Im Endeffekt.......
konnte es in dieser Saison bei den Profis nur besser werden, sei es auf dem Feld und/oder zwischenmenschlich außerhalb des Platzes. Einer von denjenigen, die an dem positiven Tabellenstand maßgeblichen Anteil hatten und auch bisher zur guten Harmonie des Teams beigetragen haben, stellen wir hier näher vor. Dabei gilt es hier natürlich nicht, die floskelhafte Berichterstattung der Boulevardpresse zu wiederholen, sondern vielleicht ein wenig neues über Daniel Scheinhardt an´s Tageslicht zu fördern. Ob's gelungen ist, überlassen wir Eurem Urteilsvermögen...
ÜS: Die Neue Ruhr/Neue Rheinzeitung behauptet, Du hättest vor der Saison bei RWO zugesagt, wärst dann nach Berlin abgedampft und plötzlich warst Du bei St. Pauli..
DS: Mit RWO gab es nur ganz normale Gespräche, ich hab da nie zugesagt. Zugesagt heißt, dass ich irgendwas unterschreibe, aber ich hab da nix unterschrieben. Kontakte zu St. Pauli gab es auch schon vorher und mir war damals schon klar: Wenn St. Pauli drinbleibt, dann gehe ich dort hin. Das war für mich schon zwei Monate vor Saisonende klar.
ÜS: Uns nicht mal zwei Tage vor Saisonende. Aber mal im Ernst: Wie fühlt man sich, wenn man zu seinem vermeintlich neuem Arbeitgeber reist, den man vielleicht in die Bedeutungslosigkeit schießt?
DS: Dat hätte ich nicht ändern können. Das ist eben das Schicksal eines Fußballers.
ÜS: Apropos Schicksal: Deines soll bei RWO sehr stark mit der Person Ristic´ verknüpft gewesen sein...
DS: Ja, aber ich wusste ja rechtzeitig, dass Ristic zum Saisonende geht. Ich hatte einfach Bock auf St. Pauli. Glaubt ihr, ich habe Lust dauernd meine Heimspiele vor 3000 Zuschauern zu spielen? Und die pfeifen dann auch noch, wenn Du mal mit 'ner 1:0-Führung in die Halbzeit gehst. Da macht Fußball einfach keinen Spaß. Ich hatte ja den Vergleich aus meiner Zeit bei Aachen. Da war auch ein tolles Publikum. Da konnte ich gleich eine ganz andere Leistung abrufen. Außerdem: Vergleich mal die Stadt Oberhausen mit Hamburg. Hinzu kommt, dass meine Familie in Berlin lebt und ich mal eben da rüber fahren kann.
ÜS: Drei von Euren Spielern sind vor dem Schicksalsspiel ausgerechnet in unserer Fankneipe aufgeschlagen...
DS: Stimmt, der Quallo, Judt und Luginger. Haben die erzählt. Sie kamen da erst rein und dachten, wo bin ich denn hier gelandet. Plötzlich entwickelte sich ein supergutes Gespräch und da sind die eben auf ein, zwei Getränke geblieben.
ÜS: Man munkelt, einige Spieler hätten nur auf halben Touren gespielt?
DS: Ne, ne, dat glaub ich nicht. Wer das Spiel gesehen hat, hat auch gesehen, dass wir gewinnen wollten. Da hängen ja ganze Existenzen an. Ich hab nur irgendwann zu Marin gesagt, als ich gemerkt habe, dass bei St. Pauli gar nichts mehr geht: "Aye, was ist denn mit Euch los. Das ist Euer letztes Spiel, ihr müsst mal ein bisschen mehr Gas geben".
ÜS: Wo Du gerade von überalterten Spielern redest, die zudem noch die Moral in der Mannschaft versaut haben: Hattest Du, als Du jünger warst auch mal mit so einen Miesmichel zu tun?
DS: Ich kann mich da an eine Szene mit Theo Gries erinnern, da dachte ich, dass ich gleich heulend nach Hause gehe, so hat der mich angepflaumt. Im Nachhinein hat mich das aber weiter gebracht, da darf man eben nicht so sensibel sein.
ÜS: Deswegen hast Du auch Markus Lotter so in Schutz genommen, als er beim DFB-Pokal-Spiel bei Leverkusens Amateuren von einem Fan als "Arschloch" bezeichnet wurde?
DS: Keiner hat das Recht, persönlich zu werden. Das ist unterste Schublade. Die Leute haben ihn auf dem Kieker, obwohl sie ihn als Menschen gar nicht kennen. Ist doch klar, dass ich darauf reagiere. Ich habe aber nicht - wie es hieß - "Halt's Maul" zurückgerufen, sondern nur "Wir sind eine Mannschaft, entweder feuert ihr alle an oder gar keinen".
ÜS: Mal ein ganz anderes Thema: Die Stadionzeitung hat Dich zusammen mit Zlatco Basic als Duo Infernale portraitiert. Auf den neutralen Beobachter wirkt ihr beiden vom Wesen her wie Tag und Nacht.
DS: Natürlich sind wir völlig andere Typen. Aber wir haben beide Spaß am Fußball und wollen erfolgreich sein. Bei uns gibt es auch kein Neid, wenn der Andere spielt und man selber nicht. Dann muss man eben an sich arbeiten.
ÜS: Gerade die jungen Spieler müssten das genauso, jetzt sind wieder einige Talente in den Notizblöcken der Erstligisten. Gibt man da als alter Hase mal Rat?
DS: Natürlich. Aber da müssen die schon auf mich selber zukommen. Wenn jemand meint, er wäre schon reif genug für die erste Liga, dann soll er eben wechseln.
ÜS: Aber ist man bei den ständigen Wechselgerüchten als Mitspieler nicht genervt?
DS: Da müssen die eben durch. Dann sollen Sie doch sagen, dass sie nichts mehr sagen. Damit wäre oftmals schon gedient.
ÜS: Was hältst Du von dem Geyer-Modell des Ganztagsprofis?
DS: Wenn mir jemand erzählt, wie ich von 9 bis 17 Uhr trainieren soll, werde ich mir das gerne mal anhören.
ÜS: Du warst 1993 das Gesicht des Jahres in Berlin?
DS: Ich hatte befürchtet, dass ihr das fragt. Nur eines: Es nervt schon, wenn man nicht liest: "Manndecker geht zu St. Pauli", sondern "Berlins Gesicht 1993 geht zu St. Pauli". Das ganze hab ich wohl Pröpper zu verdanken. Der wollte mich flaxen und hat das einem Hamburger Zeitungsfritzen gesteckt. Das ganze fing damals auf Mallorca an, aber lassen wir das?
ÜS: Du bist angelernter Reiseverkehrskaufmann. Warst Du schon mal im Ausland aktiv?
DS: Ich war insgesamt sechs Wochen in England. Damals habe ich vier Spiele für Stoke City gemacht. Die waren in der First Division. Das ganze ist aber an meinem Berater gescheitert. Die wollten einfach nicht mit einem Norweger zusammen arbeiten und das war mein Berater nun mal. Das war 1996. Die hatten auf der Insel gerade irgendeinen Skandal mit einem norwegischen Spielerberater. Bei Ipswich Town sollte ich auch spielen, nur da hat dann wieder ein Fax vom DFB gefehlt und dann hat das auch nicht geklappt. Irgendwann hatte ich dann die Schnauze voll.
ÜS: Präsident Reenald Koch sprach von einem Krisengipfel mit dem Thema "Aufstieg"?
DS: Wenn das für ihn ein Grund für einen Krisengipfel ist, o.k. Für mich ist der Aufstieg ein Traum. Aber jetzt überhaupt davon zu reden, ist verfrüht. Trotzdem: Diese Saison ist alles möglich. Ich hab es ja mit Oberhausen gesehen. Zur Winterpause waren wir für jeden so gut wie abgestiegen. Hätte die Saison drei, vier Spieltage mehr gehabt, wären wir vielleicht noch aufgestiegen.
ÜS: Wie war das damals, als Du von TeBe zur Hertha gegangen bist? Waren die Fans da sauer.
DS: TeBe hat ja keine Fans, wie sollte da jemand sauer sein.
ÜS: Momentan brodelt es bei St. Pauli ein wenig. Im Stadion gibt es diskriminierende Äußerungen...
DS: Wirklich? Das hätte ich nicht gedacht.
ÜS: Viele Spieler möchten sich nicht darüber äußern, weil sie meinen, Fußball und Politik gehören nicht zusammen.
DS: Dazu kann ich nur sagen, dass ich mich sehrwohl darüber äußern kann. Gerade, weil es um Fußball geht, habe ich als Fußballer da sogar mehr zu sagen. Mein Vater hat mir neulich voller Stolz erzählt, dass in Berlin zu einer Demo gegen Rechts statt 3000 Leute 30000 gekommen sind. Und ich wäre einer davon gewesen, hätte ich nicht Fußball spielen müssen. Ich bin tolerant erzogen, sage zu solchen Dingen offen, wie ich darüber denke, dass ich Diskriminierung ganz egal gegen wen ablehne. Ich hatte mal eine jüdische Freundin, die mir auch von Ängsten erzählt hat. Wenn die aber mit einem Schwarzen nach Hause gekommen ist, dann kamen rassistische Äußerungen. Das ist das, was ich nicht verstehe. Gut, aber man kann nie alles verstehen.
ÜS: Deine Mutter hat bei Otto Schily in der Kanzlei gearbeitet, als er noch in Berlin als Anwalt zugange war?
DS: Ja, das ist aber schon 'ne Ecke her. Ich kenn ihn aber nur vom Hallo-Sagen. Er hat mal gefragt, was ich so mache, aber ein richtiger Kontakt ist da nie zustande gekommen.
ÜS: Kaum einer glaubt Euch, dass Ihr nicht mit dem Aufstieg plant. Schließlich habt Ihr 60.000 Mark Aufstiegsprämie verhandelt?
DS: So etwas macht mich sauer. Wie kommen solche Zahlen an die Öffentlichkeit, ganz gleich, ob sie stimmen oder nicht. Was der Mannschaftsrat mit dem Präsidium bespricht, gehört einfach nicht in die Öffentlichkeit.
ÜS: Vielen Dank für das Gespräch
MiG/Ra
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