Die Reise ins Ich
Das hat man nun davon - in seinem unbeschwerten jugendlichen Leichtsinn bewundernd den so fernen Lichtgestalten in Persona der Macher des Millerntor Roar Huldigung entgegenbringend, dass man sich nicht entblödet, in deren Aufgabe ihres Fanzinemacherdaseins eine Chance für sich zu sehen. Die Chance, mit an einem Neuaufbau teilzuhaben, an etwas, das vielleicht eine noch größere Konstanz, vielleicht sogar Reichweite und, daran wird aber nur alleine und auch nur privat gedacht, eine noch größere Tragweite als das glorifizierte Vorbild haben könnte. Und heute, viele Jahre später, das Ziel ist erreicht, das Ziel ist überschritten, liegt es nun an mir, ein paar huldende Worte den Kollegen entgegenzubringen, etwas über meine Beweggründe, meine Motivationen, aber auch über meine Zukunftswünsche, meine Ideale zuschreiben. Und so gehe ich noch einmal hinten in die unaufgeräumten Redaktionsräume des Fanladens, nehme mir das Aufnahmegerät und mache mich auf den Weg, auf die Reise ins Ich.
ÜS: Hallo Georg.
Georg: Hallo.
ÜS: In den letzen Jahren hast du sich aber ziemlich rar gemacht. Was war los?
Georg: Ich weiß nicht, ich mochte einfach nicht mehr. Es war einfach ein allgemeines Gefühl der Übersättigung.
ÜS: Und deshalb bist du von heute auf morgen den Redaktionssitzungen ferngeblieben?
Georg: Bin ich hier, um mich zu rechtfertigen - das habe ich nicht nötig!
ÜS: Nein, nein. Du hast recht. Fangen wir doch einfach einmal an, die Geschichte chronologisch aufzurollen.
Georg: Gut.
ÜS: Was war deine Motivation beim ÜS mitzumachen, noch dazu, wo nicht einmal fest stand, um was es sich da handeln würde.
Georg: Es war damals einfach so, dass ich schon mal so auf den letzten Sitzungen beim Roar als Gast gewesen bin und ich mir einfach diese schlechte Stimmung nicht erklären konnte. Es gab da so ein Gefühl der Resignation, der Lustlosigkeit, welches die gesamte Redaktion erfasst hatte, das war für mich einfach nicht nachvollziehbar. Denn schließlich hatten wir immerhin den geilsten Club im Hintergrund, es herrschte, wie ich fand, immer noch eine geile Stimmung auf den Rängen. Und dann saßen die da. Jeder Leser, so zumindest kam es mir vor, betrachtete den Roar als Bibel und die hatten nichts anderes zu tun, als zu lamentieren. Worüber, weiss ich jetzt auch nicht mehr, aber es war für mich einfach nicht nachvollziehbar. Und da kam dann der Gedanke, so wie die willst du nicht sein, einfach etwas anfangen, und es dann sterben lassen, nur weil man da keinen Bock mehr drauf hat.
ÜS: Man könnte dir jetzt aber genau das gleiche vorwerfen. Als du keine Lust mehr hattest, warst du weg.
Georg: Das sehe ich nun nicht so, denn schließlich bin ich gegangen, ich habe anderen Platz gemacht, ich war nie so vermessen, dass ich gedacht hätte, ich, oder irgendein anderer, hätten das Recht, den ÜS mit seinem persönlichen Schicksal zu verknüpfen, den mit ins Grab zu nehmen, wenn du verstehst was ich meine.
ÜS: Du magst vielleicht losgelassen haben, aber du hast dich dann doch aus den selben Beweggründen verabschiedet, wie deine Vorgänger von Roar. Ist das nicht widersprüchlich?
Georg: Es ist heute zumindest so, dass ich sie vielleicht besser verstehen kann.
ÜS: Inwieweit?
Georg: Nun, ich fragte mich oft, wo denn die eigene Entwicklung bleibt, wenn man Wochenende für Wochenende auf den Rängen steht. Da gehören dann auch solche Spiele im Berliner Olympiastadion bei Blau-Weiss 90 Berlin dazu, ich denke, die haben zumindest so geheissen, wo du dann mit 2000 Leutchen stehst und die Laune eh im Arsch ist. Ich meine, da ist dann auch irgendwann egal, wie das Spiel ausgeht, wenn man eh wieder im Mittelfeld der Tabelle rumdümpelt. Es ist einfach nichts da, was greifbar ist, was diesen Tag besonders macht. Und irgendwann haben sich diese Tage gehäuft. Und dann war es irgendwann auch logisch, dass ich nicht mehr so oft auswärts fuhr. Und meine Freizeit unter der Woche wollte ich dann nicht weiterhin opfern.
ÜS: Überdosis St. Pauli?
Georg: Ja, kann man sicher so nennen.
ÜS: Aber rückfällig werden viele, auch du?
Georg: Ja, auch ich. Aber sicher in einem ganz anderen Umfang als früher.
ÜS: Wie kam es?
Georg: Sicher wie bei so vielen anderen auch, denn es ist ja wieder eine gewisse Euphorie am Millerntor ausgebrochen, nämlich wegen dem letzten Spiel der letzten Saison. Scheisse, das war von den Emotionen her das Spiel meines Lebens. Da kann eigentlich nichts anderes mehr kommen, nichts besseres. Schon tot zu sein, und dann doch weiterleben zu dürfen - unbeschreiblich. Mir läuft noch heute ein Schauer den Rücken runter. Tim hatte dann jedenfalls die Idee, wir sollten doch mal was machen und hatte dann die Idee mit dem Radio. Und das machen wir jetzt, Malte, Holger, Tim und ich.
ÜS: Was für eine Idee?
Georg: Nun, wir haben gedacht, dass es vielleicht ganz witzig wäre, wenn wir im Offenen Kanal 6 oder 7 mal in der Saison eine Stunde über den FC machen. Wir haben uns jetzt das Konzept ausgedacht, dass wir pro Sendung einen Spieler vorstellen, ihn zwei oder drei seiner Lieder spielen lassen und ihn ansonsten interviewen zu Themen, die uns gerade so auf dem Herzen brennen, ein wenig Musik dazu. Halt was machen.
ÜS: Aber dann bist du doch fast wieder da, wo du vor ein paar Jahren aufgehört hast.
Georg: Nicht ganz, denn vieles machen Malte und Tim. Aber irgendwo hast du recht, wenn auch nicht in Bezug auf mich. Tim ist es der jetzt schon fast bei seiner persönlichen Überdosis St. Pauli angekommen ist.
ÜS: Aber Spass macht es?
Georg: Vom Grundsatz her auf alle Fälle. Aber wir hatten ja auch erst zwei Sendungen. Die erste war vom organisatorischen her eine Katastrophe. Herzkammernflimmern war noch das mindeste mit dem wir uns rumplagen mussten. Aber bei der zweiten war das schon geil. Da war auch das Zuhören später gut. Als Studiogäste hatten wir das erste Mal Andre Trulsen, das zweite Mal Marcel Rath.
ÜS: Und wie war das so mit denen?
Georg: Also, Trulsen ist ein Mensch, vor dem ich seitdem eine unglaubliche Hochachtung habe. Einer der Menschen, die Interesse zeigen, die freundlich sind, vielleicht nicht nur ein Fußballgott.
ÜS: Und Marcel?
Georg: Der war immerhin da, und er macht ja auch ab und an ein Tor für uns. Ausschlaggebend war eigentlich, und dass weiss ich halt auch aus meiner Zeit vom ÜS, dass ich gemerkt habe, der FC, das sind wohl die wenigsten der Spieler. Der FC, was immer den heute noch ausmacht, der wird getragen durch Macher von Fanzines, durch die "Singing Area", durch Leute wie die Redakteure des ÜS. Der FC, das sind wir.
ÜS: Wer, wenn nicht wir!
You'll never walk alone Georg
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