Klagelied eines sentimentalen Fußballfans"Der natürliche Grundzustand des Fußballfans ist bittere Enttäuschung, egal wie es steht", will uns Nick Hornby in "Ballfieber" glauben machen. Meiner nicht mehr und ich frage mich, was mit mir nicht stimmt. Mein Grundzustand ist seit einigen Monaten eine seltsame Mischung aus sentimentaler Wut und verbitterter Niedergeschlagenheit. Und nie werde ich den Tag vergessen, an dem mir das bewusst geworden ist. Es war der 19.September 1999 und es war nicht die unberechtigte Rote Karte gegen Deniz Baris. Und es war auch nicht die 0:3-Niederlage gegen Werder Bremen(A)."Dann hab' ich mich ausgezogen und auf das Sofa gesetzt", höre ich schräg vor mir Einen zu seinen Begleitern sagen. Mitte zwanzig, graue Klamotten, Ton in Ton, mit geometrischen Mustern in Hellblau und Schwarz. Mit dem Rücken zum Spielfeld erzählt er vom gestrigen Abend. Hinter ihm fliegt gerade der Norderstedter Benjamin Kruse mit Rot von der Koppel. Gibt es den oft behaupteten Zusammenhang zwischen der Güte eines Spiels und dem, womit sich die Tribünen gerade gedanklich beschäftigen? St.Pauli (A) versucht jetzt zumindest mit viel gutem Willen, die zahlenmäßige Überlegenheit in Tore umzusetzen. Berkan Algan scheitert mal wieder freistehend nur wenige Meter vor dem Norderstedter Tor. Rechts von mir geht es davon unbeeindruckt um die nächste Einkommensteuererklärung. "Was soll's, Besessene haben keine Wahl, sie müssen in solchen Augenblicken lügen", gesteht Nick Hornby sich selbst triumphierend auf die Frage seiner Freundin kurz nach dem Aufwachen, woran er gerade denke. Er hat wirklich nicht an Gerard Depardieu oder die Labour Party gedacht, sondern an die Stationen seines bisherigen Fußballlebens. Hier an der Sternschanze quält die meisten noch nicht einmal der Umstand, dass sie überhaupt nicht den Drang verspüren, ihren Verein und seine letzten Fans zu belügen. Sie denken tatsächlich ans Finanzamt und kalte Füße auf dem Sofa. Auf der Koppel bleibt gerade eine für den Norderstedter Strafraum gedachte Flanke beinahe in den Kronen der 200-jährigen Eichen hängen. "Forza Günther Mast, Forza Günther Mast, Forza, forza, forza Günther Mast", versuchen ein paar Reihen vor mir einige Mittdreissiger, die aussehen wie ihre eigenen Magengeschwüre, im Chor zu gröhlen, bevor sie die kleinen, grünen Vierkantflaschen leerkippen. Unten hüpft Algan vor lauter Wut über den versemmelten Hochkaräter. Nächster Angriff. "Du kannst doch nicht Pomo festhalten, der ist doch keine Frau und auch nicht schwul", bellt es schräg vor mir. Frauen sind irgendwie auch nicht besser. Immerhin hat das wenigstens etwas mit dem Spielgeschehen zu tun. "Linie, du blinde Sau!" Aha, es gibt sie doch noch, die Besessenen. Ecke für uns. Vereinzelte Schlüsselbunde werden geschlenkert. Der Hexenkessel köchelt an seinem letzten lauen Süppchen. "Come on, you boys in brown, come on, you boys in brown, come on, you boys, come on, you boys in brown", schreit einer, ja, ein einziger und erntet Dutzende strafende Blicke. Meiner schweift in die Ferne, zu denen, die da auf den Bäumen hinter dem Tor sitzen, außerhalb der Umzäunung, um das Eintrittsgeld zu sparen. Kaum zwei Meter von mir steht einer tief gebeugt und liest "young pauli", in der 80.Spielminute! Der Fluch des gut gemachten Blattes. Wenigstens ist uns die Besessenheit geblieben, ein neues Stadion bauen zu wollen. Von Uwe Wetzner (zuerst erschienen in Stadionzeitung der Amateure, "young pauli") |
Raubmord unter der DuscheDer beste Fußballsprechchor von allen feiert nicht meine Lieblingsmannschaft, und das spricht natürlich erst recht für ihn. Manchmal kommt er mir gerade so in den Sinn, wenn ich durch die Wohnung laufe,ich spreche ihn vor mich hin und muss darüber ziemlich kichern. Besonders lustig ist er als Ein-Mann-Sprechchor morgens unter der Dusche: "Wir kommen aus dem Norden / Wir rauben und morden /Wir waschen uns nie / St. Pauliii".Ziemlicher Unsinn das, aber kann sich überhaupt noch jemand an den FC St.Pauli erinnern? Der Klub stand mal für ungewöhnlich schlichte Bolzerei, die zwischenzeitlich sogar bundesligatauglich war. In den Reihen der Braun-Weißen wurden Spieler wie Dieter "Schleudertrauma" Schlindwein resozialisiert, die ohne die Möglichkeit einer wöchentlichen Jagd auf die Spieler gegnerischer Mannschaften womöglich auf die schiefe Bahn geraten wären. Der FC St. Pauli öffnete mit Leonardo Manzi dem deutschen Publikum auch die Augen für die bis dahin unvorstellbare Möglichkeit, dass es Brasilianer gibt, die nicht kicken können, bevor Borussia Dortmund bewies, dass man dafür auch noch Millionen bezahlen kann. Neben diesen äußerst flüchtigen Fußnoten zur Fußballgeschichte, revolutionierten die Anhänger des Klubs vor allem aber die Etikette auf den Rängen. Die meisten St. Pauli- Fans hatten zwar genauso konfuse Vorstellungen von Politik wie die Anhänger anderer Vereine auch, aber die ungleich sympathischeren. Deren bezauberndste Ausprägung habe ich leider nicht selbst erlebt, aber nie werde ich die Geschichte vergessen, dass ein St.Pauli-Fan meiner Freundin Katrin erklärte, warum er denn wie die Mehrzahl seiner Glaubensbrüder gerade mit dem irisch-katholischen Celtic FC aus Glasgow sympathisierte. "Weil die auch Anti-Royalisten sind", war die enthusiastische Begründung, wobei es den jungen Mann kaum irritierte, dass der letzte deutsche Monarch das Land vor gut acht Jahrzehnten auf Nimmerwiedersehen verlassen hat. Ansonsten sympathisierten viele St.Pauli-Fans mit Hausbesetzungen, Antirassismus, der Legalisierung von Haschisch, Arsch Vollsaufen und gruselig schlechtem Punk-Rock. Schön war die Zeit, denn wohl nirgendwo sonst fand man Fußballanhänger, die auch in größeren Ansammlungen so wenig gewaltstrotzend und dafür teilweise nachgerade lustig waren, wie mein Lieblingssprechchor wohl beweist. Mancher Leser wird an dieser Stelle fragen, was denn diese ollen Kamellen jetzt sollen, die doch schon vor Jahren bis zum Abwinken bejubelt worden sind, während paulianische Insider einwenden dürften, dass die guten alten Zeiten doch längst vorbei und alles nicht mehr so wie früher und überhaupt die ganze Sache ziemlich in der Krise sei. Was aber genau der Punkt ist. Von der Weltöffentlichkeit unbemerkt, spitzt sich in der Nähe der Reeperbahn die Situation bedrohlich zu. Die Mannschaft ist so schlecht, wie man es nicht mal am Millerntor erahnen konnte und wäre wahrscheinlich schon längst ganz am Ende der zweiten Liga, wenn sie nicht wenigstens diesen zwar leicht miesepetrigen aber wenigstens voll kompetenten Trainer Reimann hätte. Geld ist auch keins mehr da, weil dem Fluch-und-Segen-Präsident Weisener langsam Puste und Laune zum Verjubeln desselben ausgehen, derweil wird der Aufsichtsrat des Klub bespitzelt wird, um dessen Opposition zu brechen. Der Umbau des schrottreifen Stadions kommt auch nicht von der Stelle, und jetzt macht sich auch noch der kongeniale Sponsor davon, eine Whiskey-Firma, weil der Klub nicht mehr oft genug im Fernsehen ist. Wahrscheinlich gibt es noch einen Haufen von Unter- und Nebenkrisen, die unter meiner Dusche noch nicht angekommen sind. Jedenfalls sieht es ganz schön finster aus, weshalb hier zur Rettung des FC St. Pauli aufgerufen sei. Erstens vor sich selbst und zweitens können wohl nur noch übergeordnete Stellen helfen. Nützlich könnte dabei der schicke, neue Kulturstaatsminister unseres Landes sein, schließlich ist hier Kulturerbe in Gefahr. Ach ja, und prima gedichtet wird am Millerntor eben auch. Gastartikel von Christoph BiermannZuerst erschienen in der taz |
Hände weg vom FC St. Pauli!Die St. Pauli-Fankultur ist unzeitgemäss, weil sie weder links noch für die Dritte Halbzeit istDie Fans des FC St.Pauli müssen damit leben, als links, antirassistisch, antifaschistisch zu gelten. Dafür haben viele St. Paulianische Faninitiativen gestritten und geackert. Insbesondere wollten sie eine andere Fankultur als die rassistische und vulgär-sexistisch untersetzte, die in deutschen und europäischen Stadien weit verbreitet ist.Allerdings stellt sich diese Fankultur mittlerweile als eine intelligentere Kopie der tiefsten 70er Jahre Kuttenkultur dar: bunt-folkloristisch, prollig, lustisch - Fun und Saufen ohne Ende mit mehr Frauen dabei als sonst üblich. Der entscheidende Unterschied zu den Kutten-Tieren der 70er besteht lediglich in der Länge der Haare. St. Pauli-Fans von heute haben keine Matte, sondern Dreadlocks dick wie Haschtüten oder eine Kurzhaarfrisur à la Zeitgeist. Beiläufig schimpft man sich links, stilisiert sich selbst zum Daueropfer "der Gewalt". Dabei will man doch nur Spass ohne Ende. Und man vermittelt das selbst Gelernte: Irgendwie ist der St. Pauli-Spass links. Warum, weiss keiner so genau. Wieso auch. Das öffentliche Bild, die öffentliche Wahrnehmung der St. Pauli-Fans ist tatsächlich keine verzerrte. Die Fans sind "anders", weil sie noch mehr Spass machen, noch bunter sind, noch öfter Bengalfeuer zünden, noch ausgelassener sind als der Rest. Ein Produkt und billiger Abklatsch findet sich auch hiesig mit dem Roten Stern Leipzig. Wenn das Millerntorstadion tatsächlich "das Freudenhaus der Nation" ist, ist die St. Pauli-Fankultur die Prostitution für Spass ohne Ende: der Fußball als Geldmaschinerie und der Spass als Sex-Ersatz. Die St. Paulianer sind vergleichbar mit den Ravern der Love Parade. Die politische Message läßt sich auf den Punkt von Friede, Freude, Eierkuchen reduzieren. Das Stigma des Links-Sein dieser Fans sollte inzwischen eine Beleidigung für Linke darstellen. Schliesslich hat diese Fan-Kultur sich definitiv mit der rebellischen Note als Begleitumstand des Fussballs ent- solidarisiert. Der "linke" Klub FC St. Pauli ist eine Altlast der Achtziger wie die Autonomen mit ihrer Kiezromantik und Lebenslüge von der "Selbstbestimmung" ihres Lebens. In gewisser Weise war es der Versuch eines Ersatzes für das Wegfallen alter Arbeitervereine, das mit dem Ende der Arbeiterklasse, wie wir sie kannten, einher ging. St. Pauli-Fans stehen für die Tugenden der 60er Hippiegeneration. Die Dritte Halbzeit ist ihnen ein rotes Tuch, die sie uns dann als linke rote Fahne andrehen wollen. Ohne weiteres läßt sich feststellen, das die Fans des BFC Dynamo - allesamt der Dritten Halbzeit jederzeit zugeneigt - x-mal mehr an zeitgemässer Fankultur repräsentieren, als alle St. Paulianer dieser Welt. Deshalb: lieber Hände weg vom St. Pauli! Entnommen aus: CEE-IEH-der Conne-Island-Newsflyer |
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