Neun notwendige
Neuverpflichtungen

   Spieler kommen, Spieler gehen - the same procedure as every year. Aber gerade in diesem Jahr ist es durchaus legitim von "wirklichem" Umbruch und "echtem" Neuaufbau zu sprechen - schließlich verließen uns wichtige Korsettstangen (Wehlmann, Marin), langjährige Stammspieler (Hanke), hochdotierte Söldner (Polunin), ewige Talente (Karaca), der zweite Anzug (Karl, Wolf, Gollasch) und in Ehren ergraute Sportinvaliden mit großer Vergangenheit (Thomforde, Sawitschew) - und werden durch neun notwendige Neuverpflichtungen ersetzt. Dabei war es für die Verantwortlichen alles andere als leicht, schlagkräftigen Ersatz zu St. Pauli zu locken - das große Geld wird bekanntlich ja eher bei unseren Champions League-Nachbarn verdient...Trotzdem ein großes Lob an Stephan Beutel und Didi Demuth für die ablösefreien oder billigen Karnickel, die sie aus dem Hut gezaubert haben:

   Mit Heinz Weber steht erstmals ein Spieler aus unserem Nachbarland Österreich im Tor und Aufgebot des FC St. Pauli. Der 23-Jährige hat das nicht ganz einfache Erbe von Kiez-Ikone Klaus Thomforde und Torwartgott a. D. Carsten Wehlmann anzutreten, hat aber in den Testspielen bereits gezeigt, dass er durchaus in der Lage ist mit der Erblast umzugehen: Lautstark organisierte er die Abwehr und zeigte sowohl auf der Linie als auch in der Strafraumbeherrschung mehr als gute Ansätze. Beim FC Tirol (Ösi-Meister 2000) kam er an Torwartlegende Stanislav Cherchesov (früher u.a. Spartak Moskau, Dynamo Dresden) nicht vorbei, wechselte deshalb auf Leihbasis in die Hansestadt, wo er auch schon beim HSV auf der Einkaufsliste auftauchte, ohne auch nur ein einziges Pflichtspiel für St. Pauli bestritten zu haben - das ehrt ihn und spricht für seine Klasse. Aufgrund seiner Herkunft sollten wir aber nicht auf dumme Gedanken kommen, den ehemaligen U21-Internationalen besser nicht "Anton" schimpfen. Schließlich sind wir hier nicht auf Malle, sondern am Millerntor!

   Da auch Ersatzkeeper Stephan Gollasch den Verein verließ, bestand zusätzlich Handlungsbedarf auf der Position des "zweiten Mannes". Schnell wurde der FC in Meppen fündig, wo der ebenfalls 23-jährige Simon Hentzler bis Ende Juni unter Vertrag stand. Kurioserweise gehörte der Schwabe genauso wie Weber einst dem Kader des FC Tirol (Saison 1996/97) an und war dort Cherchesov-bedingt genauso wie Nachfolger Weber nur "Bankdrücker".

   Damit auch in Zukunft in der Defensivabteilung Beton angemischt wird, lotsten Didi Demuth und Stephan Beutel die RWO-Innenverteidigung ans Millerntor. Schließlich waren Daniel Scheinhardt (29) und Zlatko Basic (24) hauptverantwortlich dafür, dass die ehemalige Truppe von Aleks Ristic in der abgelaufenen Spielzeit nur ganze 34 Gegentore in 34 Saisonspielen zuließ (und damit die wenigsten in der Zweiten Liga!). Während der frühere Herthaner Scheinhardt (der auch schon für Osnabrück und Aachen aktiv war) wohl einen der beide Manndeckerposten sicher hat, besteht durchaus die Möglichkeit, dass der Kroate Basic häufiger als Hanke-Ersatz im zentralen defensiven Mittelfeld den gegnerischen Spielgestaltern das Fürchten lehren wird.

   Ebenfalls neu im Kader und Defensivspezialist: Jens Matthies (23) vom HTB. Ihm gehört die Zukunft, aber vorerst wohl ein Platz auf der Bank. Da er aber auf Empfehlung unseres "Ehrenspielführers" Jens Duve aus der Oberliga in die zweithöchste deutsche Spielklasse wechselte, wird er schon ein Verteidiger von Format sein.

   Ein neues und ein altbekanntes Gesicht werden in Zukunft die Fäden im offensiven Mittelfeld des FC St. Pauli ziehen: Ali Reza Mansourian (28) und Thomas Meggle (25) haben sich während der Vorbereitung auf Anhieb einen Stammplatz erspielt. In erster Linie wird es die Aufgabe von Filigrantechniker Mansourian sein - der übrigens '98 weder ein "WM-Star" war (in Frankreich nur zweimal eingewechselt), noch ins Allstar-Team gewählt wurde, liebste Mopo -, hinter den Spitzen zu wirbeln und die Angreifer in Szene zu setzen. Wollen wir hoffen, dass der "Wundermann" aus dem Iran in den Ligaspielen hält, was er in der Vorbereitung versprochen hat. Warten aber lieber erst einmal ab, was er zu leisten in der Lage ist, wenn ihm grobmotorische Kampfmaschinen der Güteklasse Helmut Rahner (leider nur noch in der Regionalliga aktiv, schnief!) 90 Minuten auf die Füße treten...

   Selten habe ich mich über einen Rückkehrer mehr gefreut als jetzt über Thomas Meggle. "Mäggi" schnürt nach einjährigem "Heimat-Exil" bei den Löwen endlich wieder seine Schuhe für unsere Helden. Schon in den Testspielen stellte er dabei unter Beweis, dass er wieder ganz der Alte ist (schließlich war er in der Vorsaison über weite Strecken mit einem Kreuzbandriss außer Gefecht gesetzt!), traf hinter Klasnic am häufigsten, bereitete viele Treffer mit viel Übersicht direkt vor und führte zeitweilig glänzend Regie. Ganz so wie in den letzten sieben Spielen der Saison 98/99, wo er jeweils bester Spieler auf dem Platz war (na ja, vielleicht konnte ihm Ivan gegen die Kickers Paroli bieten...). Auch wenn er kein Regisseur im klassischem Sinne (Overath, Netzer, Cruijff) ist, sondern eher den kampfstarken, kraftvollen und technisch-versierten Spielmachertypus 2000 (Veron, Redondo, Davids, Keane) verkörpert, die "10" hat er auf jeden Fall mehr als verdient. Willkommen Zuhause, mein Freund!

   Zwei neue Gesichter gibt es im Angriff zu bestaunen: Marcel Rath und Nico Patschinski üben sich in Zukunft als Nachlass-Verwalter von Marcus Marin, der in den letzten drei Jahren immerhin 30-mal ins Schwarze traf - und damit unser Top-Torjäger der zurückliegenden drei Spielzeiten war. Sollte es Ivan Klasnic tatsächlich noch vor Jahresende zum SV Werder ziehen, könnten beide das Kiez-Sturmduo der Zukunft bilden. Obwohl Rath im September erst 25 Jahre jung wird, kann er schon auf 5 Profijahre bei Hertha BSC und Cottbus zurückblicken, in denen er überwiegend sogar zum Stammpersonal gehörte. Allerdings muss das "Kampfschwein" noch an seinem Torreicher arbeiten: Der bullige Strafraumstürmer traf für Hertha und Cottbus durchschnittlich nur in jedem 7. Spiel ins Tor (13 Treffer in 87 Zweitliga-Partien). Nico Patschinski (23), der zuvor in Fürth weder mit Benno Möhlmann, noch mit dem der Stadt so recht glücklich wurde, wartet sogar immernoch auf seinen ersten Treffer im Unterhaus des deutschen Fußballs. Dass er weiß wo das Tor steht und das Runde ins Eckige muss, zeigte er allerdings des öfteren eindrucksvoll in der Regionalliga (Dresden, Babelsberg und Union Berlin). Kenner der Berliner Fußballszene bestaunten ihn sogar schon als Knipsmaschine in der Jugend des BFC Dynamo und schwärmten mir eine Bulette ans dankbare Ohr.

   Ihr seht, so schlecht besetzt, wie von vielen "Experten" angenommen, sind wir gar nicht. Vielleicht entpuppt es sich sogar als Vorteil, ein wenig unterschätzt zu werden...

Käpt'n Braunbär

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