Aus welchem Jahrhundert stammen eure Trikots...
Oder bei St.Pauli ist es sozialer
Ein Abend mit dem Frauenteam von St.Pauli. Ein wenig chaotisch zunächst, bis wir geklärt hatten, wer mit wem und warum spricht und dann ging es zunächst um verformte Kinderköpfe nach der Geburt und den Fetischismus des Interviewers, ständig mit einem Aufnahmegerät herumzulaufen. By the way, es ging auch um Fußball und nachdem die Frauen so erfolgreich in die Saison gestartet sind (das 0:25 gegen die Regionalligatruppe des HSV lassen wir mal außen vor) ist es einmal an der Zeit, euch ein wenig mehr über diese Truppe mitzuteilen. Und so saßen wir also eines mittwochs im Clubheim und...
 ÜS: Leidiges Thema. Wie glücklich ist man nach 0:25 Niederlagen. (Für alle , die es nicht wissen. Das war das Ergebnis gegen den HSV (Regionalliga) in der ersten Runde des Hamburger Frauenpokals)
Knut: Glücklich ist man dann, wenn es von außen kluge Beobachter gegeben hat, die Fortschritte im Spielverhalten erkannt haben. Es gab ja nun niemand, der hinterher gesagt hat: "Ihr wart scheiße, wie könnt ihr nur Fußball spielen." Das könnte man ja bei so einem Ergebnis vermuten. Leute, die das nur in der Bild oder im Sportmikro gelesen haben und wahrscheinlich noch nie so hoch verloren haben, das ist schon ein exorbitantes Ergebnis, haben natürlich wenig Einblick, Wenn man aber weiß, auf welchem Niveau sich das draußen beim HVV in Ochsenzoll abspielt, dann relativiert sich das ganze. Das sind nun einmal zwei Welten, da trifft Leistungssport auf Hobbysport. Das entscheidende für uns aber war, dass wir bis zuletzt als Team auf dem Platz geblieben sind. Wir sind nicht auseinandergebrochen und es gab auch keine Lustlosigkeit oder Schimpfereien. Ich glaube, das wäre bei anderen Teams anders gewesen. Stattdessen gab es einfach eine realistische Leistungseinschätzung vom Team und im Nachhinein muss man sagen, dass es toll war, 150 Zuschauer zu haben und von den Gegnerinnen lernen zu können.
ÜS: Und wie war das auf'm Platz?
Bettina: War schön mit anzusehen.
ÜS: Guckt man da nur zu?
Bettina: Ne, man ist aktiv, aber man sieht auch viel. Man kann aber einfach nicht mithalten. Naja, die alten Knochen.. Das hat bei uns einfach nichts mit Leistungssport zu tun und soll es ja auch gar nicht.
ÜS: Kommen wir zu euren Karrieren. Wie lange seit ihr schon dabei?
Bettina: Neuling würde ich sagen. Ich habe seit meinem 12.Lebensjahr Handball vorgezogen, weil ich Frauenfußball für nicht so spaßig gehalten habe, aber ich bin jetzt vom Gegenteil überzeugt worden. Und es macht mir Spaß und so lange meine Knochen das mitmachen, bin ich dabei.
Raphaela: Ich habe bis zu meinem 17.Lebensjahr Fußball gespielt, bei Wandsbek 81. Und nach einer Pause spiele ich jetzt seit drei Jahren bei St.Pauli. Mich hat ein Freund, der inzwischen bei den 5.Herren spielt, hergeschleppt.
Marisella: Ich habe einige Jahre bei Kickers Mörfelden in Hessen gespielt und als ich nach Hamburg gezogen bin, habe ich natürlich beim FC St.Pauli angefangen.
Polli: Für mich ist das die zweite Saison und ich bin da eigentlich nie drauf gekommen, überhaupt Fußball zu spielen. Wollte das eigentlich immer, hab aber dann erst an der Uni einen Anfängerinnenkurs mitgemacht und darüber bin ich zum FC St.Pauli gekommen.
ÜS: Und der Trainer?
Knut: Der Trainer ist seit einem Jahr da. (Es folgt die schillernde Karriereschilderung, die Knut euch gerne noch einmal persönlich erzählen kann).
ÜS: Positionsfrage. Welche Position spielt ihr?
Polli: Abwehr, rechts. Ich glaube, weil ich damals als Anfängerin in die Abwehr gesteckt wurde.
ÜS: Warum?
Tatjana: Das ist immer so. Wenn man nichts kann und nichts weiß, wird man immer hinten rechts in die Abwehr gestellt.
Bettina: Ich spiel überall.
ÜS: Gibt es klare Positionen im Team oder ist das variabel?
Knut: Also die erste Frage bei neuen ist immer: "Wo spielst du am liebsten?". Anm. Dies führte zu einer kleinen Auseinandersetzung, ob das stimmt oder nicht oder früher nicht so war oder wie auch immer. Auf jeden Fall wurde die Frage nicht weiter beantwortet.
ÜS: Aber wie wird man denn nun Trainer bei den Frauen des FC St.Pauli?
Knut: Man wird vorm Cocteau gefragt. Man sitzt da und Frau Pingel erzählt die Geschichte, dass alles ganz grausam sei und dass sie ständig verlieren und ich war in einer Phase, wo ich mir gesagt habe, dass Trainer ein ganz interessanter Job ist und dass ich das mal ausprobieren könnte. Da habe ich dann spontan zugesagt. Und dann habe ich mir einen Plan gemacht und bin auf'n Platz gegangen. Und siehe da, es hat Spaß gemacht, nicht das Verlieren, aber das Trainieren. Vor allem, weil was zurückgekommen ist. Es hat einfach ein Feedback gegeben und das ist einfach ein schönes Erlebnis.
ÜS: Wie sieht das aus?
Knut: Zum einen ist das die Akzeptanz zwischen Trainer und Team, zum anderen sind wir mehr geworden und auch die Trainingsbeteiligung ist besser geworden. In jüngster Zeit haben wir auch kleine sportliche Erfolge.
Tatjana: Vielleicht noch einmal zur Frage des Trainers. Es kam lange Jahre gar nicht in Frage, einen Trainer zu verpflichten, sondern es war entscheidend, dass eine Frau das Training leitet. Das hat sich dann aber als nicht besonders günstig erwiesen und es hat sich herausgestellt, dass man niemanden braucht, die auch mitspielt, sondern jemanden, der wirklich Trainer ist, aber es war halt schwer jemanden zu finden. Leider war es geschehen, dass auch schon mal jemand dies für eigene Zwecke instrumentalisiert hatte. Irgendwann war dann aber auch die letzte Hardcorebastion, die verhindert hatte, dass ein Mann Trainer wird, aufgeweicht. Und das war auch gut so.
ÜS: Noch einmal zum Pokalspiel. Polli, Du warst einzige Torschützin im Spiel gegen den HSV. Wie war das.
Polli: Ich stand am kurzen Pfosten und spürte den Ball nur noch an meinem Schienbeinschoner und dann war er drin. Das war schon absolut nicht schön.
Bettina: Bei 20:0 Rückstand ist das schon ein schönes Gefühl, auch mal ein Tor schießen zu können.
Polli: Ne, ist es nicht.
ÜS: Und die sportlichen Erfolge. Zwei Siege als Saisonauftakt. Ärgert man sich jetzt plötzlich über Niederlagen?
Raphaela: Es kommt drauf an, das 25:0 zähl ich gar nicht, aber das 0:2 bei Jahn Wilhelmsburg...da hätte man einfach gewinnen können. Klar ärgere ich mich darüber, dass wir unsere Chancen nicht genutzt haben.
ÜS: Da gibt's doch das Klischeebild von der Verlierertruppe. Die verlieren eh jedes Spiel, da ist doch egal.
Raphaela: Inzwischen nicht mehr. Aber in der Zeit, auch bevor Knut da war, da gab es Momente, wenn Sonntag morgen der Wecker klingelte, wo ich mich gefragt habe: "Wozu eigentlich, wir verlieren eh 20:0."
ÜS: Liegt das jetzt an Knut oder das mehr Frauen im Kader sind bzw. regelmäßig trainieren?
Raphaela: Ich denk schon, dass das auch an Knut liegt.
Polli: Das denke ich auch. Aber im Vergleich zu meinem ersten Jahr sind wir auch mehr geworden. Wir haben einige sehr gute Spielerinnen auf dem Platz aber natürlich auch immer noch Anfängerinnen. Und es herrscht ein anderer Ton. Die gesamte Einstellung hat sich geändert. Deswegen habe ich mich auch über die Niederlage geärgert.
Marisella: Es liegt auch daran, dass wir ein bisschen organisierter sind. Vorher ist man hierher gekommen und später wieder gegangen. Das war irgendwie nichts, da passierte nichts im Team. Jetzt sind wir auch bereit, hier ein bisschen mehr zu investieren und jetzt bleiben auch die Neuen und verschwinden nicht gleich wieder.
ÜS: Kann da nicht auch was verloren gehen? Das auf einmal der Leistungsgedanke vor dem Spaßcharakter steht, weil man vielleicht aufsteigen könnte, in 2 Jahren vielleicht.
Knut: Klar ist, dass wir hier keinen Leistungsfußball betreiben. Es gibt unausgesprochene Regeln. Dazu gehört, dass alle spielen. Leider dürfen auch wir analog zur Bundesliga nur dreimal wechseln, was für unser Spielniveau Unsinn ist. Aber wenn wir wirklich noch mehr werden, so überlegen wir, zur Rückrunde noch ein 7er-Team zu melden. Das heißt auch, dass wir noch mehr werden können. Das ist noch ausbaufähig. Derzeit nehmen ca. 12-15 Frauen am Training teil. Wer also Lust hat, im Verein Fußball zu spielen, ist herzlich willkommen. Darüber würden wir uns freuen.
ÜS: Wo spielt dieses 7er-Team
Knut: Das nennt sich Sonderklasse. Da spielt man auf einem halben Feld mit kleineren Toren und weniger Leistungsanspruch.
ÜS: Apropos alte Knochen. Wenn man euch im Ligaalltag sieht, hat man immer das Gefühl, da spielt ein gereiftes Team gegen Juniorinnen. Die scheinen immer 10 Jahre im Schnitt jünger zu sein. Da tritt einfach immer ein Freizeitteam gegen einen Sportverein an. Täuscht das?
Bettina: Das kommt glaube ich hin. Wir sind eine sehr gemischte Mannschaft, aber das ist ja auch das schöne.
Tatjana: Das ist schon so. Hier ist vor ein paar Jahren die Entscheidung getroffen worden, dass man Freizeitfußball spielt und keinen Leistungssportanspruch hat. Und bei uns spielen auch viele Frauen, die erst in höherem Alter angefangen haben. Das ist auch schön so. Wir spielen halt Spaßfußball.
ÜS: Und viel zu tun habt ihr mit euren Gegnerinnen nicht. Das verläuft sich nach dem Spiel immer so schnell, viel Gemeinsamkeiten gibt es da nicht?
Bettina: Das ist richtig, es geht um das Team von St.Pauli und was mit den anderen ist, ist mir ziemlich egal.(Grins)
Polli: Da spielt ganz sicher auch der Altersunterschied eine Rolle.
Bettina: Die nehmen das alles viel zu ernst.
ÜS: Das merkt man wohl auch auf dem Platz.
Polli: Ja, man wird schon übelst beschimpft und auch getreten. Und wirklich, das geht uns allen so, wirklich was zu tun haben wir mit denen nicht.
Raphaela: Ausnahme ist vielleicht Pinneberg. Da fahren wir gerne hin. Das ist ein anderes Verhältnis.
Tatjana: Es gibt schon noch ein paar Teams, zu denen loser Kontakt besteht. Die laden uns immer zu Turnieren ein und freuen sich, wenn man vorbeikommt. Das bedeutet jetzt nicht persönliche Freundschaft, aber die wissen halt, wir sind ein bißchen out of order und akzeptieren das so.
ÜS: Tatjana als alte Häsin. Beschreib doch mal den Wechsel im Team.
Tatjana: Fast alle, die sehr lange dabei waren, sind jetzt weg. Bis auf wenige Einzelfälle. Die waren natürlich irgendwann zermürbt von der Erfolglosigkeit und den organisatorischen Schwierigkeiten. Ich kann nur für mich sagen, dass ich gerne wieder verstärkt einsteigen würde. Hier kann man einfach ein bisschen Spaß haben.
ÜS: Spaß steht im Vordergrund, nicht wahr Trainer?
Knut: Spaß steht im Vordergrund, nicht wahr Interviewer.
ÜS: Was sind denn wichtige Trainingsmaßnahmen? Es war doch überraschend zu sehen, dass euch die Wilhelmsburgerinnen konditionell in der zweiten Halbzeit unterlegen waren.
Knut: Das hat mich auch überrascht. Vor allem, weil unsere Trainingsbedingungen hier nicht optimal sind. Aber ich versuch zweierlei: ballorientiertes Spiel und wenig klassische Konditionsarbeit, also mehr Bewegung mit dem Ball. Und alle, die es schaffen, regelmäßig zu trainieren, die können sich auch konditionell weiterentwickeln. Aber wir haben insgesamt noch viele Verbesserungsmöglichkeiten.
ÜS: Was sagt man denn irgendeiner Frau beim FC St.Pauli oder von woanders, die vielleicht Lust hat, Fußball zu spielen, aber nicht genau weiß, wohin sie soll und warum sie das tun soll.
Bettina: Weil es Spaß macht.
Raphaela: Es ist einfach anders beim FC St.Pauli. Ich habe früher auch Leistungsfußball gespielt und mach das jetzt just for fun. Es ist einfach nett. Ich weiß nicht, wie ich das beschreiben soll, es ist einfach sozialer hier.
Polli: Also wenn jemand Sport treiben möchte, aber keine Lust hat auf großartige Vereinsmeierei und Leistungsanforderungen... wer sich einfach an der frischen Luft bewegen und Sonntags auch mal früh aufstehen möchte, soll natürlich hier Fußball spielen.
Marisella: Und weil man sonst nirgendwo in Braun-Weiß spielen kann.
ÜS: Braun-Weiß, aber welches Material? Da gab es ja wohl Uneinigkeit , ob es nun Baumwolle oder neueres sein soll. Und wo sind eigentlich die neuen von Raffay gesponserten Trikots?
Knut: Ja, also, die Trikots kommen!!! Seit einem Vierteljahr hat Kappa Lieferschwierigkeiten. Und was die andere Frage angeht. Ob nun Baumwolle oder was ist das andere Zeug? Plastik? Plaste und Elaste aus Buna von Kappa? Keine Ahnung. Es gibt wohl immer noch Baumwolliebhaberinnen.
ÜS: Kleine Umfrage? Worin spielt ihr am liebsten?
Bettina: Vor allem braun-weiß gestreift. Das ist traumhaft. Lieber Plastik. Das klebt nicht so am Körper.
Raphaela: Plastik
Polli: Plastik.
Knut: Am Sonntag hat mich ein fünfzehnjähriger Wilhelmsburger gefragt, aus welchem Jahrhundert unsere Trikots sind.
ÜS: Knut, von Dir kommt ja auch die Aussage: "Große Trainer machen wenig Worte"
Knut: Kleine Männer reden viel.
(Anm. d. ÜS: Dem ist nichts hinzuzufügen, über den Sinn dürft ihr euch Gedanken machen.)
ÜS: Es geht ja das Gerücht um, das es bei euch jetzt auch einen Manager gibt. Ist das beschlossen?
Knut: Nun, es lagen zahlreiche Bewerbungen vor...und der beste Kandidat hat sich durchgesetzt.
ÜS: Wie waren die Kriterien?
Knut: Jung, dynamisch, erfolglos und St.Pauli-Fan und Fan von unserem Team.
ÜS: Und wo liegen die Aufgaben?
Knut: Klassische Mannschaftsbetreueraufgaben. Schnittchen, Schuhe putzen, Ball aufpumpen, Ball einfetten.
ÜS: Sonst gibt's für einen Manager bei euch nichts zu tun?
Lautes Schweigen
Tatjana: Es werden jetz auch auch nicht mehr..
ÜS: Mehr Manager?
Tatjana: Mehr Aufgaben.
ÜS: Wie heißt denn euer Manager?
Knut: Uwe.
ÜS: Danke für das Gespräch und viel Erfolg für die Saison!
lüh
Also Leserinnen, wer jetzt Lust auf diese Truppe und einen lustigen Kick bekommen hat, der erhält hier alle nötigen Rahmendaten.
Trainingszeiten: Montag und Mittwoch von 19.45 bis ca. 21.30 auf den Grandplätzen an der Feldstr. (Wie oft werden die Plätze gesperrt? Sobald der Platzwart auf den Platz spuckt.)
Teamkontakt über Knut (4602232) oder Tatjana (2719355)
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