einmischen.wehren.Widerstand!

Ein kleiner Text über die Notwendigkeit antifaschistischen Engagements

   Es vergeht kaum mehr eine Woche, ohne dass Nazis in Hamburg oder im Hamburger Umland aufmarschieren. Seit fast zwei Jahren tragen sie offensiv ihre Parolen auf die Straße. Das wäre bis dahin undenkbar gewesen, konnte die antifaschistische Linke ihnen doch meist ihre Grenzen aufzeigen und die Aufmärsche verhindern. Das ist inzwischen nicht mehr so: die deutsche Staatsgewalt hat die Sache an sich gezogen und lässt die Nazis unter erdrückendem Polizeischutz ihre öffentlichen Veranstaltungen durchziehen. Mit einem grandiosen Rundum-sorglos-Paket, Schutz der Privat-Pkws und Gratis-Transport mit dem HVV hin zu ihrer Demo und wieder weg inklusive, erhalten sie die staatliche Fürsorge, die z. B. Ausländern in Deutschland noch nie gewährt wurde. Vielleicht sollte man solche Dienstleistungen auch mal für das eine oder andere Auswärtsspiel erwägen (naja, wer will sich schon freiwillig in die Hände der Bullen begeben). Mit diesem staatlichen Service lässt es sich jedenfalls gut demonstrieren. Da in einem ganz eigenen Verständnis demokratischer Meinungsfreiheit die Gegenkundgebungen meist auch gleich mit verhindert werden, können die Nazis ihre Parolen meist unbehindert auf die Straße tragen. Diese staatliche Fürsorge, wie sie seit einiger Zeit in Hamburg an der Tagesordnung ist, ist für die BRD schon einmalig.

   Dennoch ist es eins ums andere Mal gelungen, einen Naziaufmarsch zu verhindern. Wir erinnern uns noch gerne an den August letzten Jahres, als rund 150 Nazis durch Altona marschieren wollten und sie nach kurzer Strecke unverrichteter Dinge wieder umkehren mussten. Zu viele Leute waren auf der Straße, die sich trotz des massiven Polizeiaufgebots dem Demozug auf der Straße entgegenstellten. Oder Ende Februar, als die Nazis auch in Bramfeld, in ihrem Stadtteil, ihre Demo zwar genehmigt bekamen, diese vor Ort aber nicht durchsetzen konnten.

   Sieht man sich dieses oft nur klägliche Häuflein von 50, 100 selten mehr als 200 Nazis an, stellt sich natürlich die Frage nach ihrer Bedeutung. Soll man diese Figuren wirklich so ernst nehmen? Vor allem wenn man sich ihre Redebeiträge auf den Kundgebungen anhört, ihre Verlautbarungen im Internet oder ihren Fanzines liest. Neben deutschem Herrenmenschengetöse oft nur Gejammer, dass alle gegen sie seien usw., natürlich abgesehen von den "aufrechten Patrioten". Christian Worch, Vorsprecher der norddeutschen Nazis, von Beruf Erbe und Heulboje, sieht überall ausländische und sogenannte "kriminelle Antifascho-Banden", die ihnen das Leben schwer machten. Und der Staat, der sie nicht mag - die staatliche Fürsorge wird aber dennoch gerne in Anspruch genommen -: Wurde ihnen doch neulich in Bramfeld ein Info-Tisch und dann die Demo am 27. Januar untersagt; Fazit: sie durften erst einen Tag später, am 28., demonstrieren. In ihrem Demo-Aufruf schleudern sie uns ihren geballten Trotz entgegen: "Wir haben die Schnauze voll von dieser Kumpanei zwischen Behörden und Antifaschos, wenn man uns keine Infostände erlauben will, dann suchen wir uns eben eine andere, intensivere Form des Protestes: Demonstration! statt Info-Tisch". - Uiuiui!

   In einem anderen Demo-Aufruf der letzten Zeit hieß es: "Gegen linke Gewalt und Faschismus - für Toleranz gegenüber Andersdenkenden!" Die Parole Gegen Faschismus und für Toleranz gegenüber Andersdenkenden aus den Reihen der Nazis ist ein blanker Hohn. Nazis als Opfer bundesdeutscher Verhältnisse? Allein schon die über 120 Menschen, die seit der deutschen Wiedervereinigung hier von Nazis ermordet wurden, sprechen eine andere Sprache. Sie wurden umgebracht, weil sie die falsche Hautfarbe hatten oder eine andere Sexualität, links waren, behindert oder einfach anders. Dazu kommen die ungezählten Opfer vieler faschistischer Übergriffe ohne Todesfolge. Und diese Übergriffe sind keine Angelegenheit des rechten, ostdeutschen Randes. In Hamburg wie überhaupt in Norddeutschland nehmen die rechten Gewalttaten verstärkt zu.

   Hier hat sich seit etlichen Jahren eine militante Nazi-Szene etabliert, die vor Gewalt nicht halt macht. Die Freien Nationalisten um Christian Worch und Thomas Wulff, der Hamburger Sturm, der Club 88 in Neumünster oder das Blood & Honour-Netzwerk der Nazi-Skins in Norddeutschland sind wichtige Kristallisationspunkte der Rechten. Der Hamburger Sturm und das Blood & Honour-Netzwerk sind inzwischen verboten worden, an der von diesen Gruppierungen ausgehenden Bedrohung ändert das jedoch nichts. Es wird zwar ein bißchen schwerer für sie - Vereinskasse gepfändet, der Vertrieb ihres Propagandamaterials behindert usw. -, ansonsten geht's aber weiter wie zuvor. Da die militanten Nazis in informellen Gruppen, den sogenannten Freien Kameradschaften organisiert sind, greift die bisherige Verbotsdiskussion hier viel zu kurz. Ihre Umtriebe sind so nicht zu stoppen.

   Antifaschismus ist eben kein Sommerlochtheater, wie wir es letztes Jahr beobachten mussten. Wenn kein anderes Medienthema die unschönen Auswüchse rechter deutscher Gesinnung zudeckeln kann, laufen die "Anständigen" wie ein panischer Hühnerhaufen umher. Als wäre alles neu und überraschend. Seit Jahren verschärft sich das politische und gesellschaftliche Klima in Deutschland und zeigt sich zunehmend rassistischer. Aus den Reihen der großen Parteien der demokratischen Mitte mehren sich die Stimmen, die von "Überfremdung" reden oder in nützliche und unnütze Ausländer unterscheiden. Den "unnützen" wird das Aufenthaltsrecht hier abgesprochen. Nur wenn die Nazis es zu dicke treiben, wird um das internationale Ansehen Deutschlands gefürchtet. Eine rassistische Grundstimmung ist in allen Teilen der Gesellschaft zu beobachten: bei den Jugendlichen auf der Straße, auf der Arbeit, auch bei uns im Stadion. Bei den Pogromen und Übergriffen der letzten Jahre hat sich immer wieder die klammheimliche Freude des rassistischen Normalbürgers geäußert, der stillschweigend und wohlwollend dem Treiben des Mobs zuschaute.

   Es sind genau die militanten Nazis, die einem großen Teil der Deutschen ein Sprachrohr geben und das machen, was die Normalbürger sich selber nicht trauen. Die Nazis brechen die Tabus und machen rassistische Meinungen gesellschaftsfähig. In dieser Funktion ist die Bedeutung der wenigen Hundert, die sich auf der Straße zeigen, nicht zu unterschätzen. Und bei den Fußballspielen erleben wir oft genug, dass rechte Gesinnung einen breiten Boden hat - bei den Fans gegnerischer Mannschaften, aber inzwischen auch beim FC St. Pauli. Die alte Parole "Wehret den Anfängen" hat sich längst überholt, über das Anfangsstadium sind wir bereits hinaus. Doch das ist kein Grund, den Kopf in den Sand zu stecken, aufzugeben. Letzten Sommer wurde in Altona ein Stand der NPD von BewohnerInnen des Stadtteils weggefegt. Im Herbst hatten wir einen Info-Stand in Bramfeld ausgerichtet, in dem Stadtteil mit einer hohen Dichte militanter Nazis. Die Reaktion der Nazis ließ nicht auf sich warten: Mit Knüppeln bewaffnet wollten sie uns ihr Verständnis freier Meinungsäußerung demonstrieren. Doch auch hier zogen sie den Kürzeren und gaben Fersengeld. Das ist sicherlich nicht die ganze Lösung des Problems. Dennoch: es hat sie sichtlich getroffen und ihren Bewegungsspielraum und ihre Selbstherrlichkeit eingeschränkt. Es gilt nach wie vor: Kein Fußbreit den Faschisten.

   Wir müssen den organisierten Nazis ihre Selbstsicherheit in der Öffentlichkeit nehmen. Genauso aber müssen wir auch der Akzeptanz rechter Gesinnung in der Gesellschaft und in unserem Umfeld Einhalt gebieten. Die Hamburger Polizei appelliert mit ihrer Kampagne "weggeschaut.ignoriert. gekniffen" und ihren nervigen Plakaten an die Zivilcourage und die fleißige Anwahl der Rufnummer 110. Nun, wenn's denn hilft. Für die alltägliche Praxis schlagen wir aber vor:

einmischen.wehren.Widerstand!
Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen

Antifaschistische Freundinnen und Freunde des FC St. Pauli


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