"Oh bring back St.Pauli to me"

Wohin soll's denn gehen, in Zeiten des Neoliberalismus? Abgründe tun sich auf!

Manch ein Fan des FC Gütersloh wird sich die Haare raufen, in den imaginären Rückspiegel gucken und sich fragen :"War da was? Und wenn ja, wie viele?". Nun ja, da war mal ‘ne Mannschaft, die aus 11 Mann bestand und eine Zeitlang in der 2.Liga durchaus erfolgreich Fußball spielte. Doch dann spielte das Leben, und von einem auf den anderen Tag war alles vorbei. Keine Kohle, Keine Sponsoren - Kein Fußball! Nein, viel schlimmer: Wenn der Konkursverwalter zweimal klingelt, ist‘s mit dem Verein vorbei. Gütersloh ist pleite und Schluß mit Fußball, Ficken, Alkohol. Und ein "Holzmann"-Modell ist nicht in Sicht, da könnten die Spieler so oft sie wollten ohne Bezahlung trainieren und auf Punkteprämien verzichten. Der FC Gütersloh sagt leise "Servus" und kein Aufschrei ist zu hören. Business as usual!!

Einzelfall?? Oh nein! Schaut man in die hiesigen Ligen, findet man Vereine, denen ein gleiches Schicksal droht. Zum Beispiel die Vereine in den Regionalligen, die durch den Druck der Regionalliga-Reform mit allen finanziellen Möglichkeiten versuchen, die Klasse zu halten oder gar aufzusteigen.

Das geht soweit, daß irgendein dahergelaufener Vermarkter oder Sponsor mit ein paar "Braunen" winkt, und alle Vereinsverantwortlichen machen brav den Diener. Und dann das böse Erwachen: Es läuft nicht wie geplant und weg ist der Geldgeber. Denn stimmt's mit der Rendite nicht, klappt's gerade nicht mit dem Vermarkter. "Das ist freie Marktwirtschaft. Langweilig wird sie nie."(BLUMFELD: Sing Sing)

Doch was hat das alles mit "unserem" FC zu tun? Wir haben doch gar keinen Vermarkter, zumindest keinen, der über ein paar Peanuts verfügt, geschweige denn einen Sponsor oder Ausrüster. Haben wir ideelle Werte? Hoffnung??

Alle Arme hoch. Na ja, auch eher mickrig. Das einzige, was wir haben, sind dann wohl Erinnerungen. Erinnerungen voller Glückseligkeit an Erfolge, die mit der eigentlichen Definition des Wortes nix zu tun haben. Das kann's dann ja irgendwie auch nicht sein. Nein, unser Dasein ist mit dem Wort "anders" wohl sehr gut beschrieben.

In unseren goldenen Jahren wurde ein Sport-Dome verhindert. Die Initialzündung für Menschen, die ihr Fan-Dasein selbst definieren wollten. Der Fußball gehört den Fans, das Viertel uns allen und Hafen bleibt und Flora kommt. Damals hieß das Aufbruchstimmung und die etwas anderen Fans. Da ging was. Viele Leute, viele Ideen und genügend Kraft, sich durchzusetzen.

Jaja, ich höre Euch: "Jetzt kommt die Mythosdebatte und gleich schreibt er, daß "Pauli" damals Kult war und heute alles Scheiße."

Nein, keine Angst liebe Lesende, das alles wurde schon oft geschrieben, gesagt, konstruiert, gemalt, getöpfert. Kein Bedarf, den ganzen Kram noch mal runterzuleiern. Im Gegenteil! Wenn auf den Rängen "Bring back" erklingt, meinen damit alle genau dasselbe? "Oha, früher war alles so toll!", "Total abgefahren Du.", "Das war echt `ne Supi-Zeit." Ich hoffe doch nicht! Denn wer sich immer noch darüber aufregt, daß im Gegensatz zu vorgestern heute alles den Bach runtergegangen ist, hat einiges übersehen. Und doch ein Fünkchen Wahrheit ist dran, aber bitte ohne Ohnmachtsgefühle und Schmollen.

Wo ist die aktive Fanszene, die sich inhaltlich mit rechtsextremen Äußerungen in allen Stadien beschäftigt und versucht, dem Scum zu zeigen, was Sache ist, wo sind die Plakate im Stadion zu den Yuppiesierungsmaßnahmen auf‘m Kiez und in der Schanze?

Oh, wie groß ist die Enttäuschung. Statt dessen ist der schrumpfende harte Kern mit Fragen der Vermarktungsmöglichkeiten des FC St.Pauli beschäftigt, erörtert in kleinen Zellen den Standortvorteil des Stadions und reibt sich in Vereinspolitik auf. Ja, die Fanszene beschäftigt sich mit schnöden Geldmodellen und verfällt in kapitalistische Denkweisen. Wer hätte das gedacht! Doch Obacht, die beschäftigen sich mit Sachen, die überlebenswichtig sind und bilden ein Gegengewicht zu reiner Kapitalismuslehre der Hansastraße. Aber wo bleiben die anderen Themen?

Vorsicht: Betroffenheit zählt nicht! Vielmehr die Erkenntnis, daß der kommerzielle Fußball von Geld abhängig ist, daß das Gütersloh-Schicksal quasi jeden treffen kann. UNS ERST RECHT!

Die Basis für Engagement innerhalb der Fanszene kann nur im Erkennen dieses Umstandes gesehen werden, ohne jedoch anderweitige fan- und/oder allgemeinpolitische Themen zu vernachlässigen.

Den Fans von Gütersloh nützt es nun wenig, in feuchtfröhliche Erinnerungen zu verfallen. Genauso unnütz würde es allerdings aussehen, wenn sich bei (ACHTUNG: ÜBERTREIBUNG) jedem Gütersloh-Heimspiel 200 Nazi-Glatzen im neuen Sitzplatzstadion treffen.

Fanarbeit, der Mix macht's! Und dazu braucht man Leute. Menschen , die kritisieren und sich nicht mit "Nun müssen wir alle zusammenstehen" mundtot machen lassen. Einfache Lösungen, egal ob für Verein, Nazi-Pack oder Kommerzscheiße gibt es nun mal nicht! Erst recht nicht, wenn auf einmal Leute meinen, daß der Sport-Dome oder Mr. "Blair-Witch" Kölmel die einzigen Rettungsmöglichkeiten wären. Als wenn die Globalisierung der Weltmärkte und der Kampf um den Standort Deutschland bei fortdauerndem Lohnverzicht Arbeitsplätze schaffen würden. Da gehe ich lieber mit fliegenden Fahnen unter und kack auf`m Rasen. Wer jetzt blind egal in welche Richtung rennt, wird's bitter bereuen. Das Millerntor ist und war nie ein Ort, wie ihn die Medien dargestellt haben. Es haben sich nie alle lieb gehabt und der relative sportliche "Erfolg" hat viele Sachen glattgebügelt. Aber zumindest war es ein Ort, in dem Leute miteinander geredet und dann gehandelt haben. Das muß abgehen und nicht Paadie, Mythos, Freudenhaus! Doch sechzehn Jahre Kohl sind auch an uns nicht spurlos vorübergegangen. Inzwischen darf auch mal "Schwuchtel" gerufen werden und das ist dann lustig, denn man meint das ja nicht so. Mir wird schlecht! Auf der anderen Seite aber schön mit dem Arsch zuhause bleiben, wenn wichtige Fansachen anstehen oder noch besser, rummotzen, Bier reinhauen, über die schlechte Welt herziehen, noch`n Bier und dann zu Mutti und ins Kissen geweint. Wer meckert, soll gefälligst den Arsch hoch kriegen.

Doch keine Sorge. Die Illusion, daß jetzt 10 Leserbriefschreiber eine Diskussion anfangen und oder auf einmal wieder Leute aktiv werden, habe ich aufgegeben. Das wird eh nicht passieren. Doch schafft es zumindest, Euch ‘nen Kopf zu machen und Euren Nachbarn im Stadion anzumachen, wenn er den üblichen Senf oder gar rassistische oder sexistische Sprüche ablässt. Egal ob ihr Ihn lange kennt oder nicht, das zählt dann nicht!!!

Der Tritt in den Arsch geht an alle, die dauernd an der Lethargie rummosern, auf Betroffenheit machen, sich keine eigene Meinung bilden, "früher-war-alles-besser-Sager", die Menschen mit Geld hinterherlaufen, dumm rumprollen ohne mal konkret zu werden, an alle, die meinen, sie seien Harald Schmidt und Frauen-, Schwule- und Ausländerwitze seien lustig und nicht so gemeint, an alle, die Scheuklappen aufhaben, die nur aufgrund der Anzahl ihrer Dauerkarten meinen, Bescheid zu wissen und an jeglichen rechten Scum, die kriegen aber auf die Eier und zwar richtig!!!!

In diesem Sinne

Frechdax

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