Wehlmann und sein Wechsel zum hsv. Obwohl momentan sowieso viel Inakzeptables passiert - dieses Thema hat die Massen am Stärksten bewegt.
Da es viele Leute gibt, die diesen Wechsel nicht fassen oder sogar verstehen können, haben wir ihn um ein paar Statements gebeten, die sich u. U. von den Meldungen der Boulevardpresse unterscheiden bzw. abheben - lest selbst, ob es dazu gekommen ist.
ÜS: Also Carsten, warum wechselst Du zum hsv?
CW: Im Endeffekt kam das einzig konkrete Angebot vom hsv. Stuttgart war auch an mir interessiert, doch nachdem sich dort der Hildebrand gut entwickelte, haben die davon Abstand genommen, und ich sah da dann auch keine großen sportlichen Perspektiven mehr, die ich beim hsv umso mehr habe. Die sportliche Herausforderung ist übrigens der Hauptgrund für meinen Wechsel, nicht etwa das Geld.
ÜS: Also willst Du beim hsv Nr. 1 werden.
CW: Natürlich will ich das. Es wird schwer, aber ich werde darum kämpfen.
ÜS: Aber warum gerade zum hsv?
CW: Ich bin von Beruf Fußballer und kann meinen Beruf nicht so lange ausüben, deswegen möchte ich mich natürlich auch beruflich verbessern und weiterentwickeln. Und diese Möglichkeit ist beim hsv gegeben. Der hsv spielt nächstes Jahr international, und wenn ich mich zu diesem Zeitpunkt dort durchsetze, würde ich mich sehr freuen. Aber denkt nicht, dass ich mir die Sache mit dem Wechsel leicht gemacht habe. An dem Wochenende, wo der hsv an mich rangetreten war, habe ich mit vielen Leuten darüber gesprochen, auch mit meiner Familie, ob der Wechsel, gerade zum hsv, das Richtige für mich ist. Diese Gespräche haben mich u.a. dazu bewogen, dass ich diese schwere Entscheidung treffe.
ÜS: Was sagst Du zu den Aktionen bez. Deines Wechsels, die von der Fanseite her gelaufen sind?
CW: Die Spruchbänder beim Training, die "Butt Butt Butt"-Rufe - diese Aktionen fand ich schon fast gut. Zumindest zeugten diese Sachen von der Kreativität, die ich von den Fans erwartet habe. Doch das mit dem Verbrennen des Plakates und das mit der Auflistung an Geld, was ich zurückzahlen soll - das fand ich irgendwie billig. Diese plumpe Art und Weise hätte ich den St. Pauli-Fans nicht zugetraut. Ich glaube, dass ich hier gute Arbeit geleistet habe. Und dass man jetzt so mit mir abrechnet, ist, sag ich mal, nicht die feine Art. Und dass man mich im Internet als Lügner bezeichnet, darüber hat sich sogar meine Mutter aufgeregt. Natürlich habe ich vor ein paar Monaten klar und deutlich gesagt, dass an den Gerüchten bez. hsv-Wechsel nichts dran ist, und damals war es auch so. Die Sache mit dem hsv kam ganz kurzfristig, genauergesagt, am Wochenende vor Bekanntgabe meines Wechsels zustande.
ÜS: Was hat man Dir persönlich bez. dieses Wechsels gesagt?
CW: Von Vereinsseite her, auch von den Spielern, hat man mich zu diesem Wechsel beglückwünscht. Und auch die Fans, die mich nach den letzten Heimspielen im Clubheim auf den Wechsel angesprochen haben, haben größtenteils meine Entscheidung akzeptiert und mir viel Glück gewünscht. Natürlich gibt es auch Fans, die sauer über meinen Wechsel sind und sich in gewisser Weise von mir verarscht fühlen. Aber um es nochmal klarzustellen: ich wollte mit dieser Entscheidung nicht dem FC St. Pauli schaden. Ich habe diesem Verein und dem Umfeld eine Menge zu verdanken. Ohne sie hätte ich diesen persönlichen Erfolg wohl nie in dieser Art und Weise geschafft.
ÜS: Aber das ist doch gerade der Punkt. Viele sagen, dass sie Dich in guten und schlechten Zeiten unterstützt haben. Und jetzt haben sie das Gefühl, dass der Wechsel zum hsv "der Dank dafür" ist, und der Verein und die Fans stehen mit leeren Händen da.
CW: Ich weiß, was ich den Leuten, die mich unterstützt haben, zu verdanken habe. Und deshalb hoffe ich ja auch, dass diese Leute meine Entscheidung zumindest akzeptieren können. Wenn es trotzdem Leute gibt, die weiterhin sauer auf mich sind, und mich als jemanden bezeichnen, der den Verein im Stich lässt - mit diesen Konsequenzen muss ich leben. Ich weiß, dass ich als Profifußballer einen Beruf gewählt habe, wo ich viel im Rampenlicht stehe, und wenn jemand meine Entscheidung nicht akzeptieren kann, muss ich wie gesagt damit leben. Doch der Verein ist mir nicht egal, im Gegenteil: wenn's so wäre, könnte ich ja sagen "Ach egal, ob ich jetzt den Ball halte oder nicht - nächste Saison spiel ich ja nicht mehr hier". Aber dem ist nicht so. Ich werde bis zum Ende alles geben und dazu beitragen, dass St. Pauli den Klassenerhalt schafft.
ÜS: Und wie war das mit den Aussagen, dass Du auch den hsv schon immer mochtest?
CW: Da hat der Bild-Reporter zu meinen Aussagen noch'n büschen was zugedichtet. Fakt ist: natürlich bin ich als Kind auch ins Volksparkstadion gegangen. Das heißt aber nicht, dass meine Aussagen bez. meiner Zuneigung zum FC St. Pauli alle erstunken und erlogen waren. Das heißt aber auch, dass ich jetzt nicht den hsv hasse, nur weil ich beim FC St. Pauli spiele. Ich bin wirklich froh, dass ich mich in Hamburg weiterentwickeln kann. Vielleicht wär' s auch in Stuttgart schön geworden, aber in HH fühl ich mich echt wohl. Ich wäre auch gern beim FC St. Pauli geblieben, wenn hier die sportlichen Perspektiven gegeben wären . Mit Geld hat das nichts zu tun - das Gehalt, dass ich bei St. Pauli verdiene, würde mir auch reichen.
ÜS: Also eine berufliche Entscheidung.
CW: Ja, auf jeden Fall. Und durch diese Entscheidung wird sich der Mensch Carsten Wehlmann auch nicht ändern. Ich werde immer der Mensch bleiben, der ich bin. Die Entscheidung, mich beruflich zu verändern, hat damit nichts zu tun. Klar, dass das viele Leute über einen Kamm scheren. Aber ich bleibe der gleiche Mensch, ob ich nun hier oder da spiele. Das, so hoffe ich, sollten bitte alle auch akzeptieren.
ÜS: Doch wenn Du nächste Saison beim hsv spielst, wird Dich dort sicherlich nicht das erwarten, was Du hier erlebt hast. Wenn man sich anschaut, wie der Butt gnadenlos ausgepfiffen wird, kommt dort sicherlich einiges auf Dich zu.
CW: Auch mit diesen Konsequenzen muss ich leben. Dort wird man bestimmt ein besonderes Auge auf mich werfen. Anfangs zählen dann Fehler, die ich dort mache, sicherlich doppelt. Aber auch dort werde ich meine Leistung bringen. Wenn mich dort die Fans auspfeifen, werde ich ja auch nicht absichtlich danebengreifen, um denen dann eins auszuwischen (Schade! d.Tip.). Das kann ich auch gar nicht. Als Torwart habe ich den Auftrag, Bälle zu halten. Absichtliches Danebengreifen habe ich nie gelernt. Das habe ich auch beim FC St. Pauli nie gemacht, warum sollte ich auch?
ÜS: Wir danken für dieses Gespräch.
T.A.C.S.und als Mitstreiter Aphrodite + Zeus
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