der Qualifikationsrunde bereits fest. Die Meister der fünf Regionalligen spielen vom 24.5. bis 17.6. in einer Gruppe jeder gegen jeden. Dabei gibt es keine Hin- und Rückspiele, sondern lediglich ein Match pro Paarung. Die beiden Ersten sind die Aufsteiger in die höchste Liga. Für diese Endrunde bereits qualifiziert haben sich (Stand: 20.4.) bereits Westmeister SG Essen, Nordostmeister TeBe Berlin und Nordmeister HSV. So gut wie sicher durch ist auch Südwestmeister TuS Niederkirchen. Im Süden streiten sich noch der 1. FC Nürnberg und der SC Freiburg.

   Wie lange es diese Regelung allerdings noch geben wird, ist offen. Der Grund: Am 27./28.4. wurde auf dem DFB-Bundestag der Antrag gestellt, zur Saison 2002/2003 eine 2. Liga für den Frauenfußball zu installieren, die die derzeitigen fünf Regionalligen als Unterbau fürs Oberhaus ersetzen soll. Ob diese schließlich aus ein oder zwei Staffeln bestehen wird, darüber herrscht noch keine Einigkeit. Klar ist aber wohl, dass diese Liga kommen wird. Zwar bestehen noch einige Bedenken wegen der Finanzierung (allein die Fahrtkosten würden drastisch steigen - nicht unerheblich bei den Micker-Etats), aber dass es eine merkliche sportliche Aufwertung bedeuten würde, ist eigentlich unumstritten. Und die teilweise enormen Leistungsunterschiede zwischen Liga 1 und dem Rest der Republik könnten ohne Zweifel verringert werden. Damit allein wird es aber nicht getan sein. Dessen ist sich zumindest Bernd Schröder sicher, früher DDR-Nationaltrainer und heute Coach des FFC Turbine Potsdam. Er fordert "eine eigene Philosophie des Frauenfußballs". Und die kann seines Erachtens nur "offensiver Fußball" heißen. "Für ein 0:0 brauche ich mir kein Frauenspiel an zu schauen", so sein Fazit. Und meint damit auch die katastrophale Zuschauersituation erklären zu können: "Wenn wir besser spielen, kommen auch mehr Leute. Attraktiver Sport ist der Schlüssel zum Erfolg." Dass dies in etwa der Wahrheit entspricht, beweisen vielleicht die Erfolge des Brandenburger Clubs: In der vergangenen Saison wurde man mit dem jüngsten Team der Liga immerhin Dritter, den U17-Pokal gewann Brandenburg, praktisch identisch mit Potsdam, und die B-Juniorinnen von Turbine wurden deutscher Meister. Das nennt man wohl gute Jugendarbeit.

DIE ERSTE PROFILIGA DER WELT

   Auf die Jugend können auch die US-Amerikaner setzen, denn nicht zuletzt durch den Gewinn der Weltmeisterschaft durch die USA 1999 setzte dort ein unglaublicher Boom ein, der dazu führte, dass dort heute einige Millionen Mädchen und junge Frauen gegen den Ball treten. Frauenfußball ist bei der weiblichen Jugend ein echter Volkssport. Pop-Ikone und Star-Kickerin Mia Hamm bereitete den Weg für dieses Phänomen. Und da die Amerikaner bekannt dafür sind, fast nie halbe Sachen zu tun, war der nächste Schritt nur logisch: die Total-Kommerzialisierung des Frauenfußballs. WUSA heißt das Zauberwort - Women's United Soccer Association. Der Versuch, die erste Profiliga für Frauenfußball zu etablieren. Das Pendant zur MLS, der Major League Soccer, der Fußball-Profiliga für die männlichen Tretsportler. Allerdings mit einigen Unterschieden.

   Seit Mitte April spielen acht Teams in zwei Gruppen mit jeweils vier Mannschaften um die Meisterkrone. Die Ersten und Zweiten jeder Gruppe spielen die Halbfinals, die Sieger dieser Playoffs am 25. August das Endspiel aus. Die teilnehmenden Clubs aus Washington, Atlanta, Boston, New York, Philadelphia, San Diego, Carolina und San Jose/Bay Area (die Standorte wurden nach den Interessen und Wünschen der Sponsoren ausgewählt) bestehen im Kern aus gut 20 Spielerinnen der amerikanischen Nationalmannschaft, die den einzelnen Vereinen bereits frühzeitig zugeteilt (!) wurden. Dazu kamen ein paar ausländische Spitzenspielerinnen, die zwar Wünsche bzgl. des Einsatzortes äußern durften, aber letztlich auch kein Mitspracherecht hatten. Komplettiert wurden die Frauenteams schließlich, nach diversen Sichtungslehrgängen, durch die talentiertesten Nachwuchsspielerinnen aus den Universitäten des Landes.

   Finanziert wird das Ganze durch einen Sponsorenpool, der für die ersten fünf Jahre der Liga eine Anschubfinanzierung von 64 Millionen Dollar garantiert hat. Hauptgeldgeber sind Unternehmen der Medien- und Unterhaltungsindustrie, die natürlich gleichzeitig auch die Spiele vermarkten wollen und dürfen und mit einem Zuschauerschnitt von ungefähr 7500 rechnen. Klar ist aber auch, dass die Mannschaften in den USA mit einem gänzlich anderen Publikum als jenem in Deutschland zu rechnen haben. WUSA-Kickerin Marion Meinert: "Wir werden es mit kreischenden Kindern zu tun bekommen." Aber ist doch eigentlich gleich, wer die Kohle rein bringt, oder? Die Dollars werden jedenfalls ausreichen, den Spielerinnen tendenziell fest gelegte Durchschnittsgehälter (durch die WUSA) für die Halbjahres-Saison von etwa 40.000 Dollar zu zahlen. Die Einkommen der absoluten Top-Spielerinnen liegen natürlich weit darüber. Hinzu kommen allerdings noch die individuell ausgehandelten Extras durch die Vereine (Wohnung, Auto etc.) sowie die grundsätzliche Möglichkeit für die Spielerinnen, sich durch persönliche Sponsoren selbst zu vermarkten (z. B. Marke der Buffer, toller Joghurt oder lecker Hamburger).

DEUTSCHE UND ANDERE STARS

   Für Doris Fitschen (vorher FFC Frankfurt; jetzt Philadelphia Charge), eine der drei deutschen Profi-Spielerinnen der WUSA, ergibt sich dadurch u. a. die Chance, über ihren deutschen Schuhausrüster "Adidas" auch in den USA ein paar Mark mit den gemütlichen Tretern zu machen. Ob es allerdings allen Kickerinnen gelingen wird, ihren vermeintlichen Marktwert in den USA zu nutzen, bleibt dabei die große Frage. Schließlich war es Fitschen selbst, die vor einiger Zeit eine wohl ganz richtige Einschätzung gab: "Ich habe in Amerika die Erfahrung gemacht, dass die Amis die Amis lieben". Neben Fitschen haben noch zwei weitere deutsche Spielerinnen den Sprung über den großen Teich und in das Profitum gewagt: Maren Meinert und Bettina Wiegmann (beide früher FFC Brauweiler). Im Paar wurden die beiden Kickerinnen den Boston Breakers zugeordnet. Dies war aber wohl auch ihr Wunschteam. Für Meinert ist es ein Traum, endlich auch die (finanziellen) Früchte der jahrelangen guten Fußball-Arbeit zu ernten: "Frauenfußball in Deutschland ist wie Zeitungen austragen, nur zu einer anderen Tageszeit", so ihr ziemlich resignatives Statement zur Lage der Nation.

   Neben dem deutschen Trio wird man noch einige andere Weltstars in der neuen Liga bewundern können. So sind aus Brasilien die Ausnahmespielerinnen Sissi und Pretinha eingekauft worden, aus China (das sich zunächst prinzipiell gegen Transfers sträubte) kam u. a. Sun Wen (Torschützenkönigin bei Olympia und der letzten WM). Hinzu kommen noch Spielerinnen von Olympiasieger Norwegen, aus Nigeria und einigen andern Ländern. Dass die Rechnung für die Investoren aufgehen könnte, belegt die Zuschauerresonanz am ersten Spieltag: Zum Eröffnungsspiel in Washington D.C. (vs. San Jose/Bay Area) kamen 34.000 Besucher (allerdings mit Mia Hamm als Zugpferd), das Match Atlanta - New York sahen immerhin noch 20.000 Supporter.

MITBEKOMMEN? EM IN DEUTSCHLAND!

   Da war doch noch was? Richtig: vom 23. Juni bis zum 7. Juli findet in Deutschland die Frauenfußball-Europameisterschaft statt. Teilnehmer sind Gastgeber und Titelverteidiger Deutschland (qualifiziert durch 4 Siege und 2 Unentschieden gegen Italien, die Ukraine und Island), Olympiasieger Norwegen, Schweden, Dänemark, Italien, Russland, England und Frankreich. Alle Spiele der deutschen Mannschaft und das Endspiel werden live bei ARD und ZDF übertragen, die anderen Begegnungen sind bei Eurosport zu sehen. Austragungsorte sind Erfurt und Jena (Gruppe A: Deutschland, Schweden, Russland, England), sowie Ulm, Aalen und Reutlingen (Gruppe B: Norwegen, Frankreich, Italien, Dänemark). Die Halbfinalspiele (4.7.) und das Endspiel (7.7.) werden alle im Ulmer Donaustadion durchgeführt. Für Bundestrainerin TTM, die übrigens auf die drei US-Legionärinnen zurück greifen kann (FIFA-Regelung: für sieben Spiele müssen Nationalspielerinnen frei gestellt werden), darf es nach der überraschend erfolgreichen Olympiateilnahme eigentlich nur um die Titelverteidigung gehen: "Ich will, dass die EM im eigenen Land ein Erfolg wird, dass wir so viele Zuschauer wie möglich haben (aha! d. T.) und das Endspiel erreichen." Ob dabei die Querelen, die es mittlerweile angeblich innerhalb des Nationalteams zwischen der Trainerin und einigen Spielerinnen geben soll, eine Rolle spielen werden, darüber kann man derzeit nur spekulieren. Die nicht immer erfolgreichen Vorbereitungsspiele haben jedenfalls die Gerüchteküche nicht verstummen lassen.

TIPPS, TIPPS, TIPPS

   So, wer sich jetzt selbst einbringen will, weitere Informationen benötigt, oder einfach nur nett unterhalten werden möchte (wehe, ihr Schlingel!), dem/der möchte ich noch ein paar Infos (Service-Center Übersteiger) mit auf den Weg geben.

1. Die besten Internet-Seiten zum Thema Frauenfußball sind folgende:
   www.frauenfussball.de
   www.FFNews.de
   www.wusa.com
   www.womenssoccer.com
   www.dorisfitschen.de
   sportsillustrated.cnn.com
   www.uebersteiger.de (alle im ÜS erschienenen Artikel zum Thema im Archiv abrufbar)

2. Einen hervorragenden, informativen und amüsanten Artikel zu den Anfängen des Frauenfußballs beim FC St. Pauli findet ihr (Autor: Uwe Wetzner) in der "pauli" Nr. 6 (April 2001), die gegen Oberhausen erschienen ist. Keine Ahnung, ob der Bericht auch online (wenn, dann über www.fcstpauli.de) verfügbar ist.

3. Die Frauenfußball-Abteilung des FC St. Pauli startet einen erneuten Versuch, ein Mädchen-Team aufzubauen. Wer also sport- und speziell fußball-interessierte Töchter hat oder selbst im entsprechenden Alter ist, kann sich über den Fanladen (Tel.: 439 69 61) Kontakt aufnehmen und nähere Informationen einholen.

So long ro.

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