St. Pauli zwei Nummern zu groß
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Nach dem Sex trinkt der richtige Mann eine Pulle Bier, anstatt eine Zigarette zu qualmen. Dies empfiehlt jedenfalls die Bavaria Brauerei. Mit solchen delikaten Botschaften starteten die Hanseaten vor drei Jahren ihre Reklameoffensive für die damals herunter- gekommene Biermarke "Astra", inzwischen von der Holsten-Gruppe übernommen und nun St. Paulis neuer Hauptsponsor. Erstmals tauchte das knallrote Trikotlogo beim Heimspiel gegen Osnabrück auf, ein schlechter Start, denn die Partie ging 2:4 verloren. |
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Gleichwohl passt das Klischee, schließlich wird das traditionsreiche Astra, der Liebling meiner Jugend, mittenmang des Stadtteils St. Pauli gebraut. Die dazugehörige Bavaria-Brauerei - "Bavaria" ist eine Frauengestalt, die Bayern symbolisiert - geht auf den Niederländer Peter de Voss zurück, der 1647 vom Hamburger Senat sein Brauprivileg erhielt. An dieser Geschichte gemessen ist die Konzernmutter Holsten-Brauerei AG ein junges Mädchen, denn sie wurde erst 1879 in der Altonaer Holstenstraße gegründet. Heute ist sie immerhin die Nummer eins der deutschen Bierproduzenten. Mag die bayerische Bavaria für den gemeinen St.-Pauli-Freund anrüchig sein, so kann Astra-Bavaria-Besitzer Holsten immerhin auf sympathische Vorfahren verweisen, die Holsten eben. Die Firma selber beschreibt diesen "germanischen Stamm" als: freiheitsliebend, starrköpfig und sehr gastfreundlich - der übliche PR-Rummel halt.
Astra und der FC St. Pauli passen sowieso prima zusammen, meint zumindest Holsten, das bisher als mittelgroßer Sponsor sowohl bei uns, wie beim HSV aktiv ist. "Astra steht für Lebendigkeit und Lebensfreude", und verbindend zwischen Klub und Sponsor wirken neben der gemeinsamen Heimat der eigenwillige Charme, kämpferische Einstellung sowie die treue und einzigartige Fan-Gemeinde, heißt es in einer Pressemitteilung. Das Motto der Partnerschaft: "Pille meets Pulle".
Dass wir auch zukünftig Astra trinken können, scheint inzwischen klar zu sein. Allerdings sollen Brauerei und Abfüllung bis 2003 in ein sogenanntes Brauhaus umgewandelt werden. Neben dieser Erlebnis-Brauerei sollen Wohn- und Gewerbebauten entstehen. Die Jobs der Bavaria-Beschäftigen seien damit gesichert - viele arbeiten jetzt in Altona bei Holsten -, und zugleich sei damit gesichert, dass "Astra weiter auf St. Pauli gebraut wird", versichert Pressesprecher Udo Franke dem Übersteiger.
Spätestens seit dem kürzlichen Konkurs unseres früheren Hauptsponsors World of Internet - der ÜBERSTEIGER hatte bereits im Oktober (Nr. 49) vor "fragwürdigen Geschäften" gewarnt - sorgen wir uns über das ökonomische Wohl und Wehe unserer Geldgeber. Wie die Internetfirma WoI bewegt sich auch Holsten auf einem schwierigen Markt, denn es wird immer weniger Bier gezecht: Wurden früher durchschnittlich über 150 Liter pro Kopf verputzt, sind es heute weit weniger als 130.
Den Negativtrend verschulden freilich nicht allein Typen wie Markus Lotter und der Autor dieser Zeilen, die lieber Wein picheln, sondern eine Menschheit, die scheinbar immer gesitteter wird. So heißen die Gewinner auf dem insgesamt wachsenden Flüssigkeitsmarkt Wasser (in Flaschen) und Erfrischungsgetränke. In diesen Marktsegmenten mischt Holsten am Rande zwar auch mit, aber eigentlich ist Bier ihr Geschäft. National, so der Branchenjargon, setzt man auf die Marken Holsten und König-Pilsener, regional auf Lübzer und Licher, lokal auf Lüneburger und Astra.
Bereinigt man den Umsatz um Sonderfaktoren, ist Holstens Bierabsatz im Jahr 2000 leicht zurückgegangen. Holsten will jedoch wachsen. Daran ließ Brauboss Ross schon im vergangenen Jahr im Gespräch keinen Zweifel aufkommen: "Wir wollen solide und Schritt für Schritt voran." 1998 hatte man - kurz nach dem Start der sexy Werbekampagne - den maroden Kultbrauer Bavaria St. Pauli (Astra) vom zwischenzeitlich rettend eingesprungenen Hamburger Senat übernommen und ihn vor der Pleite gerettet, 1999 kam Licher dazu und im Februar 2000 erwarb Holsten mit König-Pilsener (Köpi) eine zweite nationale Marke neben dem Leitbier Holsten. Vorstandsvorsitzender Andreas Rost will mehr davon. "Wir wollen Rosinen rausnehmen und zusammenführen." Inzwischen freut sich Rost über einen Umsatz von rund zwei Milliarden Mark im vergangenen Jahr und einem bundesdeutschen Marktanteil von 10 Prozent, dieser soll auf 15 Prozent wachsen. Die Chancen sind gut, denn im Unterschied zu Holsten schwächeln die meisten der mehr als 1.200 Brauereien. Konsolidierung ist daher Trumpf - im Klartext: Weitere Fusionen stehen an!
Europaweit ist der deutsche Riese trotz seines siebten Rangs nur ein Zwerg, und der Abstand zur Spitze vergrößert sich sogar. Dort wird nämlich noch flotter "konsolidiert": Die belgische Interbrew (Stella Artois) braut jährlich mehr als 80 Millionen Hektoliter, Holsten weniger als 12 Millionen.
Holsten exportiert traditionell sein Bier nach England. Dort sind die Hamburger stark im lukrativen Premium-Segment und obendrein populär als Trikotsponsor von Tottenham Hotspurs. Hierzulande findet sich noch die Holsten-Tochter Feldschlößchen auf den Fußballtrikots des Dresdner SC in der Regionalliga Nord. Die Holsten-Sonne soll ohnehin im Osten aufgehen, in Polen und langsamer in Russland. Alles in allem gilt Holsten unter Bankanalysten und anderen Branchenbeobachtern als vielleicht ein wenig langweilig, aber doch als grundsolide, während der große bundesdeutsche Konkurrent Brau und Brunnen (Jever, Apollinaris, Schweppes) seit langem vor sich hinkriselt. Dies tut momentan der Holsten-Aktienkurs, der in einem halben Jahr von 28 auf unter 20 Euro abrutschte, was aber in etwa der allgemeinen Börsenentwicklung entspricht. Die Aktien befinden sich zu etwa 70 Prozent in den Händen von einigen Großaktionären.
Uns bleibt Astra nur für diese Saison als Hauptsponsor erhalten, heißt es bei Holsten. Danach soll Astra die bisherige drittrangige Sponsorenrolle der Konzernmutter einnehmen, versichert Sprecher Franke. Astra wird nämlich nur in Hamburg und den Randgemeinden getrunken. Es ist zwar laut Holsten "gut etabliert", aber eben doch nur ein Lokalbier und als solches zwei Nummern zu klein für die nationale Marke FC St. Pauli.
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