100 Jahre sind genug !

So alt wie der DFB
wird schließlich keine Kuh

Über die sportlichen Erfolge des DFB wurde in letzter Zeit anlässlich des 100jährigen Jubiläums viel geschrieben, ausgestrahlt und erzählt. BAFF blickte mal hinter die Kulissen und daraus ist eine andere "Würdigung" bzw. "Würgigung" geworden.

Ich geb's ja zu: bei der DFB-Gala zum 100-jährigen Bestehen habe ich mich erst um 22.28 Uhr eingeschaltet, vorher habe ich rumtelefoniert und nur nebenbei beim Zappen Johannes Rau, Udo Jürgens und Sepp Blatter vorbeihuschen sehen. Ach so, Schröder war auch da und hat irgendwas von Aufarbeitung der faschistischen Vergangenheit gefaselt, die nun angeblich endlich passiere - da hab ich wohl was verpasst. Jetzt trällert gerade eine überschminkte Frau Kaufmann irgendeinen Operettenkram und krächzt wahrscheinlich diejenigen wach, die sich schon von Beginn an, nämlich ab 21.45 Uhr, bei der ARD verirrt hatten. Zappe schnell weiter und Ruhe im Karton: der DFB hat in seiner Gründerstadt Leipzig sein 100jähriges Bestehen gefeiert, ein weiterer Meilenstein auf der Werbetour zur WM 2006 kann abgehakt werden. Vielleicht widmet sich der größte Amateurverband der Welt ja endlich auch mal wieder der Bundesliga, denn bislang (Anfang Februar) weiß dort niemand, wann die Saison nach der EM eigentlich wieder losgehen wird. Tagelanger Telefonterror meinerseits war da vergeblich: der DFB hütet diesen Termin wie den heiligen Fußballgral. Aber nicht nur dies will der DFB unter den Tisch kehren, wenn es im Werbesog zur WM 2006 um ein gutes Image und Publicity um jeden Preis geht.

In einem Interview wurde ich gefragt, was mir als erstes einfällt, wenn ich an 100 Jahre DFB denke und habe sofort geantwortet, dass der DFB es in dieser Zeit eindrucksvoll geschafft hat, Faninteressen einfach auszublenden, die ihm irgendwie unbequem erscheinen und Basisarbeit bedeuten. Blicke ich z. B. auf den Fan-Kongress 1997 zurück, wo der damalige Sicherheitsbeauftragte und Flüstergott Willi Hennes fadenscheinig heuchelte, dass der DFB alles gegen die Vernichtung von Stehplätzen getan hätte, so wählte er einen Schmusekurs, indem er auswich und BAFFs Engagement gegen Rassismus und Diskriminierung lobte. Die Hosen voll war er gleich mit Presseoberst "Wolle" Niersbach angereist und interpretierte die Standing Ovations nicht als Demonstration für den Stehplatz, sondern bezog sie selbstverliebt auf seine ureigene Überzeugungskraft. Als er zu Beginn betonte, dass er "mit erhobenem Haupt" dieses Podium verlassen werde, war doch schon klar, dass da kein Entgegenkommen drin war. Fakt ist: der DFB sieht bis auf einen Brief an die UEFA tatenlos beim Stehplatzabbau zu, bringt in Sachen Rassismus nur sinnentleerte Alibi-Aktionen, wenn schon längst die Häuser brennen (siehe "Mein Freund ist Ausländer") und zahlt nur einen gefüllten Fingerhut für die sozialpädagogischen Fan-Projekte.

"Mein Freund ist Ausländer" wirkte eher peinlich. "Es mussten erst Menschen, fremde Menschen sterben, verbrannt, zu Tode geprügelt, bis etwas - symbolisches - passierte", kommentierte die Frankfurter Rundschau am 4.12.93, Beliebigkeit und Inhaltsarmut waren charakteristisch. T-Shirts" mit dem Aufdruck "Deutsche Fans gegen Gewalt" wurden nach dem Angriff auf Nivel verteilt, als es zu spät war und das Ansehen des Verbandes auf dem Spiel stand.

Die fehlende Kompromissbereitschaft des DFB in Sachen Fans lässt sich bis heute im Anagramm eines weitaus ehrenwerteren Ausspruchs zusammenfassen: "Kein Fußbreit den Fans". Folgen will der DFB er nur der inhaltslosen Rationalität des Kommerzes.

Seit mehreren Jahren fordert BAFF beispielsweise den DFB auf, einen Neun-Punkte-Plan gegen Rassismus und Diskriminierung in den Ligen durchzusetzen. Lange Zeit verkündete der Pressesprecher unisono mit dem mittlerweile vom Sockel gefallenen Helmut Kohl: "wir haben kein Problem mit Ausländern". Nun, da das Auftreten von rechten Tendenzen in vielen deutschen Fankurven nicht mehr zu übersehen ist, zieht der DFB kleinlaut nach und verabschiedet den Antirassismusparagraphen in die neue Musterstadion-ordnung. Erstens ist das aber nur einer von neun Punkten und dann muss man sich noch mal über die Hintergründe Gedanken machen. Sicher macht sich so ein Paragraph ganz gut, wenn man sich um die WM 2006 bewerben will. Auch die Sponsoren sehen es natürlich gern, wenn der DFB - zumindest symbolpolitisch - etwas gegen rechte Tendenzen tun will, die mittlerweile auch Einzug in die Berichterstattung des Spiegels und der Süddeutschen Zeitung erhalten haben. Einen Haufen anderer Punkte gegen Rassismus hat der DFB nur als Empfehlung an die Vereine rausgedrückt, obwohl er sie zur Lizenzauflage machen könnte. Darüber ist die Entpolitisierung des Spielers notwendig, seine Beförderung aus der Funktion des sportlichen Erfüllungsgehilfen hinaus - hinein in die gesellschaftsverantwortliche Position der zumeist immer noch gemeinnützigen Fußballvereine. Aber die Gemeinnützigkeit ist eh nur noch eine Farce, die eine Vorbildfunktion außerhalb des Rasens nicht vorsieht.

Aber so billig kann sich der DFB nicht aus seiner Vergangenheit kaufen. Seine Vergangenheit hat schließlich ein erschreckendes Fundament geschaffen. Als 1933 die Nazis an die Macht kamen war der DFB einer der ersten Organisationen, die sich nicht nur gleichschalten ließen, sondern im vorauseilenden Gehorsam geradezu danach bettelten. Ohne Not gelobte der Vorsitzende Felix Linnemann dem Reichskanzler Hitler "Treue und Gefolgschaft" und erklärte: "an nationaler Hingabe soll uns niemand übertreffen. Eisern hinter dem Kanzler". Und zur sportlichen Gleichschaltung 1934 durch die Nazis bekundete der DFB: "nicht, weil wir uns nicht einordnen können, gehen wir, sondern weil wir uns ein- und unterordnen wollen, weil wir ein Beispiel von Disziplin geben wollen". Eigentlich sei laut DFB eine Gleichschaltung in diesem Bereich gar nicht nötig gewesen, weil "hier nie demokratische Strömungen zutage getreten" seien. Diese Staatsorientierung mit gewissenloser Unterordnung ist bis heute einer der charakteristischsten Merkmale der DFB-Sportpolitik. Und Dressmen wie Schröder, Schily und Fischer danken es ihm, indem sie ihn mit einer Unterstützung der WM 2006-Bewerbung nicht nur stärken, sondern sie als ein weiteres Puzzlestück zur Überdeckung ihrer Misspolitik einsetzen.

Bis heute hat sich der DFB nicht von seinen Äußerungen während der Nazizeit distanziert. Nach dem Krieg avancierte er zum Auffangbecken für altgediente NSDAP´ler, die auf der öffentlichen Bühne nicht mehr vorzeigbar waren, allen voran der erste Präsident des DFB nach dem zweiten Weltkrieg, der Aachener Peco Bauwens, nicht nur Schiri, sondern auch ausgewiesener Rechtsextremist. Während bis heute alle alten Romantiker vom Gewinn der WM 1954 reden, wird davon geschwiegen, wie Bauwens selbst im bayrischen Radio mit Tanzmusik überdröhnt werden musste, weil er in den alten Führerton umschwang. Er bölkte von "welscher Mißgunst", als er über die Buhrufe der Schweizer Zuschauer sprach. Österreich betitelte er als "Enklave, deren deutschen Bewohnern es nicht mehr vergönnt sei "mit dem Vaterland vereint zu sein". Als er dann noch Wotan beschwor, winkte auch Fritz Walter ab und noch Tage später reagierten höchste Politiker wie Theodor Heuss mit entschuldigenden Äußerungen. Zuvor hatte er 1949 mit einigen Mitstreitern entgegen der Alliiertenbestimmungen quasi illegal den DFB gegründet und somit den Bemühungen der Arbeitersportbewegung und der kirchlichen Verbände den Wind aus den Segeln genommen.

Auch der DFB-Pressesprecher von 1933 (Name vergessen) stieg nach dem Krieg weiter zum höchstbezahlten Sportfunktionär der 50er Jahre auf und wurde 1954 sogar zum Geschäftsführer ernannt. Anhand des Gnadenbrot für solch zwielichtige Gestalten kann man sich vorstellen, auf welchem Fundament der Nachkriegs-DFB seine neue Wiege fand. Fußball dürfe schließlich nicht mit Politik vermengt werden, war meistens die Ausrede.

Präsident Hermann Neuberger, setzte dem die aktuellere Krone auf, indem er vor der WM 1978 in Argentinien zum dortigen Militärputsch klar Stellung bezog und feststellte, dass "die Wende zum Besseren mit der Übernahme der Msacht durch die Militärs eintrat". Währenddessen wurde dort die Demokratie ausgemerzt, Oppositionelle und Andersdenkende verschwanden in Kerkern; es gab Mord, Folter und Massengräber. Der DFB fuhr trotzdem zum Turnier, ohne sich in irgendeiner Form von alledem zu distanzieren, was die Niederländer wenigstens in gemäßigter Weise taten. Der DFB beschränkte sich darauf, einen kritischen Spieler wie Manfred Burgsmüller, der damals erfolgreichster Torschütze war, einfach aus dem Kader zu streichen. Neubergers ausländerfeindliche Aussagen brachten ihm nach seinem Tode dann endgültig einen "tollen" Nachruf in einer etablierten deutschnationalen Zeitung ein. Nach Neuberger müssten deutsche Ligen deutsch bleiben, denn es wäre ja "eine Identitätsfrage des Fußballsports, dass er überwiegend von Angehörigen der eigenen Nation ausgeübt und präsentiert wird. Das gilt mit Selbstverständnis für die Nationalmannschaft, gilt jedoch auch für den Fußballsport in der Spitzenklasse. Er enthält seine Eigenart und damit seine Akzeptanz gerade durch das ausschließliche oder stark überwiegende nationale Element".

Doch auf seine Weise wurde der DFB 1978 in Argentinien dann doch noch aktiv: Er lud Hitlers Lieblingssoldaten ins argentinische Trainingslager ein und schenkte ihm Karten für die Ehrenloge. Gemeint ist Oberst Rudel, Nazi-Kampfflieger der Sorte, die auch nach dem Zerfall des "tausendjährigen Reichs" zu ihrer antisemitischen Einstellung standen. So wurde er neben Rudolf Hess zu einer der ersten Ikonen der Neonaziszene und sprach als Busenfreund von Gerhard Frey noch 1977 bei Wahlkampfveranstaltungen der DVU. Übrigens verweigerte der DFB allerdings Günther Netzer - schon damals pornogescheitelt als Journalist unterwegs - zur selben Zeit den Eintritt ins nationale Quartier.

Weiter ging´s mit absolut heftigen Aussagen der DFB-Größe Gerhard Mayer-Vorfelder, der doch tatsächlich von sich gab: "Die Chaoten in Berlin, in der Hafenstraße in Hamburg und in Wackersdorf springen schlimmer rum als die SA damals." Fußballfachmann Dietrich Schulze-Marmeling zählt eins und eins zusammen: "Mit anderen Worten: das Besetzen von leerstehenden Häusern und AKW-Bauplätzen und Steinwürfe gegen Polizisten sind schlimmere Delikte als das Anstecken von Synagogen und Erschlagen von Juden". Der große MV findet auch, dass es nie schaden könne, wenn deutsche Schüler alle drei Strophen des Deutschlandliedes auswendig vortragen können. Man merkt, dass der Militärrichter der Kriegsmarine, Hans Filbinger, sein rechtspolitischer Mentor war.

Selbst, dass der DFB erst als letzter Fußballverband Europas die Profiliga 1963 einführte, kann ihm nicht als Schutzmechanismus vor dem Ausverkauf des Sports vorgehalten werden. Die Idee des Amateurfußballs im DFB war antiwestlich und revanchistisch: es ging um ideologisch überhöhte Deutschtümelei, um die Ehre und Selbstlosigkeit fürs Vaterland, um Opfermut, Charakterstärke und rechtsgefärbten Idealismus. Seit den ersten Fußballspielen wurde hierzulande versucht, die "Fußlümmelei" mit dem Ball, den "undeutschen" Sport aus England, möglichst einzudeutschen. Bei seiner Gründung ging es nicht um lokale Identitäten und die Verbesserung von Vereinssituationen, sondern vorrangig um Deutschland und die Förderung der Nationalmannschaft. Seit 1908 wurde deshalb auch - quasi zur Sichtung für die Nationalmannschaft - ein Pokal der Auswahlmannschaften ausgetragen, aus dem erst 1935 der bekannte Vereinspokal entstand.

Heute dreht sich beim DFB also alles um die WM 2006. Die "Lichtgestalt" Franz Beckenbauer reist um die ganze Welt, um die dortigen Fußballverbände von der deutschen Bewerbung zu überzeugen, obwohl Afrika eindeutig an der Reihe ist. Das Angebot des DFB an die Afrikaner lautete letztens: wenn ihr uns bei 2006 unterstützt, dann unterstützen wir euch bei der Bewerbung um die WM 2010. Ein afrikanischer Verbandsfunktionär geißelte dies mit Recht als typisch arrogantes, kolonialistisches Gehabe. Sein Wort in Sepp Blatters Ohren.

Gastartikel von gerd/BAFF (Februar 2000)

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