Rien ne va plus!

Ouvertüre:

   Ein Tag im Dezember 2000. Es ist dunkel und kalt, sehr kalt. Leise rieselt der Schnee herab, überzieht den Boden wie eine Zuckergußglasur. 14 Gestalten warten auf ihren Einsatz. Frieren still und leise vor sich hin. Kein Haus weit und breit. Plötzlich erhellt das Scheinwerferlicht die Szenerie. Eine schwarze Limousine kommt aus dem Dunkel der Nacht. Der Fahrer steigt aus und öffnet die zweiteilige Heckklappe. Ein schwarzer Eichensarg offenbart sich ihnen, schön poliert, mit güldenen Griffen und einer weißen Aufschrift versehen. Mit bleichen Gesichtern heben die Gestalten den Sarg aus dem Wagen. Immer noch herrscht gespenstische Ruhe. Plötzlich ein Schrei. Ein Uhu kreuzt den Ort, verschwindet schnell im Dickicht der Bäume. 14 Gestalten tragen nunmehr den Sarg, während der Fahrer betend voranschreitet. Nach fast unendlicher Zeit erreichen die Gestalten die Grabstätte und bleiben stehen. Ein letztes Stoßgebet des Fahrers durchbricht die Stille der Nacht: Ruhe in Frieden, liebe Oberliga Hamburg/Schleswig-Holstein. Und die Gestalten lassen den Sarg langsam in die Gruft herab...

1. Vor der Saison ist nach der Saison...

   Rien ne va plus, nichts geht mehr... So prognostizierte mancher Insider die Probleme der anstehenden Saison in der Oberliga Hamburg/Sschleswig-Holstein, bevor überhaupt der erste Kick Off erfolgt war. Allein bei den Etatgrößen klaffen Welten von DM 90.000,- bis 100.000,- (Eimsbütteler TV/Harburger Turnerbund) bis zu 1 Million (1 SC Norderstedt), was sich natürlich auch in den sportlichen Zielen widerspiegelt. Während Norderstedt und Kiel fast schon zum Aufstieg verdammt sind (Anmerkung: Der Meister der Oberliga HH/SH muß gegen den Meister der Oberliga Niedersachsen/Bremen in einer Relegation um den Aufstieg spielen. Somit ist man als jeweiliger Meister seiner Liga noch nicht am Ziel seiner Träume!) wollen andere Vereine wie z.B. der HTB, ETV oder der SV Lurup nur überleben. Weder Fisch noch Fleisch, also im grauen Niemandsland der Liga, werden Vereine wie Vorwärts/Wacker 04 Billstedt oder Rasensport Elmshorn erwartet, die weder finanziell noch sportlich große Probleme haben werden, die Klasse zu halten. Auch zum erweiterten Favoritenkreis werden die Amateurmannschaften des hsv und des FC St. Pauli sowie der TuS Hoisdorf oder der TuS Felde dazugerechnet. Finanziell geradezu lächerlich und die Zweiteilung der Liga verstärkend muteten hierbei die DM 13.750,- TV-Gelder an, die an jeden Oberligisten ausgezahlt wurden. Offiziell standen eigentlich jedem Verein DM 27.500,- zu (auch noch absurd), aber da der Norddeutsche Fußballverband + die Vereine aus Hamburg und SH die Oberligareform, sprich die eingleisige Oberliga Nord ablehnten, wurden 50 Prozent vom DFB einbehalten. Fest eingeplante Gelder, z.B. für Reisekosten, fielen weg und konnten kaum kompensiert werden. Weiterhin verschärft wurde die finanzielle Lage mancher Vereine durch die Erhöhung der Meldegebühren von DM 500,- auf DM 1500,- plus die 120 Prozent Erhöhung der Schiedsrichterkosten, was insgesamt DM 19.000,- Mehrkosten pro Verein ausmacht. Da grenzt es fast schon an ein Wunder, daß Vereine wie der HTB und der ETV nicht vorher das Handtuch geworfen haben.

2. Nichts ist älter als die aktuelle Lage

   Kurz vor Weihnachten hat das Schiff Oberliga seinen ersten Mann über Bord geworfen, eine mögliche Reißleine konnte keiner der Verantwortlichen des HTB ziehen. Ausstehende Zahlungen an die Spieler, der schwindende Zuschauerschnitt (Saison 1999/2000 166!) und der Rückzug des Hauptsponsors in der letzten Saison waren schließlich der Grund für den sportlichen Exitus. Somit ist nun der ETV der Oberligaverein mit dem kleinsten Etat. Ob dieser Verein die Serie zu Ende spielen kann, wird sich zeigen. Einige Leistungsträger haben den Verein bereits verlassen und wurden durch junge, sicherlich nicht so teure Spieler ersetzt, so daß die Beendigung der diesjährigen Saison möglich erscheint. Aber auch andere Oberligisten liebäugeln bereits mit dem Rettungsboot, sprich dem Rückzug aus der Oberliga. So wird der TuS Dassendorf aufgrund des Rückzuges des Hauptsponsors G. Wunder nicht mehr an den Start gehen. Grund für seinen Rückzug ist die ablehnende Haltung der Gemeinde Dassendorf gegenüber seinen Ausbauplänen der Sportanlage. Daß die Gemeinde angesichts von mittlerweile 16 Jugendmannschaften angeblich noch nicht mal das Gesprächsangebot des Sponsors angenommen hat, erscheint vorsichtig ausgedrückt, unverständlich. Beim Eichholzer SV hingegen droht derweil der Präsident W. Krüger mit Reduzierung seines finanziellen Engagements sofern bis Ende Februar 2001 keine Zusagen in Höhe von DM 70.000,- anderer Sponsoren vorliegen. Bei Nichteinhaltung will der anscheinend frustrierte Präsi nächste Saison mit einer besseren 2. Mannschaft antreten. Daß sich Sachlagen innerhalb von Wochen doch noch ändern können, zeigen indes zwei weitere Vereine. So hatte der TuS Hoisdorf aufgrund des Rückzuges des Hauptsponsors Oliver Bruss schon seinen Rückzug erklärt, hieß es hingegen plötzlich am 12.02., daß mit dem derzeitigen A-Junioren-Team die Oberligasaison 2001/2002 bestritten werden soll. Ob dies klappt, we will see. Weiter fortgeschritten sind dagegen wohl die Pläne des TSV Altenholz, auch in der nächsten Saison in der Oberliga zu kicken, statt der angestrebten Fusion von Holstein Kiel und TuS Felde beizutreten. Mit einem deutlich reduzierten Etat (die meisten Sponsoren des TSV werden sich wohl der Spielgemeinschaft Holstein Kiel/TuS Felde anschließen) sowie einem stark verjüngtem Team (1. Mannschaft/Junioren/2.Mannschaft) will man antreten. Somit wären wir beim TuS Felde angelangt, der der Fusionitis erlegen ist und mit dem Holzbein aus Kiel aufrecht gehen möchte (In Form einer GmbH). Last but not least erhielt ich vom Dassendorfer Neutrainer Schönteich die Info, daß auch der Heider SV sein Oberligaengagement mittlerweile überdenkt. Spannend bleíbt's auf jeden Fall und wer noch in das vermeintliche Rettungsboot "Freiwilliger Abstieg/Rückzug aus der Oberliga" springen wird, wird sich zeigen und vielleicht in der Verbandsliga anheuern....

3. Die Rolle der Sponsoren....

   Wie Ihr seht, sind viele Vereine vom Wohl und Wehe von jeweils einem Hauptsponsor abhängig, der zumeist in der Gestalt einer Einzelperson auftritt. Dies war auch in der Vergangenheit schon der Fall, als Namen wie Bartels (Hummelsbüttel/ Regionalliga), Plambeck (Norderstedt/ Regionalliga), Wolf (VfL 93/Regionalliga) oder Einsath (Lurup/ Regionalliga) die "Herz-Lungen-Maschine" der jeweiligen Vereine waren, jedenfalls solange sie Lust hatten und eine sportliche Perspektive erkennbar war. Spätestens beim Problem des Sprunges in die 2. Liga scheiterten allesamt, zogen sich zurück und hinterließen teilweise Vereine mit großen Geldsorgen, die dann den freiwilligen Abstieg in die Verbands-/Landesliga-und bis in die Kreisliga vollzogen. Schließlich hatte keiner der Vereine mal an den Aufbau eines breitgefächerten Sponsorenpools gedacht um den Folgen eines Ausstieges eines Großsponsors zumindest teilweise abzumildern, was sicherlich auch nicht einfach war und ist. Denn um jetzt in die Gegenwart zu kommen, interessieren potentielle Sponsoren zumeist nur Vereine der 1. und mit Abstrichen der 2. Bundesliga, die permanent in den Medien vertreten und somit sehr attraktiv sind, inklusive einer natürlich sehr viel größeren Zuschauerzahl. Dort läßt sich der Bekanntheitsgrad eines Sponsors steigern (Wer kannte von uns schon World of Internet?), das eingesetzte Kapital amortisiert sich sogar unter Umständen (zumindest können Umsatzsteigerungen erzielt werden) und es wird ein Positivimage aufgebaut (Beispiel Jack Daniels ?). Mit einem Oberligisten ist dies so gut wie unmöglich.

4. Spieler kommen und gehen....

   Sicherlich ist das Beispiel des Ex-Profis Jürgen Degen (ehemals Kaiserslautern, Hannover 96) jetzt bei Dassendorf, nicht repräsentativ für das normale Gehaltsgefüge in der Oberliga. Aber wenn er wirklich beim TuS Hoisdorf DM 8000,- netto gefordert hat (er hat sich angeblich selbst angeboten), dann ist dies an Dreistigkeit kaum zu überbieten, zeigt aber auch die Spitze des über Jahrzehnte gewachsenen Eisberges. Die Spieler konnten in der Vergangenheit immer höhere Gehaltsforderungen stellen, fand sich doch fast immer ein Verein, der bereit war dies auch zu zahlen. Schließlich war für den sportlichen Erfolg nichts zu teuer. Mittlerweile gilt dieses Prinzip vielleicht nur noch für die Regionalliga, aber bereits in der Ober-und auch in der Verbandsliga werden sämtliche Gehaltswünsche nicht mehr erfüllt werden (können). Denn schließlich haben in den letzten Jahren etliche Oberligisten ihre Jugendarbeit derartig intensiviert, daß diese auch in der Oberligamannschaft eingebaut werden können und die Abhängigkeit von teueren Spieler reduziert wurde. Beispiele hierfür sind Vorwärts/Wacker, der SV Lurup und natürlich auch der FC St. Pauli.

5. Die Fans, das unbekannte Wesen oder Couch Potato rules...

   Fakt ist, daß das Zuschauerinteresse unterhalb der Oberliga in den letzten Jahren nachgelassen hat während es bei der Oberliga eher schwankt. Lediglich Spitzenspiele, wie z.B. in der Verbandsliga Bergedorf 85-(Scheiß)-Cordi mit 320 können zumindest ansatzweise den einen oder anderen Sesselpuper auf die Traversen treiben. Die Schwankungen der in dieser Form sechs Jahre bestehenden Oberliga hat dagegen viele Gründe und ist teilweise recht komplex und auch widersprüchlich. Zum einen hängt viel von innerer Einstellung ab, insbesondere mittlerweile beim braun-weißen Anhang: Gehe ich noch zu den Amateuren obwohl die Profis so erfolgreich sind ? Oder gehe ich gerade deswegen zu den Amateuren um diese nicht zu "vernachlässigen" weil mir der Fußball made by braun-weiß Spaß bringt ? Einen positiven Effekt brachte z.B. die Saison 94/95, in der der Zuschauerschnitt bei unseren Amateuren stolze 631 betrug obwohl auch die Profis recht erfolgreich waren. Dies lag sicherlich auch an der Mannschaftsstruktur der Amateure und der damit verbundenen Identifikation seitens der Fans. Weitere Gründe sind sicherlich in den jeweiligen Ligarivalen zu sehen, insbesondere die Lokalderbies gegen Altona, Cordi, Bergedorf oder Norderstedt zogen bis zu 1500 Fans. Gegenteiliger Effekt in der Saison 97/98: alle hofften wohl auf den sofortigen Wiederaufstieg der Profis, so daß der Zuschauerschnitt "nur noch" 459 betrug. Ligaweit stellen sich die Durchschnittszahlen wie folgt dar: 94/95: 356, 95/96: 331 (Amateure in der Regionalliga), 96/97: 284 (Amateure in der Regionalliga), 97/98: 408 (!) (Amateure in der Oberliga, aber auch Holstein Kiel und der VfR Neumünster waren für den Anstieg verantwortlich), 98/99: 323 und 99/2000 nur noch erschreckende 246 !. Grund für das Absinken der Zahlen ist z.B. eindeutig die mediale Berichterstattung im Profibereich. Premiere und DSF rules und schon bleibt mensch zu Hause, schnappt sich ein Bier und macht es sich auf der heimischen Couch bequem. Oder schafft den Weg gerade noch zum Tresen seiner Lieblingskneipe um dem Profifußball zu huldigen, während vielleicht an der nächsten Ecke ein flotter Amateurkick stattfindet. Vermeintlicher Ausweg in Form der eingleisigen Oberliga Nord ???...

6. Club der toten Dichter, oder: denke ich an die Verbände in der Nacht, werde ich um den Schlaf gebracht...

   Die zuständigen Verbände spielen im Augenblick eine eher abwartende, teilweise unglückliche bis zuweilen wenig konstruktive Rolle, weder für die jetzt laufenden Saison noch für eine mögliche Reform hin zur eingleisigen Oberliga. Viel Unmut seitens der Oberligavereine zog sich z.B. der Vorsitzende des Norddeutschen Fußballverbandes (NFV), Eberhard Nelle vor Saisonbeginn zu, als er versprach sich beim DFB für die volle Zahlung der TV-Gelder in Höhe von DM 27.500,- einzusetzen, was der "Club der toten Fußballfunktionäre" DFB mit der nicht vollzogenen eingleisigen Oberligareform (Zusammenschluß der Oberligen HH/SH und NS/Bremen; von den Vereinen abgelehnt) ablehnte. Eher abwartend zeigt sich der Hamburger Fußballverband (HFV) hinsichtlich der Zukunft der Oberliga und einer möglichen Einführung einer eingleisigen Oberliga. Jedenfalls entscheiden letztendlich die Vereine, in welcher Klasse sie spielen so Karsten Marschner, Geschäftsführer des HFV. An einem Votum gegen die Einführung der eingleisigen Oberliga werde der Verband nicht vorbei entscheiden, so der HFV, der anscheinend die Oberliga Nord den Vereinen nicht sonderlich schmackhaft machen kann. Richtig peinlich gebärdet sich der DFB, der sich durch destruktive Äußerungen ins absolute Nirwana bugsierte. Man sei nur für den Spitzensport zuständig, so Willi Hink, Abteilungsleiter im Spielbetrieb des DFB, habe deswegen die Internate eingeführt und könne die Oberligen jedenfalls nicht finanzieren. So what ????..

7. No risk, no future, no life ??

   Nach der obigen Aussage des DFB kann man eigentlich kaum hoffen, daß eine vernünftige finanzielle Ausstattung für die Oberliga (egal ob eingleisig oder nicht) im Bereich des Möglichen erscheint. Keiner der Profivereine hat sich bisher positiv zu einer stärkeren finanziellen Unterstützung der Oberligen geäußert. Trotzdem sollte man von gewissen absolut notwendigen Voraussetzungen für eine sportlich anspruchsvolle, eingleisige Oberliga Nord nicht abgehen, auch wenn dies im Augenblick schon fast traumtänzerisch wirkt. Hierzu gehört eine finanzielle Grundsubstanz mit DM 150.000,- bis 200.000,- TV-Gelder pro Verein je Saison. Dazu passende Spielerkader, bestehend aus vielen gut im eigenen Verein ausgebildeten Jugendlichen (trotz der Internate) sowie einigen erfahrenen, gestandenen Spielern + einer möglichen medialen Aufwertung durch die Berichterstattung von Oberligaspielen in Lokalsendern wie z.B. Hamburg 1. Dies könnte mit der Unterstützung der Profivereine aus eigenen Mitteln (Aufstockung der TV-Gelder aufgrund fester Verträge bis 2004 mit SportA nicht möglich), genannt Solidarität, sowie des DFBs (sofern ein Umdenken dort stattfindet) in gar nicht so ferner Zeit Realität werden.
Muß es vielleicht nämlich auch, sofern der DFB die einteilige Regionalliga einführen möchte. Zwar ist laut Karsten Marschner dies im Augenblick nicht geplant, aber laut Willi Hink wird über kurz oder lang die eingleisige Regionalliga kommen (müssen). Spätestens dann werden die Oberligisten ihre bisher ablehnende Haltung (Abstimmung 23:12 Stimmen gegen die einteilige Oberliga Mitte Dezember 2000) aufgeben müssen und der HFV/NOFV würde dies vielleicht unterstützen. (Anm. d. Korr.: Für die kommende Saison 2001/2002 hat der Verband sich Ende Februar für die Beibehaltung der zweigleisigen Oberliga entschieden) Aber auch ohne die Einführung der einteiligen Regionalliga ist die Einführung der eingleisigen Oberliga Pflicht. Der sportliche Vergleich wäre reizvoller, die jungen Talente würden sich besser entwickeln. Außerdem würden die Talente nicht unbedingt sofort zu Regionalligisten oder in die 1.+2. Bundesliga abwandern. Und bei einer guten finanziellen Grundausstattung wird auch so mancher ambitionierte Verbandsligist (zum Beispiel Altona 93, Bergedorf 85 oder Cordi) keine Probleme mit einem Aufstieg in die eingleisige Oberliga Nord haben. Daß der Fan dabei auch sein Scherflein dazutun, sprich den Arsch Richtung Spielfeld bewegen muß, ist wohl nur allzu klar.

Ra.


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