Die multifunktionale
Superduper-Halle am Millerntor

Jetzt wurde also endlich die Katze aus dem Sack gelassen. Nicht nur ein neues Stadion soll es sein, sondern die Pläne für den Sport-Dome wurden wieder rausgekramt. Dabei stellt sich für mich die Frage, ob die Pläne denn jemals in den Schubladen des Papas verschwunden waren?!?

Nachdem fast alle Vermarkter abgesprungen sind, der Hauptsponsor sich abgewandt hat, der Horror eines Ultra-Sparetats durch die Presse unter's Volk gestreut wurde und fast alle von der Notwendigkeit eines komplett neuen Stadions durch die ProPapaganda überzeugt wurden, werden plötzlich vollkommen neue, dafür aber schon recht ausgereifte Pläne für die Halle hervorgezaubert.

Ich muss zugeben, als ich am Freitag den Artikel im Abendblatt las, kam in mir das blanke Entsetzen und ziemliche Wut hoch. Wann verpisst sich Papa endlich? Vor 10 Jahren übernahm er einen Verein, der zwar nicht unbedingt der Inbegriff der Professionalität war, aber dafür nicht so schlechte Perspektiven hatte. Jetzt, im Februar 2000, sieht die Zukunft düsterer denn je aus. Die einzige Person, die während dieser Periode am Millerntor wirkte und alle klar denkenden Menschen vergrauelte, ist der in Hamburg so hoch geschätzte Heinz Weisener. Ergo ist er auch für diese Situation verantwortlich. Nur er schwadroniert von einem neuen Superstadion. Nur er hat alle fähigen Köpfe (ich nenne nur Wähling und Kocian) abgesetzt. Nur unter Heinzi Weisener durften wir am Millerntor Zeuge einer nie dagewesenen Trainerflut werden.

Dazu passend werde ich mal einen Satz aus dem legendären MR-Film zitieren : "Wo bleibt das Geld?" fragte ein bierseliger Stammtischproll. Eine wirklich berechtigte Frage. Ein Verein, der bis vor wenigen Jahren kaum feste Angestellte in der Verwaltung hatte, der einen immer noch überdurchschnittlichen Zuschauerzuspruch hat (bei gepfefferten Eintrittspreisen), der im Merchandise-Bereich viel Geld scheffeln müsste, der inzwischen eine Mannschaft hat, die wirklich nicht mehr soo teuer sein kann, der einen gut dotierten Sponsorenvertrag hat(te), ja, ein solcher Verein schreibt also jede Saison 3-4 Millionen Mark Minus. Ja klar, liegt am Stadion, das kostet jede Saison 3,5 Millionen Instandhaltung, oder was? Das ist doch Schwachsinn. Ich frage mich ernsthaft, wie H.W. ein so reicher Pfeffersack geworden ist, wenn er so mit Geld umgeht. Ich finde den Verdacht nicht besonders weit hergeholt, dass eine solche Situation wie jetzt gewollt ist, um die Widerständler gegen das Sport-Dome Projekt zu erpressen. Entweder Sport-Dome, und zwar bis zum 15.03.00, oder Lizenz futsch! Ich sehe schon die Überschriften vor mir: "H.W. will St.Pauli retten, aber den Widerständlern und Selbstdarstellern in der Fan-Szene ist das Wohl des Vereins vollkommen egal". So einfach geht das.

Jetzt nochmal ein Wort zu der angeblichen Großherzigkeit von Papa. Was denken die Leute eigentlich, verdient sein Büro (also er) mit der Planung und Durchführung eines Stadionprojekts?!? Ganz zu schweigen von Folgeprojekten in anderen Städten, an die der Geld verschenkende Papi bestimmt nie gedacht hat. Es ist legitim, Geld verdienen zu wollen, aber dann sollte das auch zugegeben werden! H.W. ist ein Geschäftsmann, der keine 10-Millionen Mark verschenkt. Sonst wäre er ökonomisch nie so erfolgreich gewesen. Er braucht einen kompletten Neubau, um Geld zu verdienen. Anders kann ich mir auch nicht erklären, warum es nie ernsthaft diskutiert wurde, das Millerntor schrittweise auszubauen. Ich habe selbst in Bergen miterlebt, wie wunderbar so etwas funktioniert. Warum wird nicht in Phase I die Haupttribüne abgerissen und durch eine vernünftige ersetzt. Dann wird in Phase II während der Saison die komplette Südkurve abgerissen und es entsteht eine neue Tribüne, welche unten das Clubheim und ähnliches beheimatet. Danach wird in

Phase III das Selbe auf der gegenüberliegenden Seite, ebenfalls während der Saison, durchgeführt um schließlich in Phase IV (in einer Sommer- oder Winterpause) die Gegentribüne zu modernisieren.

Fertig!

Klar ist das jetzt sehr vereinfacht, aber dies erscheint mir durchdachter als die Hirngespinste von einem 120 Millionen teuren komplett neuen Stadion, das sowieso nie gebaut wird. In Bergen wurden die neuen Tribünen von Sponsoren mitfinanziert, nach denen die Kurven dann benannt wurden (Astra-Eck für die neue Meckerecke oder Jack-Daniels Kurve würde ich akzeptabel finden). Auch muss nicht gleich alles auf einmal bezahlt werden, sondern kann nach und nach finanziert werden. Was ist das eigentlich für ein Dummsinn, 160 Millionen für eine Halle besorgen zu wollen, aber keine 0,5 Millionen für einen neuen Spieler zu haben. Das zeigt doch, wo die Prioritäten liegen.

Nun zur Halle: Wenn dieses Projekt durchgezogen wird, ist es natürlich endgültig vorbei. Auf die Auswirkungen auf's Viertel möchte ich hier gar nicht eingehen, das würde den Umfang des Textes sprengen. Ich werde auf jeden Fall nicht in einer familienfreundlichen Plastikwelt stehen, in der St.Pauli 20 Spiele pro Saison kostenlos austragen darf (!!!!!) und mich zum Teil dieses widerlichen ran-Massenkommerzes machen. Und ich glaube, die meisten Leute denken so. Das wäre natürlich das Ende vom FC St.Pauli so wie er sich jetzt darstellt.

Bisher habe ich Leute, die einen Neuanfang in der Regionalliga vorschlugen, noch nicht einmal müde belächelt. Es gibt genügend Beispiele, die zeigen, wie sinnlos ein solches Unterfangen ist. Doch unter den heutigen Umständen ist mir ein Lizenzentzug weniger unlieb als eine Halle am Millerntor. Alleine schon aus Solidarität mit den hier lebenden Menschen müssen die sportlichen Interessen des Vereins hinter die Bedürfnisse der Menschen gestellt werden! Aus der Regionalliga können wir irgendwann wieder hochkommen, aber steht erst mal dieses Monstrum, gibt es keine Hoffnung mehr!

Danke für Eure Aufmerksamkeit und Gruß von Paddel
(dem Mitherausgeber des St.Pauli-Fanzines "Der Schlendrian",
welches wohl leider niemals fertig gestellt wird!)

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