EIN RÜCKBLICK IN DIE GESCHICHTE (TEIL 1)

90 JAHRE
UND KEIN BISSCHEN LEISE ODER GAR WEISE

Nicht nur der DFB feiert in diesem Jahr einen runden Geburtstag. Nein, auch unser allerliebster Sado-Maso-Verein ever. Der FC St. Pauli begeht seinen 90.! Eigentlich feierten die Braun-Weißen ja erst 1924 unter dem Namen FC St. Pauli ihre eigentliche Auferstehung, und somit hätten wir bereits im verflossenen Jahr wenigstens einen Grund zum Feiern gehabt: 75! Aber bereits im April 1910 wurde die Fußballabteilung des "St. Pauli Turnvereins" Mitglied im "Norddeutschen Fußballverband" (NFV). Werner Langmaack nennt in seinem Buch "FC St. Pauli - Glaube, Liebe, Hoffnung" (1992) zwar den 15. Mai als Gründungstag, aber egal, 1910 war es allemal. Und so gilt seither das Jahr 1910 als offizielles Gründungsjahr unseres Vereins.

Ich will an dieser Stelle jedoch keineswegs auf all die geschichtsträchtigen vereinsinternen Ereignisse eingehen, die diesen Klub seither begleitet haben - diese Sisyphusarbeit hat René Martens in seinem immer noch empfehlenswerten St. Pauli-Buch "You’ll never walk alone" (1997) längst geleistet -, sondern versuchen, euch historienhungrigen Fans und Mitgliedern das vor 90 Jahren herrschende soziale, politische und gesellschaftliche Umfeld unseres Gründungsjahres ein Stück näherzubringen und transparenter zu machen. Was also war noch so los im Jahr 1910?

LOCKERE LEIBESÜBUNGEN

Beginnen wir mit dem Sportlichen: Deutscher Fußballmeister wird vor 5.000 Zuschauern durch ein 1:0 gegen Holstein Kiel (!) der Karlsruher FV. Nach torloser regulärer Spielzeit fällt in Köln die Entscheidung erst in der zweiten Verlängerung, als KFV-Mittelläufer Max Breunig, der erst drei Wochen zuvor sein erstes Länderspiel (2:4 in Holland) bestritt, einen Elfmeter gegen die Holsteiner verwandelt. Im Halbfinale schalteten die FV-Badener übrigens den Stadtkonkurrenten und Vorjahresmeister Phönix Karlsruhe mit einem knappen 2:1 aus. Wenn das der Winnie wüßte. Apropos Länderspiele: vier an der Zahl gab es für das deutsche Team in diesem Jahr. Neben der genannten 2:4-Klatsche in Arnheim gab es noch eine 1:2-Heimniederlage gegen den gleichen Gegner in Kleve, einen 3:2-Sieg gegen die Schweiz in Basel, sowie ein bitteres 0:3 gegen Belgien im Vorzeige-Städtchen Duisburg. 10 Jahre nach seiner Gründung vereint der DFB 82.326 Mitglieder, die in 1.053 Vereinen kicken. Außerdem wird die erste Geschäftsstelle der Funktionärsriege überhaupt in Dortmund eingerichtet. Englischer Meister wurde damals Aston Villa, in Schottland triumphierte Celtic Glasgow(und in Irland Cliftonville d.Korr.).

Deutscher Meister im Hochsprung (1,75 m) und im Stabhochsprung (3,44 m) wurde der Kieler (!) Robert Pasemann. Auch der erste bekannt gewordene Hoch-sprungrekord bei den Frauen wird in diesem Jahr dokumentiert: Carolyn Hale (USA) überquert 141 Zentimeter. Im 100m-Lauf langten dem Sieger Richard Rau aus Berlin 11,2 Sekunden zum Sieg, womit er 6 Zehntel hinter dem Weltrekord von Knut Lindberg aus Schweden blieb. Erfolgreicher waren damals auch schon die deutschen Schwimmer: Bei den Männern hielt Walther Bathe den Weltrekord über 100m Brustschwimmen (1:17,8), die Frauen dominierten die Kurzstrecken. Bei den 100 und 200m Bruststrecken, sowie über 200m Freistil (G. Willner aus Hamburg) blieb der Weltrekord über einige Jahre hinweg in Deutschland.

In Berlin-Charlottenburg wird die erste Aschenbahn Deutschlands eröffnet. Das 375m-Rund weist überhöhte Kurven auf. Über gut die Hälfte der Distanz (200m - ohne Kurve!) reichen dem US-Amerikaner am 28. Mai 21,2 Sekunden, um damit einen neuen Weltrekord aufzustellen. Rekordverdächtig auch Dorothea Lambert-Chambers, die zum vierten Mal das Dameneinzel in Wimbledon gewinnt. Der Franzose Octave Lapize triumphiert bei der diesjährigen Tour de France. Bei der ersten Europameisterschaft im Eishockey gewinnt Großbritannien (!) vor Deutschland, Belgien (!) und der Schweiz. Allerdings sind auch nur diese vier Teams vertreten (insgesamt zählte der Verband damals lediglich sechs Mannschaften). Um das Turnier in der Schweiz aber attraktiver zu machen, luden die Veranstalter noch das britische Team ‘Oxford Canadians’ ein, das hauptsächlich aus Spielern bestand, die im Mutterland des Eissports, Kanada, ihren Sport erlernt hatten. Außer Konkurrenz angetreten lauteten die Ergebnisse dann auch 8:1 (Schweiz), 4:0 (Deutschland) und 6:0 (Belgien). Großbritannien wurde gnädig verschont: gegen den späteren Weltmeister gab es kein Match.

Trauriger "sportlicher Höhepunkt" des Jahres ist der von den Medien damals als "Kampf des Jahrhunderts" titulierte und hochstilisierte Boxkampf im Schwergewicht (4.7. in Reno/USA) zwischen dem Titelträger Jack Johnson und seinem Herausforderer James J. Jeffries. Der "Farbige" Johnson, der 1908 dem Australier Tommy Burns die Krone klaute und in 64 Kämpfen in Folge unbesiegt blieb, sollte seinen Titel gegen den Ex-Champ Jeffries verteidigen, der, nachdem der den Titel von 1899 bis 1905 innehatte und ungeschlagen abtrat, von Managern überredet wurde, noch einmal anzutreten. Jeffries galt als "letzte Hoffnung der Weißen". Es wurde folglich ein Kampf zwischen Weiß (Jeffries) und Schwarz (Johnson). Schon im Vorfeld des Fights kommt es zu blutigen Rassenunruhen mit etlichen Toten. Jeffries fühlte sich nicht wohl in seiner Haut, trat aber dennoch, eigentlich nicht wirklich durchtrainiert, gegen den Riesen an. Es wurde vor 15.000 Zuschauern ein grandioser Kampf: Jeffries scheint nichts verlernt zu haben, und Johnson hat höllischen Respekt vor dem Ex-Weltmeister. Aber nach und nach erboxt sich der Weltmeister seine Vorteile. Als Jeffries in der 15. Runde erstmals zu Boden geht, setzt der Titelträger nach und schickt den ehemaligen Champ endgültig zu Boden. Der Ringrichter zählt den ungewollten Herausforderer aus. Eine Schmach für das weiße und rassistische Amerika: Gewalttätige Rassenunruhen mit vielen Toten prägen in den folgenden Wochen das Bild der amerikanischen Öffentlichkeit. Klar, dass zumeist Schwarze die Opfer dieser Rassenhatz wurden.

HOLDE HANSESTADT

Geradezu revolutionär muten die beiden zu Ostern in Hamburg eröffneten staatlichen höheren Mädchenschulen an der Hansastraße (!) und im Lerchenfeld an. In 28 Klassen werden dort 634 Schülerinnen unterrichtet. Damals waren in Preußen lediglich 12,2% der Schüler kaufmännischer Schulen und bloß 3,9% der Studierenden weiblich. Im gleichen Monat fährt erstmals die Straßenbahn auch durch die Möncke-bergstraße, die nicht wenige der damals schon über eine Million Einwohner des Staates Hamburg (diese Grenze überspringt die Stadt Hamburg erst zwei Jahre später) zur Arbeit oder zum Einkaufen kutschiert.

Erst im Sommer und Herbst sorgt die Hansestadt wieder landesweit für Aufsehen: Der am 5. August begonnene Streik der Arbeiter auf den Werften wird am 6. Oktober erfolgreich beendet: Die wöchentliche Arbeitszeit wird von 60 auf 55 Stunden reduziert, und der Lohn um 8% (2 Pfennig pro Stunde) erhöht. Trotz der Jammerei des Kapitals gelingt es dem Hafen Hamburg dennoch, bis 1914 zum größten Umschlagshafen Europas aufzusteigen - er überflügelt sogar Rotterdam. Vier Wochen nach Streikende pachtet der Hamburger FC von 1888 ein Gelände an der Rothenbaumchaussee, wo später der Sportplatz des HSV entsteht. Drei Tage später ereignet sich ein "Feuerwunder in der norddeutschen Tiefebene": Bei einer Grundwasserbohrung in Neuengamme bricht aus 250 Meter Tiefe Erdgas hervor. Fast 20 Jahre dient diese Energiequelle den Hamburger Gaswerken zur Versorgung der hanseatischen Bevölkerung. Als das Reservoir im Mai 1930 versiegt, waren 213 Mio. Kubikmeter Erdgas über das Gaswerk Tiefstack in die Hamburger Haushalte geströmt.

Noch zu erwähnen: Der Wasserturm an/auf der Sternschanze (s.a. ÜS #23 v. 19.10.1996) nimmt seinen Betrieb auf und ergänzt die Kapazität des Werkes Rothenburgsort; der Turm am Berliner Tor wird daraufhin 1911 geschlossen.

PRAKTISCHE PREUSSISCHE POLITIK

Das in Preußen existierende Dreiklassenwahlrecht bestimmt auch 1910 den politischen Alltag. Dieses Wahl(un)recht legte fest, dass die Mandatsverteilung nicht aufgrund der tatsächlich erzielten Stimmen erfolgt, sondern abgestuft nach Einkommen oder Steueraufkommen. Damit war praktisch die Mehrheit des Volkes politisch entmündigt. Bei der Wahl 1903 beispielsweise erzielten die Konservativen/Freikonservativen nur 22,26% der Stimmen, errangen damit aber 46,86% aller Mandate. Die Sozialdemokraten hingegen kamen auf 18,79%, blieben aber ohne Mandat. Der neu gewählte preussische Ministerpräsident Theobald von Bethmann Hollweg legte nun, sicher um die Gemüter zu beruhigen und die Sozialdemokratie weiterhin klein zu halten, eine Wahlrechtsnovelle vor, die aber im Kern eigentlich keine war, sondern lediglich marginale Korrekturen vorsah. Es kommt deswegen landesweit zu riesigen Demonstrationen. Nicht nur deswegen, sondern auch, weil es im Parlament aus unterschiedlichen Gründen zunächst keine Mehrheit gibt, zieht Hollweg die Vorlage im Namen der Regierung wieder zurück. Erst 1918 wird das Wahlsystem entscheidend geändert.

Daneben bewegt die Deutschen vor 90 Jahren dies: Das Kammergericht Wuppertal hebt einen Strafbefehl gegen einen Sozialdemokraten auf, der bei einer Beerdigung einen Kranz mit roter Schleife niedergelegt hatte und deshalb wegen groben Unfugs von der Polizei mit einer Strafe von 15 Mark belegt wurde. Prinz Georg von Bayern erntet stürmische Proteste, weil der sich öffentlich zu Duellen als Konfliktlösung bekennt. Einer der größten Streiks in der deutschen Geschichte entbrennt im Baugewerbe. Als Reaktion sperren die Arbeitgeber knapp 200.000 Arbeiter aus. Das Kuriose hierbei: Die Arbeitgeber wollen erreichen, dass Tarifverträge nicht mehr lokal, sondern zentral und überregional abgeschlossen werden. Kurios deshalb, weil diese Forderungen heute jeweils umgekehrt von den Tarifpartnern gefordert werden. Im Juni einigen sich die Streitenden auf neue Verträge, die 3 Jahre Gültigkeit haben. In München findet die landesweit erstmals offiziell von der Polizei genehmigte Arbeiter-Maikundgebung statt. Bei den "Moabiter Krawallen" in Berlin - Auslöser ist ein Lohnstreik von Kohlearbeitern und Kutschern - werden zwei Menschen getötet und Hunderte verletzt. Polizeipräsident Traugott von Jagow, der auf Proteste ausländischer Botschaften reagiert, die wegen der Polizei-Brutalität u.a. auch gegen Journalisten vorstellig werden, findet klare Worte der Rechtfertigung: "Wie ich mich überzeugt habe, hat die Polizei mit lobenswerter Energie und Kaltblütigkeit ihre Pflicht getan." Kennen wir doch irgendwie. In Berlin wird der "Reichsverband der deutschen Presse" gegründet, der sich als Interessenvertretung der Journalisten versteht. Der Verband gilt als Vorgängerorganisation des "Deutschen Journalisten Verbandes" (djv), heute neben der IG Medien einer der beiden wichtigen Journalistenverbände der BRD.

Den zweiten Teil der Doku (WELTWEITE WIRRUNGEN, PLÖDE PERSONALIEN, KRAUSE KULTUR und BUNTE BEGEBENHEITEN) lest ihr im nächsten ÜS.

ro.

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