Geschichte wird gemacht50 Jahre Übersteiger, sicher ein Anlaß zum Feiern, zur Freude und Ausgelassenheit. Aber natürlich sollen Jubiläen wie dieses auch zur Nachdenklichkeit, zur Besinnung auf Vergangenes und zum mutigen Blick auf Kommendes anregen. Denn 50 Jahre Übersteiger sind auch 50 Jahre deutsche Kulturgeschichte. Rückblende: Hamburg im Jahre 1945, die Stadt liegt in Trümmern. Planmäßig rückt die rote Armee unter Generälen Weisener und Scharf in Richtung Stellingen vor, die Phantomarmee des schurkigen General Rothenbaum leistet nur noch vereinzelt Widerstand. Und wenige Tage später weht die Totenkopffahne auf dem zerstörten Volksparkstadion. Ein Symbol der Freiheit und des Ein Zeitsprung ins Jahr 1968. Haschisch, lange Haare, ausgehängte Klotüren und Sex wild durcheinander. "An Fußball war da nicht zu denken", schmunzelt Veteran Sven Brux. Und der rüstige Pensionär gerät ins Schwärmen: "Die Weiber waren erste Sahne!" Und natürlich hält auch die Politik Einzug in die Übersteiger-Redaktion. Man wird SDS-Basisgruppe und verkauft "Konkret" vor den Stadiontoren. Der Absatz hält sich in Grenzen. Und im Jahre 1974 gelingt dem Übersteiger nach zwei vergeblichen Anläufen endlich der Einzug in den Bundestag. Doch die erste Parlamentssitzung gerät zur großen Enttäuschung. "Das war ein All-Seater" erinnern sich Beteiligte. Doch die bunte Schar aus Hamburg verbucht einen ersten Achtungserfolg, Sven Brux setzt sich im Faustkampf gegen Richard Stücklen durch und wird Alterspräsident. Dann die achtziger Jahre. Proteste gegen die Nachrüstung in Ost und West erschüttern die Bundesrepublik, und insbesondere die Menschenkette zwischen Flensburg und Garmisch wird zum Symbol der Friedensbewegung. Ein größeres Loch in der Kette klafft nur in der Bernhard-Nocht-Straße im Hamburger Stadtteil St. Pauli. Die dort eingeteilte Aktionsgruppe "Übersteiger für den Frieden" wird zeitgleich beim Spiel der 2. Bundesliga Nord gesehen. Die Folgen des Fernbleibens sind fatal und weitreichend, der Weltfrieden kommt nicht zustande. Die Redaktion gibt sich kleinlaut: "Das haben wir so nicht gewollt!" Schließlich die Neunziger. Jahrzehnt des Körperkultes und des Techno. Die Übersteiger-Redaktion geht mit der Zeit und mietet bei der Loveparade einen eigenen Wagen. Mit großem Getöse geht es in Richtung Siegessäule, doch die Techno-Version von Slimes "Wir wollen keine" begeistert nur wenige Besucher und auch die Idee mit freiem Oberkörper der Masse entgegen zu feiern erweist sich als grober Unfug. "Geschmacklos: Hamburger zeigten Bauch" heißt es hinterher entrüstet in der Presse. Und im Jahr 2000? Stimmen die jüngsten Gerüchte um Drogen, windige Immobiliengeschäfte in der Detlev-Bremer-Straße und wilde Orgien am Millerntor? Die Redaktion, so munkelt man auf St. Pauli, vernichte schon hastig Akten und packt die Koffer. Reiseziel: Orlando, Florida. Philipp Köster, 11Freunde - Magazin für Fußballkultur |
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